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Ex-Libris-Projekt: 206 Prosawerke von 178 Schweizer Autoren in 30 Bänden - «Frühling der Gegenwart» treibt Sommerblüten

Verfasst von Urs Scheidegger |

In der Geschichte der Deutschschweizer Literatur - so wollen wir hier versuchsweise die Behauptung aufstellen, deren Widerlegung viel guten Willen erfordert - gibt es, auf die grosse Zahl gesehen, saturierte Grössen, Leit- und Streithammel, gibt es also jene, die stets für einen Festvortrag gut sind (zu welchem Thema auch immer), und jene, die für alle Unterschriftensammler und Aufrufer ansprechbar sind (zu welchem Protest auch immer). Wie gross der literaturinteressierte Zeitgenosse die Zahl derer veranschlagt, die da in der Mitte ihre Arbeit tun, vor allem aber getan haben und sonst nichts, hängt erstens davon ab, mit welchem Bienenfleiss einer das Verschüttete zutage zu fördern sich anschickt, und zweitens, mit welch sonnigem Gemüt die potentiellen Literaturkonsumenten das Zutagegeförderte aufzunehmen bereit sind.

Die bange Unsicherheit indes oder aber eben das kecke Selbstbewusstsein, mit dem der Ex-Libris-Verlag beziehungsweise Charles Linsmayer im Helvetien der achtziger Jahre das verlegerische Abenteuer mit Schweizer Autoren der Vergangenheit in Angriff genommen haben, belehren darüber, dass hierzulande entweder kein Interesse für Autoren nach Gottfried Keller und vor Max Frisch bestehen müsse oder aber der universitäre und anderweitige Lehrbetrieb seiner Vermittlerrolle in Sachen Literatur zwischen 1890 bis 1950 zumindest nicht in allen Teilen Herr geworden ist. Dass eher das zweite zutrifft, dass also beim Leser in der Tat ein gewisses Bedürfnis nach Werken aus jener Zeitspanne besteht, davon sollen einige Zahlen Zeugnis ablegen.


145 000 Bände verkauft
Während, was zum Beispiel den Ex-Libris- Verlag betrifft, die üblichen Serienabonnemente im Höchstfall bis zu 3300 Abonnenten finden, brachte es «Frühling der Gegenwart I» (so nennt sich die zweigeteilte Reihe von 30 Bänden) auf die stolze Zahl von 5660 Abonnenten. Auch die zweiten 15 Bände, die gegenwärtig noch abonniert werden können, sind bereits von 3709 Abonnenten bestellt worden. Bei einer Auflage von 6500 Exemplaren für die Serie I und 5500 Exemplaren für Serie II wurden insgesamt 180 000 Bücher gedruckt. Davon sind laut Verlag noch vor Abschluss der ganzen Edition heute bereits 145 000 Bände verkauft. Und der Verlag rechnet damit, dass vom 1. August dieses Jahres an, wenn alle 30 Bände einzeln käuflich sind, auch die restlichen Exemplare noch ihre Käufer finden werden.
Natürlich mag man einwenden, mit Zahlen liesse sich im Literaturbetrieb schlecht operieren, das Projekt sei ohnehin nur eine «Massenproduktion billigen Lesefutters» oder die Präsentation einer «Literatur für das Dienstmädchen in uns allen». Die Möglichkeit immerhin, dass sich jemand 206 Werke von 178 Autoren oder 9920 Druckseiten (soviel umfasst die Edition) allein zur Buchwandzierde anschafft, ist wenig glaubwürdig. Schliesslich könnte man in Attrappenform alles auch billiger haben. Und so dürfte den Verkaufszahlen doch mehr als eine vordergründige Bedeutung zukommen.

Von der Literaturgeschichte her interessant
Es sind nicht nur die Originaltexte von Autoren (wie etwa dem 1877 in Olten geborenen Otto Wirz, dessen Roman «Prophet Müller zwo» nach nun 50 Jahren endlich wieder griffbereit ist) oder das grosse, zum Teil noch nie publizierte Bildmaterial oder ferner die jeweiligen Autorenlexika mit 178 Kurzbiographien, das alles die Edition zu einer Kostbarkeit macht, es sind vor allem auch die literaturgeschichtlichen Kommentare und Beiträge von namhaften Schriftstellern und Literaturkennern wie Erwin Jaeckle, Martin Stern, Rätus Luck, Kurt Marti, Dieter Fringeli, Martin Kraft, Peter Bichsel und anderen, die einen mehr oder weniger gelungenen literarischen Brückenschlag zwischen Gegenwart und Vergangenheit versuchen.

Peter Bichsel über Robert Walser
So ist zum Beispiel Peter Bichsel, der zufällig in Bellach wohnt, weniger zufällig für ein Jahr das Stadtschreiberamt im Frankfurter Vorort Bergen-Enkheim bekleidete, einer alten Aufforderung nachgekommen, der Aufforderung nämlich, sich über den 1878 in Biel geborenen und am Weihnachtstag des Jahres 1956 verstorbenen Robert Walser zu äussern: «Ich habe es nie getan, ich tu es nur einmal - hier und jetzt.» Dieses «Hier und Jetzt» Bichsels steht im Nachwort zu Walsers Roman «Geschwister Tanner», erschienen als Band 29 in der bewussten Reihe. «Walser hat wohl keine kritischen Leser», schreibt Bichsel und fährt fort, «entweder lässt man sich auf ihn ein oder lässt es sein.» Bichsel hat sich auf Walser eingelassen, erstmals vor rund 30 Jahren, nachdem er das Werk Walsers bei einem Trödler für sich entdeckt hatte, «ohne zu wissen, dass es sonst noch jemand gibt, der ihn kennt». Mit Verlaub: Dieses freimütige Bekenntnis spricht weniger gegen Bichsel als gegen die Lehrerausbildung, in der er sich zu jener Zeit befunden haben muss.

Zwei Spaziergänger
Weniger das Intermezzo im Trödlerladen als die literarische Blutsverwandtschaft dürfte Bichsel zu einem gelungenen Aperçu auf Walsers «Geschwister Tanner» veranlasst haben. Peter Bichsel, dem der literarische Sprint auch eher zusagt als ein episches Langstreckenrennen, zumal er selbst da, wo er sich in einem Roman versucht hat, etwa in den «Jahreszeiten», eigentlich nie ans Ziel kommt, so dass man am Ende gar nicht recht weiss, ob er mit dem Aneinanderreihen von Episödchen eine neue literarische Gattung kreieren oder die Gattung Roman parodieren will.
Ähnlich ergeht es Robert Walser, der aus Bichsels Sicht ein literarischer Spaziergänger par excellence ist: «Sein ganzes Werk ist ein grosser, langer Spaziergang, und wenn die <Geschwister Tanner› überhaupt einen Aufbau, eine Konstruktion haben, dann ist es das Prinzip des Spaziergangs: eines reiht sich ans andere, die Themen kommen auf den Autor zu, ohne sein Mittun sozusagen, ausser,- dass er selbst sich bewegt.» Die Art, wie hier ein zeitgenössischer Autor durch das Werk eines verstorbenen Kollegen begleitet, tut gut zu einer Zeit, da vor allem die sogenannten Fachleute, die sich von Berufs wegen mit Dichtung und Literatur beschäftigen, sich in den letzten Jahrzehnten eher als publikumsfeindliche Jean Paulsche Luftschiffer denn als vermittlungsfreudige lutherische Dolmetscher in Sachen Dichter und Dichtung betätigt haben.

Es geht auch anders
Man darf also vermuten, dass in diesem von Charles Linsmayer betreuten Unternehmen des Ex-Libris-Verlages so etwas wie ein Manifest beabsichtigt und auch geglückt ist, eine Proklamation des «Es geht auch anders», nämlich auf leserfreundliche, ja wagen wir das (im Hinblick auf die Vermittlerrolle) unziemliche Wort, lehrreich-unterhaltsame Art. Und vor allem unter diesem Aspekt tritt erfreulicherweise oft «Geistreich» gegen «Geisteswissenschaftlich» an, «Munterkeit» gegen «Methode». Alles in allem ein gang- und für allfällige weitere Vorhaben auch wünschbarer Weg.

Artikel in Solothurner Zeitung vom 16. Juli 1983

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