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Wackernagel trifft Wackelnager: Wortdrechslerei mit Deutungspotential

Verfasst von Urs Scheidegger |

Als Wackelnager könnte ein Biber durchgehen, der sich an Hartholz zu schaffen macht und dabei sein locker sitzendes Gebiss verliert. Als Wackernagel ist unterwegs, wer sich wacker mit welchem Gehänge auch immer abmüht. Oder auch etwas entdeckt. Hier treffen sie zusammen… Koinzident, korrelativ oder gar kausal?

Bei «Wackernagel» horcht jeder Linguistik-Student voll des humanistisch-antiken Lehrguts auf: Ist das nicht jener Schriftgelehrte, dessen Erfindung besagt, dass unbetonte Wörter indogermanischer – neuerdings indoeuropäisch genannter – Sprachen dazu tendieren, an der zweiten Position im Satz zu stehen. Über diese «Wackernagelposition» hat sich schon so mancher Study assoziationsreich verlustiert. Ausgangspunkt war zumeist die Frage, wer da eigentlich wen in welcher Position nagelt…

Nun denn, wer wacker nageln kann, dürfte sich – insbesondere die für die Vertauschung liquider Konsonanten auffällig anfälligen Chinesen bzw. Japaner – früher oder später mal verhauen… Da kann dann aus dem «Wackernagel» locker ein «Wackelnager» werden. Rinks-Lechts-Velwechserung ist schliesslich Kult, wenn auch unterschiedlichster Herkunft, nicht zuletzt nationaler und individueller Ausprägung. Zum einen wäre da der Pararhotazismus, eine Aussprachestörung bei Kindern, die das /r/ durch /l/ (oder /h/) ersetzen (z. B. «lot» statt «rot», «Falbe» statt «Farbe», «Tlaktor» statt «Traktor»). Die Wurzeln dieser speziellen Form einer Dyslalie stecken zuweilen in stockender Zungenmotorik, dieses Leiden ist aber laut medizinischen Befunden einigermassen zeitnah therapierbar. 
Des weiteren wären da die national bedingten Permutationen der konsonantischen Liquide L und R. Die Chinesen führen zwar ein R in ihrem phonetischen Repertoire, es klingt jedoch – weit entfernt vom deutschen R – eher wie ein L oder wie ein stimmhaftes Sch. Sprechen Chinesen noch nicht so gut germanisch/europäisch, verwenden sie in der Regel ihre eigene Version des R – oder weichen auf das L aus. 

Im Japanischen existiert weder das L noch das R, so wie wir es kennen. Japaner nutzen einen Laut, der irgendwo dazwischen liegt, weshalb sie oft nicht zwischen R und L unterscheiden. Beide Laute werden durch ein einziges Phonem dargestellt, das als alveolarer Tap [ɾ] ausgesprochen wird – ein Laut, der entsteht, wenn die Zungenspitze kurz hinter den oberen Zähnen gegen den Gaumen schnellt. Die sogenannte japanische r-Reihe (らりるれろ) klingt für deutsche Ohren oft wie eine Mischung aus l, r und d.

Kausalität, Korrelation und Koinzidenz

Wie sieht es nun mit dem Beziehungsstatus aus, wenn «Wackernagel» auf «Wackelnager» trifft oder umgekehrt? Ist ihre Beziehung koinzident, korrelativ oder gar kausal? Kausalität, Korrelation und Koinzidenz sind (statistische) Begriffe, mit denen (logische) Zusammenhänge beschrieben werden. Von Kausalität wird gesprochen, wenn ein eindeutiger Ursache-Wirkung-Zusammenhang zwischen zwei Elementen besteht. Um von einem kausalen Zusammenhang sprechen zu können, muss man sich wirklich sicher sein, dass dieser Einfluss ontologisch nachweisbar ist. Von Korrelation spricht man, wenn zwischen zwei Elementen ein Zusammenhang intuitiv erkennbar ist. Wichtig ist jedoch, dass man bei einer Korrelation nicht automatisch darauf schliessen kann, dass zwei Elemente in einem Ursache-Wirkung-Zusammengang stehen. Von Koinzidenz spricht man, wenn zwei (oder mehrere) Elemente zeitlich und/oder räumlich gemeinsam in Erscheinung treten. Wichtig ist hierbei, dass das gemeinsame Auftreten einen kausalen Zusammenhang haben KANN (wahre Koinzidenz), es  aber nicht so sein muss. Koinzidenzen können auch rein zufällig (zufällige Koinzidenz) sein.

Nach aller Laut- und Wortdrechslerei ist hier nun doch davon auszugehen, dass die Wackernagel-Wackelnager-Begegnung koinzident, korrelativ und darüber hinaus irgendwie auch kausal ist. Weil hier – sowohl Wackernagel wie Wackelnager argumentativ in Szene gesetzt – aus den gleichen Lettern (wenn auch unterschiedlicher Anordnung) bestehen, sind sie (element-)gleich. Ansonsten gilt nach wie vor die Phrase «Cum hoc ergo propter hoc» («mit diesem, folglich deswegen») als begriffliches Fundament für die wissenschaftliche Grundregel: «Korrelation impliziert noch keine Kausalität». Eine Erkenntnis, die in ihren Grundzügen bereits auf Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurückführt. In seinem Werk «Sophistische Widerlegungen» (Περὶ σοφιστικῶν ἐλέγχων) beschrieb er die übergeordnete Fallgruppe des Fehlschlusses der «Nicht-Ursache als Ursache» (griechisch: παρὰ τὸ μὴ αἴτιον ὡς αἴτιον).

 

 

Wenn der Nagel sich wacker an seinem Gehänge abmüht: Wackernagel… Wenn der Biber mit Zahnprothesen sich am Hartholz zu schaffen macht: Wackelnager. (Illustration: us)
Wenn der Nagel sich wacker an seinem Gehänge abmüht: Wackernagel… Wenn der Biber mit Zahnprothesen sich am Hartholz zu schaffen macht: Wackelnager. (Illustration: us)

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