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Muskelmann und Übermensch – Elon Musk mit Nietzsches Beistand besser verstehen?

Verfasst von Urs Scheidegger | |   Sprachriff

Mythen, Halbwissen, Drittelswahrheiten und Viertelsklarheiten bevölkern das Netz und dessen Re(d)aktionen. Das führt häufig zu kuriosen Einsichten, Ansichten und Verlautbarungen selbst in der sogenannten Qualitätspresse. Noch so ein Beispiel, wie intellektuelle Fastenkuren zu publizistischer Kaffeesatzleserei führen.

«Tesla-Chef Elon Musk will den Übermenschen schaffen – Nietzsche wäre begeistert» lautet der Titel online. Als Schlagzeile in der Zeitung liest man leicht abgemildert: «… Wer sich über den Unternehmer Elon Musk wundert, versteht ihn mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche besser.»
Nietzsche wäre wohl alles andere als «begeistert». Wie aber soll Musk mit Nietzsches Hilfe besser verstanden werden?
Klingt ein bisschen nach «intellektuellem» Nachhilfeunterricht und diätetischen Behandlungsmethoden aus der Ratgeber-Literatur, ohne Yogamatten, Duftkerzen und veganen Cupcakes zwar, dafür mit einer gehörigen Portion schwer verdaulicher Kost aus der Philosophiegeschichte.

Wie könnte denn Musk mit Hilfe von Nietsches Übermenschen besser verstanden werden? Am besten mal bei Nietzsche nachlesen. Auch das, was Zarathustra noch so sprach. Vom «letzten Menschen» zum «Übermenschen» führt eine Verbindung in Form eines Seils, auf dem ein Tänzer über den Martplatz balanciert und «wie ein Wirbel von Armen und Beinen in die Tiefe» stürzt, verfolgt und verunsichtert von einem Provokateuer. Das Interesse Zarathustras gilt nicht dem leichtfüssig zum Ziel fliegenden «Possenreisser», sondern er umarmt tröstend den sterbenden Seiltänzer. Wann immer Nietzsche vom «zugrunde Gehen» spricht, feiert er im Sterben als Ende auch die Rückkehr zur Materie. Der Sterbende als Zarathustras – und Nietzsches – Übermensch. Ein Übermensch des mutigen Scheiterns – und nicht in der aggressiven Selbstinszenierung gespannter Muskeln, in deren Form Musks Übermensch daherkommt.
Nun gut, Nietzsche hat noch keine Mondrakete gekannt; Musk baut an einer Marsrakete. Aber kennt Musk eigentlich Nietzsche?
Zumindest soll er davon gehört haben. Spätestens, seit er mit dem Bau einer Gigafactory für eine halbe Million Teslas jährlich in der Brandenburgischen Grünheide die Deutschen auf Trab hält. Im Rahmen der Verleihung des Axel Springer Award in Berlin im Dezember auf die Frage Mathias Döpfners, welche Autoren Musk besonders wichtig waren: «Nietzsche zu lesen war eigentlich ein bisschen deprimierend. Und Schopenhauer. Für einen 13-Jährigen sicher nicht empfehlenswert … Nun, beide könnten etwas optimistischer sein. Aber dann habe ich «Per Anhalter durch die Galaxis» gelesen, ein philosophisches Buch im Gewand einer Komödie».
So kommt denn auch Musks Verständnis/Vorstellung der Übermensch als ein seltsames Konglomerat aus Biomasse daher, je nach Bedarf erweiterbar mit Utensilien aus den (elektro)technischen Ersatzteillagern, getrieben von der Aufbruchsstimmung in die Unendlichkeiten des Universums mit dem Ziel, den (Über)menschen irgendwie als multiplanetare Spezies zu konservieren. Und danach? Eine Altbekannte meinte neulich sinngemäss: Lauschtüten auf dem Mars platzieren können wir schon mal, aber ein Gehör fürs Heulen und Wehklagen vor schwindenden Ressourcen hienieden haben wir keins. Dabei dürfte es auch bleiben, solange wir schön linear-fortschrittsgläubig den Übermenschen ins All transferieren – mit oder ohne Viren. Und dann? «Die ewige Wiederkehr des Gleichen». Getitelt vor 140 Jahren. Von einem passionierten (Ver)zweifler am Übermenschen: Nietzsche.

Muskelmann und Übermensch als Kurzversion: Leserbrief in der Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt/Oltner Tagblatt Ausgabe vom 29. März 2021

Nietzsches Übermensch: Virtueller Rundgang im Historischen Museum Basel

 

Unübersehbar präsentiert im Herbst 2019 im Historischen Museum Basel: Nietzsches «Übermensch». (Foto: Urs Scheidegger)
Unübersehbar präsentiert im Herbst 2019 im Historischen Museum Basel: Nietzsches «Übermensch». (Foto: Urs Scheidegger)

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