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Lino Gunz' «ich. und.. und»: Zwei Pfund für weniger Sätze als Seiten – Ein Buch ist kein Videorecorder

Verfasst von Urs Scheidegger | |   Sprachriff

Wie ein Buch schreiben, das weniger Sätze als Seiten hat und dennoch mehr als ein Kilo wiegt? Nichts leichter als das. Der junge Schweizer Autor Lino Gunz aus Zürich macht es uns vor.

Man nehme gut 200 Blätter hundertmili-grämmiges, leicht satiniertes Papier im Format 24 x 16,5 cm, bedrucke nur etwa jede dritte Seite mit einem Wort, Satzfragment oder, wenn's hochkommt, mit einem Dutzend Zeilen und packe das ganze fein säuberlich gebunden zwischen zwei ansprechende Buchdeckel jener Art, die das Herz jedes Bibliomanen höherschlagen lässt.
«ich. und.. und», die erste Veröffentlichung von Lino Gunz (Jahrgang 1950, lebt und schreibt am Zürichsee) ist schon ein recht eigenwilliges Werk. Auf Anhieb macht es den Anschein, als ob uns da einer auf dem Arm nehmen oder dem Analphabetentum zur Hand gehen will. Auf den zweiten Blick ergibt ein Widerspruch den andern: Was der äusseren Erscheinung nach so gedankenschwer aussieht wie ein medizinisches Handbuch, liest sich in weniger als einer Stunde; was sich in weniger als einer Stunde liest, bietet Lesestoff für Tage; was aussieht wie Gedichte, entpuppt sich als durchgehende Geschichte; und was anmutet wie eine Kinderbiographie ist alles andere als ein Buch für Kinder. Womit das Stichwort gegeben wäre, um zum Kern der Sache, dem Inhalt des Buches, vorzustossen, nämlich zur Kommunikation in ihrem wohl fossilsten Zustand, demonstriert aus der Perspektive eines Kindes mit seinem sensiblen Wahrnehmungsvermögen, das mit grosser Eigenwilligkeit versucht, sich gegenüber einer Welt durchzusetzen, die es noch nicht kennt und auch (verbal) noch nicht in den Griff bekommen hat. So etwas wenigstens ist auf dem Umschlag nachzulesen, wo auch der Grund für die vielen leeren Seiten gleich mitgeliefert wird: «Ein enormer Raum steht dem zur Verfügung, was dieser kleine Mensch sagen möchte. Viele Seiten sind nicht beschrieben – aber der unbeschriebene Raum ist nicht einfach ‹leer›. Vielleicht spiegelt dieser Raum das wider, was ‹Welt› in seiner Vielschichtigkeit bedeuten kann; vielleicht verkörpert er das Unfassbare, das, was wohl spürbar täglich auf jeden Menschen einwirkt, wozu jedoch die sprachlichen Ausdrucksmittel fehlen...»
Nun mag es durchaus vorkommen, dass es im täglichen Leben Situationen gibt, wo einem die sprachlichen Ausdrucksmittel fehlen. Dies sei aber noch lange nicht Grund genug dafür, sie ausgerechnet in einem Werk mit literarischem Anspruch vermissen zu lassen. Fehlen sprachliche Ausdrucksmittel, so schafft man sie eben, was unseres Erachtens nach wie vor zu den vornehmsten Aufgaben von Literatur überhaupt gehört.
Im Zuge des Neopositivismus kam Ludwig Wittgenstein in seinem logisch-philosophischen Traktat zu dem radikalen Schluss, dass man darüber, wovon man nicht sprechen kann, schweigen muss. Umberto Eco, ebenso begnadeter Wissenschaftler wie Literat, hat dieses Diktum aufgegriffen und modifiziert: «Wovon man nicht theoretisch sprechen kann, darüber muss man erzählen.» Erzählen, und nicht den Leser auf eine demonstrative Art mit Ausspärungen hinhalten. Nun gibt es zwar sehr wohl Werke, in denen Wesentliches durch Auslassungen gesagt wird. Erinnert sei etwa an Meister Hemingway. Aber eben, seine Geschichten und Romane führen ein Eigenleben und bedürfen keiner langen Gebrauchsanleitung. Ein Buch ist schliesslich auch kein Videorecorder.
Allein durch die Tatsache, dass Gunz es für angebracht hält, den Leser mit Direktiven zur erfolgreichen Lektüre seines Werkes zu nötigen, hat er weit übers Ziel hinausgeschossen. Und dann wird da noch – vermutlich um der Aktualität willen – auf dem Waschzettel ganz rasch darauf hingewiesen, dass das Buch auch verstanden werden kann «als ein Beitrag zu 1984, jedoch nicht in Anlehnung an Orwell, sondern eher im Sinne einer indirekten Stellungnahme zu dem, was über 1984 gesagt wird bzw. schon gesagt worden ist». Spätestens hier ist die Phantasie jedes Lesers vollends überfordert.
Gegen Gunz' literarisches Ansinnen, «eine Gefühlslage einzufangen, wie sie der Autor als wichtigen Beistand heutiger Realität empfindet», ist überhaupt nichts einzuwenden. Nur stellt sich früher oder später die Frage, ob nicht alles konsumentenfreundlicher (das Buch kostet im Subskriptionspreis bis Ende März immerhin 38, danach 44 Franken) und – trotz angeblich zweieinhalbjähriger Autorenarbeit – nicht auch überzeugender zu machen gewesen wäre.

(Lino Gunz: «ich. und.. und», 1984 Softcover 460 Seiten 1100 g Gewicht Edition Moritzberg, Uerikon ISBN: 3907022505)

Lino Gunz: «ich. und.. und» in Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt/Langenthaler Tagblatt/Berner Rundschau

Cover von Lino Gunz' Werk «ich. und.. und»
Cover von Lino Gunz' Werk «ich. und.. und»

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