Startseite | News | Suchen | Archiv | Sprachriff | About

SUCHEN AUF WEBSITE Urs Scheidegger

Die Angst in des Barbiers Spiegel Widerschein: «Schöne Zeiten» von René Regenass im Stadttheater Solothurn uraufgeführt

Verfasst von Urs Scheidegger |

Dürfen wir gratulieren? Müssen wir kritisieren? – Wir dürfen und müssen, und während wir uns respektvoll verneigen, haben wir Mühe, ein leises Gähnen zu unterdrücken. Nein, langweilig war es nicht, langatmig bisweilen – artig bestimmt, aber nicht grossartig. Wie kommt es dazu?

Regenass' «Schöne Zeiten», ein Vier-Personen-Stück, britischen Einschlags, in dem freilich Frauen überhaupt keinen Platz haben, womit angedeutet werden soll, dass diese unsere Welt trotz aller Aufgeklärtheit an Schlüsselstellen noch immer eine Männerwelt ist, mag an ein naturwissenschaftliches Experiment erinnern: Hier werden, könnte man annehmen, Menschen - berufsspezifische Charakteren allesamt – wie Versuchsobjekte ihren gegenseitigen Wirkungen ausgesetzt. Das Labor ist der Coiffeurladen (realistisch und zeitgemäss gestaltet von Reinhold Niessl). Zunächst geschieht nicht viel, aber es werden viele schöne Sätze gesagt, kluge, boshafte, witzige, verzweifelte. Der Schachgrossmeister, der Mathematiker, der Oberst, alle ohne Namen wie der Coiffeur auch, haben in diesem Stück kaum etwas Dramatisches zu tun, sie sind die ganze Zeit über vollauf damit beschäftigt, sich selbst und ihre Gedankenwelt darzustellen - und das knappe zwei Stunden lang, für manchen Geschmack etwas zu lang, zumal mit einigen dramaturgischen Kunstgriffen auch nicht viel mehr als die Aufmerksamkeit des Publikums wachgerüttelt wird, gerade genug, um den Gang der Dialoge auch optisch zu beglaubigen. Bliebe es dabei, so wären «Schöne Zeiten» nicht mehr als ein Disputstück extravaganter Charaktere in einem Coiffeurladen. Unter Regenass' und wohl auch Kauteks leichter Hand wird dann das schwere Elend der angstbeladenen und ihrer Unvoreingenommenheit beraubten Barbier-Kunden doch wieder spürbar. Der Coiffeur ist Regenass' Mund, und er lässt keinen Zweifel, dass der leutselige und dienstbereite Gewerbler und dessen Tochter, die sich lediglich einmal über das Violinspiel im Bühnenhintergrund vernehmen lässt, seinem Herzen am nächsten sind.
Der Coiffeur ist bei Bruno Gerber recht gut aufgehoben: Ein Herr, eher jung als alt, eher stattlich als hager, geschäftstüchtig und umgänglich; mit mehr Hoffnung als Ernst; liebenswert und eher naiv, aber nicht ohne umfassendes Verständnis für menschliche Eigenarten und Fehler – wenn er beispielsweise, nachdem der Grossmeister den Mathematiker im Schachspiel besiegt hat, nach einem kurzen Blick auf das Brett darauf hinweist, dass der Schachgrossmeister ebenfalls am Rande einer Niederlage stand, wäre der Informatiker nur etwas aufmerksamer gewesen.
Der Coiffeur ist es letztlich auch, der die lebensnotwendige Bluttransfusion in die intellektuellen Insidergeschichten und -streitigkeiten vor allem zwischen dem Schachgrossmeister und dem Mathematiker, aber auch dem Oberst bringt. Und es macht den Eindruck, dass er mit seinem Gemüt mehr versteht als alle anderen zusammen mit ihrem Kopf. Erstaunlich ist, dass die Figur des Oberst – vermeintlich ansprungslos in der Genese seiner Fleischwerdung – durch die Person von Raoul Serda eher an einen Flugkapitän, denn an einen Armeeoffizier erinnert. Womöglich ist die Vorstellung, die Regenass (dem Sprachduktus der Figur nach zu schliessen) vom Oberst hatte, unter Regisseur Rudolf Kautek etwas abgemildert worden: Der Regisseur lässt mehr Respekt zu als der Autor, womöglich um das Bild eines Offiziers nicht im Klichee erstarren zu lassen.
Georges Weiss hat da schon bedeutend mehr von einem Schachgrossmeister bestimmter Sorte, auch wenn er sich in seinen Dialogen haarscharf am Zelebrieren vorbei ins gerade noch Erträgliche rettet. Etwas von seiner hochgespannten Eitelkeit, seinem wohllüstigen Selbstgenuss, aber auch und vor allem auch etwas von seiner Gereiztheit fällt dabei allemal ab, mögen sich auch seine Bemühungen, die versponnenen Gedankengänge Regenass' über die Rampe zu bringen, an den begrenzten Rezeptionsfähigkeiten des Publikums wundstossen.
Einen überaus authentischen Eindruck macht Hans Schatzmann als Mathematiker. Da stimmen nicht nur Anzug, Aktenkoffer (für die Kostüme und Requisiten sind Wilma Wagner beziehungsweise Ariane Fiechter zuständig), auch Haltung, Gang, Sprechweise und das doppeldeutige Lächeln, das ebensogut Hohn wie Freundlichkeit, in jedem Fall aber Spitzbübigkeit signalisieren kann.
Zurück zum Stück: Es arbeitet insofern mit den Stilmitteln des absurden Theaters, als weder ein zentraler Konflikt noch ein zielgerichtetes Handeln zu erkennen ist. Und da jeder (der Coiffeur ausgenommen), eingeschlossen in seine Einsamkeit, gegen jeden polemisiert, verliert in gewissem Masse auch die Sprache den Charakter der Kommunikation: Die Begegnung wird vordergründig zu einem Ritual des Aneinandervorbeiredens und Zeitvertreibs, im Hintergrund widerspiegelt sich in der Redseligkeit des Treffens die pure Angst. Der Coiffeur hat Angst um seinen Laden, der Schachgrossmeister hat Angst, dass sein Spiel und Lebensinhalt ersetzt würde durch einen Computer, der Mathematiker hat Angst, dass seine Techniken und Errungenschaften nicht durchsetzbar sind und der Oberst hat Angst, dass sein gewohntes, notabene recht simples Weltbild, zerbröckelt, wobei in allen Fällen Anklänge an die Angst als existentielle Erfahrungen, an Urängste überhaupt, mitschwingen. Bildlich gesprochen: Ängste aller Façon widerspiegeln sich in des Barbiers Stube als Zentrum der Kommunikation.
Dies alles bliebe doch so etwas wie ein langweiliges Panoptikum des Seelenleidens, würde das Stück nicht nach einer guten Stunde in eine «comedy of menace» münden, indem bedrohliche Mächte von aussen in Form einer Demonstration (im Stück nur akustisch wahrnehmbar) plötzlich den scheinbar sicheren Schutz gewährenden Raum unsicher machen. Nun lassen Autor und Regisseur die streitbaren Coiffeurkunden nach ihrer langen Rede kurzer Sinn, quasi in einer Probe aufs Exempel, über die Klinge springen. Und prompt gebärden sie sich reichlich hysterisch, um nicht zu sagen infantil, allein schon, als sich eine Maus in den Laden verirrt hat. Und zwar in abnehmendem Mass wie folgt: der Oberst, er baut auf die Lösung des Totschlags; der Mathematiker reagiert unbeholfen, dennoch mit Witz, da das Ereignis rational wenig fassbar ist; der Schachgrossmeister verhält sich dem Mausspiel gegenüber indifferent; der Coiffeur, er pfeift ihr ein Liedchen vor, auf dass sich die Maus beruhige und weiterlebe. Man kann sich fragen, ob die doch überzeichnete Kontrastierung des Unterschieds von Rede und Handlung nicht hätte umgangen werden können, ohne beim Possenspiel Anleihen zu machen. Ausserordentlich schwach wäre das Stück, fiele nun der Vorhang. Die Ironie des Schicksals und der Wille des Autors indes sorgen ein weiteres Mal dafür, dass des Zuschauers Wachsamkeit nicht eingelullt wird: die mehr oder weniger grossspurigen Kunden im Coiffeurladen kommen zwar geschoren im wörtlichen, aber ungeschoren im übertragenen Sinn des Wortes davon, während es den Coiffeur mit der Wucht und Erbarmungslosigkeit einer antiken Tragödie trifft; Ein junger Mann (Ingo Seeckts) überbringt am Schluss des Stückes die Kunde, dass des Barbiers Tochter, der seine ganze Liebe galt, von einem Auto angefahren wurde.
Abgesehen davon, dass sich «Schöne Zeiten» nicht durch optimale Ökonomie in der Dramaturgie auszeichnen (musste es unbedingt ein abendfüllendes Stück sein?), darf doch eine Tugend, mit der man sich gerade hierzulande schwer tut, nicht unerwähnt bleiben: wir meinen den Witz in Szenenbild und Dialog. Hübsch zum Beispiel ist der Einfall, wie das Geschehen plötzlich nach und nach ins Dämmerlicht taucht und dann der Coiffeur mit der Bemerkung, es werde dunkel, mittels Schalter alles wieder in grellem Neonlicht erscheinen lässt. Oder, wie nach der Pause, als ob der Film gerissen wäre, eine kurze Sequenz wiederholt wird. Ein alles in allem vorab im ersten Teil zu langatmiges, kein grosses, aber artiges Stück über die Angst in des Barbiers Spiegel grellem Widerschein.

Publikation in Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt/Langenthaler Tagblatt/Berner Rundschau

René Regenass, Autor von «Schöne Zeiten»
Autor von «Schöne Zeiten» René Regenass.

Suchen - © Urs Scheidegger 1995 - 2023

***