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Mit Lücken und Tücken: Herbert Meiers «Der Fähnrich von S.» uraufgeführt

Verfasst von Urs Scheidegger |

Vor und im Schloss Waldegg ob Solothurn wird zurzeit Herbert Meiers «Der Fähnrich von S.» uraufgeführt, eine Komödie mit kritischen Untertönen, die sich letztlich als Hommage an die Ambassadorenzeit und -stadt versteht. Gleichzeitig gilt die Aufführung, die neben Lücken so ihre Tücken hat, als Sommerproduktion des Städtebundtheaters Biel-Solothurn.

«Bis ein Arzt zur Stelle ist, meine Damen und Herren, erfrischen Sie sich doch unten im Garten.» Der Lakai sprach‘s und das nicht allzu zahlreich erschienene Vorpremieren- Publikum befolgte seinen Rat, lustwandelte mit einem Glas in der Hand zwischen den brennenden Fackeln im romantisch hergerichteten Waldegg-Garten, bis die Turmbläser (Musik: Armin Brunner/Andres Joho) zur Fortsetzung der Komödie bliesen.
Also begeben sich die Kulturtouristen – Autor Herbert Meier hat die eigentliche Komödie eingebettet in die Rahmenhandlung einer Schlossbesichtigung – wieder vorbei an den sie flankierenden dienstbaren Geistern des Hauses durch die Ahnengalerie ins Obergeschoss, wo im Haustheater – entdeckt während des Umbaus – die schöne Kulisse (Bühne: Pierro Paolo Guicciardini) wunderbar, dafür der Haussegen um so schiefer hängt.
Zumindest, was zu diesem Zeitpunkt nach der Pause den Stückinhalt betrifft.
Mit der Ehe zwischen Baron Besenval (Alfred Pfeifer) und dessen Gattin Margharita (Suzanne Thommen) steht es nicht zum besten. Und in deren gegenseitigen Beziehung spielt sich eine Schwäche wider, die symptomatisch werden sollte für die hervorragend aus italienischer Hand in schönstem Barock ausgestattete Inszenierung (Regie: Roberto Guicciardini, Kostüme: Elena Mannini). Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die innere Motivation der Handlungsträger oft zu schwach ausgebildet, zu wenig schlüssig und selbst für eine Komödie zu oberflächlich ist.
So zum Beispiel ist der Zuschauer bass erstaunt, dass am Schluss des Stückes, das auf Happy-End ausgelegt ist, der geläuterte Baron, ein Krakeeler von altem Schrot und Korn, der zuvor doch nur das patrizische Zeitalter in den Ruhestand hinüberretten wollte, sich urplötzlich insofern von erstaunlicher Flexibilität zeigt, als er Bücher zu lesen beginnt und sich in einer Anwandlung von jugendlichem Übermut mit seiner Gattin aufmacht zum «Lustschiff» auf der Petersinsel. Woher dieser plötzliche Energieschub, verbunden mit der Erkenntnis, dass es doch noch mehr zwischen Himmel und Erde gibt als das Patriziertum?
Die Wiederkehr des verloren geglaubten Sohnes Amadée (Christoph Betulius), der, als verkleideter Arzt, seinen Vater von der Starrköpfigkeit im medizinischen wie im mentalen Sinne kuriert, dürfte zum Rückgewinn der Vernunft und Jugendlichkeit bei einem vierschrötigen Kerl wie Baron Besenval wohl kaum ausreichen. Da müsste Handfesteres her. Zum Beispiel: Wenn philanthropische Kurzdenker anfallsweise vom Glück der Menschen in vergangenen Goldenen Zeitaltern schwärmen, vergessen sie gerne die damaligen, nervenzerfetzenden Katastrophen. Die Erotik des Barocks, zweifellos ein wesenbestimmendes Element dieser Inszenierung, brach – zumal nach Erreichen des Klimakteriums – nicht unter dem Reifrock, sondern im Mund der Schäferspieler zusammen. Ein Eiterzahn, vom Bader brutal herausgestemmt, hinterliess eine hässliche Lücke. Bald hielten nur noch ein paar Beisserchen die wacklige Stellung, und dann?
Plötzlich Ersatz, weit und breit keine Schmerzen mehr.
Das, und weniger der vordergründige Starrsinn, könnte ein Motiv und komödiantisches Element zugleich für den abbröckelnden Besenvalschen Ehealltag sein, der zu jugendlichem Übermut verleitet. Mark Twain, der anders als Eichendorff, aber ähnlich wie Goethe schwer mit prothetischen Problemen zu ringen hatte, sprach vom blitzartigen Zusammenbruch aller Philosophie, wenn den Philosophen Zahnschmerz befällt. Diese gesunde Mischung von Theorie und Praxis im Dichter- und Dentalwesen hätte vermutlich die dramaturgischen Lücken gestopft und die schmerzlich vermisste Verdichtung des Bühnengeschehens gebracht.
Herbert Meier, der das Stück als Hommage an Solothurn, Eichendorffsche Romantik und das romantische Barocktheater im Sommer 1989 im fernen Kalifornien geschrieben hat, will viel. Nämlich neben der Komödie eine «Conte philosophique» über Patriarchat und Opfertod, über Revolution und Resignation und nicht zuletzt auch noch einen Exkurs über die gesellschaftliche Gefangenschaft und Befreiung der Frau. Ein bisschen viel, selbst für eine zweieinhalbstündige Aufführung auf einer Bühne, die so ihre Tücken hat, denen die Schauspieler so machtlos gegenüberstehen wie der Regisseur. Denn die Akteure, deren Leistungen keine Wünsche offenlassen (stellvertretend für alle sei Marianne Abegglen erwähnt, die in einer Parforce-Leistung sondergleichen kurzfristig für die erkrankte Sabine Ehrlich in die Lücke sprang), müssen sorgsam darauf bedacht sein, dass sie nicht hinter, sondern zwischen den Stützsäulen des Haustheaters spielen. Und sie sollten, was nicht selten vorkommt, nicht zu lange in der Horizontalen verweilen, ob sie nun krank sind oder den Toten mimen. Sonst passiert nämlich genau das Gegenteil von dem, als das die Komödie auch noch verstanden werden möchte: als ein Abgesang auf den Hochadel und als Plädoyer für die republikanische Nutzung (der Waldegg). Was irgendwie damit im Widerspruch steht, wenn nur gerade die Privilegierten der beiden ersten Zuschauerreihen das Geschehen auf dem Boden der tiefliegenden Bühne mitbekommen, während der Plebs in den hinteren Reihen mit den Hinterköpfen der Vorderleute Vorlieb nehmen, ansonsten sich aber aufs Gehör verlassen muss.
Das dürfte sich spätestens ändern, wenn das Städtebundtheater mit dem «Fähnrich von S.» namens Amadée auf Tournee geht. Vorläufig aber wird noch auf Schloss Waldegg gespielt.


Erschienen in Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt/Langenthaler Tagblatt/Berner Rundschau vom 13. Juni 1991


Herbert Meier in der NB

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