Lonny, die Heimatlose. Erzählung aus dem schweizerischen Kultur- und Volksleben in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Von Joseph Joachim. Basel. Benno Schwabe, Verlagsbuchhandlung. 1889 . Erstes Kapitel. „Wettermordio!" Daran, an dem Fluchworte, erkennen wir den Zackenbauer, den Zackenbauer in seinem Zorn. Die Lage, in welcher der Mann sich augenblicklich befand, war auch wirklich dazu angetan, den Zorn eines Zornmütigen zu reizen: Ein Eichenklotz von bloß mäßiger Größe auf einen Lastwagen geladen, davor zwei Joch Ochsen gespannt, und dennoch wollte die Fuhre, so nahe an den Ausgang des Waldes gerückt, nicht mehr vom Flecke gelangen. Umsonst all' die lauten, ermutigenden Zurufe und mahnenden Peitschenhiebe seitens des Bauern an die Adresse der vier Gehörnten, umsonst alle eigene Beihilfe, das Nachschieben mittelst des Hebebaumes und der Lastwinde — der Wagen stand wie festgebannt und sank nur immer tiefer in den weichen, morastigen Waldgrund hinein. „Es geht nicht, Vater!" rief ein langaufgeschossenes Bürschlein von etwa sechszehn Jahren, indem er sich mit dem Hemdärmel den triefenden Schweiß von der Stirne trocknete. „Es geht nicht, wir haben uns halt verfahren, sind in die schlimmste, sumpfigste Stelle geraten!" Der Bauer jedoch wollte keine Schuld eingestehen, sondern polterte: „Was, sumpfige Stelle? Faule Luder sind's, diese Vieher, sollten sich schämen, solch' ein Hölzchen stecken zu 1 2 lassen! Wäre ich noch der jungstarke Mann von ehedem, ich glaube ich zöge es zu Zweien vom Fleck', ja ich! Allein Vieh und Leute sind nicht mehr dieselben, haben ausgeartet auf schmähliche Weise — schwächliche, sieche Ware, die nichts mehr auszuhalten und zu leisten vermag — Wettermordio!" Im Walde herrschte gar reges Leben. Der Frühlingssonnenschein hatte es äußerst geschäftig, in all' das dichte Gezweig zu dringen und Baum und Strauch, Gras und Blüm- lein, Wurm und Käferlein vollends aus dem Winterschlaf zu wecken; zu seinem Preise sangen die Vöglein ihre freudigsten Lieder, es tanzten die Mücken ihre kunstvollsten Reigen, der Eichhorn sprang lustverwegen von Ast zu Ast, der Specht hackte wie toll in die knorrige Baumrinde hinein, die Eidechse schlang sich behende durch das dürre Waldgras, durch die raschelnden Baumblätter. Droben auf dem nahen Lugispitz, auf dem Wipfel einer schwanken Birke, saßen zwei Buben und schaukelten sich tollkühn hin und her und ließen dabei ihre hellen, übermütigen Jauchzer steigen, hörbar weit hinunter zu Tal. Der Bauer hieb aufs neue auf seine armen Öchslein ein. „Siehste," rief er wütend, „die Beester rühren nicht einmal mehr das Glied, schütteln nur widerspenstig den Kopf. Wettermordio!" Er ließ es beim Wettermordio schon nicht mehr bewenden, sondern ergoß sich in zornigen Verwünschungen, darob die frommen Waldgeister sich ordentlich entsetzten, Fink und Drossel 'erschrocken davon flogen. Und als er sich bei dem verzweifelten Heben und Nachschieben gar noch den Daumen blutig quetschte, da richtete sich sein Ärger auch noch auf die beiden Buben auf dem nahen felsgetürmten Lugispitz, den müßig sich schaukelnden. „Das Bettelpack hat gut jubiliren!" rief er zornig, 3 „tut nichts als faullenzen und vorwegessen, was wir Bauern mit saurer Müh' gepflanzt und eingeheimst, und lacht uns obendrein noch aus, verspottet uns in unsern Nöten — hol' sie der Kukuk, die Rangen!" Und er ballte grimmig die Faust und stieß laute Drohworte aus nach der Wandfluh hinauf, was alles die Buben weder bemerkten noch beachteten, sondern nur noch lauter und übermütiger jauchzten und sangen. Des Bauern Sohn, der bei all' den fruchtlosen Versuchen, den Lastwagen vom Flecke zu bewegen, redlich und nach Kräften mitgeholfen, wagte nun, da seines Vaters Zorn zu ermüden begann, den schüchternen Vorschlag zu äußern: „Es wäre wohl das beste, ich holte als Vorspann noch die Liesel — was meint Ihr, Vater?" „Was, die Fohlenstute, um sie krank zu fahren?" „Es wird ihr nichts schaden, Vater, die kurze Strecke" — „Meinetwegen, so geh'!" gestattete er endlich verdrießlich. Nach Verfluß einer kurzen Viertelstunde war der Junge, an der Hand das geschirrte schwere Schimmelpferd, schon wieder zur Stelle. Und nun, beim ersten kräftigen Anlauf der fünf Zugtiere, wand sich der Wagen langsam, aber stetig aus dem Moraste heraus. „Hü!" rief der Bauer erregt, „nicht gerastet, allsdrufs, hü! So, nun könnt ihr verschnaufen! Brav, Liesel, deine Dienste sind halt nicht zu bezahlen!" Mit einem zweiten mutigen Anlauf gelangte die Fuhre vollends zum Wald hinaus, die Zugtiere zu einer zweiten wohligen Rast, der Mensch, dem es darum zu tun war, zum Anblick eines überraschenden idyllischen Landschaftsbildes. Da war vorab zu ersehen eine umfangreiche, hufeisenförmige und durch einen Wildbach durchranschte Wiesenbucht, die sich sanft ansteigend in die forstreiche Bergeshalde hinaufzog 4 und samt des in der Mitte derselben sich befindlichen Gehöftes der „Zackenhof" genannt wurde. Da war zu ersehen, zur Linken des Beschauers, die breite, an der offenen südlichen Seite des Einschlages sich hinziehende und im Schatten der Waldesgrenze sich verlierende Heerstraße, darüber hinaus, ein stark abfälliger, röhrrichter Wiesengrund, der sich zum nahen See hinabzog, in dessen silberweißer Bucht die grauen Mauern und rothen Ziegeldächer eines kleinen Landstädtchens — wir wollen es Krotzingen nennen — sich abspiegelten. Da war zu ersehen, über den See hinweg, die waldige, mit einer Burgruine gekrönte Bergkoppe, welche hinwieder überragt wurde, aus weiter Ferne zwar, von den Riesen der Schweizer Alpenwelt, der blauen Rigi, dein finstern Pilatus, sowie den weißschimmernden Zacken und Firnen der Urner- und Wallisergletscher, in den blauen Äther hinausragend. Ein Landschaftsmaler wäre bei dieser sich ihm bietenden An- und Aussicht in Staunen und Entzücken versetzt worden. Unser Zackenbauer jedoch war kein Maler, noch schien er ein Auge für landschaftliche Reize zu haben; vielmehr war sein Sinn auf währschaftere Genüsse, zur Stunde aber ausschließlich auf seine Fuhre, nämlich auf sein tapferes Roß, die lechzenden Öchslein und den klotzbeladenen Lastwagen gerichtet. Denn nun galt es noch, den letztem vollends und so behende als möglich nach Hause zu schaffen, verkündete doch ein Helles Gebimmel vorn Städtchen her die angerückte Mittagsstunde und sah man dem Kamine des Bauernhauses eine dicke verheißende Rauchwolke entsteigen; ja der Bauer vermeinte sogar einen äußerst wohlriechenden Braten- oder Butterkuchenduft zu riechen, der seine Nase wollüstig kitzelte und seinen hungrigen Magen in nicht geringen Aufruhr versetzte. Unten an der Landstraße, anf dem einerseits vom Zackenwald, anderseits vom wild herabschäumenden Bergbache begrenzten, windstillen Rasenplatze, der „Winkel" genannt, hatte eine Hauderersamilie (wandernde Bettel- und Hausirerleute) ihr Lager aufgeschlagen. Auch hier stieg eine Rauchsäule wirbelnd in die Höhe und war man augenscheinlich mit dem Bereiten des Mittagsmahles beschäftigt. Von welcher Seite nun der Bratengeruch wohl kommen mochte? „Hü!" rief der Bauer, abermals die Peitsche schwingend. „Nun, einmal auf hartem Wege, wird's leicht hinan gehen — hu, allesamt!" Das Sträßchen führte an Seite des Wildbaches in mäßiger Steigung zum Zackengehöfte hinauf, und wurde dieses von der Fuhre denn auch rasch und glücklich erreicht. Der Bratenduft hatte sich ordentlich verzogen... Und als die Zugtiere ausgeschirrt und ans Futter gestellt waren, leisteten der Bauer und sein Sohn der Einladung eines jungen Mädchens gerne Folge, der Einladung zum redlich verdienten Mittagsmahle. In der Stube, auf dem lakenbedeckten Eichentische, prangte die mit dampfender Mehlbrühe gefüllte, irdene Suppenschüssel, daneben stand der kaum erst dem Herde enthobene, noch leise kochende Haferbreitopf. Der Bauer, nachdem er das Gebet verrichtet, brummte ärgerlich: „Also hier gibt's keinen Braten! drum sind's die Bettelleut', die lausigen, die sich welchen geschmort haben... Zwar verlang' ich für meinen Teil nichts Besseres und ist mir die Bauernkost schon gut genug. Doch daß sich das Faullenzer- pack auf solche Weise gütlich tun kann, just einem vor der Nase, das kann mich ordentlich ärgern!" 6 Die Bäuerin beschwichtigte: „Ach, sei doch nicht so neidisch, Hans! Ist es doch hart genug für diese Leute, so heimatlos in der Welt herumirren zu müssen bei Hitze und Kalte, Jahr aus und ein, und nichts sein eigen nennen zu dürfen, weder Haus noch Heim, nicht einmal ein Plätzchen, wo man ruhig sich hinlegen und sterben kann... Auch wird unsereiner zuweilen ihrer Dienste recht froh. Was hätt' ich zum Beispiel mit dem rinnenden Wasserkessel und der gespaltenen Suppenschüssel ansangen müssen, wenn sie sie mir nicht gelötet und gekittet hätten, sozusagen umsonst!" „Sozusagen umsonst?" höhnte der Bauer. „Ei, gewiß haben sie für die Flickarbeit bloß so ein Bissel Mehl, ein Bisset Milch, ein Bissel Butter und ein Bissel Speck und Brot gefordert, was alles vielleicht den Wert ausmacht, daß man sich dafür funkelnagelneues Geschirr hätte anschaffen können, hahaha!" „Ein Almosen, Hans! Führe doch keine solche hartherzigen Reden, Hans, wider Dein besseres christlich Gewissen!" „Wettermordio!" brauste nun der Bauer aus. „Hartherzig — weißt, Lisbeth, was hartherzig ist, was hartherzig macht, he? Wenn man bei mühsam harter' Arbeit die Finger sich wund quetscht — sieh' mal her! — und das Gaunerpack saullenzen und Wohlleben sieht, weit besser, als wir geplagten Bauernleute es Sonn- und Festtags zu tun vermögen, und dies alles, das Tagedieben und Schmoren, auf unsere Rechnung und Kosten. Die Ratte, die mir in den Getreidespeicher dringt und sich an meinem Korn mästet, der Spatz, der mir die Hanfstengel knickt und den Samen auffrißt, diese und die Landstreicherleut' hab' ich gleich lieb!" Da meinte die Bäuerin gutmütig: „'s hat alles seine Ausnahm', Hans! Hier des „Holländers", die treiben's durchaus nicht arg, sind reinliche, anständige Leute und keineswegs 7 so zudringlicher Art, wie die andern. Als unser selige Jsidor, der arme Knabe, von dem Unfall betroffen worden — wer hat ihm, als kein Doktor zu helfen wußte, den Brand gestillt, wer anders als eben die alte Holländerin? Und hätten wir, statt des gelehrten Brillenmannes unnütze Wässerlein, von ihrer heilkräftigen Salbe Gebrauch gemacht, wer weiß, ob er nicht genesen wäre und heute noch lebte, gesund und frisch! Heute," fügte sie wehmütig hinzu, „just heute, am Sankt Gregorstag, hätte er das Zwanzigste erreicht..." Sie legte den Breilöffel weg und fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen. Auch auf den Bauer schien die wachgerufene Erinnerung an seinen erstgebornen Sohn einen gewissen wehmütigen Eindruck auszuüben; er verstummte gleichfalls und begab sich raschen Schrittes vorn Tische weg, aus der Stube, in die Scheune hinaus. Die Tochter Kathrinle jedoch frug beim Tischabräumen: „Mutter, ist es denn wahr, daß sie, diese Bettelleut', sich aufs Bannen und Hexen verstehen? Die alte Scheerenschleiferin — entsinnt Ihr Euch noch, die mit der häßlichen wunden Nase? — die hat Euch einst, ich war nah' dabei, dergleichen gesagt, als ob sie es in ihrer Gewalt hätte, die Diebe an Ort und Stelle zurückzuzwingen mitsamt der gestohlenen Sach'; desgleichen den Mähdern die Sensenschärfe zu nehmen, ganz auf einmal; Menschen und Vieh zu bannen, daß sie ohne ihre, der Schleifern: Erlaubniß nicht den Schritt von der Stelle tun können; das Blut zu stillen, die Warzen und das „böse Tier" am Finger zu vertreiben, aus der Ferne, mit dem bloßen geheimnisvollen Wort — ist es denn auch wahr, Mutter, daß ein Mensch so was können tut?" „'s wird wohl wahr sein, wie die Alte gesagt," antwortete die Bäuerin. „Und doch meinte die „Holländerin", wenn sie, 8 die Scheerenschleiferin, sich auf derlei Kunst verstände, dann brauchten ihre Buben nicht betteln zu gehen oder gar zu stehlen, noch sie selbst bisweilen so arge Not und Hunger zu leiden. Zum Hexen wäre sie zudem viel zu dumm... Daraus ersieht man, daß auch diese armen Schlucker sich neiden und hassen, ganz wie wir, die ehrsamen, säßhaften Christen- leut'. Also überall die nämliche Geschichte." „Und doch," fuhr die Bäuerin nach einer Weile nachdenklich fort, „und doch scheinen diese herumziehenden Leute in gewissen Dingen mehr zu können und zu vermögen als wir andern, wenigstens muß dies zu frühern Zeiten, von denen die Alten berichten, der Fall gewesen sein. So wollte mein seliger Großätti es mit eigenen Augen gesehen haben, wie diese Bettel- leut' aus lauter Übermut ein Loch durch einen Bund Stroh brannten, ohne daß dieser einen weitern Schaden genommen; sowie mitten im Walde einen Baum angezapft, aus welchem sodann hellklarer Wein geflossen, weißer und rother, wie es sich ein jeglicher der Zecher gewünscht, wobei jeweilen voraus- bestimmt worden: diesmal gilt es dem Schenkwirt X oder U, diesmal dem Pfaffen sein Faß, und hernach sollen Wirt und Pfarrherr gar wohl gemerkt haben, wie der Wein in ihren Kellern urplötzlich gemindert, ohne daß sie sich's erklären konnten. Auch hätten sie, die Hauderer, in ihrem Übermut einen Hund ausgehängt und mit Peitschenhieben arg gezüchtigt und dabei die Worte ausgesprochen: Da, du Armenleutequäler, hast deinen Teil! Und da! Und da! Und gleichzeitig habe zu Hause, in seinem Stübchen, der Konstabler H hoch aufgeschrieen und laut geheult vor Schmerz und abwehrend die Hände ausgestreckt und nach den an seinen Lenden entstehenden und von *) Polizeidiener des Landvogtes. 9 unsichtbaren Mächten beigebrachten Striemen getastet, den blut- unterlaufenden, höllisch brennenden ... Das und mehreres anderes nannte man die „Heidenkünste". Und heutzutage noch zeigt man auf dem Sälischlößchen H den hölzernen Kochherd, den rauchgeschwärzten, den diese Heiden zum Bereiten ihrer Mahlzeiten benützt haben sollen, ohne daß derselbe den geringsten Schaden genommen, d. h. Feuer gefangen hätte." Als jung Fritz, des Bauern Sohn, sich vom Tische erhoben hatte und nach seiner Mütze greisen wollte, da erst erinnerte er sich, daß er dieselbe schon gar nicht nach Hause gebracht, sondern im Zackenwalde, in der Hitze der Arbeit, weggeworfen und hatte liegen lassen. Darum begab er sich, sobald er dem Zugvieh frisches Futter aufgesteckt, eiligen Schrittes nach dem Forst zurück, auch in der fernern Absicht, sich einen neuen Peitschenstock zu schneiden, da ja sein Vater den alten zu Schanden geschlagen. Zweites Hapites. Im Walde war derweilen ebenfalls Mittagsruhe eingetreten. Der Vogelfang war verstummt. Dafür erklang im jungen Dickicht eine laute melodische Mädchenstimme: Es blies ein Jäger wohl in sein Horn, Wohl in sein Horn, Und alles was er blies, das war verlor'n. Hop sa sa sa, Tra ra ra ra, Und alles was er blies, das war verlor'n. *) Schlößchen Wartburg bei Ölten. 10 Soll denn mein Blasen verloren sein? Verloren sein? So wollt' ich lieber kein Jäger sein! Hop sa sa sa, Tra ra ra ra, So wollt' ich lieber kein Jäger sein! Er zog sein Netz wohl über den Strauch, Wohl über den Strauch, Da sprang ein schwarzbraunes Mädel heraus, Hop sa sa sa, Tra ra ra ra, Da sprang ein schwarzbraunes Mädel heraus. „Schwarzbraunes Mädel, entspringe mir nicht, Entspringe mir nicht, Hab' große Hunde, die holen dich. Hop sa sa sa, Tra ra ra ra, Hab' große Hunde, die holen dich." „Deine großen Hunde holen mich nicht, Die holen mich nicht. Sie kennen meine hohen weilen Sprünge noch nicht. Hop sa sa sa, Tra ra ra ra, Sie kennen meine hohen weiten Sprünge noch nicht." Fried dachte in seinem Sinn: Meine Schwester Käthe, die pflegt auch mitunter zu singen, doch so schön und Hellklingend, wie diese da im Busch, kann sie's halt nicht, kann's nicht einmal des Rothmüllers Lorle, so groß sie sich auch meinen tut im Kirchenchor. Er mußte unwillkürlich stillestehen 11 und lauschen. Jetzt niar es ein kunstreicher, himmelhoher Jodler, der lerchenhaft aufstieg, ganz in der Nähe, im jungen Erlenschlag — Fried fand kaum noch Zeit, sich hinter den dicken Eichenstamm zu bergen, der mitten in der kleinen Lichtung stand, als die Sängerin, ihren Triller abbrechend und mit Ungestüm einem Schmetterling nachjagend, plötzlich znm Vorschein kam: ein junges und sehr schlankes Mädchen mit tiefbrünettem Teint und rabenschwarzem Kraushaar, angetan mit einem abgeschossenen und vielfach geflickten kurzen Drillich- röckchen, aus dessen Stumpärmeln ein paar lange magere und sonnengebräunte Arme hervorschauten. Barfuß und einer wilden Hummel gleich fuhr sie hinter der hin- und herflatternden Libelle drein und würde diese wohl auch erhäscht haben, wäre sie nicht aus einmal des Bauernknaben ansichtig geworden, wie er auf der Lauer stand, auf kaum einige Schritte Entfernung, hinter der Eiche. Mit großen Augen, in denen sich Überraschung, Ärger und Schalkhaftigkeit um die Herrschaft stritten, glotzte sie ihn eine Weile stumm an. Dann rief sie, in ein Helles, übermütiges Lachen ausbrechend: „Bist angefroren, du Tölp? Oder lauerst etwa auf eine alte blinde Krähe, um sie Deiner Mutter heimzubringen für den Sonntagsschmaus? Hihihi!" Halb ärgerlich, halb blöde entgegnete der Knabe: „Ich bin weder angefroren, noch pürsch' ich auf lahme Krähen, die magst Du für Dich behalten... Was ich such', das ist meine Mütze, und eigentlich gehts Dich schon gar nichts an!" „Deine Mütze? Ach, wozu auch den Lausedeckel, da nun der Winter ja vorbei? 's mag halt Deiner Ohren wegen sein, die ansonst gar abstehend groß wachsen täten — gelt? Nun, dann will ich sie Dir suchen helfen." 12 „Brauch' Dich nit!" versetzte der Jungknab beleidigt und schritt trotzig von daunen. Er hatte nicht mehr weit zu gehen, dort, an der sumpfigen, zerstampften und räder- durchfurchten Stelle, wo er und sein Vater sich heute Morgen verfahren gehabt, lag seitab die Mütze. Doch wie er darnach greifen wollte, husch! sprang der Kobold, der ihm geräuschlos auf dem Fuße gefolgt war, hervor, faßte sie blitzschnell vorweg und sprang damit unter lautem, schadenfrohem Gekicher auf und davon. Fried zornig auf und nach. Das war ein Jagen die Kreuz und die Quer durch Busch und Hochwald, ein Schreien und Zetern, bis endlich der Wildfang im Drillichröckchen es fühlen mochte, daß dem stürmischen Verfolger auf die Dauer nicht zu entrinnen war — ein Wurf in die Höhe, und die Mütze hing im struppigen Gezweige einer Hagebuche; das Mädchen aber lief boshaft lachend davon, über Stock und Stein, der Lichtung entgegen, der hellschimmernden, wo, auf dem rasigen „Winkel", die Seinigen lagerten und Siesta hielten. Abends, als Fried in Abwesenheit seines Vaters die Kühe molk, kam seine Mutter in den Stall gegangen und befahl: „Füll' dem Mädchen hier den Topf mit Milch!" Es war dasselbe, das Mädchen vom Walde, die wilde boshafte Hummel, nur daß sie jetzt Kopf und Blick gar be- scheidentlich gesenkt hielt und allen Übermut vollständig abgestreift hatte. Nun gewahrte Fried auch, daß schräge über ihre gewölbte Stirne eine lange rötlich glänzende Narbe hinlief und beide Wangen mit Schalksgrübchen versehen waren, die gegen das zur Schau getragene devote Wesen stummen Protest zu erheben beflissen waren. 13 Ein Weilchen überlegte Fried, ob er der Mutter Befehl Folge leisten oder aber das lose Mädchen für den ihm ange- tanen Schabernack büßen lassen wolle. „Nun?" rief die Bäuerin ungeduldig, „wird's bald?" Und als die Schwarzbraune den Topf demütig hinhielt, was konnte der gutmütig geartete Jungbursche anders, als aus seinem Melkeimer die Milch eingießen, bis der fette weiße Schaum über den Rand hinausbog? Kaum jedoch, daß dies geschehen, als es in des Mädchens Dunkelauge schon wieder schalkhaft aufblitzte und fein Rotmund sich zu einer mutwilligen, höhnischen Grimasse verzog. Ein leiser Dank an die Bäuerin und fort war das Haudererkind, auf flinken Zehen zum Stadel hinaus gehuscht. „Komm mir nur wieder, du kleine Hexe!" entfuhr es dem jungen Melker ärgerlich. Beim Abendessen sprach der Zackenhofbauer, der von einem kleinen Geschäftsgänge versöhnt und ziemlich gutgelaunt zurückgekehrt war, zu seiner Gattin gewendet: „Ich hab'mir's nun genugsam überlegt und bin so ziemlich schlüssig geworden ... Fast kein Tag vergeht, daß ich nicht die Anfrage bekomm', ob ich meine Großschleiserei nicht wieder auftun wolle. Freilich, als mein Bruder Jörg und sodann auch unser Jsidor so unvermutet dahin gestorben, mochte und konnte ich das Neben- geschäst nicht mehr fortbetreiben, mit fremden Händen schon gar nicht... Lang' mir die Kartofselschüssel her, Käthe!... Nun aber, da der Fried ordentlich herangewachsen, könnten wir, dem Bauernwesen unbeschadet, die Sach' wieder aufnehmen, denk' ich!... Den Milchnapf, Mutter!... Also, um von der Großschleiserei zu reden: An Kundschaft würd' es uns nicht fehlen, die Grob- und. Zeugschmiede der Gegend sind uns 14 von früher her gut gewogen. Wissen halt wohl warum, müssen ihre Ware, um sie scharf und blank zu bekommen, nach dem entlegenen Hirsigtobel hinschicken und es zurücknehmen wie es eben kommt, schlecht gerüstet und zu hoher Tare... Und warum sollt' ich das Geschäft nicht wieder auftun? Ist doch solch' ein Batzen Nebenverdienst keineswegs zu verachten, der hilft einem vorwärts kommen. Und vorwärts muß der Mann trachten mit rastloser Kraft, einzig die Faullenzer und der Leichtsinnige bleiben auf demselben Flecke haften, genügen sich mit dem Besitz, dem kleinern oder größern, aus sie übergekommenen, oder leben gar nur von der Hand ins Maul, sogar aus Kosten Anderer, so wie es das Bettelvolk tut dort drunten im Winkel oder auf der breiten Landstraß'... Erst gestern, beim Beschlagen meines Wagenrades, sagte mir der Schmied- hannes: Schade um das hübsche Wässerlein, daß Du müßig an Deiner Nase vorbeisließen lässest, Schad' um das tote Ge- werb'. Ich müßt' einen, der froh wär', die Hütte zu kaufen oder zu pachten... So sagte der Schmied. Allein ich werde das Geschäft weder verkaufen, noch verleihen, ich will alleiniger Herr sein auf dem Zackenhof. Auf morgens schon ist der Hanli-Zimmermann herbestellt, der soll mir das Wasserrad ausflicken und die Dielen in Stand setzen. Oder ist's Dir damit nicht auch recht, Mutter?" Und die Bäuerin, die von ihrem Gatten, so oft derselbe bei guter Laune war, stets mit „Mutter" angeredet zu werden pflegte, erwiderte: „Ach, wie sollt' es mir nicht recht sein, wenn Geld ins Haus kommt, je mehr desto lieber! Brauchst Du doch dann nicht jedem Kreuzerlein, das ich für Kaffee, Seife und andere notwendige Dinge verausgabe, so genau und verdrießlich nachzugucken, als ob ich geuden täte, weiß wie! Das 15 hat mich, offen gestanden, schon oft geärgert nnd mir arg weh getan." „Babah!" brummte der Bauer, sich den Mund wischend, „Hausen und Sparen, dies allein führt zu Gewinn und Besitz!" Es war dies für sein knauseriges Gebahren seine einzige und oft zu hörende Entschuldigung. Hierauf begann er den Abendsegen zu sprechen, nicht aber, ohne dabei seines neu aufzunehmenden Nebengeschäftes zu gedenken und im Stillen den sich ergebenden Gewinn auszurechnen. Das junge Hausirermädchen, als es seine Milch erhalten, eilte damit leichtfüßig wegab, und es war zum Verwundern, wie es mit seinen schlanken, braunen Fingerchen den übervollen Topf so geschickt in der Schwebe zu halten wußte, daß kein Tropfen der kostbaren Flüssigkeit überlief und verloren ging, zum Verwundern, wie es zugleich noch sein dunkles Glotzauge neugierig nach rechts und links schweifen lassen und eine Melodie vor sich hinträllern konnte in der frohmütigsten, unbefangensten Weise. „Bist Du zurück, Lonele?^) Hast Schäumling^) gekriegt? Ei ja, guck, guck!" Es war des Mädchens Mutter, die am Lagerfeuer knieend, sich in der Begrüßung erging — eine Frau, in der Mitte ihrer Lebensjahre stehend, von sehr rundlichen Formen und regelmäßigen, blühenden Gesichtszügen, die trotz der vernachlässigten Frisur und der zahlreichen kleinen Fältchen, welche sich *) Diminutiv von Appolonia. 2) Milch. 16 in ihre Stirne eingegraben hatten, auf die einstige bedeutende Schönheit schließen ließen. Und als sie sich, bei Empfangnahme der Milch, vom Boden erhob, konnte man die Gestalt erst recht in ihrer ganzen imposanten Ansehnlichkeit ersehen, um welche sie die reichste Bäuerin oder Gasthausbesitzerin hätte beneiden dürfen. Nahe dem Feuer stand ein großer, zweirädriger und mit Zelttuch überspannter Handkarren, aus dessen Öffnung die langbehaarte und wunderlich frisirte Schnauze eines weißen Pudels herausschaute; ein zweiter, schmutzig zottiger Hund lag unter dem Wagen, knurrend und mit großem Eifer einen Pferdeknochen benagend. An der Wagendeichsel hingen Decken und Kleidungsstücke, am Boden, um das Lagerfeuer herum, standen und lagen Töpfe und Geräte aller Art bunt durcheinander. Die Hausirerin, nachdem sie von der Milch gekostet und sich den Schaum von Lippe und Nasenspitze gewischt, sagte frohgelaunt: „Guck, guck, ganz frisch und kuhwarm! 's ist doch alleweil die dufte Winde (Haus mit freigebigen Bewohnern) da droben! Geben's'gut und willig, sofern nicht just der Kaffer (Bauer) zu Hause ist; man braucht nicht erst lang' zu fackeln und zu drängen, wie mancherorts, bis Tür und Lade sich endlich auftun... Aber was ich sagen wollt': die Buben, wo stecken denn die, unsre Buben? Hab' sie nach Fettigkeit (Fleisch, Schmalz) ausgeschickt ins Städtle hinein, schon vor zwei, drei Stunden, und immer läßt sich von den Rangen noch keiner blicken! Womit soll ich denn die Rundlinge (Kartoffeln) schmälzen? Womit den Igel braten? Mach' Du Dich, Lonele, nochmals nach dem Zackenhof hinauf, steig' nochmals tapfer auf die Kafserin (Bäuerin) los — sie wird 17 Dirs nicht absein, ist sie doch eine solch dufte und butterige (freigebige und gutmütige)!" „Ich mag nicht! Ich wag's nicht, Mutter!" „Wie, zu mir darfst Du Nein sagen? Hörst Du's, GrazH, wie Dein feinlieb Mädchen mir trotzen darf?" Derjenige, an welchen diese Worte gerichtet waren, lag seitab am breiten, abschüssigen Wegrand, im weichen, dürren Waldgras — eine auffallend große und mächtige Männergestalt, mit dickem Kopf und breitem, blatternarbigem, verwittertem Gesicht. Er lag so breit und behaglich als möglich ausgestreckt im milden Märzsonnenschein, und auf den nochmaligen Anruf seiner bessern, geschäftigem und augenscheinlich schönern Hälfte schien er es nicht einmal für nötig zu erachten, '' die trägen Augen zu öffnen, sondern begnügte sich, ärgerlich zu knurren: „So laßt mich doch mit Eurem dummen Rarau (Lärmen) in Ruh'!" Damit wälzte er sich verdrießlich nach der andern Seite, seiner Frau den Rücken zukehrend. Darum denn auch diese zu schelten begann: „So, Dummheiten nennst Du's, daß ich fürs Kochen besorgt bin und kein Schmalz habe, nicht mehr den Tropfen? Allein — gelt? — das schachteln (essen) geht Dich schon an, Dich und alle, dazu seid Ihr nicht zu faul, da drängt Ihr, wenn Ihr was Gutes riechet, drum herum, daß ich selbst kaum mehr Raum find' zum Zulangen! Und muß ich mich doch schinden und plagen und denken und ratschlagen, woher dies und das zu beschaffen sei Tag für Tag, während Du bequem auf der faulen Haut liegst und Dir von der Sonne die Nasenlöcher trocknen lässest." „Aih!" gähnte der Mann. *) Pankraz. 2 18 „Ja ja, so habt Jhr's alle, so hast Du mir's gemacht von jeher: Für all' mein Sorgen und Schenigeln (Arbeiten) krieg' ich, statt Dank, nur Spott und Hohn! Und will ich eines von der Lauswaar' ausschicken auf die Fahrt (Bettelgang), schneid't es mir ein Gesicht, wie just dieses Ding da gethan, das nichtsnutzige!" Da entgegnete das Mädchen gesenkten, verlegenen Blickes und ein junges Haideblümchen zerzupfend: „Ich mag nicht zum zweiten Mal hingehen nach dem Hof hinauf, weil der Alt' zurückgekehrt ist, der einen stets so grimmig anguckt." „Der wird Dich nicht fressen!" schält die Mutter; „vöm Anlügen fällt nicht einmal der Apfel vom Baum, und wirst Dir, wenn Du nicht Hunger leiden willst, das Bösanlugen schon noch gefallen lassen müssen. Unsereiner darf halt nicht scheu und blöde tun, noch sich fürchten und schnell abweisen lassen, sonst hat's mit dem Kochen geschellt und wir können uns die Finger abbeißen. Nicht nachlassen mit Bitten und Kohlreißen (auf das Mitleid anderer abzielende, schwindelhafte Angaben machen, fingirten Notstand klagen), das ist die Losung für uns arme Wandersleut'... Drum steig' Du nochmals los, Lonele, nach dem Haus hinauf!" „Der Bauer, der Bub'!" wagte das Mädchen nochmals schüchtern einzuwenden, worauf seine Mutter nur noch ärgerlicher schalt: „Wie, den Buben? Fürchtest Dich gar noch vor solchen? Schau' man mal das Mädchen an, dem großen, tapfern Holländer-Graz seines — pfui!" höhnte sie. Gleichzeitig hatten sich auf der vom Städtchen kommenden Landstraße zwei sehr primitiv gekleidete Knaben durch Geschrei und Zank bemerkbar gemacht. Langsam kamen sie daher geschlendert, bis die Hausirerin ihnen mahnend und drohend 19 entgegen rief: „Na, Ihr Schlingel, wollt Ihr Euch sputen? Oder soll ich Euch Füße machen kommen? Nur 'ran!... Nun, Hänel, was bringst Du mir?" frug sie den kleinern und blässer« der Knaben. „Hanf (Brot), Mutter, darunter feinen, weißen; und GreibenH." „Lass mal sehen!... Und Du, Dieter? Wie, Du hast nichts erkloppen können als die paar Weißlappen (Rüben) und die Handvoll stinkendes Sauerkraut?" „Ja, denke Dir, Mutter!" verriet Hänel, „er hat alleweil nur so gegafft, auf der Zimmerstätt', beim Drahtzieher, überall auf der Gaff'. Und sich mit den Stadtbuben herumgebalgt — siehste, wie sie ihm die Beinlinge (Beinkleider) zerrissen, nun ganz und gar!" „Wie, die Beinlinge zerrissen?" rief die Mutter zornig. „Nun sollst gleich den Flick drauf erhalten!" Damit versetzte sie dem Schuldigen mit dem Reistgstock, den sie eben zur Hand hatte, einige wuchtige Hiebe auf denjenigen Körperteil, welcher infolge des geschädigten Zusammenhanges der Rückenbekleidung gerade als der zugänglichste und geeignetste betrachtet werden konnte. Der Junge heulte bei der ihm widerfahrenden Züchtigung laut auf und schrie, gegen seinen jünger« Bruder die Faust ballend: „Nun soll sie's ebenfalls wissen, daß Du die Aepfel selbst gefressen hast, die Dir des Zimmermanns Alte geschenkt hat für unser „krankes Kind!" „So?" rief die Hausirerin; „da hast auch Deine Watschen, Kleiner!" *) Fleischrückstände, vom Zerlassen des Schweineschmalzes herrührend. 20 „Er, der Dieter, hat auch seinen Teil bekommen, vorweg genommen, Mutter!" Die Ausrede half nichts. Klitsch! Klatsch! schallt es von den Rutenstreichen, und das Geheul der beiden Jungen wollte fast kein Ende mehr nehmen, bis die Mutter energisch Schweigen gebot und die Frage stellte: „Und die Großmam — wo weilt denn die Großmam? Hast sie nirgends gesehen, Hänel?" „Ja doch!" schluchzte dieser; „erst im Städtle drin und dann vorm Thor, bei dem Haus mit dem Kastanienbaum an der Eck' — dort kommt sie ja die Straß' herauf!" Und der ältere der Knaben rief, immer noch heulend und drohend: „Wart' Du nur, Hanoggel, bis morgens, für das Anmalen!" „Bis morgens? Was dann?" frug die Mutter strenge. „Willst ihn etwa schlagen, daß er Dir Deine Faullenzerei ausbringt? Nimm Dich in Acht, Dieter!" Indessen hatte sich die Aufmerksamkeit der stattlichen Fa- milienmutter mehr und mehr nach der Gegend hingelenkt, aus welcher, auf einen Stab gestützt, eine große bucklige Alte des Weges gegangen kam und sich müh- und langsamen Schrittes dem Lagerplatze näherte. Auch Lonele, die sich während der Züchtigung, die ihren Brüdern zu Teil geworden, still abseits gehalten, flog nun eiligen Schrittes den Straßenhang hinunter, der alten Frau entgegen, hing sich schmeichlerisch an ihren Arm und frug, auf die hochausgebauschte und nicht eben sehr reinliche Schürze deutend: „Was bringst uns, Großmam?" „Ach, lass' mich!" stöhnte die keuchende Alte. „Bist ein närrisch Ding und Gelüstmäulchen sonder gleichen. .. kann ja schier nicht mehr den Atem schöpfen... Und erst die Beine, die armen, alten, lahmen Knochen!" 21 Auch die Grazin, ihre Schwiegertochter, rief ihr erwartungsvoll entgegen: „Bringt Ihr Schmalz, Mutter?" „Schmalz? Schmalz just nicht, dafür aber'was anderes, besseres... Frisches Schwein, Blut- und Leberwurst — hier! ... 's kommt von der Eckbäuerin beim Kastanienbaum, welcher ich die Karten schlagen mußt' wegen ihrem Sohn — sieh Dir mal das Kopfstück an, Lene! Allweg Fettigkeit (Fleisch) genug für das eine Mahl." Frisches Schweinefleisch und Wurst, welch' ein Leckerbissen! Die Buben vergaßen darob Zank und Scheltwort, Schläge und Schmerz; Lonele klatschte jubelnd in die Hände und tanzte vor Lust. Ssgckr Graz, das würdige Familienoberhaupt, erhobLer^cher Kunde das edle dicke Haupt, richtete sich sogar Halden Leibes aus und roch; und roch wieder, wie das briet und schmorte in den über dem Lagerfeuer hängenden^Töpfen; und leckte sich lüstern das Maul und wetzte am Stein sein großes Taschenmesser, prüfte es auf die Schärfe. Und es wurde denn auch, unter lautem Schmatzen und nicht geringer Anstrengung, alles aufgegessen bis auf die Schweinsschädelknochen, die man den gaffenden Hunden hinwarf zum Benagen. Eine Stunde später war das Lagerfeuer im Verglimmen begriffen und die Gesellschaft, die eben noch munter geschmaust, zur Ruhe gegangen; und zwar waren Großmutter und Lonele in das zelttuchüberspannte Wageninnere gekrochen, während die beiden Buben, in Gesellschaft der Hunde, sich unter dem Wagen auf gesammeltes trockenes Waldgras gebettet und das Elternpaar ihr Nachtlager dicht am Stamme des den Platz beschattenden mächtigen Lindenbaumes aufgeschlagen hatten: ein aufgeschüttetes Bund weichen Haferstrohs, darüber eine Art 22 Leintuch gebreitet, des fernern eine weite, grobwollene Pferdedecke, die Gott weiß auf welche Art in den Besitz dieser unserer Hausirerleute gelangt war. „Lene!" klagte der Holländergraz nach einer Weile, „Lene, ich fühle sakrischen Durst." „Ach, lass' mich, lass' mich schlafen!" „Ich kann aber nicht schlafen — die höllisch gepfefferte Leberwurst, der Durst!" „Hier nebenan fließt der Bach." „Der Bach? Fades Wasser schwabbeln? Bah!. .. Lene, hör' mal! Hast Du wirklich kein Kopfkissen (Branntwein zum Abendtrunke) mehr?" „Nicht den Tropfen, ich schwör's! Wie Du überhaupt nur fragen magst!. Hab' ich's doch selbst gesehen, wie Du die Pulle rein ausgesogen, heut' Morgen, im Steinbruch!" Es gibt halt hier auf Erden nichts Vollkommenes. Die Abendmahlzeit war eine solch reichliche und feingute gewesen, den notwendigen Trank jedoch mußte sich der arme große Mann nachträglich aus dem Schleiferbache holen. Zwar meinte er, seine Gattin solle ihm diesen- Gefallen tun; da sie sich aber dessen entschieden weigerte, so blieb ihm nichts anderes übrig, als seine kolossale träge Gestalt aus der warmen wohligen Ruhe aufzurichten und, das Becken in der Hand, sich selbsteigen hin zu bemühen an des Baches Rand — er tat es brummend und voller Ärger. 23 Drittes Kapitel. Des Morgens waren es die beiden Jungen, welche vom Frühfröste aufgeweckt, zuerst munter wurden, mit den Hunden zu spielen und sich mit ihnen zu balgen begannen. Sie achteten wenig auf die Scheltworts der Großmutter aus dem Wagen- innern heraus, des tollen Lärmes wegen; bis die Mutter selbst ihre drohende Stimme erhob und die Buben aufforderte, auf die Holzlese zu gehen in den nahen Ballert (Wald) hinein. „Oder soll ich Euch etwa Füße machen auf gestrige Art?" fügte sie mit entsprechender Arm- und Handbewegung hinzu. Das half. Bald flackerte und prasselte das Lagerfeuer wieder lustig in die frische, helle Morgenluft empor. Man konnte sich daran bequem die steifen Gliedmaßen wärmen. Allein der Magen, auch der Magen machte von neuem feine Forderung geltend. Und nun zeigte es sich, daß, wie gewöhnlich, die sämtlichen Speifevorräte aufgezehrt waren; sogar den Topf Milch hatten die Buben vor dem Schlafengehen noch ausgetrunken. Und der Igel, der ausgeweidete — er und die ebenso schlecht verwahrt gewesenen Schweinsgreiben mußten wohl während der Nacht den Weg alles Fleisches gegangen, nämlich der Gefräßigkeit der Hunde zum Opfer gefallen fein, nicht die Spur war mehr davon vorhanden. Blieb also nichts übrig als die paar Weißrüben. Weißrüben ohne die geeignete Zutat — was sollte man mit den elenden Weißrüben anfangen? „Na, Ihr Buben und auch Du, Lonele, fort auf die Klopp (Bettelfahrt), nach dem Mochumchen (Städtchen) hin! Schnell!" 24 Sie gehorchten, weil nüchternen Magens, nur unwillig. Auch die Großmutter griff nach ihrem Krückstöcke, versah sich zugleich mit einem Büschel getrockneter Waldkräuter und kroch mühsam nach dem nahen Zackenhof hinauf. Und ihre Schwiegertochter schalt: „Siehste, Graz, welch' fauler Mann Du bist! hier der Haufen zu heftender Becken, dort die zu lötende Blechpfanne; und nicht die Hand hast noch daran gerührt! Kein Geld verdient, den ganzen gestrigen Tag über auch nicht den elenden Polscher (Pfennig), nichts getan, als auf der faulen Haut gelegen und Stinkkraut gepafft, das der Krämer Dir wohl auch nicht geschenkt Deiner höflichen Red' willen. Ist das nicht die Schand' ? Na da, aufgestanden und an den Schenigel (Arbeit) hin!" Da fing auch der Mann an zu poltern. „Es könnte einen bedünken," meinte er, „was Du heut schon Großes verrichtet hätt'st, daß 's Tor so weit auftust! Schaff' mal erst das Frühstück her, eher rühr' ich nicht das Glied!" „Schaff' Du her!" „Das ist Sache der Tippelschicksen (Bettel-Weibsleute auf der Wanderschaft). Oder soll ich etwa an die Türen klopfen und in die Küchen schleichen gehen? Na, da wär' ich wohl dnmm, da wär' ich ein geschlagener Mann; und —" „Geschlagener Mann!" fiel ihm die stattliche Frau Grazin höhnisch ins Wort. Seh' man mal den großen, wanstigen, geschlagenen Mann, den Bärenhäuter an, der gewiß eines Tages verlangen wird, daß man ihm, da er selbst hiefür zu träge geworden, die fetten guten Bissen gar noch ins Maul schiebe! Hast Du Dir wohl deswegen eine Frau genommen und eine Familie aufgerichtet, damit sie Dir die Schachtelung (das Essen) herbeischaffe, das Du nicht selbst verdienen kannst 25 und magst, Du Schwernöter, Du Großmögel!" fügte sie zornig hinzu. „Halt' die Schleif', Weib, oder —!" „Nein, ich halt's nicht! Was ich red', ist wahr, und ob's Dich juckt oder brennt, ich frag' nichts darnach... Ja, hätt' ich das eher gewußt, als ich noch die junge Dille (erwachsenes Mädchen) war —" „Was, eher gewußt? Hättest Dir gewiß den Breisgäuer genommen, den scheeläugigen Wenz, den Schlamassel (schlechten Kamerad), mit dem Du's eine Weil' gehalten?" „O Du läppischer, schuftiger Großhans Du! Meinst wohl mich zornig machen zu können mit Deinem Wenz, den Du mir schon unzählige Mal um die Nase gerieben. Weißt Du was, der Wenzel ist allweg so brav wie Du, und wenn ich ihn gewollt und genommen, so gut, wie bei Dir, hätt' ich's bei ihm wohl alleweil auch gekriegt!" Der von dem Wandervolk als Lagerplatz benutzte Winkel stieß, wie bereits erwähnt worden, unmittelbar an die vorbei- führende Landstraße. Ein mit Kaufmannsgütern schwer beladener Lastwagen kam langsam des Weges gefahren. Hintendrein trieb ein Schäfer seine hundertköpfige Herde, wohl nach den grünenden Triften der Voralpen, zur Sommerung hin. Den ungewohnten Umstand machten sich des „Holländers" beide Köter insofern zu Nutzen, als sie mit großem Eifer auf den dichtgeschlossenen Trupp Schafe eindrangen und loskläfften; bald waren sie denn auch mit dem eifersüchtigen Schäferhund in ein wütendes Streitgebell verwickelt, darob die furchtsamen Lämmer in große Verwirrung und auf Abwege gerieten, was wiederum zur Folge hatte, daß der 26 Hirte, zu der Frau Grazin gewendet, zornig rief: „Heda, Du Vettel, ruf' Dir Dein Hundevieh zurück, sofort! Oder soll ich's totschlagen?" Zugleich und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, erhob er drohend feine Keule. Die „Holländerin", durch das ihr zu Teil gewordene Schimpfwort nicht wenig verletzt, entgegnete erbost und in ebenso derber Weise: „Wag's, Du stinkender Schafbock!" Und ihr herkulischer Gatte, sich auffallend hurtig vom Boden erhebend, ergriff einen armsdicken Waldsparren, schwang, ihn drohend über seinem Haupte und brüllte nicht minder zornig: „Ja, wag's, Du Zeckensresser!" „Ich werd's der Polizei vermelden, Euer Wegelagern, gleich im Städtchen!" rief der Schäfersmann, sich langsam zurückziehend. „Ich werd' den ersten besten Landjäger rufen!" „Ruf' doch gleich den Teufel und seine Großmutter, ich scher' mich drum!" höhnte der „Holländer". Und der Lastfuhrmann, der des Spektakels wegen seine Pferde angehalten, hetzte vergnügt: „Nun, was zögert Ihr Beiden noch? Zugegriffen! Abgewelkt — gß! gßü" Und er lachte dazu gar unbändig. Endlich war es dem Schäfer gelungen, seine versprengte Herde wieder zusammen und langsam in Gang zu bringen, von weitem gefolgt von den kläffenden Kötern, während der Wald von seinen Flüchen und Verwünschungen widerhallte. Inzwischen war die alte „Holländerin" oben beim Zackenhofhause glücklich angelangt. Es geschah dies zu günstiger Stunde, denn der Bauer und sein Sohn waren soeben mit dem klotzbeladenen Wagen nach der Sägemühle gefahren und also niemand ferner zu Hause, als die Weibsame, die Bäuerin und ihr Töchterlein. 27 „Ach!" stöhnte die Greisin, sich müde auf die Küchen- bank niederlassend, „'s wird wohl das letzte Mal sein, daß ich bei Euch Einkehr halte. Die Beine wollen mich auf ebenem Boden kaum mehr tragen, geschweige denn bergauf und ab. Und erst der Atem!... O die Reichen haben's gut, brauchen sich nicht die Fuß' wund zu laufen nach einem Stücklein Brot, in den alten, mühseligen Tagen!" „Wie alt seid Ihr denn, Mutter?" frug die Bäuerin nicht ohne Teilnahme. „Wie alt, fragt Ihr? Nun, am Mathpsentag bin ich in das Zweiundachzigste getreten." „In das Zweiundachzigste!" rief die Bäuerin voller Verwunderung. Und das junge Bauernmädchen stieß seine Mutter mit dem Ellbogen an und flüsterte ebenso erstaunt: „Und dabei keine Strümps' an den Füßen, bei solch' frostiger Witterung!" Die Alte, welche die Bemerkung dennoch gehört haben mußte, erwiderte eifrig: „Strümps' an den Füßen? Hab' all' mein Lebtag keine solchen getragen, war's wohl zufrieden, bei strenger Winterszeit, mit einigen Lappen. In meinen jungen Jahren wußte ich warmblütig Ding schon gar nichts von Frieren, lief Euch barfuß über Berg und Tal, zu jeder Jahreszeit, gleich einem Reh, kannte auch die Müdigkeit kaum dem Namen nach, nahm es im Ringen und Schwingen beinah' mit jedem Mannsbild auf, war bekannt hiesür weit und breit... Jetzt ist's freilich anders geworden, die Welt weiß nichts mehr von der schönen, lustigen, sie kennt nur noch die alte, totmüde „Holländerliesel..." Es überkam sie ein krampfhafter Husten, der sich lange nicht legen wollte. „Ach!" ächzte sie, mit dem knöchernen Handrücken 28 die tief in ihren Höhlen liegenden Augen trocknend, „ach, diese ach- zig Jahre, die schadhaften Schuhe, die Kälte und Nässe einlassen! Seht 'mal, liebe Frau, wie meine elenden Zehen hervorgucken!" „Wirklich — ach herrsch! Will 'mal nachschauen gehen, ob sich für Euch Schuhe vorfinden im Haus." Käthchen aber, das sunge Zackenhofmädchen, immer noch im Anschauen der alten Hausirerin begriffen, legte sich die Frage vor, wie diese knochige, gebeugte Gestalt, mit dem welken, runzeligen Gesichte, der spitzigen, geröteten Nase, dem langen, borstigen Kinn und dem eingekniffenen, zahnlosen Munde jemals die schöne Liesel hatte genannt werden können... als die Bäuerin schon wieder erschien, in der Hand ein Paar staubige, aber gleichwohl gut erhaltene Bundschuhe. „Sie sind von dem langen Nichtgebrauche ein bischen hart und steif geworden," meinte sie treuherzig; „doch braucht es wohl nur des warmen tüchtigen Einschmierens und sie werden wieder taugen gleich neuen, sofern sie im übrigen Euch passen... O ja, sie passen euch ganz vortrefflich, seht, seht!" Die alte Hausirerin erging sich in den lebhaftesten Dankbezeugungen, und da sie an der 'Hand des Bauerntöchterchens eine häßliche Dornwarze ersah, erbot sie sich sogleich, ein Mittel zu verordnen, das dieselbe entfernen sollte, und zwar ohne Schmerz oder Gefahr, innert wenigen Tagen. Das Mädchen schaute erfreut zu seiner Mutter empor und diese beeilte sich, der heilkundigen Alten ein Gläschen alten Enzian einzuschenken und als Zutat ein Stück süßduftenden Rahmknchen beizulegen, und meinte verwundert: „Wie Ihr nur zu so vieler Doktorwissenschaft habt gelangen können, Frau?" „Wissenschaft?" entgegnete die „Holländerin", an einem Stückchen Kuchen knuspernd, „da braucht's schon nicht groß 29 der Wissenschaft, denn mehr wie diese ist die Erfahrung wert, die Erfahrung vieler Geschlechter meines Stammes, vom Gründer desselben bis zu uns herauf. Ja, mein Ur-Urahn, der war seiner absonderlichen Heilkünste wegen weit berühmt in den Landen. Es war ihm, wie man sich in meiner Familie jetzt noch erzählt, ein Leichtes gewesen, einem Hund' den Schwanz abzuschneiden und im Nu wieder anzuheilen, so daß jener kaum etwas davon verspürte oder merkte. Einem Hingerichteten habe er sogar einmal, mit Erlaubniß der Obrigkeit, die an die Sache nicht glauben wollte, den abgeschlagenen Kops wieder aufgesetzt, eingeschachtelt und darauf den entfesselten armen Sünder wieder gehen heißen, zum Staunen und Entsetzen der großen Zuschauermenge, die vor dem wieder zum Leben erweckten Einherwandelnden die jähe Flucht ergriff nach allen Winden . . . Dieser Husten, er plagt mich so arg! . . . Allein dieses Säftchen, — sie deutete auf das Gläschen Branntwein — wie das so herrlich riechen und kräftig wärmen tut!" Die Bäuerin dagegen, deren Sinn immer noch an der wunderbaren Hundeschwanz- und Kopf-Anheilungsgeschichte haften geblieben war, rief einmal über das andere, voller Verwunderung: „Was Ihr da nicht sagt! Was Ihr da nicht sagt!" Und nachdem sie ihr Töchterlein hinausgeschickt hatte, damit es nach den Hühnern und Küchlein sehe, rückte sie mit ihrem Herzensanliegen heraus: „Mein Mann .. . mein Mann ist ein solch braver, häuslicher und guter, wie es deren wenige gibt weitum. .. Allein wenn er seine böse, zornmütige Anwandlung bekommt, dann ist's um ihn her kaum auszuhalten. Er kann sich manchmal so sehr ereifern ob geringfügiger Sachen, die ihm nicht in den Kram dienen, daß ich mir kaum mehr zu reden trau', von Widerreden gänzlich zu 30 schweigen. Und da ich's dennoch einige Mal tat, ganz mit Recht, — wie schlimm das ausgefallen, ich mag's schon gar nicht erzählen... Und da ist's mir just in den Sinn gekommen, ob Ihr vielleicht ein Mittelchen wüßtet, ein geheimes, wider seinen Zorn... Laßt Euch Zeit zum Nachdenken, Frau! Ihr sollt's, wenn's gut gelingt, nicht umsonst getan haben." Und die alte „Holländerin" dachte nach; sie summte und nickte und entnahm ihrer kirschbaumrindenen Dose eine Prise um die andere; sie nickte abermals und atmete auf: das Mittel war gefunden. Noch stellte sie, im Tone der Eraminatorin, die Frage: „Hat Euer Mann die Gewohnheit des Trinkens ? Trinkt er Wein oder Saroff -— Branntwein, wollt' ich sagen? Bekommt er die Anwandlung vor oder nach dem genossenen Gläslein?" „Vor und nach," antwortete die Bäuerin seufzend, „je nachdem ihm 'was über den Weg gelaufen ... Eigentlich, ich muß es bekennen, geschieht es zumeist nach dem Trunk' — er trinkt zwar selten über das vernünftig Maß — also nach dem Trunk tut er gewöhnlich weit aufgeregter, denn zuvor. Ja ja, so ist's! Am letzten Sankt Verenamarkt, als er nach Hause kam und das erkrankte Kälblein ersah im Stall und die Meinung bekam, wir hätten demselben nicht ordentlich gewartet, und fand gar noch die Suppenschüssel in Stücken — es war der Hund gewesen, der sie von der Bank herunter geleckt — da tat er so arg wild, wie ich ihn noch selten gesehen, und hätt' ich endlich nicht geschwiegen, ich glaub', er wär' im Stand' gewesen, mich zu schlagen... Und wie gesagt, er ist sonst ein solch' guter und braver..." „Also nach dem Trnnke!" murmelte die Wunderdoktorin, mit dem Kopfe hin und her wackelnd. Und nach einer Weile fortgesetzten geheimnisvollen Geberdens hub sie an: „Schaut, 31 Euer Mann ist halt in einem ungeraden Zeichen zur Welt gekommen, wohl im Uranus — hätt' ich nur meine Karten mitgenommen, Ihr solltet's gleich wissen.. . Als jung und klein wär' ihm so leicht zu helfen gewesen; allein auch jetzt wird sich noch 'was tun lassen gegen das böse Gestirn; ich werd' ihm schon beikommen, zählt drauf!... Hier, dieses Kraut- blättlein, rasellukssli benamset, das seltenste und kostbarste, so es nur geben kann, am Heiligkreuzhügel gewachsen — das tut Ihr in seine Branntweinflasche — gehört? Es muß dies aber des Freitags, während dem Betzeitläuten geschehen — verstanden? Dann mag er trinken, so viel er will, Euerm Hausfrieden soll's nicht mehr schaden, noch Euch ferner bange werden... Trinkt er, Euer Mann, aber außer dem Hause und bringt das jähzornige Geblüt mit heim — auch für diesen Fall ist zu helfen. Nur solltet Ihr eine weiß und schwarz gesprenkelte Katze haben — ah, dort schnurrt ja just eine solche auf der Ofenbank!... — Also kommt Euer Mann ein bischen beschwort nach Haus und ist drauf und dran, seinen Zorn auszulasten, so braucht Ihr darauf schon gar nicht zu achten, sondern bloß diese Eure Katze aufzugreifen, mit ihr Euch abseits zu begeben und ihr sachte den Balg zu streicheln, und zwar — nicht zu vergessen! — stets von vorn' nach hinten. Ihr selbst beißt dabei Eure Zähne fest zusammen. Und ich wette taufend gegen eins, binnen kürzester Frist fängt das Unwetter sich an zu verziehen, gefahrlos vorüber zu ziehen..." Als die alte Hausirerin sich nach einer Weile wieder sachte bergab begab, da wog ihre weite Schürze sehr schwer, schwer von den geschenkt erhaltenen Speckstücken und frischen Eiern, welche sie ihrer am Lagerfeuer kauernden Schwiegertochter gewissenhaft verabfolgte. Das Krüglein Enzian dagegen, das sie ebenfalls von der „Zackenbäuerin" bekommen, schien sie völlig vergessen zu haben, trotzdem dasselbe, in der Gewandtasche steckend, ihr bei jeglichem Schritt unsanft am Knie herumbanmelte. Eier und Speck, das war Hilfe in der Not zu nennen. Denn immer waren die Kinder von ihrer Fahrt (Bettelgang), die sie nach dem Städtchen hin unternommen, noch nicht zurück, und brummte Papa Graz immer verdrießlicher in den dichten struppigen Vollbart hinein, zumal ihm nun auch noch der Kautabak ausgegangen, nicht das elende Rippchen fand sich mehr vor in seiner Westentasche. Zwar aus der Ferne, vom Städtchen her, vernahm man jugendlichen Mädchensang, der klang gar hell und sorglos. Es war richtig die Lonele, das gefüllte und mit einem Deckel verschlossene Milchkesselchen an der Hand, das sie in tollem Übermut behende um und um schwang, ohne auch nur den Tropfen einzubüßen, ein Kunststück, das dem Mädchen großes Vergnügen zu bereiten schien, seitens der Mutter Grazin jedoch mit weit schallender Stimme gerügt und der Wildfang selbst zu größerer Eile angetrieben wurde. Eier und Speck — wohl, daß die „Großmam" so gut ausgegangen. Denn was die Buben von ihrer Fahrt herbrachten: Kartoffeln, Rüben, einige Bissen Schwarzbrot, nebst einer Handvoll Kochsalz — alles, in den Augen ihrer Mutter, kaum der Rede und des langen Wartens wert. Dafür, für den geringen Gewinn, den ihre Faulheit verschuldet, bekamen die beiden Jungen auch wieder ihre gewohnten „Watschen", deren Empfang sie ebenfalls wieder durch überlautes Geheul, als stäken sie am Messer, richtig bescheinigten, welch' letzterer Umstand einen ganz besonders zu ärgern schien, nämlich den Zackenbauer, der mit seinem klotzentlasteten Wagen von der Sägemühle zurückkehrte und dessen Öchslein vor dem Geschrei 17 Dirs nicht absein, ist sie doch eine solch dufte und butterige (freigebige und gutmütige)!" „Ich mag nicht! Ich wag's nicht, Mutter!" „Wie, zu mir darfst Du Nein sagen? Hörst Dn's, GrazH, wie Dein feinlieb Mädchen mir trotzen darf?" Derjenige, an welchen diese Worte gerichtet waren, lag seitab am breiten, abschüssigen Wegrand, im weichen, dürren Waldgras — eine auffallend große und mächtige Männergestalt, mit dickem Kopf und breitem, blatternarbigem, verwittertem Gesicht. Er lag so breit und behaglich als möglich ausgestreckt im milden Märzsonnenschein, und auf den nochmaligen Anruf seiner bessern, geschäftigem und augenscheinlich schönern Hälfte schien er es nicht einmal für nötig zu erachten, die trägen Augen zu öffnen, sondern begnügte sich, ärgerlich zu knurren: „So laßt mich doch mit Eurem dummen Rarau (Lärmen) in Ruh'!" Damit wälzte er sich verdrießlich nach der andern Seite, feiner Frau den Rücken zukehrend. Darum denn auch diese zu schelten begann: „So, Dummheiten nennst Du's, daß ich fürs Kochen besorgt bin und kein Schmalz habe, nicht mehr den Tropfen? Allein — gelt? — das schachteln (essen) geht Dich schon an, Dich und alle, dazu seid Ihr nicht zu faul, da drängt Ihr, wenn Ihr was Gutes riechet, drum herum, daß ich selbst kaum mehr Raum sind' zum Zulangen! Und muß ich mich doch schinden und plagen und denken und ratschlagen, woher dies und das zu beschaffen sei Tag für Tag, während Du bequem auf der faulen Haut liegst und Dir von der Sonne die Nasenlöcher trocknen lässest." „Aih!" gähnte der Mann. *) Pankraz. 2 18 „Ja ja, so habt Jhr's alle, so hast Du mir's gemacht von jeher: Für all' mein Sorgen und Schenigeln (Arbeiten) krieg' ich, statt Dank, nur Spott und Hohn! Und will ich eines von der Lausrvaar' ausschicken auf die Fahrt (Bettelgang), schneid't es mir ein Gesicht, wie just dieses Ding da gethan, das nichtsnutzige!" Da entgegnete das Mädchen gesenkten, verlegenen Blickes und ein junges Haideblümchen zerzupfend: „Ich mag nicht zum zweiten Mal hingehen nach dem Hof hinauf, weil der Alt' zurückgekehrt ist, der einen stets so grimmig anguckt." „Der wird Dich nicht fressen!" schalt die Mutter; „vom Anlügen fällt nicht einmal der Apfel vom Baum, und wirst Dir, wenn Du nicht Hunger leiden willst, das Bösanlugen schon noch gefallen lassen müssen. Unsereiner darf halt nicht scheu und blöde tun, noch sich fürchten und schnell abweisen lassen, sonst hat's mit dem Kochen geschellt und wir können uns die Finger abbeißen. Nicht nachlassen mit Bitten und Kohlreißen (auf das Mitleid anderer abzielende, schwindelhafte Angaben machen, singirten Notstand klagen), das ist die Losung für uns arme Wandersleut'... Drum steig' Du nochmals los, Lonele, nach dem Haus hinauf!" „Der Bauer, der Bub'!" wagte das Mädchen nochmals schüchtern einzuwenden, worauf seine Mutter nur noch ärgerlicher schalt: „Wie, den Buben? Fürchtest Dich gar noch vor solchen? Schau' man mal das Mädchen an, dem großen, tapfern Holländer-Graz seines — pfui!" höhnte sie. Gleichzeitig hatten sich auf der vom Städtchen kommenden Landstraße zwei sehr primitiv gekleidete Knaben durch Geschrei und Zank bemerkbar gemacht. Langsam kamen sie daher geschlendert, bis die Haufirerin ihnen mahnend und drohend 19 entgegen rief: „Na, Ihr Schlingel, wollt Ihr Euch sputen? Oder soll ich Euch Füße machen kommen? Nur 'ran!... Nun, Hänel, was bringst Du mir?" frug sie den kleinern und blässer« der Knaben. „Hanf (Brot), Mutter, darunter feinen, weißen; und Greiben*)." „Lass' mal sehen!... Und Du, Dieter? Wie, Du hast nichts erkloppen können als die paar Weißlappen (Rüben) und die Handvoll stinkendes Sauerkraut?" „Ja, denke Dir, Mutter!" verriet Hänel, „er hat alleweil nur so gegafft, auf der Zimmerstätt', beim Drahtzieher, überall auf der Gast'. Und sich mit den Stadtbuben herumgebalgt — siehste, wie sie ihm die Beinlinge (Beinkleider) zerrissen, nun ganz und gar!" „Wie, die Beinlinge zerrissen?" rief die Mutter zornig. „Nun sollst gleich den Flick drauf erhalten!" Damit versetzte sie dem Schuldigen mit dem Reisigstock, den sie eben zur Hand hatte, einige wuchtige Hiebe auf denjenigen Körperteil, welcher infolge des geschädigten Zusammenhanges der Rückenbekleidung gerade als der zugänglichste und geeignetste betrachtet werden konnte. Der Junge heulte bei der ihm widerfahrenden Züchtigung laut auf und schrie, gegen seinen jüngern Bruder die Faust ballend: „Nun soll sie's ebenfalls wissen, daß Du die Aepfel selbst gefressen hast, die Dir des Zimmermanns Alte geschenkt hat für unser „krankes Kind!" „So?" rief die Hausirerin; „da hast auch Deine Watschen, Kleiner!" Fleischrückstände, vom Zerlassen des Schweineschmalzes herrührend. 20 „Er, der Dieter, hat auch seinen Teil bekommen, vorweg genommen, Mutter!" Die Ausrede half nichts. Klitsch! Klatsch! schallt es von den Rutenstreichen, und das Geheul der beiden Jungen wollte fast kein Ende mehr nehmen, bis die Mutter energisch Schweigen gebot und die Frage stellte: „Und die Großmam — wo weilt denn die Großmam? Hast sie nirgends gesehen, Hänel?" „Ja doch!" schluchzte dieser; „erst im Städtle drin und dann vorm Thor, bei dem Haus mit dem Kastanienbaum an der Eck' — dort kommt sie ja die Straß' herauf!" Und der ältere der Knaben rief, immer noch heulend und drohend: „Wart' Du nur, Hanoggcl, bis morgens, für das Anmalen!" „Bis morgens? Was dann?" frug die Mutter strenge. „Willst ihn etwa schlagen, daß er Dir Deine Faullenzerei ausbringt? Nimm Dich in Acht, Dieter!" Indessen hatte sich die Aufmerksamkeit der stattlichen Fa- milienmutter mehr und mehr nach der Gegend hingelenkt, aus welcher, auf einen Stab gestützt, eine große bucklige Alte des Weges gegangen kam und sich müh- und langsamen Schrittes dem Lagerplatze näherte. Auch Lonele, die sich während der Züchtigung, die ihren Brüdern zu Teil geworden, still abseits gehalten, flog nun eiligen Schrittes den Straßenhang hinunter, der alten Frau entgegen, hing sich schmeichlerisch an ihren Arm und frug, aus die hochausgebauschte und nicht eben sehr reinliche Schürze deutend: „Was bringst uns, Großmam?" „Ach, lass' mich!" stöhnte die keuchende Alte. „Bist ein närrisch Ding und Gelüstmäulchen sonder gleichen... kann ja schier nicht mehr den Atem schöpfen ... Und erst die Beine, die armen, alten, lahmen Knochen!" 21 Auch die Grazin, ihre Schwiegertochter, rief ihr erwartungsvoll entgegen: „Bringt Ihr Schmalz, Mutter?" „Schmalz? Schmalz just nicht, dafür aber'was anderes, besseres... Frisches Schwein, Blut- und Leberwurst — hier! ... 's kommt von der Eckbäuerin beim Kastanienbaum, welcher ich die Karten schlagen mußt' wegen ihrem Sohn — sieh Dir mal das Kopfstück an, Lene! Allweg Fettigkeit (Fleisch) genug für das eine Mahl." Frisches Schweinefleisch und Wurst, welch' ein Leckerbissen! Die Buben vergaßen darob Zank und Scheltwort, Schläge und Schmerz; Lonele klatschte jubelnd in die Hände und tanzte vor Lust. Sogar Graz, das würdige Familienoberhaupt, erhob bei der Kunde das edle dicke Haupt, richtete sich sogar halben Leibes auf und roch; und roch wieder, wie das briet und schmorte in den über dem Lagerfeuer hängenden Töpfen; und leckte sich lüstern das Maul und wetzte am Stein sein großes Taschenmesser, prüfte es auf die Schärfe. Und es wurde denn auch, unter lautem Schmatzen und nicht geringer Anstrengung, alles aufgegessen bis auf die Schweinsschädelknochen, die man den gaffenden Hunden hinwarf zum Benagen. Eine Stunde später war das Lagerfeuer im Verglimmen begriffen und die Gesellschaft, die eben noch munter geschmaust, zur Ruhe gegangen; und zwar waren Großmutter und Lonele in das zelttuchüberspannte Wageninnere gekrochen, während die beiden Buben, in Gesellschaft der Hunde, sich unter dem Wagen auf gesammeltes trockenes Waldgras gebettet und das Elternpaar ihr Nachtlager dicht am Stamme des den Platz beschattenden mächtigen Lindenbaumes aufgeschlagen hatten: ein aufgeschüttetes Bund weichen Haferstrohs, darüber eine Art Leintuch gebreitet, des fernern eine weite, grobwollene Pferdedecke, die Gott weiß auf welche Art in den Besitz dieser unserer Hausirerleute gelangt war. „Lene!" klagte der Holländergraz nach einer Weile, „Lene, ich fühle sakrischen Durst." „Ach, lass mich, lass' mich schlafen!" „Ich kann aber nicht schlafen — die höllisch gepfefferte Leberwurst, der Durst!" „Hier nebenan fließt der Bach." „Der Bach? Fades Wasser schwabbeln? Bah!... Lene, hör' mal! Hast Du wirklich kein Kopfkissen (Branntwein zum Abendtrunke) mehr?" „Nicht den Tropfen, ich schwör's! Wie Du überhaupt nur fragen magst! Hab' ich's doch selbst gesehen, wie Du die Pulle rein ausgesogen, heut' Morgen, im Steinbruch!" Es gibt halt hier auf Erden nichts Vollkommenes. Die Abendmahlzeit war eine solch reichliche und feingute gewesen, den notwendigen Trank jedoch mußte sich der arme große Mann nachträglich aus dem Schleiferbache Holen. Zwar meinte er, seine Gattin solle ihm diesen Gefallen tun; da sie sich aber dessen entschieden weigerte, so blieb ihm nichts anderes übrig, als seine kolossale träge Gestalt aus der warmen wohligen Ruhe aufzurichten und, das Becken in der Hand, sich selbsteigen hin zu bemühen an des Baches Rand — er tat es brummend und voller Ärger. 23 Drittes Hapiiet. Des Morgens waren es die beiden Jungen, welche vom Frühfröste aufgeweckt, zuerst munter wurden, mit den Hunden zu spielen und sich mit ihnen zu balgen begannen. Sie achteten wenig auf die Scheltworts der Großmutter aus dem Wagen- innern heraus, des tollen Lärmes wegen; bis die Mutter selbst ihre drohende Stimme erhob und die Buben aufforderte, auf die Holzlese zu gehen in den nahen Ballert (Wald) hinein. „Oder soll ich Euch etwa Füße machen auf gestrige Art?" fügte sie mit entsprechender Arm- und Handbewegung hinzu. Das half. Bald flackerte und prasselte das Lagerfeuer wieder lustig in die frische, helle Morgenluft empor. Man konnte sich daran bequem die steifen Gliedmaßen wärmen. Allein der Magen, auch der Magen machte von neuem seine Forderung geltend. Und nun zeigte es sich, daß, wie gewöhnlich, die sämtlichen Speisevorräte aufgezehrt waren; sogar den Tops Milch hatten die Buben vor dem Schlafengehen noch ausgetrunken. Und der Igel, der ausgeweidete — er und die ebenso schlecht verwahrt gewesenen Schweinsgreiben mußten wohl während der Nacht den Weg alles Fleisches gegangen, nämlich der Gefräßigkeit der Hunde zum Opfer gefallen fein, nicht die Spur war mehr davon vorhanden. Blieb also nichts übrig als die paar Weißrüben. Weißrüben ohne die geeignete Zutat — was sollte man mit den elenden Weißrüben anfangen? „Na, Ihr Buben und auch Du, Lonele, fort auf die Klopp (Bettelfahrt), nach dem Mochumchen (Städtchen) hin! Schnell!" 24 Sie gehorchten, weil nüchternen Magens, nur unwillig. Auch die Großmutter griff nach ihrem Krückstöcke, versah sich zugleich mit einem Büschel getrockneter Waldkräuter und kroch mühsam nach dem nahen Zackenhof hinaus. Und ihre Schwiegertochter schalt: „Siehste, Graz, welch' fauler Mann Du bist! hier der Haufen zu heftender Becken, dort die zu lötende Blechpfanne; und nicht die Hand hast noch daran gerührt! Kein Geld verdient, den ganzen gestrigen Tag über auch nicht den elenden Polscher (Pfennig), nichts getan, als auf der faulen Haut gelegen und Stinkkraut gepafft, das der Krämer Dir wohl auch nicht geschenkt Deiner höflichen Red' willen. Ist das nicht die Schand'? Na da, aufgestanden und an den Schenigel (Arbeit) hin!" Da fing auch der Mann an zu poltern. „Es könnte einen bedünken," meinte er, „was Du heut schon Großes verrichtet hätt'st, daß 's Tor so weit auftust! Schaff' mal erst das Frühstück her, eher rühr' ich nicht das Glied!" „Schaff' Du her!" „Das ist Sache der Tippelschicksen (Bettel-Weibsleute auf der Wanderschaft). Oder soll ich etwa an die Türen klopfen und in die Küchen schleichen gehen? Na, da wär' ich wohl dumm, da wär' ich ein geschlagener Mann; und — „Geschlagener Mann!" fiel ihm die stattliche Frau Grazin höhnisch ins Wort. Seh' man mal den großen, wanstigen, geschlagenen Mann, den Bärenhäuter an, der gewiß eines Tages verlangen wird, daß man ihm, da er selbst hiefür zu träge geworden, die fetten guten Bissen gar noch ins Maul schiebe! Hast Du Dir wohl deswegen eine Frau genommen und eine Familie aufgerichtet, damit sie Dir die Schachtelung (das Essen) herbeischaffe, das Du nicht selbst verdienen kannst 25 und magst, Du Schwernöter, Du Großmögel!" fügte sie zornig hinzu. „Halt' die Schleif', Weib, oder —!" „Nein, ich halt's nicht! Was ich red', ist wahr, und ob's Dich juckt oder brennt, ich frag' nichts darnach... Ja, hätt' ich das eher gewußt, als ich noch die junge Dille (erwachsenes Mädchen) war —" „Was, eher gewußt? Hättest Dir gewiß den Breisgäuer genommen, den scheeläugigen Wenz, den Schlamassel (schlechten Kamerad), mit dem Du's eine Weil' gehalten?" „O Du läppischer, schuftiger Großhans Du! Meinst wohl mich zornig machen zu können mit Deinem Wenz, den Du mir schon unzählige Mal um die Nase gerieben. Weißt Du was, der Wenzel ist allweg so brav wie Du, und wenn ich ihn gewollt und genommen, so gut, wie bei Dir, hätt' ich's bei ihm wohl alleweil auch gekriegt!" Der von dem Wandervolk als Lagerplatz benutzte Winkel stieß, wie bereits erwähnt worden, unmittelbar an die vorbei- führende Landstraße. Ein mit Kaufmannsgütern schwer beladener Lastwagen kam langsam des Weges gefahren. Hintendrein trieb ein Schäfer seine hundertköpfige Herde, wohl nach den grünenden Triften der Voralpen, zur Sommerung hin. Den ungewohnten Umstand machten sich des „Holländers" beide Köter insofern zu Nutzen, als sie mit , großem Eifer auf den dichtgeschlossenen Trupp Schafe eindrangen und loskläfften; bald waren sie denn auch mit dem eifersüchtigen Schäferhund in ein wütendes Streitgebell verwickelt, darob die furchtsamen Lämmer in große Verwirrung und auf Abwege gerieten, was wiederum zur Folge hatte, daß der 26 Hirte, zu der Frau Grazin gewendet, zornig rief: „Heda, Du Vettel, ruf' Dir Dein Hundevieh zurück, sofort! Oder soll ich's totschlagen?" Zugleich und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, erhob er drohend seine Keule. Die „Holländerin", durch das ihr zu Teil gewordene Schimpfwort nicht wenig verletzt, entgegnete erbost und in ebenso derber Weise: „Wag's, Du stinkender Schafbock!" Und ihr herkulischer Gatte, sich auffallend hurtig vom Boden erhebend, ergriff einen armsdicken Wäldsparren, schwang ihn drohend über seinem Haupte und brüllte nicht minder zornig: „Ja, wag's, Du Zeckenfresser!" „Ich werd's der Polizei vermelden, Euer Wegelagern, gleich im Städtchen!" rief der Schäfersmann, sich langsam zurückziehend. „Ich werd' den ersten besten Landjäger rufen!" „Ruf' doch gleich den Teufel und seine Großmutter, ich scher' mich drum!" höhnte der „Holländer". Und der Lastfuhrmann, der des Spektakels wegen seine Pferde angehalten, hetzte vergnügt: „Nun, was zögert Ihr Beiden noch? Zugegriffen! Abgewalkt—gß! gßü" Und er lachte dazu gar unbändig. Endlich war es dem Schäfer gelungen, seine versprengte Herde wieder zusammen und langsam in Gang zu bringen, von weitem gefolgt von den kläffenden Kötern, während der Wald von seinen Flüchen und Verwünschungen widerhallte. Inzwischen war die alte „Holländerin" oben beim Zackenhofhause glücklich angelangt. Es geschah dies zu günstiger Stunde, denn der Bauer und sein Sohn waren soeben mit dem klotzbeladenen Wagen nach der Sägemühle gefahren und also niemand ferner zu Hause, als die Weibfame, die Bäuerin und ihr Töchterlein. 27 „Ach!" stöhnte die Greisin, sich müde auf die Küchen- dank niederlassend, „'s wird wohl das letzte Mal sein, daß ich bei Euch Einkehr halte. Die Beine wollen mich auf ebenem Boden kaum mehr tragen, geschweige denn bergauf und ab. Und erst der Atem!... O die Reichen haben's gut, brauchen sich nicht die Füß' wund zu laufen nach einem Stücklein Brot, in den alten, mühseligen Tagen!" „Wie alt seid Ihr denn, Mutter?" frug die Bäuerin nicht ohne Teilnahme. „Wie alt, fragt Ihr? Nun, am Mathrsientag bin ich in das Zweiundachzigste getreten." „In das Zweiundachzigste!" rief die Bäuerin voller Verwunderung. Und das junge Bauernmädchen stieß seine Mutter mit dem Ellbogen an und flüsterte ebenso erstaunt: „Und dabei keine Strümpf' an den Füßen, bei solch' frostiger Witterung!" Die Alte, welche die Bemerkung dennoch gehört haben mußte, erwiderte eifrig: „Strumpf' an den Füßen? Hab' all' mein Lebtag keine solchen getragen, war's wohl zufrieden, bei strenger Winterszeit, mit einigen Lappen. In meinen jungen Jahren wußte ich warmblütig Ding schon gar nichts von Frieren, lief Euch barfuß über Berg und Tal, zu jeder Jahreszeit, gleich einem Reh, kannte auch die Müdigkeit kaum dem Namen nach, nahm es im Ringen und Schwingen beinah' mit jedem Mannsbild auf, war bekannt hiefür weit und breit... Jetzt ist's freilich anders geworden, die Welt weiß nichts mehr von der schönen, lustigen, sie kennt nur noch die alte, totmüde „Holländerliesel..." Es überkam sie ein krampfhafter Husten, der sich lange nicht legen wollte. „Ach!" ächzte sie, mit dem knöchernen Handrücken 28 die tief in ihren Höhlen liegenden Augen trocknend, „ach, diese ach- zig Jahre, die schadhaften Schuhe, die Kälte und Nässe einlassen! Seht 'mal, liebe Frau, wie meine elenden Zehen hervorgucken!" „Wirklich — ach herrsch! Will 'mal nachschauen gehen, ob sich für Euch Schuhe vorfinden im Haus." Käthchen aber, das junge Zackenhofmädchen, immer noch im Anschauen der alten Haustrerin begriffen, legte sich die Frage vor, wie diese knochige, gebeugte Gestalt, mit dem welken, runzeligen Gesichte, der spitzigen, geröteten Nase, dem langen, borstigen Kinn und dem eingekniffenen, zahnlosen Munde jemals die schöne Liesel hatte genannt werden können... als die Bäuerin schon wieder erschien, in der Hand ein Paar staubige, aber gleichwohl gut erhaltene Bundschuhe. „Sie sind von dem langen Nichtgebrauche ein bischen hart und steif geworden," meinte sie treuherzig; „doch braucht es wohl nur des warmen tüchtigen Einschmierens und sie werden wieder laugen gleich neuen, sofern sie im übrigen Euch passen... O ja, sie passen euch ganz vortrefflich, seht, seht!" Die alte Hausirerin erging sich in den lebhaftesten Dankbezeugungen, und da sie an der Hand des Bauerntöchterchens eine häßliche Dornwarze ersah, erbot sie sich sogleich, ein Mittel zu verordnen, das dieselbe entfernen sollte, und zwar ohne Schmerz oder Gefahr, innert wenigen Tagen. Das Mädchen schaute erfreut zu seiner Mutter empor und diese beeilte sich, der heilkundigen Alten ein Gläschen alten Enzian einzuschenken und als Zutat ein Stück süßduftenden Rahmkuchen beizulegen, und meinte verwundert: „Wie Ihr nur zu so vieler Doktorwissenschaft habt gelangen können, Frau?" „Wissenschaft?" entgegnete die „Holländerin", an einem Stückchen Kuchen knuspernd, „da braucht's schon nicht groß 29 der Wissenschaft, denn mehr wie diese ist die Erfahrung wert, die Erfahrung vieler Geschlechter meines Stammes, vom Gründer desselben bis zu uns herauf. Ja, mein Ur-Urahn, der war seiner absonderlichen Heilkünste wegen weit berühmt in den Landen. Es war ihm, wie man sich in meiner Familie jetzt noch erzählt, ein Leichtes gewesen, einem Hund' den Schwanz abzuschneiden und im Nu wieder anzuheilen, so daß jener kaum etwas davon verspürte oder merkte. Einem Hingerichteten habe er sogar einmal, mit Erlaubniß der Obrigkeit, die an die Sache nicht glauben wollte, den abgeschlagenen Kopf wieder aufgesetzt, eingeschachtelt und darauf den entfesselten armen Sünder wieder gehen heißen, zum Staunen und Entsetzen der großen Zuschauermenge, die vor dem wieder zum Leben erweckten Einherwandelnden die jähe Flucht ergriff nach allen Winden .. . Dieser Husten, er plagt mich so arg! .. . Allein dieses Säftchen, — sie deutete auf das Gläschen Branntwein — wie das so herrlich riechen und kräftig wärmen tut!" Die Bäuerin dagegen, deren Sinn immer noch an der wunderbaren Hundeschwanz- und Kopf-Anheilungsgeschichte haften geblieben war, rief einmal über das andere, voller Verwunderung: „Was Ihr da nicht sagt! Was Ihr da nicht sagt!" Und nachdem sie ihr Töchterlein hinausgeschickt hatte, damit es nach den Hühnern und Küchlein sehe, rückte sie mit ihrem Herzensanliegen heraus: „Mein Mann. . . mein Mann ist ein solch braver, häuslicher und guter, wie es deren wenige gibt weitum . .. Allein wenn er seine böse, zornmütige Anwandlung bekommt, dann ist's um ihn her kaum auszuhalten. Er kann sich manchmal so sehr ereifern ob geringfügiger Sachen, die ihm nicht in den Kram dienen, daß ich mir kaum mehr zu reden trau', von Widerreden gänzlich zu 30 schweigen. Und da ich's dennoch einige Mal tat, ganz mit Recht, — wie schlimm das ausgefallen, ich mag's schon gar nicht erzählen. .. Und da ist's mir just in den Sinn gekommen, ob Ihr vielleicht ein Mittelchen wüßtet, ein geheimes, wider seinen Zorn... Laßt Euch Zeit zum Nachdenken, Frau! Ihr sollt's, wenn's gut gelingt, nicht umsonst getan haben." Und die alte „Holländerin" dachte nach; sie summte und nickte und entnahm ihrer kirschbaumrindenen Dose eine Prise um die andere; sie nickte abermals und atmete auf: das Mittel war gefunden. Noch stellte sie, im Tone der Eraminatorin, die Frage: „Hat Euer Mann die Gewohnheit des Trinkens ? Trinkt er Wein oder Saroff -— Branntwein, wollt' ich sagen? Bekommt er die Anwandlung vor oder nach dem genossenen Gläslein?" „Vor und nach," antwortete die Bäuerin seufzend, „je nachdem ihm 'was über den Weg gelaufen... Eigentlich, ich muß es bekennen, geschieht es zumeist nach dem Trunk' — er trinkt zwar selten über das vernünftig Maß — also nach dem Trunk tut er gewöhnlich weit aufgeregter, denn zuvor. Ja ja, so ist's! Am letzten Sankt-Verenamarkt, als er nach Hause kam und das erkrankte Kälblein ersah im Stall und die Meinung bekam, wir hätten demselben nicht ordentlich gewartet, und fand gar noch die Suppenschüssel in Stücken — es war der Hund gewesen, der sie von der Bank herunter geleckt — da tat er so arg wild, wie ich ihn noch selten gesehen, und hätt' ich endlich nicht geschwiegen, ich glaub', er wär' im Stand' gewesen, mich zu schlagen... Und wie gesagt, er ist sonst ein solch' guter und braver..." „Also nach dem Trunke!" murmelte die Wunderdoktorin, mit dem Kopfe hin und her wackelnd. Und nach einer Weile fortgesetzten geheimnisvollen Geberdens hub sie an: „Schaut, 31 Euer Mann ist halt in einem ungeraden Zeichen zur Welt gekommen, wohl im Uranus — hätt' ich nur meine Karten mitgenommen, Ihr solltet's gleich wissen.. . Als jung und klein wär' ihm so leicht zu helfen gewesen; allein auch jetzt wird sich noch 'was tun lassen gegen das böse Gestirn; ich werd' ihm schon beikommen, zählt drauf!... Hier, dieses Kraut- blättlein, KpivZuIa rÄselluüesli benamset, das seltenste und kostbarste, so es nur geben kann, am Heiligkreuzhügel gewachsen — das tut Ihr in seine Branntweinflasche — gehört? Es muß dies aber des Freitags, während dem Betzeitläuten geschehen — verstanden? Dann mag er trinken, so viel er will, Euerm Hausfrieden soll's nicht mehr schaden, noch Euch ferner bange werden.. . Trinkt er, Euer Mann, aber außer dem Hause und bringt das jähzornige Geblüt mit heim — auch für diesen Fall ist zu helfen. Nur solltet Ihr eine weiß und schwarz gesprenkelte Katze haben — ah, dort schnurrt ja just eine solche auf der Ofenbank!... — Also kommt Euer Mann ein bischen beschmort nach Haus und ist drauf und dran, seinen Zorn auszulasten, so braucht Ihr darauf schon gar nicht zu achten, sondern bloß diese Eure Katze aufzugreifen, mit ihr Euch abseits zu begeben und ihr sachte den Balg zu streicheln, und zwar — nicht zu vergessen! — stets von vorn' nach hinten. Ihr selbst beißt dabei Eure Zähne fest zusammen. Und ich wette tausend gegen eins, binnen kürzester Frist fängt das Unwetter sich an zu verziehen, gefahrlos vorüber zu ziehen..." Als die alte Haufirerin sich nach einer Weile wieder sachte bergab begab, da wog ihre weite Schürze sehr schwer, schwer von den geschenkt erhaltenen Speckstücken und frischen Eiern, welche sie ihrer am Lagerfeuer kauernden Schwiegertochter gewissenhaft verabfolgte. Das Krüglein Enzian dagegen, das 32 sie ebenfalls von der „Zackenbäuerin" bekommen, schien sie völlig vergessen zu haben, trotzdem dasselbe, in der Gewandtasche steckend, ihr bei jeglichem Schritt unsanft am Knie herumbaumelte. Eier und Speck, das war Hilfe in der Not zu nennen. Denn immer waren die Kinder von ihrer Fahrt (Bettelgang), die sie nach dem Städtchen hin unternommen, noch nicht zurück, und brummte Papa Graz immer verdrießlicher in den dichten struppigen Vollbart hinein, zumal ihm nun auch noch der Kautabak ausgegangen, nicht das elende Rippchen fand sich mehr vor in seiner Westentasche. Zwar aus der Ferne, vom Städtchen her, vernahm man jugendlichen Mädchensang, der klang gar hell und sorglos. Es war richtig die Lonele, das gefüllte und mit einem Deckel verschlossene Milchkesselchen an der Hand, das sie in tollem Übermut behende um und um schwang, ohne auch nur den Tropfen einzubüßen, ein Kunststück, das dem Mädchen großes Vergnügen zu bereiten schien, seitens der Mutter Grazin jedoch mit weit schallender Stimme gerügt und der Wildfang selbst zu größerer Eile angetrieben wurde. Eier und Speck — wohl, daß die „Großmam" so gut ausgegangen. Denn was die Buben von ihrer Fahrt herbrachten: Kartoffeln, Rüben, einige Bissen Schwarzbrot, nebst einer Handvoll Kochsalz — alles, in den Augen ihrer Mutter, kaum der Rede und des langen Wartens wert. Dafür, für den geringen Gewinn, den ihre Faulheit verschuldet, bekamen die beiden Jungen auch wieder ihre gewohnten „Watschen", deren Empfang sie ebenfalls wieder durch überlautes Geheul, als stäken sie am Messer, richtig bescheinigten, welch' letzterer Umstand einen ganz besonders zu ärgern schien, nämlich den Zackenbauer, der mit seinem klotzentlasteten Wagen von der Sägemühle zurückkehrte und dessen Öchslein vor dem Geschrei der Buben und dem über den Weg dahinziehenden Rauch des Lagerfeuers stutzten und scheuten. Und der Bauer rief zornig: „Könnt Ihr denn nirgends Hausen, als just auf diesem Winkel?" Und er hieb auf das Doppelgespann ein, daß es eilig den Hang hinaufkroch. Lonele, in ihrem Übermut, warf dem Fried einen Tannzapfen nach, der traf ihn hübsch auf den Rücken; ein Erfolg, den das neckische junge Mädchen mit einem schadenfrohen Gekicher begrüßte, was hinwieder den Knaben veranlaßte, sich rasch umzuwenden und drohend die geballte Faust zu erheben. Was trug ihm das ein? Ein Schnippchen und ein Helles, höhnisches Auslachen. Derweilen hatte die „Holländerin"-Großmutter die Gelegenheit gefunden, sich des Enziankrügleins abfichtgemäß zu entledigen, d. h. dasselbe, von den Übrigen unbemerkt, in den Handwagen, nämlich in ihren privaten Schnapfack zu schieben. Nun, da dieses geschehen und der Bauer sich außer Gehörweite befand, trat auch sie ans Feuer heran, nahm eine Prise und sprach mit heiserer, aber sehr akzentuirter Stimme: „Der Kaffer (Bauer) hat Recht, 's wird an der Zeit sein, daß wir uns wieder ausmachen. Die Gegend ist so ziemlich ausgekloppt (ausgebettelt) und zu bunt dürfen wir's auch nicht treiben und uns damit den Strich verderben." „Doch wohl noch erst essen, Großmam!" riefen die Kinder; „erst frühstücken!" Und die Frau Grazin meinte: „Auch müssen den Buben wohl erst noch die Beinlinge (Hosen) geflickt werden, sind auch gar zu elend zerrissen." „Kann alles noch geschehen, sowohl das Picken (essen), als das Flicken, bis zur Mittagszeit. Dann aber wird aufgepackt, sogleich!" entschied sie. 34 Und Lonele, die in die Kochpfanne geguckt, klatschte jubelnd in die Hände und rief: „Weißlinge (Eier), juhei! Fühlst Du, wie gut sie riechen in der Butter, Großmam? Ich für meinen Teil will Weißlinge haben, Kapat (Speck) mag ich keinen!" Auch der Vater Graz, der am Straßenrand hockte und damit beschäftigt war, seinem Tabakspfeifenrohr ein nußbaum- zweigenes Mundstück anzupassen, erhob lüstern sein geschwärztes, hochansehnliches Riechwerkzeug und hatte es nun doppelt eilig, mit seiner wichtigen Flickarbeit fertig zu werden. Und bald teilten sich Fleischeslust und Eierlust in die reichliche Mahlzeit. Man ließ sich die Speisen trefflich schmecken und als man sich die Finger rein geleckt, waren zugleich auch Teller und Besteck gespült und verwahrt. Die Grazin, als sie sich mit dem fleischigen Handrücken den Mund gewischt, frug, zu ihrer Schwiegermutter gewendet: „Welchen Thierrach (Wanderstrich) werden wir nun einschlagen? Was sagt Ihr?" „Welchen Thierrach? Ja, just- hab' ich mich darüber besonnen, beinah' den ganzen Morgen. Nun will ich meine Meinung sagen: Es sind wohl an die sechs Jahre her, daß ich meine Tochter Resa und ihre Schwabbiner (Kinder) nicht mehr gesehen. Und ich will's gleich gestehen, daß ich plötzlich große Sehnsucht trag' nach der Resa, um zu vernehmen, wie's ihr geht. Zwar berichteten des Rengglis letzten Sommer, es geh' ihr leidlich gut, ihr Schaggel (äaoguas) halte wieder ordentlich zu ihr und sei nicht mehr der Schweinigel, der er gewesen. Sie selbst, die Resa, sehe alleweil noch gut aus, trotz allem, was sie von ihrem Manne auszustehen gehabt. Allein die Rengglis sind gar zweideutige und unzuverlässige 35 Leut', fackeln einem 'was vor, was man gerne hört, um den Kreuzer. . . Also mein' ich, wir ziehen wieder einmal der Aare zu, die Aar' aufwärts, nach dem Seeland hin, ins Welsche hinein. Nur so auf den Besuch zu kommen, das werden uns die andern, die Vettern, wohl schon gelten lassen müssen, so eifersüchtig sie auch ihr Gebiet bewachen .. . Ach, wie viel tausendmal schon hab' ich's bereut, bitter bereut, in die Teilung gewilligt zu haben! Allein wie konnte ich junges Weib mich gegen dieselbe auflehnen? War es doch mein Schwiegervater selbst, der allgefürchtete, welcher das Erbe unter seine Söhne verteilte, noch bei seinen Lebzeiten, nach eigenem Gutdünken! ,Du, Heiri/ sprach er, ,kriegst das ganze Baselgebiet mitsamt dem Schwarzbubenland und dem Bistum H, bis an die Freiberge hin; Du, Roni (Hieronpmus), sollst das Aaretal bekommen, vom Bötzberg bis hinauf an den Weißenstein; Dir, Remi, vermach' ich das Seeland mitsamt dem Welschen, soweit hinein Du gehen magst; für mich selbst behalt' ich das Freiamt, das Zuger- und Luzernergebiet, und nach mir soll's, nebst dem Emmental, dem Wolf erblich zufallen../ Solches tat er, weil seine Alte zu Großwangen begraben lag; das tat er der vielen reichen Klöster wegen; das tat er, weil dieser unser Strich ihm aus andern wunderlichen Gründen am besten gefallen. Und eine Dummheit war sie doch, diese seine Wahl, nicht sowohl feinet-, des Schwätzers wegen, denn er hatte bloß noch ein kurzes Jährchen zu leben; wohl aber für uns, nämlich für meinen Wolf und mich und unsere Nachkommen. Und als wir hernach, bei des Ronis zweiter Hochzeit, wieder alle zusammenkamen im Ruggwald bei r) Basel. 36 Erlinsbach, und ich eine neue, gerechtere Teilung in Vorschlag bringen wollte, da schnitt mir der Remi das Wort kurz vom Maul weg und rief mit seinem gräßlichen Lachen: ,Abgemacht bleibt abgemacht, xour toiffours — punktum!.. / Der Schlaue! Er wußte wohl, daß er weitaus den besten Part gekriegt. Denn gibt es auf diesem unserm weiten Gebiete auch genugsam zu bekommen, was man eben gebraucht — 's ist doch halt nur grobe Landesspeis': ranzigen Kapat (Speck), boden- schwarzen Hanf (Brot), elende Rundchen (Kartoffeln); und als Trank fades Wasser, trägen Äpselsast oder einfältigen Schäumling (Milch), daß einem dabei die Knochen erlahmen vor der Zeit. Wie ganz anders dagegen im Welschland! Da pickt (ißt) man feines Ochsenfettchen (Fleisch) und Weißhanf, leckere Lärchen (Kaffeebrötchen) und Schieberlinge (Kuchen), und schwabbelt (trinkt) statt Most oder stinkenden Saroff (Branntwein) feurigen Traubensaft, der einem die Knochen stark und gelenk und das Herz jung und mutig erhält und das Alter angenehm macht; Traubenwein in Hülle und Fülle und zu kriegen ohne sonderlich Kies (Geld), fo daß man immer beschaskert (betrunken) zu sein wähnt und einem das Tippeln (Bettelwandern) gar nichts anhabt und man weder Kälte verspürt, noch Müdigkeit... Ja, schön ist's dort droben, dufte Winde (freigebige Leute) überall, die einem allerhand Sachen spenden, die hiezulande nur in Kronen (Gasthäusern) und um schwere Miethe (teures Geld) zu haben sind. Ich muß das wohl wissen, bin ich doch in jener Gegend aufgewachsen und mit den Meinigen 'rumgewalzt die vielen herrlichen Jugendjahre über. Ich parlirte welsch ebenso gut wie deutsch. Die eine Woche lagerten wir hoch oben im Juragebirg, im dunkeln Ballert (Forst), im Schirm der riesigen Weidetannen 37 oder im Schuppen der weitdachigen Sennhütte, die andere in der Nähe forscher Kaffs (Dörfer), deren Bewohner Luppert (Taschenuhren) verfertigen und Drat (Geld) besitzen wie Spreu, und es auch wegwerfen wie Spreu. Oder wir stiegen wieder sonnwärts zu Tal, walzten an den grünen blühenden Weinbergen vorbei, vor die reichen Mochums (Städte) am See, tippelnd (bettelnd) von einer zur andern und ganz fürstlich lebend, fürstlich im Essen und Trinken; bis uns die Lust anwandelte, abwechslungsweise das Ruschen (Reisepaß) nach dem „großen Moos" zu nehmen, wo wir uns zusammenfanden, die Vettern und Basen von weither, und uns gütlich taten an Fisch und Froschschenkeln, an Hast und Wildente; denn meine Brüder Schorsche und Niggola hatten es von unserm Ältesten gelernt und verstanden es aus dem sf, das Netzestreichen und Fallenstellen und Schlingenlegen auf die mannigfachste und einträglichste Weis', im Wasser, in Wald und Sumpf und auf der Haide. Und erst zur Herbstzeit, wann in den Rebbergen der Bann aufgetan ward und die Leseleute ihre Jauchzer erschallen ließen, und die Rebstauden voller goldener Trauben hingen, daß man nur die Hand auszustrecken brauchte, um deren ein Dutzend oder mehr zu erlangen, und bloß den Kessel hinzuhalten und den freundlichen Blick zu tun, um ihn mit brausendem süßen Weinmost gefüllt zu bekommen." „Ach fehl" jammerte Lonele, sich lüstern das Mäulchen und die spitzen Fingerchen leckend. „Ja, Du hast wohl Recht, mein Kind!" fuhr die Alte in ihren Jugendbetrachtungen fort. „Du hast wohl Recht mit Deinem Seufzen und Sehnen, 's gibt halt doch nur ein Welschland, und daß wir um den Strich gekommen, d. h. derselbe uns von Remi weggemaust worden, das schmerzt mich 38 noch lange; auch jetzt noch, da doch der Renn längst tot ist! .. . Und wenn ich zurückdenk' an die Lesesonntage auf der Petersinsel H — o du heiliger Sankt Bastel, war das ein Leben in Lust und Herrlichkeit, schon gar nicht zu beschreiben! Und hatte ich mein weiß und gelb gestreiftes Kattunkleid an, das mir mein Onkel Fran^ois mit heimgebracht von seinem Schmuggelzug nach Bisanz und um welches mich alle unsere Dillen (Mädchen) beneideten weit und breit, und die langen pechschwarzen Haarzöpfe mit bunten Bändern durchflochten und die rothe Korallenschnur um den Hals gewunden und die Augen kühn erhoben — kein Fährmann war grob genug, von mir ein Bootsgeld zu fordern, kein Bub so fürnehm, daß er nicht mit mir zu Tanze ging, sich völlig darum stritt. Warum sollten sie nicht? Wo war das Mädchen, so hoch und schlank gewachsen, so schön und stolz, wie dem „Holländermichel" sein's? Da mochten die vornehmen Stadtmamsells und Bauernschicksen (Töchter) lange hochmütig die Näslein rümpfen oder gar sich verachtungsvoll von mir abwenden — die „Hol- länderliesel" gab Trotz gegen Trotz, .Verachtung gegen Verachtung zurück und bekam gleichwohl ihre Tänzer, die besten und flottesten vorweg... Einmal freilich erging es mir dabei ordentlich schlimm. Hatte sich meinetwegen ein Streit angelassen, da man die Leute unserer Sorte auf der Drehscheibe (Tanzboden) der Insel nicht mehr dulden wollte. Vom Streite kam es zur Heixe (Prügelei), ich selbst schlug fröhlich mit, und manch' ein geschniegelt Herrchen, manch' ein Kafferflegel (Bauernflegel) sank, von meinem Stuhlbein getroffen, auf die glatten Fliesen hin, wie vom Himmel gefallen. Schließlich *) St. Petersinsel im Bielersee. 39 trat die Polente (Polizei) ins Mittel, nahm den „Krumm- michel" und den „Engadinerroth", nahm mich selbst in Verschütt (Verhaft), führte bei einbrechender Nacht uns gefangen über den See. In Erlach aber, als es den jähen Schloßweg hinaufging, stieß ich meinem Teckel (Gendarm) die geballte Faust in den Scheinling (Auge), daß er über und über kollerte, den Straßenhang hinunter. Ich selbst machte flugs kehrtum, lief wie ein flüchtig Reh den Steig hinunter, gradaus ins Städtchen hinein. Ein Äffchen (Herrchen), das mich aufhalten wollte, rannte ich in die Gosse, daß es laut aufschrie; ich lies und lief, bis ich das jenseitige Tor erreicht hatte, wo außerhalb die Krautgärten beginnen. Und kaum hatte ich mich hinter eine Umfangmauer geduckt, als auch schon mein Teckel, das Knallscheit (Flinte) am Rücken, wie ein angeschossener Eber und laut pustend daher und an mir vorüber gerannt kam, in die stille Mondscheinnacht hinaus. Glückliche Reise! dachte ich und konnte mich des hellen boshaften Auflachens nur mit Mühe erwehren. Nach einer kurzen Weile jedoch kam er wieder zurück und zwar so nahe an mir vorbei, daß es mich ernsthaft gelüstele, ihn beim Schöpf zu fassen und ihm nochmals eine meiner Rosen zu riechen zu geben; doch besann ich mich hurtig eines Bessern, ließ ihn laufen und ging ich selbst gelassen und unbehelligt fürbas, den Weg nach unserm Lager, ins „Moos" hinaus. Nach einigen Tagen trafen auch der Michel und der Rothe wieder ein; sie klagten fehr über das miese Kittchen (schlechtes Gefängnis), das sie auszustehen gehabt, mehr aber noch über die Stenz (Stockprügel), mit welchen man ihnen die fade Gerstensuppe gesalzen, so daß ich sie weidlich auslachte, dyß sie sich so dämlich hatten hinter den Schluß (Riegel) stecken lassen und alles geduldig hingenommen. 40 Da erst vertraute mir der „Engadiner", wie es ihm bei der Entlassung aus dem Schlosse gelungen, dem beschummten (angetrunkenen) Baas (Gesangenwart), dieweil derselbe in der Wachtstube schnarchte, im Vorbeigehen hurtig die silberne Weißrübe (Taschenuhr) vom Wandnagel zu häkeln und in die eigene Wamstasche zu stecken, ohne daß der die Psorte ausschließende Blankhut (Polizist) es bemerkte; über welchen gelungenen Streich er sich unbändig freute und die Rübe in einer gräßlichen Schlemme (Saufgelage) flugs verkümmelte. Schließlich ist das Zotteln (Stehlen) dem Rothen doch noch schlimm bekommen, denn er konnt' es nimmer lassen und blieb elendiglich hängen, kam auf die hohe Schule (Zuchthaus) und gar noch an den Balken (Galgen), der arme Schelm... Ja ja, das waren, in meinen jungen Jahren, noch gar herrliche Zeiten; die Kaffer (Bauern) fürchteten sich arg vor uns und gaben her ohne Murren oder Widerred', was man nur verlangen mochte; auch die Putzerei (Polizei) drückte ein Auge, zumeist gar beide zu, ließ uns leben und gewähren, ohne lange nach dem Ablaßzeltel (Legitimationspapiere) zu fragen. Wir und sie, wir vertrugen uns köstlich..." Das Sprichwort: Wenn man vom Wolf spricht, ist er fern oder nah' — sollte sich auch in diesem Falle erwahren. Denn kaum daß die alte „Holländerin" der Polizei Erwähnung getan, als schon ein Diener derselben des Weges, nämlich vom Städtchen her geschritten kam — die „Großmam" gewahrte ihn erst, nachdem ihre Enkelin sie mit dem Ellbogen warnend angestoßen, so sehr war sie in das Erzählen und auch ihre Familiengenossen ins Anhören der alten Geschichten vertieft. Der Polizist — es war sogar ein „Geschnürter" (Char- girter) — schaute sich die Gruppe musternd an, näherte sich 41 Ihr vollends und verlangte die Ausweisschriften zu sehen. Graz, der sich lang und behaglich ausgestreckt hatte, entsann sich plötzlich der legitimen Würden und Pflichten eines Familienoberhauptes; eiligst nahm er die qualmende Stummelpfeife aus dem Munde, erhob sich in seiner ganzen außerordentlichen Leibesgröße, stellte sich in Positur und erklärte, an seine Mütze greifend: „Flebbe (Legitimationspapiere) besitzen wir keine, sind eben Heimatlose." „Euer Name?" forschte der Diener des Gesetzes, strengen Blickes. „Graz Pfeiffer." „Und die Weibsleute da?" „Hier meine Mutter, dies meine Frau, meine Kinder." „Also seid Ihr verheiratet? Wo ist dies geschehen?" „Geheiratet? Das wollen wir meinen!" nahm nun Frau °Grazin würdevoll das Wort. „Zu St. UrbanH war's." „Ja ja, zu St. Urban war's, Herr Wachtmeister!" bestätigte Meister Graz. „Vor fünfzehn Jahren —" „Sechszehne sind's;" verbesserte ihn seine bessere Hälfte. „Am Maitag werden's genau sechszehne sein." „Also besitzt Ihr einen Schein, 'nen Kopulationsschein? Laßt mal sehen!" Da entgegnete Graz, sich verlegen den dichtbehaarten Schädel kratzend: „Kopulirt — das heißt — so eigentlich kopulirt, wie Jhr's begreifen und nennen tut, sind wir freilich nicht 'worden, dafür hätt' uns schon das Geld gemangelt, für den Aufwand. Gleichwohl sind wir, ich und meine Frau, zusammengegeben worden, wie's unter uns Brauch und Recht H Benediktinerabtei im Kanton Luzern. 42 ist — gelt, Lene? — und sind auch überall dafür anerkannt worden vor Amt und Sakristei... Im Klosterwald war's, im Weißtannengrund." Und die Grazin bekräftigte des lebhaftesten: „Ja, gewiß ist's so, wie mein Mann sagt, Herr Landjäger! .. . Wir sind ehrbare Leut' und lassen fremde Sachen liegen und fallen niemandem zur Last, gewiß nicht, Herr Landjäger!" „Letzteres möcht' ich doch bezweifeln!" versetzte dieser strenge. „Wenigstens sind mir diese Eure Buben Tag für Tag begegnet, wie sie im Städtchen drinnen als auch bei den umliegenden Bauerngehöften von Tür' zu Tür' zogen. Ebenso das Mädchen hier — ja, versteck' Dich nur, Du warst es doch, die ich mit dem Kesselchen wandern sah von Stadel zu Stadel!" „Herr Wachtmeister!" nahm nun die alte „Holländerin" das Wort, „wir sind halt arme Handwerker- und Hausirerleut'.. ." „Von welchem Handwerk denn?" „Kessel- und Pfannenflicker, Beckenhefter — hier seht Ihr noch welche, die eben erst gekittet worden. . . Arme Handwerks- leut', sag' ich, die drum auch nichts dagegen haben können, wenn die Leute ihnen was schenken, als Trinkgeld, aus Gutherzigkeit. Wie sollte unsereiner sonst auskommen können bei dem elenden Verdienst', den schlechten Zeiten? Drum seid nicht so schroff, Herr Polizeier!" Hier fiel ihr der „Herr Polizeier" ungeduldig ins Wort: „Nein, ich will nicht „schroff" sein. Allein merkt Euch wohl, was ich sag': 's ist nun schon der vierte Tag —" „Der dritte, Herr Landjäger!" versuchte Frau Grazin einzuwenden. Der Diener der hl. Hermandad aber schnauzte sie zornig an: „Der vierte, sag' ich! Oder glaubt Ihr denn, ich hab' 43 keine Augen im Kopf oder könn' nicht mehr Viere zählen? . . . Also paßt auf, was ich sag': Nun genug der Gemeind- belästigung! Sollt' ich Euch morgens noch in der Gegend treffen, so. . „Wir gehen ja schon!" erwiderte die Alte in unterwürfigem Tone: „Just haben wir darüber uns besprochen und es ist ausgemacht, daß weiter gezogen werden solle, gleich, gleich. Nur werden doch erst die Flickwaren zurückgestellt werden müssen. Denn wir sind ehrliche Leute, Herr —" „Ja ja, schon gut! Macht Ihr nur, daß Ihr Euch fort- trollt, sonst. . Und er wandte sich und ging. Er sah es nicht, wie die Leute, die eben erst noch so bescheiden und unterwürfig thaten, nun hinter seinem Rücken die Zunge herausreckten, Schnippchen schlugen oder auch, nämlich der Graz, zornig die Faust ballte. Einzig Lonele seufzte: „Ach, diese Polizeimänner, ich fürcht' sie so sehr!" Worauf die Großmutter schalt: „Wie Du nur so närr'sch thun und schwatzen kannst, Kind! Bist doch sonst keineswegs so surchtsam. . . Und um von dieser Teckelei (Polizei) zu reden — bah! Sind trotz des zweierlei Tuches am Leib doch alleweil dumme Vieher, die sich von uns hinters Licht führen lassen nach Noten — bah!" „Ich möcht'doch lieber ein Bauernmädchen sein," meinte ihre Enkelin. „Brauchte mich vor niemandem zu scheuen und zu ducken." „Ein Kafferinchen? Pfui, über das dumme Wort! Ein Kafferinchen sein, um Huhn und Plattfuß (Ente) auf die Weide zu führen, deren Weißlinge (Eier) doch wir genießen, um den schmutzigen Schweinen zu warten, in deren Kapat (Speck) 44 wir uns mit dem Kaffer teilen; in den dumpfen, stinkenden Viehstall, unter die kothigen Hornikel (Kühe) zu hocken, deren Rahm und Fettigkeit (Butter) wir obenab schöpfen — ei, wie dumm! Oder auf dem scholligen Acker graben gehen, und sich die Hände wund, die Knochen krumm und lahm schenigeln (arbeiten), Frost und Hitze ausstehen und jahraus und ein auf demselben Fleck Erde haften bleiben, an derselben mühsamen Scholle kleben, gleich denen in der Flöthe (Zuchthaus), möchtest Du das, Kind, wirklich? Und glaubst etwa, Deine arme, alte Großmam' würde, trotz ihrer Mühseligkeit, mit der reichsten Kafferin den Tausch eingehen auch nur für eine Woche? Wir sind die reichen Leute, unser gehört die Welt, die schöne gesegnete, die wir durchwandern gleich dem Vogel in der Luft und dem Wild der Berge, unbekümmert um spießbürgerliche, närrische Marken und Schranken, sorglos und frei! Und gibt es dann und wann auch 'was zu leiden und zu entbehren, etwa zur wüsten rauhen Winterszeit — kommen Frühling und Sommer, sie machen alles reichlich wieder gut; die liebe köstliche Freiheit, das ungebundene Leben und Wandern ersetzen alles, alles! . . . Als ich noch jung war, da sangen wir Dillen (Hauderermädchen) ein gar feinschönes Lied: Kukuk im Walde, im Busche die Meist, Die Lerch' in den Lüften, die Drossel im Hag — Was kukukt und singt ihr, die vielmunt're Weis'? Was soll all' der Jubel, der fröhliche Schlag? Das kommt von der Lust, weil unser der Wald Weil unser die Sonne, das Kornfeld so weit, Weil frei unser Ziehen, weil frei unser Halt, D'rum laut unser Jubel, so mächtig die Freud'. 45 Ach, das Singen, ich hab's halt gänzlich verlernt! Die Stimm', das Gedächtnis, der Atem! . . . Und ist's nicht närrisch, Kind, daß ich steinaltes Ding zu piepen nur noch den Versuch mach'? Ja lach' nur, Du Schelmin, hast Recht, völlig Recht!" Viertes Kapitel. Das Lagerfeuer war ausgelöscht. Im zeltüberspannten Handwagen stak alles, was die Wanderfamilie an irdischen Gütern ihr eigen nennen konnte. In der gabelförmigen Wagen- Deichsel stand Graz Pfeiffer, des Hauses mächtiger Stammhalter; ihm zur Seite links und rechts, hatten sich mit Stricken um die Schultern seine beiden Buben gespannt. „Graz!" rief die Großmutter, „Du hast 'was zu thun vergessen: Die Zinken!" Da ließ der riesige Mann die Deichsel fahren, schritt nach dem am Waldsaum stehenden Buchenstamm hin, zog das frisch geschärfte Taschenmesser und fügte oberhalb der vielen in die weißliche Baumrinde eingegrabenen, teils frischen, teils vernarbten hieroglpphenartigen Zeichen ein neues, in Form eines geöffneten Zirkels. „Es ist mir wegen des Mathpsen," meinte die Großmutter, „damit sie's wissen, beim Vorbeigehen, daß wir dagewesen. Füg' auch noch ein Häkchen hinzu, nach aufwärts, Graz, um ihnen den Strich anzudeuten, den wir genommen . . . So!" Hierauf fetzte sich der Wanderzug langsam in Bewegung. Die Grazin und ihre Schwieger, die Hand an die Lehne ge- 46 legt, hinter dem Wagen nach, um nötigenfalls, bei stark ansteigender Straße, nachzuschieben, die Alte vornehmlich auch, um sich dadurch das Gehen zu erleichtern, das nun immerhin weit kräftiger von statten ging, als sie es vor den Leuten verraten mochte. Dem Zuge folgte Lonele, das „Kind", bald am Wegrand Märzenblümchen pflückend, bald von dem die Straße rechtsseitig besäumenden Grünhag Blutenkätzchen zupfend, bald laut und fröhlich trällernd: „Kukuk im Walde, im Busche die Meist ..." Und der Wald gab sie hell und fröhlich zurück, die „viel- munt're Weis'", während die beiden Hunde die tollsten Sprünge ausführten und vor lauter ausgelassener neuer Wanderlust kläfften. Die alte „Holländerin" hatte sich die notwendigen Etappen für die große Reise ins welsche Seeland hinauf sorgfältig ausgebucht und säumte nun auch nicht länger, dieselben den Ihrigen mitzuteilen. „Im nächsten Kaff (Dorf)," verfügte sie, „wird kein Halt gemacht, ebenso wenig in den beiden folgenden: armselige Nester, in welchen die Leute selbst nichts zu picken (genießen) haben, als wässerige Rundlinge und abgerahmte Milch — miese Winde (schlechte Bettelorte)! Dann aber gelangen wir nach Mattenried, dort giebt es der guten Thüren die reiche Menge, dort werden wir unser Nachtlager beziehen. . . Wir werden jedoch ordentlich losthürmen (sich beeilen) müssen, denn der Wind hat umgeschlagen, aus dem Nordwest ist es Föhn geworden — siehste, Lene, wie sich der Himmel über das Oberland hin wolkig anstreicht und die Nebel aus den Bergklüften hervorkriechen? Das bedeutet Regen und Unwetter, 47 recht baldiges; auch hab' ich's schon letzte Nacht verspürt an dem Zwicken in meinen Gliedern, an dem schlaflosen Träumen .. . Na, ihr Buben, laßt das Maulaffen gelten und legt ordentlich los! Wir dahinten kommen schon nach." Sie rief den einen der Pudelhunde zu sich heran: „Komm, Polly, du sollst fahren dürfen, bist gar ein hübscher junger Schlingel und könntest arg müde werden!" Das nächstgelegene Dörfchen war bald erreicht. Hier schloß sich ihnen ein junger gut gekleideter Handwerksbursche für eine Weile an. „Ein elendes Nest," klagte er, „wo man sich höchstens ein hartes Stück Schwarzbrot und einige nackte Pfennige erfechten kann! Gedachte mir ein Paar Schuhe schenken zu lassen, denn in diesen da, den engen, durchlaufenen, habe ich Blasen an die Füße bekommen — ach, meine armen wunden Zehen!" ächzte er. Da sprach die „Holländer" Alte: „Kann Dir vielleicht aus- helsen, Kunde!*)... Halt' 'mal ein wenig, Graz! . . . Hier, diese Schuhe (es waren diejenigen, die sie von der Zackenbäuerin geschenkt erhalten), hier diese Schuhe — guck, Kunde, wie währschaft gut und sauber, noch wie neu! Und wie bequem weit — gelt? Und Dir wie auf den Fuß geschnitten, schau, schau! Allein umsonst kann ich sie Dir halt nicht geben, wirst begreifen, Knab'!" „Wie viel verlangt Ihr denn dafür?" „Einen Gulden." „Den Gulden besitz' ich aber nicht." „Wie viel denn?" „Hier, alle meine Moneten!" H Fechtender Handwerksbursche, gegenseitige Anrede derselben. 48 „Latz 'mal sehen! . . . Dreißig Kreuzer — vierunddreißi§ Kreuzer — hier, die Schuh' sind Dein! . . . Nun, Graz, wieder rasch vorwärts! Siehst nicht, wie das Gewölk' sich dichtet und ein aschfarben Aussehen bekommt?" Lonele sagte, im Weiterziehen: „Wie mochtest Du nur die guten Schuhe weggeben, Großmam, da Du doch selber so böse anhast?" „Ei, du Närrchen!" kicherte die Alte, „wie sollt'ich von den Leuten wieder andere, gute, geschenkt bekommen, wenn ich welche an den Füßen trag'? Unsereiner muß köß (schlau) sein, sehr köß! . . . Vierunddreißig Kreuzer, begann sie im Stillen zu rechnen, dafür kauf' ich mir ein neues Kopftuch; oder ein Viertelpfund Schockelmei (Kaffee), dazu ein ordentlich Stück Zucker. . . Oder auch laß' ich Bohnen und Süßling bleiben und verschaff' mir für das Geld ein Pfund Fettkäse — ach, wie lang ists wohl her, daß ich welchen genossen! Ich fühl' ein großmächtig Gelüsten darnach." Und als die Grazin sich eine Weile von ihrer Seite weg- begab, griff sie mit ihrem langen, knochendürren Arme hurtig unter die Wagendecke, in ihren privaten Krimskrams hinein, zog das Enziankrüglein hervor, preßte es eilfertig an den zahnlosen Mund: Gluckgluck! um es ebenso hurtig wieder in das Versteck zurückzuschieben. Auch das folgende Dorf ward bald erreicht. — „Nur noch eine halbe Stunde und wir sind in Mattenried!" ermunterte die Alte. Ihr Sohn jedoch, der großgewaltige, erhob lauten, mürrischen Protest. „Keinen Schritt thu' ich weiter!" rief er, sich mit dem Wamsärmel die Schweißtropfen von der trotzigen Stirn trocknend, „keinen Schritt thu' ich weiter, eh' ich einen Oluf (Schnaps) gekriegt, meiner Sex!" 49 „Dort fließt der Brunnen, Graz!" meinte seine zartere Hälfte. „So geh' Du und halt' Dein Maul dran!" gab er unwirsch zurück, „für Dich ist's gut genug. Ich aber will mein Säftchen haben!" beharrte er. Zugleich und um seinem Entschlüsse einen weiteren kräftigen Ausdruck zu verleihen, ließ er die Deichsel störrisch und geräuschvoll fallen. „Nun?" rief er, sich an seine Gattin wendend, „nun, hast keinen?" Frau Grazin, abweisend, höhnisch: „Wenn Du doch solch' fürnehmes Gelüsten empfinden thust, so verschaff' Dir welchen!" Graz, zornig: „Das werd' ich aber auch thun, zähl' drauf!" Und nachdem er seine Taschen nach einem Stück Kleingeld durchsucht und wirklich so glücklich gewesen, eines zu entdecken, begab er sich brummend und schweren Schrittes nach der nahegelegenen Dorfschenke hin. „'s ist ein Elend mit diesen Mannsleuten!" schalt die Grazin. „Riechen den Saugschwamm (Schenkhaus) schon von weitem, wie der Esel die Getreidemühle — die wahre Schand', die große Plag'! . . . Na, Ihr Buben, da wir doch 'mal halten müssen — rasch macht Euch in einige Häuser, klappt nach Fettigkeit! Und Du, Lonele, hier der Milchkessel — hurtig vom Fleck!" . Sie sah sich nach ihrer Schwieger um; diese hatte sich müde auf einen am Straßenrand liegenden Eichenklotz gesetzt; auch die Grazin ließ sich auf demselben nieder und zwar so, daß sie beide Rücken an Rücken zu sitzen kamen. Und sachte zog die jüngere der Frauen ein winzigkleines, meergrünes Fläschchen aus ihrer Joppentasche hervor und leerte dasselbe in ein paar raschen, kräftigen Zügen, was ihr freilich einen heftigen 4 50 Hustenanfall verursachte. „Der Frost von heute morgen hat mich ordentlich erkältet," meinte sie, zur Schwieger gewendet. Diese jedoch fing lebhaft an zu schelten: „Wie der Bub'" — sie meinte damit ihren Sohn Graz — „nur so lang und sorglos in der Penne (Schenke) hocken und schwabbeln kann! Und fallen doch schon Tropfen, dichter und dichter — fühlste, Lene? . . . Ach, da kommt er endlich und wischt sich das Maul . . . Nun auf und fort, so rasch als möglich, daß wir unter Dach kommen!" „Wollen wir nicht lieber gleich hier uns umsehen?" warf die Grazin fragend ein. „Nein, nein! Siehst denn nicht, wie schmal (leer) die Buben zurückkehren? Kenn' es ja schon längst, das miese Nest!" Es fing wirklich an zu thauen und zu winden, unfreundlich kalt. „Hier, Lonele," rief die Großmutter besorgt, „hier mein altes Tuch, leg' es Dir um den Kopf!" „Und wir?" klagten die beiden baarhäuptigen Jungen. „Ihr seid Buben, Euch wirds nichts schaden," lautete die beschwichtigende Abfertigung. Zur Zufriedenheit aller war das heutige vorläufige Reiseziel bald erreicht. Am Eingänge des sehr hablich aussehenden Bauerndorses stand eine alte verlassene Scheune, in deren weitem Schuppen unsere Wandersleute, ohne erst lange nach Erlaubnis auszugehen, sich gleich einlogirten, d. h. ihr Nachtquartier aufschlugen. Stroh fand sich genugsam vorhanden, um sich damit ein weiches warmes Lager zu bereiten, und die angebaute Waschhütte samt Feuerherd bot die treffliche Gelegenheit zum Bereiten der Abendmahlzeit. Auch an Stoff zu letzterer war, nach etwelchem „Umschauen", bald kein Mangel 51 mehr, die Bauern erwiesen sich als die „duften" Leute, wie es die kundige Großmam vorausgesagt hatte. Einmal im weichen Stroh, drängte man sich nahe zusammen und scherte sich wenig um Wind und Regen, um den losbrechenden Frühlingssturm, der hereingebrochen und die ganze Nacht über an dem morschen Gebälke der ehemaligen Küh- hütte rüttelte. Des folgenden Morgens in aller Frühe steckte die Großmutter ihre Wahrsagerkarten zu sich; doch gelang es ihr auch ohne diese, lediglich durch das Mittel ihrer Beredsamkeit, sich das Mitleid der Bäuerinnen zu gewinnen. Die Schilderung ihres hohen gebrechlichen Alters und der ihr überkommenen schweren Pflicht, eine Anzahl unmündiger Enkelkinder zu ernähren und zu erziehen, mit Hilfe Gottes und mildtätiger Menschen, öffnete ihr Mehltrog und Speisekasten und trug ihr überdies noch manches Stück Kleingeld ein. Zudem bot die Stunde zum Wahrsagenlassen keine Zeit; denn mit dem Morgen war auch die Sonne, das graue, verwaschene Regengewölk siegreich durchdringend, wieder aufgegangen, leuchtend und einladend zu neuem Schaffen auf Feld und Flur, was sich die fleißigen Dorfbewohner denn auch alsogleich zu Nutzen machten. Die Bauern des „Kaffs" waren „dufte" Leute. Derjenige aber, dem die verlassene Scheune, in welcher unsere Haustrerfamilie sich zeitweilig eingehaust, eigentümlich angehörte, hatte aus Furcht vor Feuerschaden gegen diese willkürliche Einquartierung bei der Ortsbehörde Klage angehoben und die Zusage geziemender Abhilfe erhalten. Als daher unsere Haudererleute sich gerade um das reichliche und leckere Frühstück gruppirt hatten, siehe, da erschien auf ungeahnte Weise eine wohllöbliche Dorfpolizei unter dem zur Hälfte geöffneten 52 Scheunenthor, den Räumungsbefehl vortragend. Es war ein verwachsenes, hinkendes Männchen, in welchem diese ausübende Gewalt sich verkörpert zeigte, und satal genug, daß es zudem noch arg stotterte. Denn die Holländerbuben belustigten sich darob nicht wenig, brachen sogar in ein ansteckendes und nicht endenwollendes spöttisches Gekicher aus, an welchem sich nun auch Lonele beteiligte und das schließlich den armen Dorswächter derart in Verwirrung brachte, daß er sich seines wohlein- studirten Vortrages kaum recht zu entledigen vermochte. Die fernere Wirkung war, daß die Betteljugend selbst vor lauter Lachlust die Eierkuchen und Semmelklöße schon gar nicht mehr hinunterbrachte. Diese Eierkuchen — wie süß dufteten sie dein Männchen in die Nase! Man sah es ihm an, wie ihm der Mund darnach wässerte vor lauter Gelüsten und die Augen überliefen voll quälenden Neides. Und als die Frau Grazin, auf die Speisereste weisend, herablassend bedeutete: „Hier, wenn Du magst, greif' nur herzhaft zu!" da besann er sich nicht lange, sonderlich ließ sich hurtig auf ein Knie nieder, aß gierig auf und leckte gar noch die Schüssel rein. Das Unglück aber wollte, daß den Augenblick gerade sein Vorgesetzter, der Am- mann des Dorfes, mit Pflug und Gespann vorbeifuhr — ein grausamer strafender Blick, der das Männchen flugs vom Boden aufschnellen machte und ihm plötzlich wieder die ganze Würde und Verantwortlichkeit seiner amtlichen Stellung, sowie die Wichtigkeit der übernommenen, besondern Mission des lebhaftesten ins Gedächtnis zurückrief. Er rückte sein Schwert wieder in die ordonnanzmäßige Lage, aus welcher es im Drang der Umstände geschoben worden war, und sprach, nachdem er sich mit dem Rockärmel notdürftig den Mund gewischt — doch die Grazin ließ ihn schon nicht mehr zum Sprechen kommen, son- 53 dem kam ihm mit der nicht allzuhöslichen Erklärung zuvor: „Ja ja, wir gehen schon, laß Dichs nur nicht weiter kümmern!" Allein trotz dieses Versprechens hatten es unsere Leute mit dein Aufbruche gar nicht eilig. Erst wurden noch die Achsen des Handwagens geschmiert, die Kinder nochmals hurtig auf die „Fahrt" ausgeschickt nach diesem und jenem, was mangelte oder wünschbar erschien. Schließlich begab sich die Großmutter selbst noch nach der nahen Spezereihandlung hin, angeblich um sich ein Dütchen Schnupftabak zu kaufen; die beiden Köter jedoch, die bei ihrer Rückkunft ihr unabläßig die Gewandtaschen beschnoberten, mußten es besser wissen. Endlich setzte sich der Wanderzug in gewohnter Weise wieder in Bewegung. Doch verdroß es unsere „ Holländer "- Leute nicht wenig, sich Hiebei von der Ortspolizei auftragsgemäß noch eine Strecke Weges eskortirt zu sehen. Man ließ es nicht an Spottrede und selbst nicht an zornigen abweisenden Worten fehlen. Und als man das Ende des langgestreckten Dorfes im Rücken hatte — ein Wiesenbach floß trübe und träge die Straße entlang, am Ufer desselben stand ein alter niedriger Weidenbaum — da ließ der Holländergraz plötzlich seine Wagendeichsel fahren, versetzte dem nebenher stolpernden Diener der Ortspolizei einen solch' wuchtigen Faustschlag auf den steifen abgetragenen Wollhut, daß er ihm über die Augen, ja über Nase und Ohren Hinabfuhr; dann ergriff er das Männchen selbst bei Schöpf und Lenden und hob es mit ausgereckten Armen hinauf in das-überhängende Geäste des Weiden- baumes, mit der höhnischen Mahnung: „Halte Dich hübsch fest, Putzchen, daß nicht etwa in den Bach fällst und ersäufst!" Dies alles geschah so blitzschnell und unter dem schallenden Gelächter von Groß und Klein und dem tollen Gekläffe 54 der Hunde, die es dem Manne wohl noch nicht verziehen hatten, daß er sie um ihr Frühstück gebracht, d. h. es ihnen vorweg gegessen, und sich daher an dem verzweifelt Aufschreienden dadurch zu rächen suchten, indem sie ihm ihre Zähne in die baumelnden, zappelnden Waden schlugen. Lonele war die erste, die beim Weiterziehen mit dem armen Mißhandelten Mitleid zu fühlen begann. „Ach, er wird nicht mehr vom Baum herunter können!" seufzte sie. Doch die Großmutter tröstete: „Er wird es schon versuchen, wenn nur erst die Hunde abgelassen und er sich die Schachtel aus den Augen gezerrt haben wird — stehste, Kind, wie er sich anstrengt? Rein zum Lachen, selbst für eine alte Närrin, die ich bin! . . . Na, Polly, komm mal her! Karo, zurück! 's dürft' jetzt genug sein an dem Spaß!" Unter solchen und ähnlichen Vorkommnissen gelangte unsere Haudererfamilie nach einigen kurzen Tagemärschen an ihr erstes, vorläufiges Reiseziel, den Emmenschachen H, an die feldöde Stelle, wo die Emme, die wilde Tochter des Gebirges, sich der Tante Aare unversehens und übermütig in die Arme wirft, so daß diese in ihrem wogenden Laufe einen Augenblick erschrocken innehält und scheltend aufschäumt. Oft kommt sie, die Emme, eine Zeitlang zimperlich und mit dem Anschein der größten Harmlosigkeit dahergeronnen; wann aber in den Schluchten der emmenthal'schen Berge der laue Föhnsturm erbraust und den Schnee von den Höhen wegfegt und schmilzt, sozusagen über Nacht, dann schwillt das Flüßchen urplötzlich zu einem reißenden Strome an, braust ungestüm und wildwogend einher, spottend Damm und Wehr, sich neue Bahnen fressend *) Unweit der Stadt Solothurn gelegen. 55 durch Feld- und Wiesgelände und seine boshafte Freude daran findend, die schützenden Vorkehren, welche des Menschen Hand nach jahrelanger Anstrengung erstellt, in wenigen Stunden grausam zu vernichten. Gerade vor ihrem Einfluß in die Aare hat sie sich im Laufe der Zeiten ein weites sandiges und mit Strauchgewächsen überwuchertes Delta geschaffen und darein tiefe Kanäle gewühlt, in die sie sich abwechselnd ergießt und die sie wieder hochmütig verläßt, je nach Laune. So war es noch zu der Zeit, von welcher wir erzählen: eine wüste Wildniß mitten in weiter, ebener und baumloser Feldlandschaft. Und es konnte auffallen, wie gut unsere anrückende Holländerfamilie in dem Labyrinth von Buschwerk, Sandhaufen, Tümpeln und Kanälen Bescheid wußte. Auf einer mit kurzem, dichtem Riedgras bewachsenen Düne in das Gebüsch eindringend, befanden sich unsere Leute bald im Schatten einer mächtigen, struppigen, stürm- und wogentrotzenden Krüppelweide, von deren Fuß aus eine abneigende Sandfläche sich mehrere Klafter breit nach dem eigentlichen Flußbette hinzog, sich eigentlich darin verlief. Auf drei Seiten mit hohem dunkelgrünem Erlengebüsch eingeschlossen, auf der andern von dem hellklaren Rauschebach begrenzt, in geringer Entfernung eine Anzahl wohlhabender Bauerndörfer — konnte man sich für unsere Sorte Leute ein geeigneteres, stilllauschigeres Halt- und Ruheplätzchen denken, als es dieser „Emmenschachen" war? „Hier," sagte die Großmutter, „wird, eh' wir weiter ziehen, erst noch Wäsche gehalten und die Kluft (Kleidung) ausgebessert; denn so schmierig und rotz (lumpig) werden wir vor Vetters doch nicht erscheinen wollen . . . Zuvor aber laßt uns sehen, wer von unsern Leut' kürzlich hier gewesen." 56 Sie hielt die flache Hand beschattend vor die erblödeten Augen und schaute aufmerksam zu den in die Rinde des Weidenstammes frisch eingegrabenen Zeichen empor . . . „Guck, guck!" rief sie, „des Klappfüßlers! Müssen ganz unlängst, vielleicht erst gestern, abgewälzt sein. Gut, daß wir sie nicht getroffen, mag die ruhmredige Sippe nicht leiden. . . Aber hier, des Waldmapers ihr Hufeisen — des Waldmapers wären mir wieder einmal recht lieb gewesen, vorweg die Alte, die mein Jugendgespan gewesen, meine gute Freundin. Nun aber sei sie völlig erblindet und auch sonst ganz kindisch geworden, die arme Trud! Und war doch zur Zeit eine der schönsten, flinksten und lustigsten Dillen der ganzen zahlreichen Hauder- welt — ja, ja, so geht's, man wird alt, man fällt dahin, ich selbst fühl' es nur zu gut!" Die Grazin befahl: „Na, Ihr Buben, die Stauden (Hemden) ausgezogen! Bei der sonnigen Witterung werdet Jhr's auch ohne dieselben aushalten können. Auch wir anderen thun dasselbe, die Jacken reichen schon hin für die Noth. Fort, in den Busch! Und Du, Lonele, knöpfe Dich ziemlich zu! Auch klagtest Du diese Tage über oft über das Pisacken (Beißen des Ungeziefers) — zeig' mal her! Ah, siehste hier die Biene (Laus) in der Falte? Ja ja, 's ist die hohe Zeit, daß wir 'mal wieder die Wasser siedend machen. Hurtig, Ihr Buben! Und dann fort, nach Reisig aus! Ihr kennt ja den Ballert (Wald), an welchem wir vorbeigezogen — aus den Augen, marsch!" Des folgenden sonnigen Märztages hingen denn auch an den Erlenstauden ringsum eine Anzahl Wäschestücke, eines so schadhaft wie das andere, zum Trocknen ausgebreitet. Hierauf wurde zu Scheere und Nadel gegriffen, was zur Folge hatte, daß das Dutzend Männer-, Frauen- und Kinderhemden schließlich zu einem geflickten Halbdutzend zusammenschmolz. Während die Frau Grazin mit kundiger fleißiger Hand der Wäsche, sowie der notdürftigsten Ausbesserung der Familien- garderobe oblag, die Buben Wald und Busch nach Reisig und Vogelnestern abstreiften und Papa Graz am sonnigen Flußufer lag, nach Fischen angelnd oder auch müßig schmauchend oder schnarchend, vollführte die Großmutter in Begleit ihrer Enkelin wiederholte Exkursionen nach den umliegenden Dörfern und Weilern, „Zinse holend" und „Laden stoßend", d. h. gute Häuser und Kramläden abbettelnd, Karten schlagend und Heilkunde ausübend, mit abwechselndem Erfolg und Gewinn. Oder es wurden, wenn die Alte sich allzu ermüdet fühlte, auch die Kinder allein ausgeschickt nach den verschiedenartigen Küchen- bedürfnissen. „Ach," seufzte eines Tages die Greisin nach langem Sinnen, „wi^ die Zeit vergeht, so rasch, so traurig rasch! Däucht mich doch, es sei erst gestern gewesen, daß ich selbst als junges Mädchen, kaum größer wie Du, Lonele, das erste Mal, in Begleit der Meinigen, in diesen Schachen kam. Damals war die Wüstenei noch weit größer, denn jetzt, ist doch seitdem so viel eingedämmt und zu Feld geschlagen worden, beidseits des Flusses. Pflegten hier auch weit mehr von unseren Leuten zusammen zu kommen, als dies zur Zeit der Fall ist. War Euch das ein buntes, lustiges Treiben allhier, mitunter auch ein lautes, wüstes Streiten, besonders wenn der wilde Burgnnderjockel dabei war mit seinen hochmütigen Mädchen und sackgroben Buben. Hier war es auch, wo ich das erste Mal mit meinem nachmaligen Manne, dem seligen Wolf, zusammentraf: ein Bursche stolz und stark wie ein Leu. . . Und nun ist er da- 58 hin, schon an die zwanzig Jahr' — ach, wie die Zeit verrinnt k Und wie man alt wird und hinfällig! Wer weiß, wie bald auch ich hinsink' in den Sand. . . Nun, um mich wär' es schon kein großer Schaden mehr, und ich wußt' kaum, weshalb ich mich gegen das End' groß sträuben sollt! Wenn nur den Fall nicht wär', daß ich noch alleweil für alles und für alle sorgen müßt' und nicht weiß, wie es gehen soll, wenn ich 'mal nicht mehr da sein werde!" „Dann," meinte Lonele, halb treuherzig, halb schalkhaft, „dann muß halt die Mutter Großmam werden..." Zugleich aber hatte sie einen großen bunten Schmetterling erspäht; eiligst rannte sie dem Matterer nach, über die Lichtung hin, ins Gebüsch hinein, und bald vernahm man aus der Ferne ihren hellen Sang, ihr übermütiges Jauchzen, welches von den Buben, von jenseits des Flusses, ebenso laut erwidert wurde. „Ein Blihmädel!" murmelte die Alte, wohlgefällig schmunzelnd. „Wird eine Dille abgeben, just wie ich eine war, schlägt mir nach, ganz und gar." Die Grazin jedoch bemerkte spitzig und gekränkt: „Was Ihr da immer und immer aussagt von Euch, als ob Ihr alles verrichten tätet für unsern ganzen Haushalt, Ihr allein, und wir andern zu nichts nütze wären, als zum saullenzen und schachteln (genießen) — es hat mich dies, offen gestanden, schon oft hart gekränkt, heute härter denn je. Hab' nämlich geglaubt, meine Sach' ebenfalls stets aufrichtig getan zu haben mit Kochen, Flicken und Waschen —" „Ach, ich meint' ja nicht das!" „Was denn?" „Ich meinte, was die richtige — wie soll ich sagen? — die richtige Hauderin und Tippelschickse (wandernde Bettelfrau) 59 ausmacht! Verstehst mich nun? Gekocht ist's sehr balde, wenn 'mal die Sachen herzugeschleppt sind, was sich dazu gebraucht. Mein diese Sachen herbeizuschaffen, ohne den Kreuzer Geld in der Tasche und ohne zu zotteln (stahlen), das eben ist die wahre große Kunst der Hauderin, die verstanden sein will und nicht einer jeden glückt, weil nicht eine jede dazu beanlagt ist. O ich kenne Herrenweiber und Kafferinnen (Bäuerinnen), so da meinen, allen Witz löffelweise gegessen zu haben, und täte man sie nur eine Woche lang an den Platz von unsereinem hinstellen, sie wüßten nichts anzufangen, müßten elendiglich verhungern und zu Grunde gehen mit all' ihrem Witz." Sie führte ihrer spitzigen gebogenen Nase mit zitternden Fingern eine Prise Tabak zu und fuhr dann redselig und belehrend fort: „Das ist der rechte Witz der Hauderin, daß sie auf den ersten Blick ihre Leute erkennt, von welchen sie 'was erkloppen (erbetteln) will, aus welche Art die Mochumerin (Städterin) oder Kafferin natürt ist, ob grob oder fein, ob dufte (freigebig) oder filzig, ob gescheit und kochum (auf ihrer Hut) oder dumm, abergläubisch und furchtsam. Je nach diesen ihren Eigenschaften muß man sie zu behandeln wissen. Der einen sucht man Mitleid einzuflößen, was bald getan; der andern trachtet man mit andern Mitteln beizukommen, mit Rühmen und Schmeicheln; wieder andern mit Wahrsagen, Blättlein- und Heilkünsten oder auch, wenn alles andere nichts fruchten will, mit Drohungen. Ja, mit Drohungen, d. h. durch rasches, kuraschirtes Ein- und Auftreten, durch bösen Blick, barschen, spitzigen und geheimnisvollen Worten und Gebärden, durch eigentliche kühne Unverschämtheiten... Ich hatte eine Muhme, die Base Dörtel — es war kurios zu sehen, wie die aus den Kafferinnen alles herauszubeuteln wußte durch lauter 60 Süßholzraspeln, ihren wunderbaren Zungenschlag (Beredsamkeit), den sie allen möglichen Umständen anzupassen und stets zu ihrem großen Nutzen zu gebrauchen wußte, wie keine zweite. O die war köß! Während die Tante Gundel durch ihre große Häßlichkeit und die Vorweisung ihrer Wundmale, der natürlichen wie künstlichen, die Leute falle machte (mitleidig stimmte) und sich von ihnen die Taschen füllen ließ... Alle aber wurden bei weitem noch übertroffen von meiner Schwieger: Kein Haus war so fürnehm, in das sie nicht zu dringen wagte; keine Madam oder Kaiserin, die sie durch ihren stechenden Bösblick nicht in Furcht und Schrecken zu versetzen wußte; keine, die nicht den Säugling ängstlich barg vor der mannsgroßen, hagern Hexe, deren Kinn und Oberlippe zudem noch mit schwarzen Borsten versehen waren; keine noch so mutige Hausfrau, die ihr nicht alles, was sie begehrte, willig hinwarf, nur um die Fürchterliche loszuwerden und ihre Kinder vor deren Verwünschungen zu bewahren. Diese, meine Schwieger, die verlor keine Zeit mit langen! Schnabeln und Schmeicheln, die haute gerade auf das los, was sie just begehrte, rauh und befehlerisch; sie folgte den Frauen und Mädchen auf dem Fuße nach durchs ganze Haus, nach dem Küchen- nnd Linnenkasten, in Keller und Speicher, und traf unter den Vorräten die eigene, kühne, unverschämte Auswahl. O es war zum Erstaunen, was die alles herbeischleppte, sogar geräucherte Schinken, ganze Töpfe Bienenhonig, Butterstollen und Kirschengeist. Sie ließ sich schier täglich frisch einklüften (mit Kleidern versehen), um das Zeug gleich wieder zu verkitschen (Erbetteltes veräußern). Besaß daher auch alleweil Drath (Geld) die Taschen voll. Selbst die Männer fürchteten sich vor ihr, wagten ihr selten zu trotzen, und wenn sie's auch taten, so wurde, 61 was sie abschlugen, hinterrücks von der Weibsame verabfolgt, um das Haus und die Bewohner vor dem bösen Zauber der furchtbaren „Michelin" zu bewahren... Wie oft machte sie, die Schwieger, mir zu Anfang meiner Eh' die bittern Vorwürfe über meine damalige Zaghaftigkeit und mein bescheiden höflich Tun, den Leuten gegenüber; jedoch ohne mich zu ihrem Verfahren bekehren zu können. Vielmehr eignete ich mir mit der Zeit alle die Arten an, diejenige der Muhme Dörtel, der Tante Gundel und meiner Schwieger, von dieser oder jener Gebrauch machend, wie es eben die Umstände erforderten. Und dabei bin ich gut bestanden und hab' mich wohl befunden.. . Dies alles, Lene, sag' ich bloß, um Dir zu beweisen, wie sehr ich Recht habe, wenn ich behaupte, daß Dir zu einer richtigen Hauderin und Tippelschickse immer noch vieles mangelt. Und ich mein' nicht Dich allein, ich mein' Euch allesamt, die heutigen. Unsre Leute arten aus, werden zu hoffärtig und geschniegelt, zu höflich, glatt und tippelfcheu (wanderbettelscheu); schämen sich des Türstoßens; schrecken vor jedem rauhen Wort, vor jedem Knirps, in zweierlei Tuch geklüftet; haben auch keinen Chic mehr für die Fahrt; scheuen sich die Bilder zu legen (Karten zu schlagen), wissen nichts Geschicktes damit anzufangen; sparen das Maul, die Zunge; verstehen sich schlecht aus all' den übrigen Kinkerlitz, mit welchem man sich in den Augen der Hocker (Säßhasten, Philister) Furcht und Ansehen verschaffen kann; lassen sich von jedem Rotzbuben die Tür' vor der Nase zuschlagen... Und wie viele der Unsrigen gibt es nicht, Abtrünnige, die lieber zu Kasfern und Handwerkern sche- nigeln (arbeiten) gehen, als das Essen sonst zu kriegen, zu fordern; wie viele, die dem freien Hauderleben Ade gesagt und sich säßhaft gemacht haben hier und dort. Diese Fliegels zum 62 Beispiel, diese Galli und Försters — wie stolz sie sich fühlen in ihren elenden Hütten an steinichter Halde, beim Holzhacken und Waldroden, bei ihren knappen Taglöhnen bei hochmütigen, filzigen Kasfern, bei ihrer abgerahmten Milch und ungeschmälz- ten Rundlingen (Kartoffeln) — pfui, über die Hungerleider!" „Mutter!" schrie einer der Knaben vom Wipfel eines schlanken Erlenbaumes herunter, „Mutter, es kommen Leut'!" „Was für Leut', Hänel?" „Der unsrigen! .. . Jetzt biegen sie in den Schachen ein, in das Gestäud'!" Die „Holländer" Alte hatte sich von ihrem Rasensitze erhoben und spähte, mit der Hand die Augen beschattend, neugierig nach der Richtung hin, nämlich nach dem Dünenweg, dem einzigen, der auf den Lagerplatz führte. Und nach einer Weile bestätigte sie: „Wirklich, der Bub' hat Recht, es sind der unsrigen; und zwar der „Mäuslerspitz" mit seiner schluderigen Dicken, von weitem zu erkennen an dem breiten Watscheln, desgleichen ihre Schrabbiner (Kinder), die suchshaarigen, den Karren schiebend. Daß just diese herkommen mußten!" Und ihre Schwiegertochter stimmte unmutig bei: „Ja, daß es just diese sein müssen, die ich am allerwenigsten stenden (riechen) mag! Das stinkende, mopsige (diebische) „Mäuslerpack" — ich werd' auf meine Wäsche gut Obacht geben müssen." „Zieh' sie lieber gleich ein, Lene!" mahnte die Alte; „sie wird trocken genug sein!" Zugleich breitete sie selbst hurtig die Segeltuchdecke über den Handwagen, damit der Inhalt desselben vor den Augen Unberufener geschützt bleibe. Trotzdem gestaltete sich der beidseitige Willkomm der Wandersamilien zu einem äußerlich recht freundlichen. Die 63 Erwachsenen boten und schüttelten sich die Hand zum Gruße, die Kinder zeigten sich ihre Schätze, bestehend in aufgefundenen, geschenkten oder eingehandelten Bein- und Messingknöpfen, Kleiderschnallen, Stecknadeln, Vorhangringen, Muschelschalen, Taschenmesserchen, Heiligenbildchen, bunten Bändern und Läppchen und solcherlei Spielzeug mehr; und taten gar groß mit dem Besitze, gingen gleich unter lebhaften Gestikulationen und großem Lärm auf einen Tauschhandel ein. Auch die Hunde, nachdem sie sich erst feindselig angebellt und geknurrt, begannen das gegenseitige Mißtrauen abzulegen und sich freundschaftlich zu beschnüffeln. Dem „Holländergraz" war es soeben gelungen, einen ausnehmend glücklichen Fischfang zu tun: eine prächtige, mehr- psündige Lachsforelle hatte zu unvorsichtig in den Angelhaken gebissen, lag nun goldbetupften Fettleibes auf der Frau Grazin Küchenbrett. Des „Mäuslers" brachen darob in laute, neidische Bewunderung aus. Um aber die Beute nicht teilen, beziehungsweise Gastfreundschaft üben zu müssen, erzählte Papa Graz — wer hätte von dem dicken Gesellen solche Schlauheit erwartet? — wie es der Fische dreie gewesen, die sich in dem hellklaren Sturzbachtümpel um seinen Köder gestritten und daher die andern beiden und noch weit größern wohl auch wieder zur Stelle kommen werden; er, der Freund „Mäusler", brauche bloß ebenfalls seinen Angel auszuwerfen... Zu fernerer Vorsicht beeilte sich die Grazin, die Forelle gleich auszuweiden, mit Mehl zu bestreuen und in die siedende Schmalzpfanne zu werfen. Wie lustig das briet, wie herrlich das roch! Hierauf wurde der leckere Bissen in sechs ungleiche Teile zerlegt, drei für die Erwachsenen, drei für die Kinder, ein etwaiger Überbleibsel noch für Papa Graz; den Hunden 64 wurden Kopf und Gräten zugeworfen. Und bei all' dem nun folgenden reichlichen Schmausen kehrte man sich nicht des geringsten daran, daß die rotznasigen „Mäusler"-Buben und Mädchen den Tisch, d. i. den Reisewagen lüsternen Auges und wässernden Mundes umstanden. „Unverschämtes Pack!" näselte die „Mäuslerin", die sich abseits bei ihrem Handkarren gehalten. „Hochmütiges, grobes Holländergestüt', das sich fürnehmer dünkt als wir, und unser- einen alleweil nur so über die Achsel anschaut!" „Soll mich der Donner verschießen," brummte ihr Mann boshaft grimmig, „wenn ich nicht im Stande wär' —" „Bßt!" warnte seine dicke Ehehälfte, „sie könnten's hören!" Nach einer Weile frug der „Mäusler" unmutig: „Und ich, Urschel, was werd' ich zu Abend kriegen? Was hast Du in Bereit?" „Was sollt' ich haben? Hier kannst ihn sehen, den ganzen Vorrat: den Topf Sauermilch, die paar Hansstücke (Brotbissen), das bischen Kohl." „Und keine Fettigkeit, keine Weißlinge (Eier) und keinen Schockelmei dazu? Hab' ich mir's doch gedacht," fuhr er grimmig lächelnd fort, „hab' ich mir's doch gedacht, als ich den langen, vergeblichen Schleichweg gemacht um den Kaff (Dorf) herum, um an die Teiche zu gelangen, den fetten Plattfüßen (Enten, Gänse) zulieb'. Du bleibest derweil' am Kreuzweg auf der faulen Haut ruhig hocken und rührest nicht das Glied, nicht einmal das dumme Großmaul, um jemanden anzuhauen (anzubetteln) und 'was zu erhäschen, 'was Ordentliches für den Abend — Du Schlamp, Du schmutziges Faultier Du! Hol' Dich der Teufel mitsamt Deinem Kohl und Deinen elenden Fußlappen (Weißrüben), ich mag sie nicht!" 65 „So laß sie bleiben, ich zwing' Dich nicht, Du Grobian!" versetzre sie scharf. „Wie sagst Dn, ein Grobian?" rief er wüthend. „Da sollst Du allsogleich den Grobian zu fühlen bekommen — hier hast 'ne Watschen, Du schmutziges Pflaster!" „Oih!" kreischte die Mißhandelte auf. „Schäm' Dich, Dein Weib so zu schlagen, Du Mäusler-Teufel, Du Dieb, Du Flöthenbläser (Zuchthäusler)!" Die Antwort, die schlagende, blieb nicht aus. „Hier eine für den Mäusler, eine für den Dieb, die gesalzene für die Flöthe!" Schmerzgeheul, Verwünschungen, Kindergeschrei! Des Holländers schauten dem rohen Auftritte aus geringer Entfernung mit großer Gelassenheit zu, bot doch dies alles ihren Augen und Ohren so wenig neues und galt es ja unter ihresgleichen von jeher als Sitte und Gepflogenheit, sich ohne die zwingende Veranlassung niemals in fremde Händel zu mischen. Selbst als die Mäuslerin immer lauter und flehentlicher um Hilfe rief, ließ Papa Graz es sich gar nicht anfechten, sondern fuhr gleichmäßig fort, sich mit einer Fischgräte die Zähne zu stochern, während seine Frau Grazin sich an's Spülen der Speiseschüsseln und an's Scheuern des Kochtopfes gemacht hatte, blos ab und zu einen verstohlenen Blick hinüberwerfend zu des Nachbars, und die „Großmama" tat, als ob sie, auf dem Rasenbord. hockend, schlummerte. „Hilfe!" schrie die Mäuslerin, „Hilfe! Mordio!" Da öffnete sich das junge Erlengebüsch, und ein ältlicher, würdig aussehender Bauersmann, der, im nahen Ackerfelde arbeitend, die kläglichen Rufe vernommen haben mußte, erschien auf dem Plan und rief, dem Wütenden in den Arm fallend, 5 66 voller Entrüstung: „Nun sollt' es endlich genug sein, Du Unmensch!" Flugs wandte sich das Augenmerk und der Zorn des Mäuslers von seinem Weibe ab und nach dem unberufenen Friedensvermittler und Jntervenienten hin. Ja, das Unglaubliche, Unerhörte geschah: auch die Mäuslerin stellte sich dem Bauer feindselig entgegen, und dieweil ihr Gatte den Mann vornen, an der Gurgel, gepackt hielt und mit grimmen Faustschlägen traktierte, hatte sie selbst rasch einen dicken Hanfstrick von ihrem Handkarren gerissen und mit den Worten: „Wie wir's zusammen treiben — was geht's Dich an, Du Ochse?" begann sie den „Kaffer" von hinten zu bearbeiten, so daß er laut aufschrie; während die Köter, die vereinigten Holländerschen und Mäuslerischen, sich an die Waden und Rockschöße des Unglücklichen hingen, ihm dieselben arg zurichtend. Als es dem Bauer endlich gelungen war, sich frei zu machen und mit verbeultem Kopf und wunder: Gliedmaßen den Rückzug anzutreten durch die Büsche, da stöhnte er: „Das hat man davon, wenn man sich mit dem Pack einläßt!" Und sich umwendend und die Faust ballend, rief er grimmig: „Aber es soll mir 'mal wieder so ein Luder vor die Haustüre kommen!" „Hahaha! Hihihi!" erscholl es höhnisch, als Antwort. Nachts, beim Sichschlafenlegen, teilte Lonele ihrer Großmutter mit: „Ich will Dir 'was sagen, Großmam! Des Mäuslers hängen voller Geziefer; ich hab' die Bienen (Läuse) an Lillp's Jäcklein ein-und ausgehen sehen — puh! Und dem Fränzel krabbeln sie auch nur so am offenen Hals herum." „Das will ich schon glauben," erwiderte die Alte; „ja, ja, ich glaub's gar gern', bei der Lässigkeit dieser Leut' und ihrer Unredlichkeit. D'rum halt' Dich von ihnen hübsch fern', 67 mein Kind! Morgens, morgens ziehen wir weiter, schon des Münsters wegen und dann auch, weil's mich sehnsüchtig treibt nach meiner Rosa hin ... Freu' Dich, Kind, nun geht's den Bucheggberg hinauf, nach dem gesegneten Welschland hin — ach, wie wird die Rosa, Deine Tante, die Augen auftun und sich freuen. Und ihre Kinder — wie groß mögen wohl ihre Kinder geworden sein?" Des folgenden Tages, als die Holländersamilie fort und über den Schöngrün H zogen — welch' ein prächtiger Frühlingsmorgen ! Helllieblicher Sonnenschein lag über das weite, fruchtbare Talgelände ausgebreitet und ließ die vergoldete Spitze des St.Ursenturmes noch goldener erscheinen, die felsigen Abhänge des Weißensteins erglänzten in rosigem Schimmer. Die Wiesen hatten ihr buntprächtigstes Blumenkleid angezogen und die Grünhecken weiße Sträußchen aufgesteckt, Kirsch- und Birnbaum prangten in herrlichster Blütenpracht, die Luft mit süßem Duft erfüllend; die Vöglein im Gezweige sangen und gebärdeten sich wie närrisch vor Lust. Dazu eine sonntägliche Stille, die Felder ruhten, es ruhte die Landstraße und all' das geschäftliche Treiben. Und die Menschen, Männlein wie Weiblein, Jung und Alt, staken in festtäglichem Putze, gingen freudigen Antlitzes einher. Vom Turme der städtischen Kathedrale herab erscholl harmonisches, feierliches Glockengeläute, ringsum, von den Kirchen und Kirchlein, fielen die Glöcklein vielstimmig ein. Und froher sangen und zwitscherten die Vögel, die Blumen erhoben ihre bunten Blütenkelche, die grünenden, blühenden Baumwipfel nickten leise und erschauerten, und in den Lüften erklang es wie leiser Engelsgesang: Halleluja! Halleluja! ') Anhöhe südlich der Stadt Solothurn. 68 „Was ist denn heut' los?" frug die Frau Grazin. „Was soll's mit der feinen Kluft (Kleidung) der Leute, was mit dem Schallern (Glockengeläute) allerwärts?" „Ich glaub', es ist Ostertag," meinte Graz. „Na, Buben!" rief er nach links und rechts sich wendend, „fest angezogen, hier den Stutz (ansteigende Straße) hinauf!" „Ostertag!" bemerkte Lonele, — „warum feiern wir nicht auch Ostertag, Großmam? Gestern, als ich und die Buben im Dorfe drüben waren — ich mein', es heißt Zuchwyl — da schlich ich mich auch zur Kirchtüre hin, stieß sie fachte auf. Ach, wie schön war da 'neinzuschauen, wie herrlich schön: die hohen, weißgestrichenen Mauern und Gewölbedeckel, die buntbemalten Gehäuse, die bunten Seidentücher an hohen Stangen, die prächtigen Bänder und Quasten, das kostbare wunderliche Gerät aller Art, die mächtigen Kerzenstöcke und Lampen —> ich glaub', sie sind von eitel Gold und Silber! —, die Blumenpracht, die Manns- und Frauenbilder an den Wänden ringsum, die einen so seltsam angucken, einen: zuzunicken und zu winken scheinen — ich begann mich ordentlich zu fürchten, schon beim seltsam lauten Widerhall, den mein plötzlich überkommenes Nießen verursachte; und doch konnt' ich mich von all' der Herrlichkeit, die ich hier das erste Mal zu sehen bekam, beinah' nicht trennen . . . Warum gehen nicht auch wir zur Kirche, Großmam? Großmam, warum sagst Du nichts? Sind wir denn nicht auch, wie die andern Leut'? Ich meine: haben wir denn nicht auch das, was die Leut' Religion nennen?" Die Alte hatte dem Handwagen den steilen Aufsteig hinan nicht mehr zu folgen vermocht, sondern war, in Begleit ihrer Enkelin, um einige Schritte zurückgeblieben. Sie keuchte 69 und ächzte; und erst als die Anhöhe gewonnen war und infolge neuem dränglichem Befragen seitens des jungen Mädchens gab sie den Bescheid: „Religion — 's ist allerdings eine hübsche Sache um die Religion, nämlich für die reichen Leute, ja gewiß! So in feiner Schale (Anzug), mit goldenem und silbernem Zierrat behängen in die gold- und filber- geschmückte Schmeichelwinde (Kirche) zu ziehen, sich dort angucken, anstaunen und beneiden zu lassen — ja 's muß hübsch sein das, für reiche Herren- und Kafserleut'. Wir Hauderer jedoch, dallas (schlecht gekleidet), wie wir sind, bleiben lieber draußen, müßten doch nur in die Schandecke stehen, wenn man uns überhaupt noch hineinließe . . . Religion, um in Guttuch und Seide, in Spitzen oder Pelzwerk gepuppt einherzuziehen, das Gezier und Geläut', das Prunken mit Fahne und köstlich Gerät -— und 's muß angenehm sein, das Sichsehenlassen in solcher Schachtel, angenehm auch das laute schallern (singen) und musizieren, angenehm, hierauf mit Kind und Kegel in die Katschume (Wirtshaus) zu gehen und sich von der Krone (Wirtin) für seine blanken Rädchen (Thalerstücke) güldenen Wein oder kühle Plempe (Bier) reichen zu lassen bis zur vollen Genüge. — Wir armen Wandersleut' aber, was sollen wir, ohne den Polscher (Kreuzer) in der Tasche, dabei tun?... Man nennt uns Toleranten. Weißt Du, was das heißt, Toleranten? Geduldete! Ja, blos Geduldete und Rechtlose sind wir, Geduldete mit immer größerm Widerwillen. Am liebsten möchte man uns einhägen oder gleich abtun, wie anderes gehetztes Wild auch, und da dies nicht wohl zulässig, so jagt man uns von einem Ort zum andern, läßt uns kaum mehr eine ordentliche Ruh' und Rast, überall schickt man uns die wilde Putzerei (Polizei) auf den 70 Nacken, damit sie uns quäle und forttreibe. Und selbst dann, wenn wir endlich auf der Hatze einsinken und die Scheinlinge (Augen) für immer zumachen, kalt und tot sind — geh' auf die Schlummerwiesen (Friedhöfe), mein Kind, und guck, wohin man unsereinen verscharrt? Weit weg von den reichen Hockern (Philister, Säßhafte), damit wir ihnen nicht zu nahe kommen und unsere Würmer sich ja nicht etwa mit den ihrigen vermengen können, weit weg in den aparten, miesen (schlechten) Winkel. Und richtet man jenen andern zu ihren Häupten köstlich geschliffene Steinblöcke auf mit allerhand güldenem Kremenzel (Zierrat) d'ran, uns gönnt man nicht einmal gern' den rohen angebrannten Holzpfahl — paß' auf, Kind, hier das herrschaftlich Fuhrwerk! Und wir sind mit dem dummen Plauschen ordentlich zurückgeblieben!" „Großmam!" begann das junge Mädchen nach einer Weile von neuem, „Großmam, ich möcht' Dich nur noch fragen: Es war verwichenen Winters, als wir in dem Kloster unweit Baden Einkehr genommen und ich und der Hänel uns in die Küche begaben, an den Spendtisch hin. Da trat ein Gallach (Geistlicher, Mönch) zu uns heran und frug, ob wir getauft und christlich unterwiesen seien. Er frug mich auch, ob ich etwas von Gott Vater wisse und von Gott Sohn, vom Beten und vom Himmelreich — weißt Du, Großmam, es war derselbe alte freundliche Herr, der mir die hübschen Bildlein schenkte, nebst dem roten Halsbändchen mit dem steifen schwarzen Läpplein d'ran . . . Und nun möcht' ich's gern' wissen, weil mir eben der Sinn d'ran kommt: Was ist's mit dem Himmel, Großmam, was mit dem Gott Vater?" Die kindliche Frage kam der Alten offenbar sehr ungelegen. Sie räusperte sich mehrmals und erwiderte verdrieß- 71 lich: „Ach, daß Du einen noch so plagen magst mit Deinem fürwitzigen Gefragel, wenn man schon genug zu schnaufen und die alten Knochen nachzuschleppen hat, um den andern nachzukommen. . . . Gleichwohl will ich Dir's gestehen, daß, als ich ein Kind war, wie Du, ich dieselben Fragen stellte, mir und andern . . .Ja, es gab eine Zeit" — ihre Stimme klang weicher und zitternd — „da auch ich zuweilen eifrig nachsann über dergleichen überirdische Dinge und des Tages hinaufschaute zur strahlenden Sonne, des Abends zu dem sanftglänzenden Mond, zu den zahllos schimmernden Sternlein und sie bewegten Gemütes befragte: Was soll euer schweigsames buntes Gefunkel? Wer hat euch dorthin gepflanzt? Und über euch — was steht über euch in den dunkeln, unbegreiflichen , unmenschlichen Fernen? Gibt es wirklich ein Jenseits und wie ist dieses beschaffen? Was folgt, wenn wir Menschen gepeuckert (gestorben) sind, was unsrer Seele? Ist diese wirklich vom Körper trennlich? So frug ich. Und die Sternlein — wohl zwinkerten sie und wechselten unruhig die Farbe, einige davon fuhren auch sprühend zur Erde; allein keines kam, um mir die gewünschte Offenbarung zu bringen, ich verstund ihre stumme Sprache nicht, ich blieb ohne Antwort. Ich frug meine Mutter über diese Dinge; sie litt heftig an Gliedschmerzen und hatte deswegen vieles von ihrem Manne, meinem Stiefvater, auszustehen; darum war sie auch zumeist maßleidigen (verdrießlich) Gemütes und schalt mich auf mein derartiges Befragen hin ein dummes naseweises Ding und hieß mich auf die Fahrt gehen, was jedenfalls mehr abtrage. Die Tante Tille*), an die ich mich nun wandte, *) Ottilia. — 72 lachte mich, meines einfältigen Grübelns wegen, ordentlich aus und riet mir, das Leben zu genießen in Freud' und Lustbarkeit, so gut ich könne, das sei das einzig wahre Himmelreich, darüber hinaus es nichts gebe als Schlummer, ewigen Schlummer ... Und doch, als sie, die Tante Tille, selbst dalag auf der Streu, und sie fühlte den Tod, den langen Schlummer sich nahen, da quollen ihr dicke, kalte Schweißtropfen aus der Stirn' hervor, ihr Blick irrte angstvoll suchend umher und sie stöhnte beklommen: Mir ist so bang', ach, so entsetzlich bang! Könnt' ich zurück, ich wollt' in meinem Leben manches anders machen . . . Ich habe seither oft an diese Worte gedacht: manches anders machen — was sollten und könnten wir armen Haudererleut' wohl anders machen, als uns durch's Leben, durch die weite Welt schlagen, gut und schlecht, wie's eben geht? Heimatlos und geächtet, von jedermann geschupft und verachtet — sollten wir, da wo wir es können, nicht auch an jedermann Rache nehmen, Rache an der ganzen schnöben hochmütigen Welt? ... Ich hab' ihre Priester- blasen (predigen) hören: Traget Geduld, ihr mühselig Geladenen, im Himmelreich wird's euch reichlich vergolten werden . . . Ach, Kind, ich fürchte sehr, im Himmelreich, wenn's eines gibt, wird es just zugehen, wie hier unten auf Erden: die Großen und Reichen werden von der reichbesetzten Tafel breit Besitz nehmen und uns Armen die Knochen zum Benagen hinwerfen, und während sie Tanz und Kurzweil halten bei Wein und Geigenspiel, kommt die himmlische Polente (Polizei) und sperrt uns andern derweil in den Affenkasten, damit wir jene durch unser rotzes (armseliges) Aussehen und neugieriges Glotzen nicht ärgern. Die Reichen, die Reichen! Sie haben halt doch alleweil und allerorten den Vorzug und das Bor- 73 spiel; sie haben sich auch ihre Religion auf den Leib schneiden lassen aus Seide, Samt und Geschmeide. Woher sollten wir das Gold hernehmen, um damit unsere Altäre zu schmücken, die Gallachs fett zu nähren und reich zu beschenken, damit sie uns die Sünden nachlassen? Wohl hat der zu Gersan 'mal gesagt in seiner Kilbired', auch Jesus, der Christ, sei ein armer Wandersmann gewesen, der nicht so viel sein eigen habe nennen können, um sein müdes Haupt d'rauf zu legen. Ich aber dachte: dann ist's nicht der Christ, den unsre Christen bekennen , dieser muß allem nach ein reicher Königssohn gewesen sein, daß sie ihm nicht genug Flitter und Geschmeide darbringen können, um ihm damit zu dienen und zu gefallen. Und wir armen Leute werden noch eine Weile auf die Ankunft des wahren, unsrigen warten müssen." Fünftes Hapitet. Die Zackenbäuerin hatte gläubigen Sinnes das ihr von der alten Hausiererin dargereichte Sänfligungs-Wunderkräutlein in die weitbauchige Branntweinflasche getan und war nun begierig zu erfahren, welche Wirkung dasselbe auf das zum Jähzorn geneigte Gemüt ihres Herrn und Gemahls ausüben werde. Sie sah, wie er regelmäßig zu Vieruhr seinen Apfelwein trank und darauf, zu besserer Verdauung, ebenso regelmäßig sein Gläschen Obstbranntwein goß, heute sogar, ausnahmsweise, zwei: er tat dabei nicht den Mund verziehen, begann vielmehr von neuem seinen Plan betreffend die Wiederaufnahme des Schleifereigeschäftes, auseinanderzusetzen, ganz 74 ruhig und sachlich. „Morgens," sagte er, „morgens wird endlich der Mühlenbauer kommen, um mir das Wasserrad auszubessern. Dann soll's auch mit dem Schleifen allsogleich losgehen, liegt doch bereits schon ein Haufen Arbeit da, Schneidegeschirr, das mir die Schmiedemeister auf die bloße vorläufige Ankündigung hin hergeschickt haben. Das soll mir einen hübschen Batzen abwerfen, weiß ich's doch aus früheren Zeiten, wie ich und mein Bruder uns täglich zwei bis drei Gulden verdienten und zwar an Regen- oder Wintertagen, da die andern Bauernleute müßig auf der Ofenbank 'rumrutschten. Die Regen- und Wintertage, auch ich werde mir sie zum Schleifen auswählen, da wir an den übrigen, schönen, auf dem Feld genug zu tun haben. Auch wird unser Fried das Handwerk in kurzer Zeit loskriegen, ist doch dabei die allzu- große Kunst nicht, sondern heißt es blos gut aufpassen und sich ruhig auf die Schneid' verstehen, worauf ich mir freilich vieles zu gut tu' vor allen andern. . . . Oder bist Du nicht auch zufrieden, Lisbeth, mit dem Beginnen?" „Ach, warum sollt' ich nicht?" entgegnete die Bäuerin mit sauersüßer Miene. „Blos fürchte ich, Du werdest Dich bei Deinen Jahren und dem doppelten Gewerbe allzusehr abschinden. Auch unserm Fried, so jung und mitten im besten Wachstum begriffen, wird es schaden." „Babah! Weder bin ich zu alt, noch ist der Bub' zu jung. Als ich in seinem Alter stand, mußt' ich bereits werken wie ein Knecht, und 's hat mir nichts geschadet, bin dabei groß und stark geworden. Und dann soll's auch ihn freuen, den Fried, wenn wir in unserm Vermögen tüchtig vorwärts kommen. Er soll eben ein hablicher Bauernsohn werden und sich dereinst die reiche Frau holen können, ja gewiß!" 75 In dieser Hoffnungsfreudigkeit leerte er sein zweites Gläschen auf einen Zug, wischte sich den Mund und ging. Er ging in den Viehstall hinaus, kehrte jedoch mit langen Schritten gleich wieder in die Stube zurück und frug: „Den Flachsfchleim für die junge Kalbkuh — wohin haft den Schleim getan, Lisbeth?" „Ich dachte, es wäre heute Abend noch früh' geuug mit dem Schleimkochen. Auch hatte ich den Mittag über so viel anderes zu tun, und kam dazu, Du weißt es ja, noch der Kaminfeger, so recht zur Unzeit." „Zur Unzeit? Bah! Bei Dir ist halt gleich alles zur Unzeit, was Dir nicht in den Kram, in die Küche paßt!" „Hans!" bemerkte die Bäuerin vorwurfsvoll. „'s ist dennoch wahr, was ich sag'," fuhr er nur um so eifriger werdend fort. „An Deinen Hühnern und Ferkeln ist Dir alles, an meinem Vieh dagegen scheint's blutwenig gelegen, sonst könntest nicht das Schleimkochen von Mittag auf den Abend versparen. Wettermordio! Die Kalbin ist unter Brüdern ihre zwölf Duplonen H wert, und wenn ihr nun etwas passieren sollt', weil's Dir nicht bequemte, den Schleim zu bereiten, wer hat dann das Verantworten, als gerade Du, mit Deiner grenzenlosen Gleichgültigkeit in solchen Dingen — Wettermordio!" Die Zackenbäuerin war nahe daran, die unbillige zornige Anschuldigung ihres Eheherrn mit der gebührenden Entschiedenheit und Beredsamkeit zurückzuweisen. Zur rechten Zeit jedoch erinnerte sie sich der Weisung der alten Haustererin. Hurtig ergriff sie die auf der warmen Ofenbank schlummernde i) Louisd'or. 76 Hauskatze, nahm sie kosend auf ihren fettrunden Arm, begab sich mit derselben in die Küche hinaus nach der Hinterstube hin, wo sie dem „Miez" eifrig den Pelz zu streicheln begann und zwar vorschriftsgemäß von vornen nach hinten; was jenem ordentlich zu behagen schien, fing er doch wohlgemut an zu spinnen und den dicken Kopf zutraulich an seiner Herrin Brustlatz zu reiben. Und das Unwetter, das auf des Zackenbauern Stirne so drohend aufgestiegen war, verzog sich beinahe ebenso rasch, als es gekommen, und beim Abendessen schien er allen Unmut völlig vergessen zu haben. Denn nach Tische griff er, wie er es nur in seinen „guten" Stunden zu tun pflegte, nach seiner Mascrpfeife und fing gemütlich an zu schmauchen; und als jene schließlich seinem Munde entfiel, löste er friedsam gähnend seine Schuhe und Strumpfbänder, um sich gleich daraus, ein kurzes Gebet murmelnd, zur Ruhe zu legen. Die Bäuerin aber gedachte dankbar der „Holländerin"^ welche ihr das wirksame Sänstigungsmittel angegeben. Wo die Alte bei dem herrschenden ungestümen Aprilwetter wohl weilen mag? frug sie sich. So hochbetagt und schlecht gekleidet und den Mühsalen und Unbilden eines steten Wanderlebens ausgesetzt — sie kann einen ordentlich dauern, die Ärmste! Wie der Bauer erwartet hatte, war seine Großschleiferei in wenigen Tagen eingerichtet und in Gang gesetzt. Und er gewahrte es mit Stolz und Freude: er hatte die langen Jahre der Unterbrechung über das Handwerk keineswegs verlernt. Hei, wie das rasselte und sprühte, wenn er die rohgeschmiedete Holzart, das Zimmerbeil, das Heu- oder Hackmesser mit starker schwerer Hand auf den wirbelnden, schnurrenden Granitstein 77 preßte, wie das rauschte, wenn er die Stücke auf den riesigen, schnaubenden Sandstein brachte, zu scharfem Schliff, zur Politur. „Schau 'mal her, Fried!" rief er, „und paß' wohl'auf, wie ich's hinhalte und wend'! Merk' Dir den Strich, der unterschiedentliche, se nach dem Werkgeschirr, den es bekommen soll. Faß' es gut in den Kopf: so muß man's angreifen, so den Daumen halten, daß einem nichts geschieht. Wirst doch nicht ein dummer Junge sein und aus der Art schlagen wollen, der geschickten! Ich war ein kleiner Bub' noch, stak kaum in den ersten Höschen, und kletterte Dir schon auf die Schleifbank hinauf und fürchtete mich gar nicht vor dem Gebraus' und Getös', vor dem Funkensprühen, sondern hielt selbst etwas auf den wild sich drehenden Stein hin, was mir gerad' zur Hand war, ein Eisenstück; so daß mein Ätti mich öfters schalt und doch seine große heimliche Freud' d'ran hatte, ihm wohl abzumerken ... So, Du machst's nicht schlecht, Friedel! Jetzt gewendet; so! Siehste, schon die sechs Kreuzer verdient in wenigen Minuten, guck! . . . So lang' das schlechte Wetter anhält, wird fleißig d'rauflos geschliffen, wir verdienen Geld, mein Junge, hübsch Geld!" Eines sonnigen Maisonntags kamen Onkel und Tante Dürst — letztere der Bäuerin Schwester — auf den Zackenhof auf Besuch. Die Freude war eine große, groß auch die Bewirtung. Als die Gäste sich fortbegeben hatten, sagte die Bäuerin zu ihrem Manne, der sich heute in absonderlich guter Laune befand: „Was die Meinung meiner Schwester über unsern Fried betrifft — hast Du's auch gehört, Hans? Er sei ein solch feines, aufgewecktes Bürschchen und so gelehrt von der Schule 78 her, ganz ausnehmend — jammerschad'," meinte sie, „daß er nicht zu 'was Anderm gehalten werde, als blos so zum Bauern, zum Grobschleifen." Der Bauer blies geräuschvoll sein Tabakspfeifenrohr aus und erwiderte: „So? Was hätt' er denn werden sollen, der Bub'? Etwa auch ein Latwergenkneter und Pillendreher, gleich ihrem Männchen? Oder ein Advokätlein, ein Schreiberlein oder Vikar?" „Ei, warum denn nicht? Hat nicht schon der Stadtschul- herr gesagt, als der Junge aus der Schule trat, wir sollten ihn zu etwas Weiterem, Höherem halten, feines geweckten Sinnes wegen? Und liegt er Dir nicht des Sonn- und Feiertags, statt mit den Jungburschen herumzufahren, stets über seinen Lehr- und Geschichtenbüchern?" „Ja, ja, das tut oder tät' er wohl lieber als pflügen, mähen und dreschen, merk' es wohl!" „Da tust Du ihm aber sehr Unrecht, Hans! Schafft er Dir doch, was ihm aufträgst, oftmals über seine jungen Kräfte, so daß er mich bisweilen nicht wenig gedauert hat, will's Dir nur gestehen, Hans!" „O über die mitleidigen Mütter!" „Spotte nicht, Hans! Weißt Du doch wohl, daß ich das Faullenzen so wenig lieb', als Du, und auch unsrer Ka- thrinle nichts nachsehen tu' in diesen Stücken. Allein, um auf den Fried zurückzukommen — schad' dürft' es doch sein, ihn so verbauern zu lassen, dieweil' er's leicht zum Herrn bringen könnt', ebenso gut oder noch besser als ein Stadtbub', ein dummgedrillter, hochmütiger. Auch hat er etwas an sich, so etwas — wie soll ich's nennen? — so etwas Besonderes, Geistliches, ist gar nicht so frech und ausgelassen, wie die 79 übrigen Bauernjungen. Und ich dachte, Du vermöchtest ihn ebenso gut studieren zu lassen, wie jeder andere." Da spuckte der Bauer unwillig aus, hing seine Pfeife an den Wandnagel und polterte: „Was Du da plapperst, Lisbeth — 's ist eitel dummnärr'sches Zeug! Die größte Närrin aber ist Deine Schwester Klephi selber, die Dir den Floh hinters Ohr gesetzt. Sie meint wohl, weil sie mit Angst und Müh' so ein dünnes Herrlein gekriegt, alle Welt sollte nun auch herrächtig werden? Wohl, die Herren Doktoren, Apothekerlein, Gesetzesverdreher und Kapläne mit samt ihren feinen Schleckmäulern würden ehestens ausgefressen haben, gab' es keinen Bauernstand mehr, der ihnen das Getreide pflanzt, Gemüs' und Kälber zieht, die Schweine und das Geflügel mästet und dem Vieh wartet; und ihnen obendrein noch sein Geld einbringt, zumeist für unnütze Dinge und nichtsnutzige Verrichtungen. Ich möcht' wohl sehen, wie lang' es die Welt aushalten tät, wollt' jedermann sich hinter die Bücher und Tintenfässer setzen; möcht' gern' erfahren, ob sie mit all' ihrer Schulweisheit und ihrem Gescheidttun einen einzigen Kreuzerwecken oder Kohlkopf zu Stande bringen könnten! Verhungern müßte sie, rein verhungern bei all' ihrem Gelehrtsein und ihren Kniffen, die ganze geschniegelte hochmütige Sippe!. . . Den Jungen zum Studieren halten — — 's ist wahr, er hat etwas Vikarhaftes, Träumerisches an sich. Das hat er aber nicht von mir geerbt, das hat ihm eher diese Tante Klephi angetan, als sie ihn über das Taufbecken gehalten, sie, die von jeher mit allen Himmelssternlein Zwiegespräch gepflogen und Mitleid fühlte mit jedem Mäuslein, das sich in der Falle verfangen oder der Katze unter die Krallen gelaufen, mit jedem Floh, von ruchlosem Daumennagel geknickt. Ja, 80 ja, ich will's schon glauben, daß sie aus ihrem Patenkind', unserm Jungen, gern' einen Sterngucker, Mondscheinwandler oder Herrgottsdüftler machen würde, glaub's gar wohl!" „Den Jungen weiter schulen zu lassen," fuhr er, die Stube auf- und abschreitend, fort, — „ich selbst konnt', als ich aus der Schule kam, kaum mehr denn meinen Namen schreiben und hab' es trotzdem in dieser Welt so weit gebracht, als irgend einer meiner Mitschüler, auf ehrlichem Weg' . . . Den Jungen studieren lassen, ein groß Stück Geld d'ran wenden, gar noch erborgtes, fremdes — bah, der reine Unsinn, nur so 'was zu denken! Ihn fortziehen" und auf den Studenten- schulen herumrutschen lassen ein Halbdutzend Jahr' oder mehr und ich selbst derweil' auf meinen Äckern mich abschinden, mich mit Knechten'rumschlagen, mit kostspieligen, nichtsnutzigen oder lümmelhaften — ein Narr, wenn ich's tät', ein Erznarr, gewiß ! Auch würd' ich auf diesem Weg bald ausgewirtschaftet haben, wenn die Gemeind' mich nicht rechtzeitig bevogten würd', wie recht und billig. . . Also bleib' mir vom Leib, Lisbeth, mit solch' närrischen Zumutungen, kann und will sie nimmer anhören. Reich' mir lieber noch ein klein Becken Kaffee und gieß mir auch ein Tropfen Kirsch hinein! Das, mein' ich, soll mir gut behagen auf die vielen genossenen Küchlein b), die mir ordentlich den Magen blähen ..." Er befand sich heute bei solch' erregter und ausnehmend guter Laune, der Zackenbauer. Und dennoch vermochte die Bäuerin sich dessen kaum recht zu freuen. Der Rat ihrer Schwester, den Sohn Fried studieren und ein großer Gelehrter 0 Unter die Vormundschaft stellen. 2) Kirschengeist. 0 In der Butter gebackene, handgroße Kuchen. 81 oder frommer Priester werden zu lassen, hatte ihr so warm eingeleuchtet, der Gedanke sich in ihrem mütterlichen Herzen bereits so sehr festgesetzt. Und nun sollte der ganze liebgewonnene Plan an dem Starrsinn ihres Mannes elend scheitern . . . Derjenige aber, dem die lebhaft geführte und wichtige Unterhaltung der beiden Zackenhof-Eheleute zunächst und ausschließlich gegolten, nämlich jung Fried, schien davon auch nicht die leiseste Ahnung zu fühlen. Er und seine Schwester hatten Onkel und „Tante-Gotte" bis vor das Tor des Städtchens begleitet. Kathrinle war von einer Freundin auf- und zurückgehalten worden; Fried dagegen kam laut singend und pfeifend des Heimweges gegangen. Bei der Spitze des Zackenwaldes angekommen, probierte er an der dickstämmigen „Bettlerbuche" die Schärfe seines soeben geschenkt bekommenen neuen Taschenmessers. Es gelang ihm denn auch, neben den vielen rätselhaften Zeichen und Inschriften ein deutliches, zierliches b' 8 nebst der Jahreszahl in die weißliche, saftige Baumrinde einzugraben, und schon war er drauf und dran, auch noch ein kräftiges L, den Namen seines Heimatortes bedeutend, beizufügen, als von letzterm, nämlich dem Städtchen Krotzingen her, das Bimmeln des Abend-Fünfuhrglöckleins sich vernehmen ließ, für unsern Jungknaben die ernste Mahnung, daß es hohe Zeit geworden zum Nachhausegehen, nämlich zum Melken der Kühe und zur Verrichtung der übrigen knechtlichen Arbeiten, die auch des Sonn- und Feiertags nicht unterlassen werden durften. Er war so pflichteifrigen und gehorsamen Gemütes, unser jung Fried. — Der Sommer kam und ging. Es kam auch der Herbst mit seinem milden Sonnenschein, seinem Obstsegen, seinen mannigfachen Annehmlichkeiten und Mühen. 6 82 Eines Morgens — dichte Nebelmassen wogten und wälzten sich über den Spiegel des nahen See's hin, füllten den Talgrund, daß man kaum zwanzig Schritte weit sehen konnte — da meldete Kathrinle, von einem Botengang aus den Zackenhof zurückkehrend: „Des „Holländers" sind auch wieder da, Mutter, drunten im Winkel; sind soeben angekommen." „So?" entgegnete die Mutter. „Nun, diese „Holländers" mag ich gern leiden, sind nicht so schmutzige und zudringliche Leute, wie die andern, so kürzlich da gewesen." Und als bald darauf die „Holländer" Alte tief gebückt und schwer keuchend unter der Küchentüre erschien, ward ihr ein gar freundlicher Empfang zu teil. „Ich dachte schon," meinte die Bäuerin, „Ihr kämet nimmer, wäret gestorben." „Ach ja," ächzte die Greisin, sich mühsam auf den ihr gebotenen Küchenschemel niederlassend, „ach ja, mich wundert's nur, daß es nicht schon geschehen, das Sterben, bei all' der Trübsal und den Beschwerden, die ich in meinen alten Tagen noch auszustehen hab'! . . . Kommen soeben vom Emmen- tal herauf, wo einer unsrer Buben das Bein gebrochen — sie sind so mutwillig verwegen, diese Buben! Und wir anderen konnten ihn doch nicht im Stich' lassen, mußten wohl in der Gegend bleiben, bis der Knochen eingerenkt und notdürftig zusammengeheilt war. Und die Leut' dort herum sind so unverständig grob und die Putzerei (Polizei) so teuselmäßig aussätzig, ohne Maß noch Mitleid, gönnen einem kaum das Stücklein Brot... Zuvor waren wir im Welschland d'rinnen, an den See'n droben, daran ich Schuld gewesen. Fühlte nämlich großen Drang, meine Tochter 'mal wieder zu sehen, das jüngste meiner Kinder und, verzeih' mir's Gott, das liebste, 83 obwohl sie's keineswegs verdient hat, die Resa. Und als wir sie nach langem Aufsuchen zu Berg und Tal endlich auffanden, da lag sie krank im Ballert (Wald), auf elende Streue gebettet. Sie hatte eine Frühgeburt gehabt, und die hat ihr Mann auf dem Gewissen, der rohe, lumpige, garstige Kerl. Krank im Busch, sag' ich, in elender Kluft (Kleidung), ohne Linnen, schier nichts zu beißen und ohne den Polfcher Geld, da der Schaggel alles, was er in die Händ' gekriegt, verkitscht (vertrödelt) und versoffen. Dazu die beiden hungrigen, schreienden Würmchen — ach, ich mag's lieber nicht erzählen, das große Elend und was ich alte Frau in jenen Tagen tun und erleben gemußt! . . . Ach, dieser Schockelmei (Kaffee) schmeckt so gut und das Brot ist so frisch und weich, daß man die Zähne wohl entbehren kann . . . Schon dreimal hat der Resa ihr Mann sich von ihr weggemacht und sich an eine andere Schickse (Weibsbild) gehängt; und denkt Euch: schon dreimal ist das einfältige Ding, meine Resa, ihm wieder nachgegangen, bis sie ihn gefunden, kann gar nicht von ihm lassen. Und ist Euch doch eine, trotz ihrer fünfunddreißig, wie stolzer und hübscher Ihr keine finden könnt weitum; d. h. so war sie eine, eh' sie krank geworden; jetzt freilich sieht sie blaß aus wie die Wand und so mager und eingefallen. Der Kerl bringt sie noch vor der Zeit ins Grab. Und doch dürft' ich zehn gegen eins wetten, just jetzt ist sie, kaum notdürftig hergestellt, ihm schon wieder nachgegangen, o gewiß! Darum auch wollte sie meinen Rat und mein Anerbieten nicht befolgen und zu uns halten auf unserm Strich. So sind wir halt, wir Weibsleute, albern wie die Schaf'! . .. Mir selbst haben die Zeit über Kummer und Sorgen arg zugesetzt. Schaut nur, wie mir die Füß' geschwollen, wie ich 84 zittere vor Schwäche . . . Ah, frische Butter! Welch' gutherzige Frau Ihr seid! Werd' Euch loben zeitlebens . . . Und wie geht's denn alleweil Euch und Euerm Manne?" „Ja, von dem hab' ich just berichten wollen," antwor- tetete die Bäuerin. „Kathrinle, geh' in den Hintergarten und brich einen Armvoll Kraut für die Säu', von dem hohen Mangold ! Und hernach lug' nach den jungen Hühnern, streu' ihnen Hirse oder Wicken! . . . Um von meinem Manne zu reden: Das Rezept — wißt Ihr? — das gegen das aufbrausende Wesen — ich hab's versucht und gut befunden, fürtrefflich! Ein einzig Mal hab' ich's unterlassen, es war am verwichenen Verenatag, als er abends heimkam vom Gericht, wo er in dem Prozeß gegen den Untervogt den Kürzeren gezogen und deshalb ein Glas über den Durst getrunken vor Ärger; und er —- ich schäm' mich nur, es zu sagen! — auch mir alle Grobheit an den Kopf warf der paar Worte wegen, die ich mir bei seinem lauten Schimpfen zu entgegnen erlaubte; und es einen wüsten Streit gab und ich schließlich genötigt war, mich eiligst in die Oberkammer zu flüchten und bei dem Mädchen zu schlafen, aus Furcht, er möcht' mich gar noch schlagen. Und da machte ich neuerdings den Vorsatz, Euern guten Rat niemals mehr außer Acht zu lassen . . . Aber nun denkt Euch mein Mißgeschick: die Katze, die schwarz-weiße, ist tot, hat wahrscheinlich Mäusegift bekommen. Was nun anfangen? Wohl ist noch eine zweite da, doch ist's eine aschfarbene, mit gelben Sprenkeln — seht, dort aus dein Herd sitzt sie!" Die Haustererin meinte, bedächtig den Kopf wiegend: „Das ist allerdings schlimm. Da müssen wir uns wohl auf eine andere Art, nämlich mit dieser Katze zu behelfen suchen. 85 Bringt mir 'mal das Tier her, damit ich ihm die Scheinlinge (Augen) begucken kann . . . Nun, liebe Frau, diese Katze tut's auch, blos werd' ich sie zuvor in Behandlung nehmen müssen. Habt Ihr vielleicht frisches Schweinefleisch im Haus'?" „Ja, ja," antwortete die Bäuerin sehr angelegentlich, „wir haben erst unlängst eingeschlachtet und liegen die beiden Schweine noch im Salz!" Sie eilte in die Küchenkammer und brachte ein fast ellenlanges saftglänzendes Rückenstück zum Vorschein. „Tut's das? Jst's noch frisch genug?" frug sie. „Ja, ich denk's!" Die Katze, die man wieder hatte laufen lasten, hatte den Bissen ebenfalls gerochen und machte sich lüsternen Auges und gehobenen Schweifes herbei, in die Nähe der Alten. „Halt noch ein Weilchen, du Leckermaul!" wehrte diese grinsend, „muß dir zuvor noch Senf dran tun zu besserer Verdauung, und zwar den wunderseltensten, den es gibt auf Erden!" Damit schnitt sie ein fingerdickes Riemchen von dem Fleifchstücke ab, bestrich es mit einer blaßgelben fettigen Salbe und hielt es, nachdem sie einige unverständliche Worte darüber gemurmelt, dem Tiere zum Fraße hin. Miezchen säumte denn auch nicht, kräftig einzubeißen und sich mit der leckern Beute in den hintersten dunkelsten Küchenwinkel zu flüchten, von wo aus man ihr lautes Kauen und Schmatzen vernehmen konnte . .. Jung Fried saß im Stalle und molk die Kühe, und verkürzte sich die Zeit damit, indem er das Burschenlied, das er Tags zuvor von einem Trupp fröhlicher Handwerksgesellen Städtchen auf und ab hatte singen hören, abwechselnd pfiff und sang. Doch wollte ihm die Melodie nicht durchwegs genau gelingen und das ärgerte ihn nicht wenig, denn dieselbe 86 hatte ihn sehr angesprochen. Noch mehr aber ärgerte ihn, von draußen, dem geöffneten Stallfensterchen her eine Stimme vernehmen zu müssen, die offenbar bemüht war, seine musikalischen Versuche zu parodieren, in allen Teilen nachzuäffen; es war eine halbleise, jugendliche Fistelstimme, die ebenso gut einem mutwilligen Mädchen, als einem Buben angehören konnte. Fried dachte an seine Schwester und rief scheltend: „So halt' doch Dein dummes Maul, Käthe!" Darauf aber ward das Summen nur noch neckischer, das Kichern nur wieder mutwilliger und spöttischer. Das steigerte des Jung- knaben Ärger auf's höchste; sachte erhob er sich vorn Melkstuhle, stellte den halbgefüllten Milcheimer beiseite, ergriff die Viehpeitsche, schlich auf den Fußspitzen den Gang entlang, nach der Stalltüre hin, riß diese rucks auf. Er riß auch die Augeu weit auf; denn der neckische Kobold, den er zu züchtigen vorhatte — wohl war es ein Mädchen, doch keineswegs seine Schwester Käthe, sondern fahrender Leute Kind, des „Holländers" wilde Hummel! Des „Holländers" Hummel, um schier Kopfeslänge gewachsen, dabei noch schlanker und sonnverbrannter geworden, als sie es schon gewesen, beiuahe nicht wieder zu erkennen, wären die großen dunkeln Augen nicht gewesen und das mutwillige Stumpfnäschen und das wilde schwarze Kraushaar, sowie das verblichene, ehemals blau und weißgestreifte Drillichkleid, das nun freilich um eine halbe Elle zu kurz geworden. Das überraschte Mädchen hatte sich bei Frieds Erscheinen laut aufschreiend hinter den Scheunenvorsprung geflüchtet, so daß nunmehr blos das vorgebogene Köpfchen beobachtend hervorlugte. „Komm!" rief der Knabe, „laß' Dich sehen, wenn Du Mut hast!" 87 „Daß mich peitschen kannst, gelt?" klang es zurück. „Ich peitsch' Dich nit, ich schneid' Dir blos die lausigen Zöps' ab." „So tu's, wenn Du kannst — fang' mich!" Und der Knabe schien nicht übel Lust zu haben, der kecken Herausforderung Folge zu leisten, als durch das offene Schiebfensterchen der Bauernstube die heisere Stimme der alten Hausiererin erscholl: „Nun, Lonele, wo steckst denn? die Bäuerin will Dich sehen!" Gleichzeitig machte sich von der Schleiferhütte her die rauhe Stimme des Bauern vernehmbar: „Nun, Fried, sind die Küh' schon gemolken und das Vieh besorgt, daß Du so müßig herumfahren kannst?" Der Knabe eilte beschämt in den Stall zurück. Und als er wieder melkend unter der Scheckkuh saß, sprach er halblaut vor sich hin: „Lonele —> welch' ein seltsam späßiger Name, wie keiner steht im Heiligenkalender drin! . . Und wie neckisch es sich gebärden tut — aber es soll mir nur wieder kommen!" Das junge Hausierermädchen in der Stube drinnen — es war zum Verwundern, wie rasch es allen Mutwillen abgestreift, wie demütig und frommen Blickes es, gemäß „Groß- mam's" Aufforderung, sich vor die Bäuerin hinstellte und von oben bis unten mustern ließ. Denn was die beiden Frauen soeben unter sich verhandelt hatten, es bezog sich auf das elend dünne und allzu klein gewordene Röckchen Lonele's, das die gutherzige Bäuerin, wenn tunlich, durch ein besseres, nämlich durch das von ihrer Tochter Käthe abgelegte Sonntagskleid zu ersetzen versprochen hatte. Freilich ergab es sich beim Vergleichen , daß auch letzteres bedeutend zu kurz und um eine 88 volle Spanne zu weit war; doch fand die alte „Holländerin", das sei schon kein Schade nicht, um so besser lasse sich darin durch Staub, Kot und Schnee wandern und um so leichter lasse sich, bei rauher Witterung, das alte Kleid darunter tragen. Zum Anprobieren jedoch wollte sich das Hausiererkind schlechterdings gar nicht verstehen lassen. Fürchtete es etwa, der Sohn des Hauses möchte es dabei überraschen? Die Alte schalt es ein eigensinniges Närrchen; und sprach der Bäuerin den überschwänglichen Dank aus für all' die erhaltenen reichen Gaben, nämlich das Kleid ihrer Enkeltochter und den gewichtigen, saftigen Schweinsrücken, den sie in ihrer weiten, unbeschreiblichen Schürze davontrug. Und während sie mühsamen, tastenden Schrittes Haus und Gehöfte verließ, sprang das Mädchen gleich einem jungen Reh- den Hang hinunter zu seiner Mutter, um ihr frohlockend die empfangene Bescherung zu übermitteln. Und es war wieder ganz Munterkeit und Mutwill geworden und begann das Burschenlied zu trällern, das es dem jungen Bauernsohn neckisch abgelauscht — auf die Richtigkeit und Genauigkeit der Melodie kam es ihm offenbar nicht an, ja, es schuf sich gleich eine neue, freie dazu: Mädel, laß' die Zier, Da ich scheid' von Dir! Einen Kuß mir gib, Halt' mich fürder lieb! Denn wer weiß, wie bald Mich mein Aufenthalt - Zurück ins Städtel führt, Wie sich's wohl gebührt — Juchhei! 89 Auf des Berges Höh' Wechselt Grün mit Schnee; Auf der Wanderstraß' Läuft's ohn' Unterlaß: Bursche geht und kommt, Wie's ihm eben frommt — Zieh' ich wieder ein, Sollst mein Schätzet sein. Juchhei! Sechstes Hapitet. Jahre vergingen. Auf dem „Bettlerwinkel" beim Zackenhof zogen Wander- familien auf und ab, verschiedenartige und größtenteils sehr armütige Leute, die den Anwohnern ordentlich lästig fielen. Des „Holländers" hatten sich nimmer blicken lassen. Eines jungen Lenztages aber kam eine stark vermummte und auffallend tief gebeugte weibliche Gestalt, auf den Krückstock gestützt, sehr langsam das „Zackensträßchen" heraufgewankt und gekrochen. Je alle Halbdutzend Schritte hielt sie müde und keuchend inne. Endlich auf der Flur des Bauernhauses angekommen, ließ sie sich mühsam und stöhnend auf die Bank nieder, schier in sich zusammensinkend, nach Atem ringend. In der offenen Scheunentenne war ein schlanker, kräftiger Jüngling eben damit beschäftigt, ein Halbdutzend gefüllte Getreidesäcke auf einen bereitstehenden Wagen zu verladen. Daneben stand die dicke Zackenbäuerin, einige Bund rohes 90 Leinengarn am Arm, die sie ebenfalls, inmitten der Kornsäcke, sorgsam verlud. Und erst, als sie sich anschickte, ins Haus zurückzugehen, ward sie des seltsamen Gastes auf der Flurbank gewahr; sie blieb einen Augenblick forschend stehen und rief, halb fragend, halb verwundert: „Wie, ist's möglich, die „Holländerin?" Seid Jhr's wirklich?" „Ach, ja!" krächzte die Alte, das farblose Kopftuch lüftend. „O ich — ich glaub's wohl, daß Ihr mich kaum mehr erkennen tut . . . Ja, wer mir's damals, als ich noch eine jungkräftige, übermütige Dille war, vorausgesagt hätt', daß ich jemals krumm wie eine Sichel, mit wackelnden Knochen und mühseligen Atems einherkriechen müßt', ich würd' ihn: ins Gesicht gelacht oder gar eine zornige Ohrfeige versetzt haben, ja gewiß! . . . Krumm und lahm — das tut das grausam hohe Alter, das kommt von den großen Mühen und Strapazen, dem Tippeln (Wandern) bei Wind und Wetter und hartem Frost, gleich dem ewigen Juden, das kommt von den vielen Sorgen, Kümmernissen, Trübsalen und Entbehrungen . . . Damals, vor fünf Jahren, als ich das letzte Mal bei Euch vorgesprochen, da glaubte ich kaum, daß ich noch hinfälliger und elender werden könnt' — nun seht mich an! Gelt, Euch graut vor meiner großen Häßlichkeit und Krüppelhaftigkeit? Glaub's wohl!" Die Bäuerin wußte nicht, was hierauf zu erwidern; denn in der Tat ward sie beim vollen Anblick der mumienähnlichen Gestalt von einem geheimen Grauen erfüllt. Darum sagte sie treuherzig: „Das geht, mit dem Alter, wohl uns allen so. Lugt mich an, wie mein Haar ergraut!" „Haar ergraut? Was will das sagen? Als ich die Fünfzig erreicht hatte, begann auch meines sich zu sprenkeln, 91 gleichwohl aber blieb ich noch Jahrzehnte lang die junglächtige, starke Frau, wie ja auch Ihr es geblieben zu sein scheint." Eine derbdralle, rotwangige Bauerndirne näherte sich, die Hacke auf der Schulter, dem Bauernhause, blieb vor der Alten voll scheuer Verwunderung stehen. „Doch nicht etwa Eure Tochter?" frug jene. „Ei, wie groß und hübsch das Kind geworden ist!" „Ja," erwiederte die Bäuerin nicht ohne Stolz, „groß und stark sind beide geworden, gottlob! Schaut Euch nur den Buben an, dort in der Tenne, unsern Fried." „Ei, ei! Guck, guck! Größer schier, als sein Vater ... Und so hübsch und flink!" „Daß dem so ist und die Kinder so groß und kräftig geraten, das kommt uns nun wohl zu statten," meinte die Bäuerin. „Denn daß Jhr's nur wißt: Hans, mein Mann, ist von einer Tann' getroffen worden im Wald und seitdem übel genug daran, kann keine schwere Arbeit mehr verrichten, mußte auch die Schleiferei aufgeben schon seit einem Jahr', weil er keinen Knecht einstellen und leiden mag. Muß sich sehr schonen. Und just diesen Morgen ist er nach dem „Quel- lenbädlein" gegangen, um, nach des Doktors Weisung, sich das ungesunde Blut ausschröpfen zu lassen. Fried führt das Getreid' in die Mühle und wird ihn dann heimfahren . . > Fried!" rief sie, „Du wirst doch nicht etwa das Jungroß einspannen wollen? " „Warum denn nicht, Mutter?" - „Weil's eben noch so jung, so mutig und schlecht eingefahren ist. Laß' es lieber bleiben, Fried, ich bitt' Dich!" Der Jüngling aber entgegnete lächelnd: „Wie Ihr nur immer so ängstlich sein könnt, Mutter! 's ist ja nicht das 92 erste Mal, daß ich den „Hens" am Wagen gebrauch'. Auch bleibt mir kaum die Wahl, da ja der Schimmel lahm, suß- lahm geworden . . . Die Käthe soll mir die neue Wagenpeitsche 'rausbringen, auch das lederne Sitzkissen für den Vater! Zugleich kann sie, dieweil ich einschirre, die Ölflasche an den Wagen binden." Die Bäuerin, hinsichtlich des Pferdes einigermaßen beruhigt, lud die Hansiererin ein, ihr in die Küche zu folgen. Hier, bei einer Tasse Milchkaffee, erzählte ihr die Alte wo sie und ihre Familie die Zeit über sich aufgehalten: „Wir befanden uns eben wieder im Emmenschachen," begann sie, „als mir durch Fillungers, die eben aus dem Welschland gekommen, der Bericht ward, meiner Rosa ihr Mann sei wegen Totschlag, den er in der Wildheit (Betrunkenheit) und aus Eifersucht begangen, verschütt (verhaftet) worden; sowie daß er im Kittchen (Gefängnis) —denkt Euch das Gräßliche! — sich ein Leid angetan. . . Stellt Euch meinen Schrecken vor, gute Frau, meinen Zorn! Denn solches ist in meiner Familie noch nie vorgekommen, des „Holländers" sind allesamt und von jeher eines ehrlichen Todes gestorben, Ihr dürft's mir glauben! Und nun diese Schand' ! Und nun das Elend, in das die Resa geraten. Es litt mich nicht länger, ich mußte sie aufsuchen, sie trösten gehen. Drum brachen wir denn auch unverzüglich aus, zogen nach dem Welschen hin, Graz und die Lene mit Widerwillen, ich mit großer Sehnsucht und Ungeduld. Und als wir an Ort und Stelle kamen, zu Combe auf dem Juraberg', da war von meiner Tochter und ihren Schwab- binern (Kindern) nicht die Spur mehr zu erblicken. Und erst paar Tage drauf, nach langem Umhersuchen und Nachforschen, mußt' ich zu meinem unaussprechlichen Ärger erfahren, daß 93 sie, die Resa, sich schon wieder an einen andern, dem Pum- perluserkuoni sein Bub', gehängt habe, mit ihm auf und davon gegangen sei, nach Punterlü (Pontarlier) oder weiß Gott wohin ... O über die Leichtfertigkeit der Frauen, zumal der heutigen! ... Mein die Resa ist nicht immer so gewesen, glaubt es mir, liebe Frau! Erst bei diesem ihrem Schaggel, dem elenden Lumpen, ist sie das geworden, und nicht umsonst fühlt' ich den großen Ärger, daß sie, die stolzschöne Dills, an einem solchen Burschen aus solch' minderer Familie hat Gefallen finden und den Narren fressen gekonnt . . . Das Unglück kommt selten allein. Denn zur selbigen Zeit erfuhr ich, daß mein Ohm Kläis — man nannte ihn nur den Harzkläis, weil er mit Tannharz, Schuster- und Schmiedepech hausieren fuhr, weit und breit, im ganzen Seeland herum — daß eben der arme Kläis zu Wistelach totkrank darnieder lag. Auf, nach Wistelach! gebot ich. Denn der Ohm konnte mich arg dauern, wußte ich ja, daß er hoch in den Neunzigen stand, Weib und Kind längst überlebt hatte und mit dem lahmen, stocktauben Glinz, den er aus Guttat angenommen, eigensinnig allein in der Welt herumfuhr . . . Und wir trafen's, daß er gerade in den letzten Zügen lag und selbige Nacht noch den letzten Schnauf tat hier auf Erden. Den Hanf (Geld) — wie sollte er, bei dem guten Geschäft und seinem großen Geiz nicht solchen besessen haben? — den Hanf hatten sie — ach, Ihr kennt sie wohl nicht, die kösse (schlaue), diebische Honigpeterbande, die die letzte Zeit über und mit Absicht zu ihm gehalten! — also den Hans hatten sie ihm schon abgenommen bis auf paar lumpige Bätzlein. Nun wollten sie auch noch Esel und Wagen für sich beanspruchen/weil er, der Verstorbene, ihnen so und so viel schuldig geworden sei auf Pump 94 (Darlehen). Der Kläis diesem Lumpenpack schuldig geworden — wie lächerlich! Es kam denn auch zwischen uns zu bösem Streit, ich und die Lene sparten die Mäuler keineswegs, und der Graz packte den schuftigen Peterle samt seinen beiden langen Bengeln am Kragen und walkte sie entsetzlich durch, daß sie die Sterne am Himmel um Hilfe anschrieen — so bös' und gewalttätig hatt' ich meinen guten Graz zuvor noch nie gesehen, und wer weiß, wie elend er die Burschen noch zugerichtet, wäre nicht, von der Peteriu gerufen, die Polente dazwischen gekommen. Schließlich mußte sich auch noch das Gericht dreinlegen, des Erbstreites wegen, und ich hatte zu beweisen — als ob das nicht sonnenklar! >— daß der Kläis meiner Mutter jüngster Bruder gewesen, sowie daß der Esel sein eigen und ich selbst seine nächste Anverwandte und Erbin war. Und hätt' ich vor den Herren nicht so mutig gered't und alles dargetan, welch' begehrliches, lumpiges Pack des Honigpeters von jeher waren — der Graz, der einfältige Graz hätte trotz seinen gewaltigen Fäusten hier doch den Kürzern gezogen, desgleichen die Lene, obgleich es sie nach Esel und Wagen beinah' noch mehr gelüstete, als mich selbst . . . Also Grauchen ward unser samt Wagen, Klebling (Harz) und Pech. Und wir setzten gleich des Ohms Kundenfahrt fort, mußten aber zugleich den stelzfüßigen Glinz mit in Kauf nehmen; und das war schon unser Schaden nicht, denn der Bursch', so blöd er auch aussieht, versteht sich trefflich aufs Korbflechten. Und da unser Hänel von der bösen Pockenkrankheit, von welcher er nur mit großer Müh' und Anwendung all' meiner Kunst gerettet werden konnte, einen schlimmen Denkzettel davongetragen — er ist seitdem bei weitem nicht mehr der kräftige, mutige Bursch', der er zuvor gewesen —, so hat auch er von 95 ihm das Handwerk gelernt, und die Beiden verdienen uns schon den ordentlichen Batzen, so daß wir nun —" „Mutter! Mutter!" gellte es plötzlich und kläglich von der Hausflur her, „Mutter! Hilfe!" „Ach Gott, die Käthe!" rief die Bäuerin hocherschrocken. „Was um des Himmelswillen" — sie vollendete den Satz nicht, sondern eilre so schnell, als ihre Korpulenz es gestattete, zur Küche, auf die Hausflur hinaus. Dort stand ihre Tochter und rang verzweiflungsvoll die Hände und schrie: „Der Fried! Der Wagen! Das Roß! Der Fried muß wohl halbtot sein oder ganz tot, ich wag' nicht nachschauen zu gehen — ach, Mutter!" schrie und weinte sie. Die Bäuerin zeigte sich weit gefaßter und beherzter. Sie machte sich laut keuchend und stöhnend das Zackensträßchen hinunter, nach der Unglücksstätte hin. Richtig, da lag der Wagen umgeworfen und mit zerbrochener Deichsel, am Bachrand des Sohnes Hut und Tabakspfeifchen, weiter abwärts ein abgerissenes Hufeisen. Im „Winkel", wo des „Holländers" ihr Lager bezogen, sah sie die Grazin nebst den Männern ihrer Familie eine stehende Gruppe bilden. Und als sie angst- pochenden Herzens hinzutrat, erblickte sie in Mitte des Kreises ihren lieben Sohn Fried langausgestreckt auf dem Rasen liegen, geschlossenen Auges und das blasse, leblose Haupt auf den Schoß einer jungen Weibsperson gebettet, die ängstlich beflissen war, ihm mit einem genäßten Leinenlappen das träufelnde Blut von der Stirne zu wischen. „Herr Jesus, er ist tot!" so schrie die Mutter, so schrie nun auch Käthe, die heranstürmende. Doch die Grazin tröstete: „Nein, nein, so weit ist's nicht! Er regt sich ja — seht, seht!" 96 Wirklich begann der Jüngling langsam die Augen aufzuschlagen und wie schlaftrunken auf seine Umgebung zu richten, von einer Gestalt zur andern, bis der Blick haften blieb an dem jugendlichen Frauenantlitz, das mit äußerst teilnehmender Miene auf ihn herniederblickte und zwar aus solch' unmittelbarer Nähe, daß ihre weichen geringelten Haarlocken seine Wangen berührten. Nun versuchte er, nicht ohne große Anstrengung und schmerzhafte Gebärden, sich aufzurichten, und als ihm dies mit Hilfe Dritter endlich gelang, kam er zwischen das fremde Mädchen und seine eigene Mutter zu sitzen, die ihn sorglich unterstützten. Und wieder mußte er die junge schöne Nachbarin anglotzen, auf deren lieblichen Gestchtszügen er ferne, unbestimmte Jugenderinnerungen auftauchen und sich neckisch abspiegeln zu sehen wähnte. Wer war das Mädchen? In dieser seiner phpsiognomischen Betrachtung wurde Fried gestört durch die eifrige Dazwischenkamst Käthe's, welche den ausgezogenen Schuh im nahen Schleiserbach mit frischem Quellwasser gefüllt hatte und nun dasselbe ihrem unfallbetrof- fenen lieben Bruder jählings über Kopf und Nacken goß, so daß er förmlich trof und sich fröstelnd und unwillig schüttelte. Leute brachten das durchgebrannte und glücklich wieder ein- gefangeue Jungpferd herbei; dasselbe schnob und zitterte immer noch vor Aufregung, hatte jedoch, außer einer unbedeutenden Hautschürfung am Oberschenkel, keinen leiblichen Schaden genommen ; es wurde unter Käthe's kundiger Führung in seinen Stall zurückgebracht und des Restes seines Geschirres entledigt. Auch Fried glaubte sich soweit erholt zu haben, um den Gang nach Hause antreten zu können. Als er sich aber auf den Füßen befand und den Gehversuch anstellte, rief seine 97 Mutter besorgt: „Nein, nein, so alleine sollst Du's nicht wagen; hier mein Arm!" Auf der andern Seite von dem großen fremden Mädchen gestützt, trat der junge Mann, gefolgt von der ihnen begegnenden wundheilkundigen alten „Holländerin", langsam den Heimweg an. Und dieweilen die Bauerntochter, im Stalle draußen, damit beschäftigt war, das junge Pferd zu beruhigen und zu pflegen, und Bäuerin und Hauderin in der Küche eine starkduftende Kräutersalbe brauten, saß Fried drinnen in der Stube, auf der niedrigen und mit Kissen belegten Ofenbank, vor sich die junge Unbekannte, die zu seiner Wartung zurückgeblieben. Sie sprachen keine Silbe zu einander. Während jedoch das hoch- und schlankgewachsene Mädchen, ein Glas Wasser in der Hand, seine Augen verwirrt und verschämt niederschlug, ließ der Bauernsohn die seinigen nur um so kecker über die auffallend schön geformten, weichen Züge dieses seines weiblichen Gegenübers gleiten, bis sein Blick schließlich an einer kaum mehr bemerkbaren Stirnnarbe weilen blieb. Und plötzlich ward ihm die Vermutung, die er schon zuvor gehegt, zur vollen Gewißheit. „Lonele!" entfuhr es ihm. Da schlug auch das Mädchen die Augen auf, die großen dunkeln; und darin leuchtete es mit einmal wieder so schalkhaft, schelmisch. „Lonele!" wiederholte Fried leise. „Das „Lonele"," erklärte seine schöne Pflegerin mit tiefer, sonorer Stimme, „das Lonele ist in den Kinderschuhen geblieben. Nun, da ich erwachsen, nennen sie mich Lonny, wie auch meine Gotte (Patin) geheißen." Lonny! das klang ja noch eigenartiger und hübscher. Und wahrscheinlich würde der Jüngling dieser seiner gefaßten 7 98 Ansicht auch den unverhohlenen Ausdruck verliehen haben, wäre nicht die Käthe geräuschvoll iu die Stube getreten, um sich nach dem Befinden ihres Bruders zu erkundigen, welchen Anlaß die junge Hausiererin dazu benutzte, um sich mit einem stummen Gruß zu empfehlen. Und erst, als sie in der Türe verschwunden, kam es Fried in den Sinn, daß er es unhöflicherweise unterlassen, seiner Pflegerin den geziemenden Dank aus- zusprechen. Nun zu spät; er sah es durch das geöffnete Stubenfenster, wie sie, ohne nur umzublicken, leichtfüßig davon- und den Hang hinuntereilte; und auf all' die neugierigen und teilnehmenden Fragen seiner Schwester hatte er, so lange jene noch in Sicht, keinen oder nur höchst einsilbigen Bescheid. Und als er wieder müde die Augen schloß, beschäftigten sich seine Gedanken fast ausschließlich mit der holden Erscheinung der wieder aufgetauchten jungen Hausiererin; er vergegenwärtigte sich das schöne Ebenmaß ihrer hohen, schlanken Figur, die feinen, schlanken Finger, mit denen sie ihm das Glas Wasser hingehalten, aus welchem er vor lauter Staunen und Bewunderung nicht einmal getrunken, er gedachte des Gesicht- chens, dieses Gesichtchens, das — „Hier, Fried!" rief die Mutter, von der Küche her eintretend, „hier die Wundsalbe, noch frischwarm! Laß mich sie Dir auf die Kopfbeulen streichen, auf den wunden Arm! Käthe, hilf ihm das Wams ausziehen, aber fein sachte!" Als dies alles geschehen, hub sie an: „Ach, der Schrecken, den ich ausgestanden! Er ist mir völlig-in die Glieder gefahren, die Beine wollen mich kaum mehr tragen. Und der Vater — wie wird erst der Vater Augen machen, wenn ihm die Geschichte zu Ohren kommt' Mir bangt nicht wenig .. . Hat's doch dem Roß nichts getan, Käthe? Nun, desto besser! 99 Wollen's dem Vater so leicht als möglich darstellen. Dumm muß es aber allerveil zugegangen sein bei der Abfahrt, dumm und leichtfertig — gesteh' es nur, Fried!" Fried schüttelte ärgerlich den Kopf und erwiderte: „Dumm — ja, das war's, dumm nämlich, daß beim Anziehen die Mechanik H brach, die längst schadhafte!" Worauf die Mutter einlenkte: „Ach so, die Mechanik gebrochen? Nun läßt sich freilich alles begreifen, der Unfall hätte also auch ihm passieren können . . . Wenn nur erst der Wagen aus dem Wege geräumt wär', eh' er heimkommt, der Vater." Und sie frug die nun ebenfalls in die Stube tretende alte Hausiererin: „Gelt, Frau, Eure Leute werden schon so gut sein und mit Hand anlegen, beim Wegräumen des Wagens, der so auffällig wüst am Wege liegt? Käthe, geh', sie darum anzufragen! . . . Ach, es war mir ein besonderer Trost, Euch gerade zur Hand zu haben, ich selbst hätte mit Fried vor lauter Schrecken nichts anzufangen gewußt!.. Und das Mädchen, das höchst verständige —- 's ist doch Eure Großtochter, gelt?" Die „Holländerin" nickte und bestätigte: „Ja, ja, 's ist ein gutes, grundbraves Mädchen, die Lonny!" „Und so prächtig groß und hübsch geworden," fuhr die Bäuerin in ihrem aufrichtigen Lobe fort. Die Alte wiegte selbstgefällig das Haupt, „'s ist mein Enkelkind!" meinte sie. „So, just so, blos ein bischen stärker und derber, sah ich aus in diesen Jahren — wer sollt' es glauben? So groß und schön und stolz, wie's keine zweite Hemmvorrichtung des Wagens. 100 gab auf den Straßen — — o dieser Husten, das Kitzeln im Hals, so oft ich Küchendampf gerochen! . . . Ein Gläschen? Nun, da sag' ich nicht nein, so ein Schlückchen wird mir gut tun ... Ja, die Lonny! Ich sag' Euch, das ist ein Mädchen, nicht zu bezahlen, so klug und brav, so gut und verständig, auch gegen mich arme alte Großmutter, so daß ich ohne sie nicht die Minute mehr leben möcht' ..." Drunten im „Winkel" schälte die Frau Grazin Rüben und Kartoffeln. Auch an ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen; sie hatte ordentlich gealtert, war dicker und schwerfälliger geworden, und es bedurfte des leicht ergrauenden Haares schon nicht mehr, um zu beweisen, daß sie, wenn auch noch rüstig und' vollkräftig, nun doch des Lebens Sommer hinter sich gelassen. Das nämliche war augenscheinlich auch bei Graz, des Hauses Oberhaupt, der Fall; breiter noch als früher und sehr behaglich saß er auf einem abgesägten Wurzelstock, damit beschäftigt, seinem messingenen Tabakspfeifendeckel mittelst eifrigem Fummeln mit einem Wolllappen neuen Glanz zu verleihen. Am Wagen war Meister Langohr angebunden, verdrießlich an den vorgelegten, harten Heustengeln kauend. Während das andere und nicht minderwertige, lebende Erbstück aus Onkel Kläisens Verlassenschast, nämlich der Stelzfuß Glinz, am erhöhten, sonnigen Waldrand hockte und Körbe flocht, ihm zur Seite, Weidenruten spaltend, des Hauses Jüngster, der schmächtige, blatternarbige Hänel. Sie beide arbeiteten emsig fort, ohne irgend welche Unterhaltung zu pflegen, noch nach einer solchen Bedürfnis zu bekunden, weder der alle taubstumme und blöde dreinblickende Stelzfuß, noch der blaß und scheu aussehende Jüngling. Ihnen schauten zwei weißharige Pudel zu und zwar 101 mit einer Aufmerksamkeit, als empfänden sie das Gelüste, sich das Handwerk ebenfalls anzueignen. Grauchen am Wagen — plötzlich stellte es das Fressen ein und geberdete sich unruhig, und ließ ein „Nah!" um das andere erschallen, war es, daß ihm das harte, saftlose Futter nicht mehr behagte, war es, daß es sich damit die Langeweile vertreiben wollte; mitunter klangen die Rufe auch wie eine wehmütige Erinnerungsklage an altverlebte, bessere Zeiten — wer will eines Esels Gemütstiefen und Gefühlsleben ergründen? Die Grazin hatte ihr Gemüse in den Kochtopf getan und begann sich laut zu beklagen: „Nicht einmal ein ordentlich — so halt doch endlich ein, du dummes Vieh, mit deinem Schreien! — nicht einmal ein ordentlich Feuer bring' ich mehr zu Stand'! Drei, vier Mannsvölker im Haus', die, wenn's zum Schachteln (Essen) geht, den Löffel zunächst an der Schüssel haben wollen, daneben aber zu faul sind, einem ein Scheit Holz herbeizuschaffen, selbst wenn ihnen der dürre Baumast den lausigen Schädel streift. Da läuft der Bub', der Dieter, schon den ganzen Morgen im Wald herum, armseligen Singvögeln nach, um sie, natürlich für seine Tasche oder sagen wir lieber für seine durstige Gurgel, verhausieren zu gehen, wie er dasselbe mit den jungen Hunden zu tun pflegt, ohne daß ich den Kreuzer davon erblick', von dem Gewinn. Ich wollte fast, er wäre damals an dem Hitzfieber gestorben, als daß er mir nun nichts als Ärger macht und große Kümmernis, wie's ihm dereinst noch ergehen wird. Kaum daß ich ihn des Tages über einmal zu Gesicht bekomm', als wenn's an den Tops geht, da stellt er seinen Mann, wie keiner, und hängt mir dafür noch das Maul an, der Nichtsnutz... Auch Du, Graz!" — sie hatte sich gegen ihren Gatten gewendet, — „auch Du tändelst nur 102 alleweil an Deiner Stinkpfeife oder dergleichen Spielzeug herum, als wärest Du Landvogt oder ein anderes großes Tier; verrichtest nicht das Kindswerk, noch kümmerst Dich den Deurel drum, woher das Essen kommen soll sür die vielen hungrigen Mäuler ach, dazu ist der Herr viel zu fürnehm!" „Ich muß ja Weiden streifen —" „Ja, wenn's thätest, wenn nicht zu faul wärst dazu!" Da brannte auch Meister Graz aus. „Weißt Du was," gab er zornig zurück, „von dummen Weibsleuten lass' ich mir nicht die Nase putzen, ich!" „Oh!" versetzte seine Gattin höhnisch, „ich glaub' fast. Du ließest Dir das noch gerne gefallen, nur damit Dich nicht zu rühren brauchtest!" Sie geriet in immer größern Ärger. „Nun," rief sie, „was frag' ich darnach? Und bin ich nicht die große Närrin, daß ich mich deswegen ereif're? Kommt kein Holz herbei, so laß' ich das Femern (Kochen) einfach gelten; gewiß vermag ich's mit hungrigem Bauch so lang auszuhalten, als Ihr alle!" Die Drohung wirkte. Vater Graz steckte seine Pfeife ein und machte sich brummend in den Wald hinein, auf die Holzlese. Es war aber, was er tat, schon keine Lese mehr: grimmig und mit riesiger Kraft riß er armsdicke Äste von den Bäumen, daß man es laut knacken und krachen hörte. . Es kam die Tochter Lonny vom Zackenhause herunter gestiegen. „Auch Du," schalt ihre Mutter, „trippelst nur so sorglos in der Welt herum. Was hat es Dir nun eingetragen, daß den Gelbschnabel, den jungen Kaffer, hingeleitet hast mit der Miene einer frommen Spitalschwester? Hast 'was zu beißen, was mitbekommen für den Tops, zum Dank? Nichts, gar 103 nichts? Nun, so kannst Du die Fußlappen (Rüben) und Rundlinge ungeschmälzt essen, wie wir auch! Kein Weißling (Ei) mehr, keine andere Fettigkeit, als das bischen ranzigen Speck, welchen ich von der schäbigen Torbäuerin gekriegt und den ich ihr lieber gleich wieder an den Kopf geschmissen hätt'.. . Als ihr noch klein wäret, Du und die Buben, da konnt ich euch noch zu etwas verwenden, euch auf die Fahrt schicken nach diesen: und jenem, was mir mangelte. Nun, da ihr euch groß gegessen und seitdem wir das Erbe gethan, seid ihr gar fürnehm und stolz geworden, schämt euch des Tippelns und Türstoßens, so daß ich schon manchmal gewünscht hab', der Kuckuck hätte Esel und Wagen holen mögen; denn im Grunde, was hat's uns eingetragen? Als Harz und Pech alle geworden, da war's auch aus mit dem Draht (Geld), mit Verkauf und Erlös zu End', und nun müssen wir, nebst den unserigen, auch noch für das unverschämte Maul Grauchens sorgen, damit er, etwa all' paar Tag' einmal vor den Wagen gespannt, so furchtbar träge dahin- trappe, daß man das von: Flecke kommen fast nicht erleben mag. Ja, wären nicht Glinz und der brave Hänel mit ihrem ordentlichen Verdienstchen, sowie die Großmam..." Die letztere, von welcher die Grazin gerade rühmende Erwähnung zu tun im Begriffe stand, kam soeben höchst mühsam das Zackenhofsträßchen heruntergekrochen. Und worauf sich die Blicke aller, vorab der Grazin, richteten, das war der Tragkorb an ihrem Arm. Die Lonny lief ihr entgegen, um ihr die Last freundlich abzunehmen. Der Korb enthielt denn auch weit mehr, als man hatte erwarten und erwünschen können: Schweinefleisch, Eier, Butter und frischgebackenes Brot. Nun ging es, nachdem Papa Graz Brennholz herbeigeschafft, an ein Sieden und Braten, und die den Töpfen ent- 104 strömenden Wohlgerüche mußten wett und verlockend in den Wald hinein gedrungen sein, denn als es zum Anrichten der Speisen ging, siehe, da kam auch Dieter, der hochgewachsene, aber sehr struppig und verwahrlost aussehende Ältestsohn des Hauses, hergelaufen, einen Appetit mit sich bringend, über den die Übrigen, wenn sie es an ihm nicht schon gewohnt gewesen, billig hätten staunen dürfen. — Der Wagen, den des Zackenhöfers Jungroß umgeworfen, war weggeräumt und auch sonst alles, was an den Unfall hätte gemahnen können, so sorgsam als möglich entfernt worden. Auch Fried befand sich offenbar auf dem Wege rascher Wiederherstellung. Gleichwohl, als der Bauer abends nach Hause kam, müde und verdrossen, und man ihm den Vorgang so schonend als möglich erzählte, da brach er in wiederholte ungehaltene „Wetter- mordio!" aus und meinte schließlich, ihm selbst wäre eine solche Ungeschicklichkeit wohl niemals begegnet und auch sein Sohn hätte sie, bei etwelcher Achtsamkeit, leicht verhüten können. Sein Unmut hatte noch einen besondern Grund in dem Umstand gefunden, daß ihm der Arzt soeben und in Rücksicht aus den Gliedschmerz jegliche körperliche Anstrengung auf längere Zeit untersagt und auch die Baderin ihn ungebührlich lange mit dem Schröpfen hingehalten hatte. „Ich soll feiern," polterte er, „und der Bub' hat sich leichtsinnig die Glieder zerschunden — wer soll nun pflügen und säen gehen, wer all' die Frühjahrsarbeiten verrichten?" Erst als ihm seine Frau Lisbeth die Schüssel dampfenden Milchmnßes, seine Lieblingsspeise, nebst einem währschaften Eier- 105 kuchen vorsetzte, legte sich sein Zorn und begann sanfternRegungen Platz zu machen. „Die Badewirtin," berichtete er mitteilsam, „srug stets nach meinem Begehr, ob ich zu dem Schöpplein Wein nicht auch 'was genießen wolle: sie meinte wohl, ich sollte noch schwer' Geld auslegen sür ein Mittagessen, nämlich für ein Plättlein zwei Geschlüder, das mich nur noch hungriger gemacht hätte. Nein, da wollt' ich lieber gleich warten bis nach Hans' und meine Kreuzer sparen. ... Dieser Eiertätsch, Lisbeth, ist gut; ich eß' ihn gleich auf, gelt, Lisbeth?" Und nachdem er in die Scheune hinausgegangen und sich überzeugt hatte, daß sein Jungpferd keinen nennenswerten Schaden genommen, kam er wieder in die Stube zurück, um sich nun auch nach dem Befinden seines Sohnes zu erkundigen. „Er hat sich zu Bett' begeben und schläft nun schon an die zwei Stunden," berichtete die Bäuerin. „Und wie die alte Hauderin im „Winkel" drunten versichert, werden die paar Haut- schürfe und Wundbeulen rasch heilen und der Fried in paar Tagen wieder werken können, wie zuvor. Das werden wir ihrer allerfürtrefflichsten Wundsalbe zu danken haben." „O!" meinte der Bauer, „dank' ihr nur nicht allzu sehr! Ich müßte mich arg täuschen, wenn die Alte für den Löffel voll Schmiere nicht eine mächtige Ankenballe (Bntterstolle) oder eine halbe Seite Speck erwartet, und Du wärest Närrin genug, ihr solches zu verabfolgen.... Ich mag dieses Landstreicher- und Faüllenzervolk nun einmal gar nicht leiden. Dem Spittelhöfer haben sie letzte Woche, als er und seine Leut' auf dem Feld' arbeiteten, die ganze Speisekammer geräumt; sogar den jungen Haushund haben sie ihm weggelockt, mit Teufels List und Herenwerk. Ist das nicht, um den Kröpf an den Hals zu kriegen vor lauter Ärger?" 106 x „Ja freilich! Doch waren es gewiß nicht des „Holländers", dieses sind zu grundehrliche —" Hier fiel ihr der Bauer unmutig ins Wort: „Holländer oder Engelländer oder Rußländer — Pack ist Pack, und für den Unterschied gäb' ich nicht das Förmele (beinerner Knopf)! Die wahre Landplag' ist's, und ich wundere mich nur, wie man sie im Lande noch dulden kann in einer Zeit, da die Leut' doch überaus gescheidt geworden und die neue Regierung die Ras' in alles steckt, was sie im Grund' nichts angeht. Und die Polizei, die scheint auch nur dafür da zu sein, um ehrliche Leute zu ärgern, nämlich die Steuerbatzen einzuziehen; bei dem Bettelvolk gehen die Herren gemütlich vorbei, weil's bei diesen nichts zu erhäschen gibt... Einem den Haushund von der Kette zu stehlen — ist so 'was je erhört worden?" „Vater," frug die Käthe, „wie ist das so gekommen mit diesen Leuten? Ich meine, woher kommen und stammen sie, diese Wanderbettler?" „Woher sie stammen? das mag Gott wissen! Aus aller Herren Länder, denk' ich, Leute, die aus diesem oder jenem Grunde von Hause fortgezogen oder auch fortgejagt worden, nämlich ihre Eltern oder Voreltern, und, wie der Stadtschreiber sagt, ihr Heimatrecht zu erneuern') unterlassen haben und dessen verlustig gegangen sind, teils aus Liederlichkeit, teils aus Bequemlichkeit, da ihnen das Vagabundenleben gar wohl behagte. Der Mangel an Schriften drückt sie nicht schwer, ja, es verschafft ihnen das Recht der Heimatlosen, daß sie überall, im ganzen Land herum, strolchen und betteln und sich auf 0 D. i. der gesetzlichen Bestimmung, sich alle zwanzig oder dreißig Jahre in ihrer Heimatgemeinde zu präsentieren und die Legitimationspapiere erneuern zu lassen, entzogen haben. 107 anderer Leute Kosten bequem machen und mästen können, weit man sie wohl oder übel dulden muß nach Gesetz und Herkommen, wenigstens die Zeitlang ... Einem den Haushund ab der Kette stehlen," rief er gähnend, „'s ist doch zum Kappen- fressen, fürwahr!" So polterte er, bis er endlich auf der Ofenbank müde einschlief. Der Tag war ausnehmend still und frühlingswarm gewesen. Als aber die Sonne sich abendlich hinter die Berge begab, stellte sich, als hätte er nur auf diesen Zeitpunkt gewartet, flugs der Gevatter Sturmwind ein und scheuchte die feuchten Nebel aus den Bergesschluchten hervor und jagte das aufsteigende Gewölk wie toll vor sich her und blies über das Talgelände und den See entlang, daß der Märzstaub hoch aufwirbelte und die Wellen sich türmten und brausten; und schüttelte die immer noch winterkahlen Wald- und Obstbäume, daß sie ächzten und krachten und in ihren Wipfeln die Raben und Elstern erschrocken und unwillig aufkrächzten und sich in den dichtesten Tannenforst flüchteten. Und als die Nacht einbrach, ergoß sich über Berg und Tal ein vom Winde gepeitschter, kalter Regenschauer, ließen die fliehenden Wolken gar noch dichte Schneeflocken aus ihren dunkeln Gewändern fallen, die vom Sturm gierig ersaßt und in boshaftem Spiele ins dichteste Waldgebüsch, durch die Ritzen und Luken der Wohnhäuser und Scheunen gejagt wurden, dazu sang er sein schaurig Lied, daß den Menschen unheimlich zu Mute ward, selbst den wohnunggeschützten, wohlgeborgenen. Und erst unsere Lagerleute im „Winkel" ! Wohl vermochte Onkel Kläisens planbedeckter Reisewagen in seinem Innern die gewohnten Insassen, nämlich das Elternpaar, die Großmutter 108 und Lonny, notdürftig zu bergen. Dranßen jedoch, unter dem Wagen, befand sich die Lagerstätte der „Buben" und des Stelzfußes. Auch der Esel an der Stange sträubte unbehaglich sein langes Grauhaar und stieß von Zeit zu Zeit Klagetöne aus, die im Walde laut und unmelodisch widerhallten. „Mutter!" klagte der Hänel durch die Wagenösfnung herein, „der Glinz und ich halten es nicht länger aus. Der Dieter hat sich nach dem Städtchen fortgemacht, hat, vom Hundetausch her wohl noch einige Kreuzer in der Tasche, die er nun in der warmen Penne (Herberge) dünne machen wird. Wir beide aber, was sollen wir anfangen? Die Plankert (Wolldecken) sind schon völlig durchnäßt und die Streu unter dem Leib' mistfeucht geworden. Und der „Grau'" wird uns heut Nacht krepieren, glaub's nur, Mutter!" Auch Papa Graz sing sich unmutig an zu regen. „Auch ich halt's nimmer aus," brummte er: „Ihr Weibsleute dahinten im Wagen habt gur reden, mir aber weht der Wind den Schnee^ durch die Ritze gerad' auf die Füß', auf die Beine, so daß mich hundemäßig friert!" „Und Du, Lonnr», hast Du auch kalt?" „O ja, Mam! Denn auch hier, zu meinen Häupten dringt der Schnee ein." Einzig die Großmutter klagte nicht; von der Zackenbäuerin hatte sie ein gar kräftig wirkendes Schlaftränklein geschenkt bekommen . .. Gleichwohl entschied Frau Grazin: „Wir pendeln (ziehen) nach dem Hof' hinauf. Ich selbst will voraus gehen zu der Kafferin, Ihr andern folgt gleich mit Wagen und Kram —, sie wird uns schon Unterschlupf gewähren ... Ja ja, der Hänel mag Recht haben, der Grau' könnt' uns draufgehen, dann 109 hieße es, den Wagen wieder selbst ziehen, was uns allen doch ordentlich abgeschmackt vorkommen dürfte . . . Auf, Graz, mach' Platz, daß ich aussteigen kann — puh! wie das windet und heult und schneit! Wer hat je solches erlebt um diese —" Der Wind nahm ihr das Wort tosend vom Munde weg. — Und siehe da, des Morgens hatten Sturm und Wetter sich ausgetobt und gelegt, oder sich vielmehr wieder in die Schluchten der Schneeberge zurückgezogen, der Laune war für einmal genug geschehen. Über den Zackenwald ging die herrlichste der Sonnen aus, von dem Baumgezweige und den Dachrinnen traf es wie eitel Gold, im Gebüsche erklang wieder fröhlicher, minniglicher Vögelgesang, erscholl des Spechtes eifriges Hacken. Auch die „Holländer"-Familie schob ihren Reisewagen zum Schuppen der Zackenhofscheune hinaus, in den „Winkel" hinab, und nahm ihre gewohnte Beschäftigung wieder auf. Durch Gliuzens und Hänels Fleiß war eine Anzahl ziemlich feiner Korbwareu fertig gebracht morden; mit diesen sollte nun Lonny ins Städtchen hausieren gehen. Auf dem Wege dahin sah sie ihren Bruder Dieter in Gesellschaft eines zerlumpten Handwerksburschen trunken dahertorkeln. „Guck da, mein Schwesterle!" lallte Dieter. „Lonny, hast Du wohl etwas Kies (Geld)? Leih' mir welches, bin ganz marode von dem verdammten Liegen auf der harten Bank. Und der Lump von Pennebas (Herbergwirt) wollte mir nicht einmal ein Morgenschlückchen reichen auf Kneif (Kredit), ich sollt' erst blechen. Blechen, wenn kein Blech hast — hahaha! Also, Lonnr», nur die paar Kreuzer, daß ich mir den Magen wärmen gehen kann. Willst nicht, he?" 110 Auch sein Kumpan stammelte: „Bloß ein paar Kreuzer, liebes Kind!" Er wollte sie bei der Hand ergreifen, beim Arm erfassen, doch Lonny wich unmutig aus und sagte, zu ihrem Bruder gewendet: „Geh' Du zu der Mutter, die wird Dir schon 'was zum Frühstück geben, das Dn eigentlich schon gar nicht verdienst. Schäm' Dich, Dieter, es so liederlich zu treiben!" Damit kehrte sie beiden den Rücken und ging eiligen Schrittes fürbas, nicht achtend die spöttischen, schnöden Nachrufe der beiden betrunkenen Gesellen. Das Mädchen besaß als Verkäuferin ein eigenes glückliches Geschick. Ohne nach Art dieser Klasse Hausiererinnen viele Worte zu machen und aufdringlich zu werden, gelang es ihr gleichwohl und in verhältnismäßig kurzer Zeit ihre Waren loszubekommen, schien es doch, als ob die Leute sie gerade dieses gemessenen und sehr anständigen Wesens willen ganz besonders bevorzugten. Diesmal jedoch sollte Lonny's Geschäftsgang nicht ohne Verdrießlichkeit ablaufen. War sie nämlich schon einige Male ins Städtchen hausieren gegangen, ohne auf irgend welche Weise belästigt zu werden — heute stellte sich ihr unter dem Torbogen ein Polizeidiener, der offenbar schon seinen Frühschoppen genossen, in den Weg und begehrte Einsicht in ihr Hausierpatent zu nehmen. Auf des Mädchens höfliche Entgegnung, daß sie keinen weitern Ausweis besitze, als denjenigen armer Leute, die auf redliche Art ihr Brot zu verdienen suchen, lud er sie kategorisch ein, ihm auf das Torstübchen zu folgen. Und als sie sich dessen entschieden weigerte, verlangte er zum mindesten einen Kuß als Torgeld, wollte ihn sich gewaltsam rauben. Der Kuß ward ihm denn auch zu Teil, ein seltsam unerwarteter zwar, 111 nämlich eine zornige, klatschende Maulschelle. Und es traf sich, daß gerade zwei promenierende, ältliche Stadtherren des Weges gegangen kamen und Zeugen des wunderlichen Auftrittes wurden, sie brachen in ein schallendes, schadenfrohes Gelächter aus und der eine davon rief spöttisch: „Mahlzeit, Ruedi!..." Und der Ärmste durfte nicht einmal Rache nehmen, denn derjenige, der den Zuruf getan, war der Herr Stadtschreiber in Person, der dem Mädchen gar schalkhaft freundlich zunickte und es unbesorgt seine Wege gehen hieß. Als Lonny nach glücklich vollbrachtem Ausverkauf auf den „Winkel" zurückkehrte, ward ihr der Bericht, ihre Mutter sei nach dem Zackenhof hinaufgegangen, wo sie, in Abwesenheit des Kaffers, der mit dem Jungpferde nach der Schmiede gefahren, Linnenwäsche zu halten gedenke. Nachdem das Mädchen der „Großmam" ein Dütchen Schnupf-, ihrem Vater ein Röllchen Rauchtabak verabfolgt hatte, setzte sie sich auf die Wagendeichsel und begann ihren Barerlös zu zählen; es belief sich dieser auf drei Gulden zwanzig Kreuzer. „Hier, Hänel," sagte sie, „hast Deinen Teil, die zehn Kreuzer als Taschengeld! Und hier, Glinz, hast Deinen Part auch, nebst einem Dütchen Gerstenzucker!" Der Stelzfuß verzog sein runzeliges blödes Gesicht zu einem sehr vergnüglichen Grinsen und blinzelte gar wohlgefällig zu der jungen, schönen Hausiererin empor. Das Geld jedoch wies er beharrlich zurück und machte dazu eine Gebärde, die ungefähr bedeuten sollte: „Wozu den Draht? Behalt' Du ihn für Dich, Mädchen, ich schenk' ihn Dir aus frohem Herzen!" Als sie eine Weile vergeblich auf die Rückkehr ihrer Mutter gewartet hatte, beschloß Lonny, sich ebenfalls nach dem Bauernhause hinaufzubegeben, um jener nach Gewohnheit Rechenschaft 112 über den Verlauf ihres Geschäftsganges zu geben, sowie neue Weisung einzuholen. War ja der Bauer, den sie immer noch so sehr fürchtete, ausgegangen. Und es begab sich, daß, als sie an die Haustüre pochte, dieselbe gleichzeitig von innen geöffnet wurde, und zwar war es Fried, der Sohn des Hauses, der ein Handtüchlein über die Schulter geworfen, herauszutreten im Begriffe stand. Er mußte wohl kaum mehr großen Wundschmerz empfinden, denn beim Anblicke Lonup's leuchtete sein Auge gar munter und freudig auf, und er sagte: „Muß mich doch noch billig bedanken, wegen gestern..." Das Mädchen lachte unbefangen und erwiderte: „Müßt' nit für was!" Dabei zeigte es zwei Reihen Zähnchen, die blendend weiß zwischen den leichtgeöffneten kirschroten Lippen hervorschimmerten, zeigte abermals das schelmische Grübchen im Kinn, dem rosigen, das sie von früherher kennzeichnete. Und als sie eintreten wollte, sperrte ihr der Bauernknab', die Arme von Türpfosten zu Türpfosten ausbreitend, mutwillig den Weg. „Laß mich," bat Lonny, „ich muß zu meiner Mutter!" . „Damit hat's noch alle Weil'," meinte er. Hieraus machte das Mädchen den mutigen Versuch, sich den Durchpaß gewaltsam zu erzwingen, vermochte jedoch gegen den sich trotzig entgegenstellenden mannsstarken Jüngling nichts auszurichten, der sie nun gar noch mit seinen Armen umfing und vollends zur Gefangenen machte. „Nun mußt Dich wohl gedulden," rief er mit triumphierendem Lächeln, „bis ich Dich wieder loslaß'! Zuvor mußt mir sagen, wie Du es angefangen, um ein so großes hübsches Mädchen zu werden? Halt, halt! das Sträuben nützt Dir wenig, erst die Antwort: Wie hast Du das angefangen, das Groß- und Hübschwerden?" 113 „Dumme Frage!" versetzte sie ungeduldig. „Ich tat wohl dasselbe wie Du: ich aß und schlief und ließ alles übrige geschehen wie es eben geschah . .. Nun aber laß' mich, ich bitt', zu meiner Mutter!" „Deine Mutter und meine Mutter, die sitzen gemütlich im Waschhaus drinnen und plauschen. Brauchst deshalb keine Eil' zu haben, laufen Dir nicht draus!" Bei dem Ringen war dem Mädchen das Kopftuch aus die Schulter heruntergefallen, und damit kamen die hohe, weiße Stirne, die vollen prachtvollen Haarzöpfe zum Vorschein. Dazu die feinen, schamrot erglühenden Wänglein. Wie schön, wie auffallend schön und bezaubernd sie aussah, diese junge Hau- siererin! Fried hatte ihre schlanke Taille fahren lassen, dafür aber schnell, ihre weiche, schmale Hand ersaßt, kühnen, festhaltenden Griffes. Und nach einem Weilchen stummandächtigen Beschauens und Bewunderns begann er mit weicher, gedämpfter Stimme: „Muß Dir erst noch erzählen, was mir diese Nacht geträumt... Ich lag alleweil noch mit wundem Kopf in Deinem weichen Schoß, und Du selbst verwandeltest Dich nach und nach in die heilige Cäcilia, wie sie auf dem Altare steht, ein Bild in der Stadtkirche: just so schön und mild herab- blickend; auch das Strahlenkränzlein fehlte nicht ums Haupt. Und ich wagte kaum zu atmen, aus Furcht, Du möchtest mir entschwinden ... Lach' nicht, Mädchen, 's ist wahr, was ich Dir hier erzähl'. — Aber sag' mir 'mal," fuhr er den scherzhaften Ton wieder aufnehmend, fort, „wie kamst Du nur zu den großen abscheulich schwarzen Zöpfen, die Dir Kopf und Nacken so sehr verunstalten?" „Die sind ebenfalls so gewachsen, kann nichts dafür!" entgegnete sie lachend. Gleichzeitig machte sie sich unversehenen, 8 114 jähen Ruckes los und lief kichernd und dem ihr verdutzt nachblickenden Burschen ein Schnippchen schlagend, eiligst von dannen, nach dem Hinterhause hin. Siebentes Hapilet. Der Sommer brachte den Bewohnern des Zackenhofes Mühen und Schweiß, dafür aber auch eine reiche Ernte an Futter und Getreide. Der Sommer, er brachte dem Bauernsohne Fried auch noch etwas anderes, ganz unerwartetes, nämlich ein — Schätzchen. Eigentlich war es mehr der „Schatz" des Zackenbauern selbst zu nennen, war er es doch, der für seinen Sohn das Mädchen ausgesucht und beinahe unablässig über dasselbe nachdachte, als wäre es seine eigene Geliebte. Und als er alles wohl erwogen und sich zurechtgelegt, fand er es als angezeigt, seinen Fried, den es doch auch ein Bischen angehen sollte, ebenfalls, mit seinem Plane bekannt zu machen. Das war eines Sonnabends beim Nachtessen, als er den Mueslöffel früher als gewöhnlich beiseite legend, nach einigem Räuspern anhob und sprach: „Daß der Zeugschmied heut' hier gewesen, wirst Du wohl auch bemerkt haben, Fried! Das Anliegen aber, das ihn anher geführt, muß ich Dir erst noch mitteilen. Es war wegen seinem Neugebornen, wegen der Gevatterschaft. Du sollst dem Kinde Götte (Pate) sein; als Gotte (Patin) ist ihm des Spittelhöfers Tochter im „Grund" zugesagt. Ich habe für Dich ebenfalls zugesagt. Morgens 116 das fleißig Anstoßen, man wird es Dir doch nicht erst genan sagen oder gar vormachen müssen, Fried!" Dem Jüngling ward es ob den Mitteilungen und Zureden ganz wirr im Kops, es war ihm dies alles, das Patensein, wie das um ein Mädchen werben, so unvermutet gekommen. „Mich dünkt," meinte er schüchtern und sich verlegen hinter den Ohren kratzend, „mich dünkt, ich bin noch so jung . . . und hab' noch nie einen Gedanken gehabt an solches ..." Da brauste der Bauer unwirsch auf: „Wettermordio — kann man einfältiger schwatzen, denn Du? Zu jung, um sich ein reiches Mädchen gewogen zu machen, die reichste Bauerntochter weitum — wie, das will Dir spanisch vorkommen, he? Glaubst etwa, die Erbin werde geduldig zuwarten, bis es dem Herrlein, nämlich Dir, gefallen wird, zu sagen: So, jetzt wär' ich endlich ordentlich bereit, mit Dir anzubinden . . . ? Zudem bin ich mit dem Alten, dem Spittelhöfer, gut befreundet, hab' ihm, bei seinem schweren Prozeß um das Tannwäldchen, einen wesentlichen Dienst geleistet. Und daß ich's gradaus sagen soll: wir haben uns, wegen euch beiden, bereits besprochen und sozusagen geeinigt. Einem andern meines Schlages, nämlich einem Mittelbauer, würd' er sein Mädchen schon gar nicht geben; allein es kann ihm nicht unbekannt sein, daß die Zackenhöfer von Alters her ein ehrbar angesehenes und säß- haftes Geschlecht gewesen, daß mein Großvater im Zehntgericht gesessen und ein anderer meiner Vorfahren sogar die Stelle eines Untervogts bekleidet, drunten im Neuamt; während die Spittelhöfer erst in jüngster Zeit emporgekommen sind, zum Erstaunen schnell. Das muß der Hansjörg wohl wissen und unser Haus drum ordentlich schätzen. Sollte er aber mit 115 soll die Taufe stattfinden. Und um von dieser Deiner Gotte zu reden — da darfst Du Dich mit ihr wohl sehen lassen, Junge! Einziges Mädchen und kriegt dereinst eine Aussteuer, wie sie der fürnehmste Ratsherr kaum aushinzugeben vermöchte, ich weiß es, ich weiß es! Drum mußt Dich auch ordentlich umtun, Fried, und Dich eine Flasche mehr oder weniger nicht reuen lassen." „Auch etwas dazu, Fried!" verbesserte die Mutter; „Kuchen, Braten, gezuckerten Thee und dergleichen. Denn die Mädchen lieben es nicht, nur so bloßen Wein zu trinken. Und falls man Dir auf dem Schloßbühl freudenschießt, der Gotte zu Ehren — auch da darfst Du nicht knauserig tun —" „Gewiß," fiel hier der Bauer wieder ein, „gewiß wird man's tun,, das Schießen! Dann heißest Du die Schützen ins Wirtshaus gehen und sich gütlich tun bei Käs' und Most, auf Deine Rechnung. In solchen Fällen darf' man sich halt keine Unehr' zuziehen, es kommt schon wieder die Zeit, da man ordentlich sparen kann . . . Dann, wenn das Taufen und Gastieren vorbei im Städtchen, fährst Du die Gotte nach Haus', nach dem Spittelhof, wie's eben der Brauch ist, wenn man ein Mädchen mehr als gewöhnlich ästimieren will. Ich selbst werde, so um fünf Uhr 'rum, das Fuhrwerk Dir ins Städtchen bringen, zum „Leuen", wo ihr wohl am angesehensten gehalten werdet. Du darfst überhaupt nichts außer Acht lassen, was Dir das Mädchen gewogen machen kann — verstanden?" Und wieder glaubte die Bäuerin ihre zweckdienlichen Winke und Ratschläge beifügen zu müssen. „Wie Du das angreifen sollst," bemerkte sie, „das Höflichtun, das lustig Schwatzen, das Dich angenehm machen, das Zureden beim Trinken und 117 Tod abgehen vor der Zeit, wer bürgt uns dafür, daß Du das Mädchen dann noch kriegen kannst? Werden nicht auch andere Bürschchen, fürnehmere als Du, sich bei ihr einstellen und sie Dir vor der Nase wegschnappen wollen? . . . Und," fügte er einlenkend hinzu, „damit soll es ja gar nicht gesagt sein, daß ihr euch gleich zu heiraten braucht, ihr könnt's ja 'naus- schieben, nach Belieben, ganz nach Umständen. Blos bleibt die Hauptsach', daß Du die Sache beizeiten festmachst, d. h. Dir ihr Versprechen geben lässest vom Alten, wie von dem Mädchen, am liebsten gleich durch Schrift, daß es vorhält auf alle Fäll'. Hiezu eben sollst Du morgens den Grund legen, den Anfang machen. Drum paß mir hübsch auf, Junge, daß Dich nicht vergaloppierst in keinen Dingen!" Unter solchen und ähnlichen Zusprächen trat denn der „Zackenfried" des folgenden Tages seine Patenfahrt an. Und es hielt gar nicht schwer und bedurfte nicht einmal des Jünglings besondern allerhöflichen Zutuns, um sich das Spittel- höfermädchen gewogen zu machen. Sah er doch in dem neuen Festgewande so überaus hübsch und stattlich aus, wie kaum einer der Jungburschen in- und außerhalb des Städtchens in diesem Punkte mit ihm sich hätte messen dürfen; ein Umstand, welcher der „hübschen Gotte" wohl nicht hatte entgehen können, denn sie benützte jede Gelegenheit, um ihn sich heimlich zu beschauen, bei jedem seiner artigen oder Spaßwörtlein lachte sie laut und sozusagen mit dem ganzen Gesicht, so daß die kleinen Äuglein darin fast gänzlich verschwanden, — sie konnte ihn sich nicht genug anlügen! Doch als Fried spät abends nach Hause zurückkam und er seitens der Mutter sehr angelegentlich befragt wurde, wie die Sache nun abgelaufen und ob ihm die „Gotte" hübsch 118 gefallen, da schüttelte er mißvergnügt den Kopf und sagte, den Hut an den Wandnagel hängend: „Gut ist's schon abgelaufen , denn ich bin nirgends gestolpert und auf die Nase gefallen; von dem Mädchen aber redet mir lieber nicht mehr, denn das ist ein klotzig unschönes Ding und dazu, so viel ich bemerken konnte, noch einfältig-dumm, gleich einer Ente!" Das hörte sein Vater in der Nebenstube, wo er sich bereits zur Ruhe begeben hatte, und er sing laut an zu poltern: „Wettermordio, wie der Bub' nur so malefizdummes Zeug schwatzen kann! Sollt's etwa ein Stadtdämlein sein, ein dünnes, feingeschniegeltes, dessen Fingerlein nichts anzurühren gewohnt sind, als die Gütterlein (Fläschchen) und Töpf- chen, aus denen es sich das bleiche, schwindsüchtige Lärvlein ziert? Könnten wir auf dem Zackenhofe so eins gebrauchen? Nein, was wir gebrauchen, das ist eine junge Frau, die weder die harte Arbeit scheut, noch vor jedem heißen Sonnenstrahl oder lästigen Mückenstich in Ohnmacht fällt; was Du dereinst gebrauchst, Junge, das ist eine Frau mit Geld, mit mächtig viel Geld, damit, wenn die Käthe 'mal ausfliegt, Du nicht gezwungen sein wirst, Dich schmal zu machen und bei der Aussteuer Dir bange werden zu lassen . .. Schön oder nicht schön — weißt Du, was schön ist in der Eh'? Das ist der Besitz, das Wohlleben, der Friede. Woher aber kommen Friede und Unfriede? Kennst es nicht, das Sprüchlein: An der leeren Raufe schlagen sich die Gäul'? Ja, ja, so ist's, wo nichts ist, hat nicht nur der Kaiser, sondern da hat auch der Ehemann, der Bauer, sein Recht verloren, hört alle Herrlichkeit und Gemütlichkeit aus, mit einemmal, allerwärts. Kennst Du wohl auch das andere Sprüchlein, das von dem schönen Becken, wo nichts drin ist, als die buntgemalten 119 Blumen? Iß sie, die Blumen, wenn. Du kannst! Und," schloß er seinen Sermon, „eigentlich häßlich braucht man die junge Spittelhöferin nicht zu nennen. Guck' sie Dir nur recht an: Arme und Waden wie gedrechselt, schier dicker denn mein Stiefelrohr — das wird Dir 'mal eine docke (dickstattliche) Bäuerin werden, die dollste im ganzen Gebiet — hm, hm!" Auch die Mutter, als sie den Patenrock und die Weste in den Wandschrank verwahrt hatte, mahnte: „Bezwing'Dich, Fried, und sei gescheit! Kam Dir das Mädchen aus den ersten Blick auch nicht ganz so feinhübsch vor, wie Du erwartet hattest — schau' Dir die große schöne Hab' an, das zu erhoffende besitzvolle Glück! Und ein nächstes Mal, bei Deinem Besuch' in ihrem Hause, wird sie Dir schon besser gefallen. Überleg' es Dir wohl, Fried, und schlaf' gut, die Nacht!" Zum Bauer sagte sie, als der Sohn sie verlassen hatte: „Das kommt einzig davon, daß der Bub', unser Fried, stets- fort so stickmanierlich zu Hause hockt und noch niemals recht unter die Leute gekommen. Er ist so scheu und fürchtet sich gar noch vor den Mädchen, vor dem einen wie vor dem andern, denk' ich. Nun, da der Anfang gemacht ist, wird ihn: mit der Zeit der Mut schon kommen." „Schlaf' gut!" hatte die Bäuerin ihrem Sohne nachgerufen. Allein Fried schlief nicht gut. Das tat der genossene Wein, der aufregende; das taten die vielfachen, aufregenden Gedanken, die ihn bestürmten, besonders derjenige an das ihm von seinen Eltern zugedachte Spittelhöfer Mädchen, seiner heutigen „Gotte". Je mehr er sich ihre Gestalt und Gesichtszüge, sowie ihr ganzes Benehmen vergegenwärtigte, um so weniger Gefallen vermochte er ihr abzugewinnen. Er gedachte der 120 Reihe nach all' der Ortsmädchen, mit denen er in der Schale oder im übrigen täglichen Leben schon in persönliche Berührung gekommen, beinahe lauter hübsche, lebensfrohe und muntere Dinger, die ihn mit ihrem mutwilligen und neckischen Gebühren auch jetzt noch verfolgten, da sie doch die Kinderschuhe längst ausgetreten und zu jungfräulicher Reise herangewachsen waren; keine unter ihnen, die ihrer Persönlichkeit nach ihm nicht begehrenswerter erschien, als diejenige, welche man ihm gerade zuzuhalten gedachte. Sogar die junge Han- siererin, himmelweit schöner noch, als sie, die Ortsmädchen alle — nein, nein! bei dieser durften seine Gedanken nicht verweilen, nicht einmal ganz flüchtig; das verbot die Sitte, der unüberbrückbare bürgerliche Abstand, der zwischen ihnen beiden lag. Was jedoch der wache Verstand zu denken nicht wagte, der Traum, der verwegene Traum, der machte sich kein Gewissen daraus, kehrte sich wenig an gesellschaftliche Sitten und bürgerlichen Abstand. Kaum hatte der Schlaf dem Bauernsohne endlich die müden Lider zugedrückt, so befand er sich schon wieder drunten im „Winkel", das Haupt in den Schoß der jungen „Holländerin" gebettet; und über sich ersah er das edelgeformte Antlitz, die zierliche Nase, den feingeschnittenen Mund, die schmalen, leichtgeröteten Wänglein, das rosige Kinn mit dem Schalksgrüblein drin, den Schwanenhals, die mächtigen, bläulichschwarzen Haarlocken, die kosend seine wunde Stirne berührten. Und erst diese tiefdnnkeln, von hohen Brauen überwölbten wundersamen Augen, die gleich zwei glänzenden Himmelssternen auf ihn niederschauend, sein armes junges Herz so seltsam wonniglich erbeben machten. .. Dann trafen sie sich abermals unter der Hauspforte; er glaubte neuerdings den süßen Wohllaut ihrer Stimme zu vernehmen, 121 mit welcher sie ihn erst, demütig um Einlaß bat, um gleich wieder, auf seine neckische Rede, ihm neckisch trotzige Widerrede zu bieten. Er hatte ihre weiche Hand erfaßt, er fühlte sich mutig entschlossen, sie nimmer und nimmer zu lassen. Doch entwand sie sich ihm plötzlich mit zauberischer Gewalt, entschwebte, einen kurzen, huldvollen Blick zurücksendend, nach der nahen Zackenwaldhöhe hin. Und bei ihrem Nahen neigten die hohen Tannen und mächtigen Eichen ehrfurchtsvoll die Häupter, der Buchenhain errauschte geheimnisvoll und tat sich auf, eine dunkelgrüne, altarähnliche Nische bildend, in welcher die Hellstrahlende, Lichtumflossene den bereitstehendeu smaragdenen Tron bestieg, um von diesem aus die Huldigung der heran- trippelnden Waldzwerge entgegenzunehmen und den laut schmetternden Chorus der unzählbar umherflatternden Singvögel anzuhören . . . Alles genau so, wie es in dem herrlichen Sagenbuch gestanden, das er erst kürzlich und mit sehr großem Interesse gelesen . . . Anbetend sank auch er nieder ins schwellende Moos. Und als er den Blick zu der Himmlischen emporzurichten wagte, da schaute sie wieder schalkhaft lächelnd aus ihn hernieder, und er vernahm ihr mutwillig Flüstern: „Was Du an mir als schön bestaunst — ich ließ alles geschehen, wie's geschah, ich kann nichts dafür ..." Auch er konnte nichts dafür, daß sein Herz die bildschöne reizende Gestalt tief in sich aufnahm und mit steigender Bewunderung festhielt, daß es derselben einen Altar baute, heimlich traut, so daß die reiche, klotzige Spittelhöferin schon keinen Platz mehr darin finden konnte, auch nicht ein wohnbares Winkelchen. Das war schlimm, das durste eigentlich gar nicht geschehen. So kam es Fried selbst bisweilen gar ernsthaft in den 122 Sinn. Und er seufzte: „Fast wollt' ich, ich sähe sie nimmer, sie bliebe dem Zackenhof für immer fern!" Ja, wäre sie fürderhin ferngeblieben — gewiß hätte ihr Bild, das er sich in sein Herz gegraben und das Idol, das er sich daraus geschaffen, nach und nach seine Zauberhaftigkeit eingebüßt, wäre mit der Zeit der Vergessenheit anheimgefallen. Allein das Mädchen kam, wiewohl unabsichtlich, wieder. Als Fried eines Spätsommermorgens vor den Kuhstall hinaustrat und den Blick von ungefähr den Hang hinunter schweifen ließ auf den immer noch schlummernden See, das idyllische Tälgelände, die ruhende Landstraße — nein, die Landstraße ruhte nicht vollständig, ein von Männlein und Weiblein umgebener Planwagen kam langsam vom Städtchen hergefahren; und das vorgespannte Zugtier sandte dem Zackenwalde einen lauten, gedehnten Gruß entgegen, den bekannten Eselsgruß, rüstiger griff es aus, denn sein als beschränkt verschrieener Sinn hatte sie gleich wieder erkannt, die traute Lagerstätte des grasreichen Waldwinkels. Fried hatte die gefüllte Milchtanse auf den Flurboden gestellt und die Hauskatze sich hinterrücks darüber hergemacht, über den weißen duftigen Milchschaum; Fried gewahrte, beachtete es nicht, all' seine Sehkraft und Sinnesaufmerksamkeit war ausschließlich auf die Ankömmlinge, auf die Vorgänge im „Winkel" gerichtet. „Sind sie es wirklich?" frug er sich erregt. Ja, es waren des „Holländers" , nun deutlich zu erkennen an dem großen bunten Flickstück, das an der aufgespannten Wagendecke haftete und sich von weitem ausnahm ähnlich einem kantonalen Zeltwappen; zu erkennen an den phantastisch geschorenen Pudelhunden. Dort bewegte sich auch, zur Seite des Esels, Vater Grazens schwerfällige Hünengestalt, 123 ihm folgten sein schmächtiger Sohn Hänel, der Stelzfuß Glinz, die dicke Frau Grazin, die Lonny ... die Lonny groß und schlank, mit dem leichten, schwebenden Gang, die geborne, unvergleichliche, anmutsvolle Hoheit, in das Gewand der Dürftigkeit gekleidet . . . Jetzt bog der Zug in den Winkel ein, dort unter dem schirm- und schattenspendenden mächtigen Nußbaum wurde, wie gewohnt, Halt gemacht; im Nu war Meister Langohr ausgeschirrt, mit freudigem Aah! trabte er in den grünen Wald hinein, zu frischer, froher Atzung. Während unter dem Nußbaum gar bald eine dickqualmende Rauchsäule aufstieg, des häuslichen Verweilens trautes Wahrzeichen. „Nun, Friedet, was reckst Du denn den Hals und schneid'st ein Gesicht gleich einem verzückten Sterngucker?" So rief die Käthe mit lauter neckischer Stimme vom Krautgarten her. „Steht etwa das Städtle in Brand oder kommen die Türken über den See angefahren? Hihihi!" Verschämt griff der Bauernsohn nach seiner vernachlässigten Milchtanse und gab seiner Schwester ärgerlich zurück: „Dein dicknasiger rußiger Kurt ist's, dem ich zugeschaut, wie er, des Weges gehend, schier über seine eigenen krummen Beine gestolpert!" Damit machte er sich hurtig nach der Küche hin; und noch nie hatte er es so eilig gehabt, sich seiner schmutzglänzenden Stallkleider zu entledigen und in saubere, zwillichene zu schlüpfen. Ja, seine Mutter, als sie zum Frühstücke rief, traf ihn sogar, wie er, das Haupthaar glatt kämmend und die Spitzen seines jungen Schnauzbärtchens nach oben drehend, vor dem halberblindeten Kammerspiegelchen stand — am hellen Werkeltag! Beim Frühstücke erging sich der Zackenbauer mit einer bemerkenswerten Beredsamkeit über die nicht hoch genug zu 124 schätzenden Vorteile einer rationellen Pferde- und Jungviehzucht, die sich namentlich für jene, mit vortrefflichen Weideplätzen versehene Gegend des vorzüglichsten eignen müsse. Er selbst werde auf kommenden Winter sich eine zweite Fohlenstute anschaffen, wenn möglich ein echtes Rassentier. Er vergaß nicht zu erwähnen, daß auch sein Freund Spittelhöfer diese seine Ansicht des vollständigsten teile und auf ähnliche Weise vorzugehen beabsichtige. Fried, an welchen, als dereinstigen Großbauer, diese Erörterungen und Belehrungen doch vorzugsweise gerichtet waren, lieh denselben nur geteiltes Ohr. Vom geöffneten Stuben- fenster aus, vor welchem er saß, vermochte er bequem den absteigenden Hang zu überblicken bis zum „Winkel" hinab, konnte er die Ringel der aufsteigenden Rauchsäule zählen, wie sie, in hoher Luft zu Dunst zerfließend, sich mit dem lichten Morgennebel vermählten; er konnte das Bellen der Hunde, die schrill kreischende Stimme der alten „Holländerin" vernehmen, die dem Vieh Schweigen gebot . . . Und als nun plötzlich und leise an die Stubentüre gepocht wurde, da ließ der große Jungknabe vor Schreck und Aufregung beinahe den Löffel aus der sonst so kräftigen Hand fallen; denn es konnte ja sie sein, von welcher sein Herz soeben sehnsuchtsverwegen geträumt. Doch es war nicht die Lonny, die in die Stube trat, sondern ihre Mutter, an der Hand ein frischverfertigtes Gemüsekörbchen, gegen welches sie sich Milch und Brot einzutauschen beabsichtigte und welchem Wunsche denn auch seitens der Bäuerin mit großer Bereitwilligkeit und Uneigennützigkeit entsprochen wurde. Die Grazin erzählte auch, wie ihre Schwieger auf einmal so sehr hinfällig geworden und nament- 125 lich die Gehwerkzeuge ihr den Dienst zu versagen begonnen — auch durchaus nicht zu verwundern bei den neunzig Lebensjahren. Fried, sein Vater und die Käthe begaben sich mit Sicheln bewaffnet in das oberhalb des Zackenhauses gelegene Gersten- seld. Allein noch nie zuvor war dem sonst so fleißigen jungen Manne die Arbeit so sauer und langweilig vorgekommen, wie eben heute. So oft er sich vom Getreideschneiden aufrichtete, konnte er nicht umhin, einen verstohlenen Blick den Abhang hinunter, nach dem „Winkel" hinzusenden. Er sah die Mutter Grazin mit ihrem Kram sich vom Hause wegbegeben, desgleichen, nach einiger Zeit, einen Burschen, den Dieter, mit einem Bund Wickenstroh. Sie selbst jedoch, auf welche al? sein Sinnen gerichtet war, ließ sich nirgends erblicken. Sie ließ sich auch den ganzen übrigen Tag nicht sehen. Und als es Abend geworden und die Arbeit getan war, da litt es Fried nicht länger im Hause; er wollte und mußte sie sehen, wenn auch nur verstohlen, von weitem. Darum schlenderte er anscheinend gleichgiltig und ein Liedlein pfeifend nach dem nahen Zackenwald hinüber. Allein dort angekommen, nahm er gleich eine lebhafte und sehr rasche Gangart an; eilig schlüpfte er zwischen den dicken Eichen- und Buchenstämmen hindurch, wand sich geschickt und unverdrossen durch den stacheligen Jungföhrenschlag, immer dem Waldessaum nach, der hinunter nach dem „Winkel" führte. In der Nähe des letzter» angekommen und aus buschigem . Verstecke heraus konnte er bequem den ganzen Lagerplatz überschauen, samt der auf dem Rasenhang ruhenden, malerisch gruppierten Wanderfamilie ... die Eine, die sein Auge suchte, befand sich nicht dabei. 126 Einer der Hunde erhob schnüffelnd und knurrend die langbehaarte Schnauze, weshalb Fried es für geraten fand, fachte den Rückzug anzutreten; er tat es verstimmt und verdrießlich; gedankenlos schnitt er mit dem Taschenmesser eine Haselgerte und war drauf und dran, sich nächsten Weges wieder nach Hause zu begeben — halt, was war das? Mädchensang, ein Jubilieren so feinartig hell, ungemessen schön und anmutig... die Waldgeister trugen die Töne aus der Ferne heran zu des Jünglings lauschendem Ohr. Der Sang kam näher und näher, den Wald entlang, hochklopfenden Herzens barg sich Fried hinter einen aus dem Boden hervorragenden, moosgrünen Felsblock, immer deutlicher konnte er Verse und Worte vernehmen, den Refrain: Wenn Du mir nur gut bist, Wenn Du mir nur treu — Jodeldi, Jodeldei, Jodeldu! Ob Goldsonue leuchtet mir ringsumher, Ob Wolken sich türmen gewitterschwer, Ob Freude mir winket, ob Ungemach — Was soll's mich kümmern, was frag' ich darnach? Wenn Du mir nur gut bist, Wenn Du mir nur treu — Jodeldi, Jodeldei, Jodeldu! Und Goldsonne beleuchtete mit ihrem letzten, durch die Waldlichtung schräg einfallenden Strahle der Sängerin holdes Antlitz, ihre ganze, in ungezwungenster Anmut einherschreitende Gestalt... 127 Aber, unbekümmert um den sie überkommenden Schreck, den angsthaften Aufschrei, vertrat des Zackenbauern Sohn der Schönen kühn den Weg, ergriff ihre weiche, bebende Hand, schaute ihr treuherzig in die Augen und sagte mit weicher, bewegter Stimme, ohne irgendwelche Einleitung: „Lonny, sei mir gut!" Das Mädchen schien sich von seinem Schrecken schnell erholt zu haben, denn nun lachte es mutwillig aus und versetzte mit neckischer Miene: „Womit kann ich dienen? Hast etwa wieder die Waldfuhre verfahren und dabei Deine Pelzmütze verloren, wie damals, vor Jahren — weißt noch?" „Ach, spotte nicht! Höre, Lonny, ich hab' Dich gar sehr lieb..." Zugleich suchte er ihre Hand, die sie ihm behende entzogen, wieder zu erfassen. Das Mädchen aber, plötzlich sehr ernsthaft geworden, wehrte: „Laß' mich, Fried! Du scheinst heut' Abend nicht bei Sinn und Trost zu sein, sonst könntest nicht solch' unnützes, unsinniges Zeug schwatzen... Komm, Bill!" rief sie dem wedelnd herbeieilenden Pudel entgegen, „komm' gib mir dein gut' Geleit!" Damit schritt sie ruhig und voller Hoheit fürbas zu den Ihrigen zurück. Verdutzt sah Fried ihr nach, bis sie in dem Dickicht des Waldsaumes verschwunden. Dann schlich auch er sich gesenkten Hauptes und auf Umwegen nach Hause. Von seinem Kammer- fenster aus, durch die tiesabendliche Dämmerung sah er das Lagerfeuer drunten im „Winkel" noch einmal hell aufflackern, dann mählig verglimmen: sie hatten sich zur Ruhe begeben, auch sie, die schöne Trotzige. Auch er begab sich zu Bette, den Kopf voll wirrer Gedanken, das Herz voll der aufregendsten, widersprechendsten Gefühle. Er seufzte einmal um 128 das andere schwer auf, gleich einem, dem tiefes, ungerechtes Weh widerfahren: Schließlich jedoch begann so etwas wie Zorn die Oberhand zu gewinnen. Das Mädchen hatte das Geständnis seiner aufrichtigen Liebe hochmütig und höhnisch zurückgewiesen, es, das armmütige Haudererkind — war das für ihn, den unbescholtenen Bauernsohn, nicht in hohem Grade demütigend? Nun reute es ihn, den Gang getan und das Wort gesprochen zu haben, das übereilte, gefühls- verratende. Wie dumm, wie dumm! Wenn das sein Vater wüßte, dem selbst die reichsten Bauerntöchter beinahe zu gering erschienen zur Auslese, ja wenn er das wüßte oder vernähme — Fried wagte sich den Gedanken schon gar nicht auszudeuten. Er versuchte über seine eigene Torheit zu lachen, es wollte ihm nicht gelingen. „Wenn nur das Mädchen reinen Mund hält," dachte er, „daß das Geschehnis nicht aus- und meinen Eltern zu Ohren kommt!... Doch," so tröstete er sich schließlich, „wer würd' wohl einer solchen Person ernsthaft Glauben schenken wollen? Das könnten nur die Neider, die klatsch- und skandalsüchtigen Leute. Aber gab es dieser nicht mehr als genugsam in und um das Städtchen?" Ja, wenn die junge Hauderin nur schweigen konnte! Er selbst, so nahm er sich vor, wollte gerne alles vergessen und aus dem Kopfe schlagen, den törichten Vorfall im Walde, das Mädchen selbst. Das Mädchen selbst, so schön es auch war, so rasend, liebreizend schön... „Ach, wenn diese „Holländers" nur gleich morgens fortzögen und nicht wiederkämen, das wäre wohl das Beste!" stöhnte er. Und wirklich, als unser Fried zu ziemlich verspäteter Stunde die Kühe melken ging, siehe, da war der Lagerplatz 129 geräumt, die Hausiererleute verschwunden nach unbekannter Richtung hin. Und der Jungknab' schalt sein Herz, weil es bei der Wahrnehmung insgeheim so schmerzvoll aufseufzte. Uchles Hapilet. Sie kehrten wieder, des „Holländers." Und zwar diesmal bei strenger Winterszeit, als fußhoher Schnee die Fluren bedeckte, die Eiszapfen beinahe ellenlang von den Dächern hingen und die Sonne keine andere Kraft zu besitzen und Aufgabe mehr zu kennen schien, als mit ihrem matten Schimmer den kurzen Tag zu beleuchten, Eis und Schnee erglänzen zu lassen, Eis und Schnee noch härter zu stählen. Und als die Mutter Grazin vorweg das Sträßchen herauf gewatet kam nach dem Zackenhof und um Herberge bat für die Nacht und den folgenden Tag, da fühlte sich die Bäuerin von tiefem Mitleid angewandelt, und selbst der Bauer konnte und wollte die Bitte nicht abweisen. Ja, als er gewahrte, wie des „Holländers" Grauchen so große Mühe hatte, den Planwagen das schlechtgebahnte Sträßchen herauf zu schleppen, befahl er Fried, mit dem Schimmelroß hurtigen Vorspann zu leisten. Doch die Grazin ließ es nicht geschehen, „'s ist das garnicht notwendig," meinte sie. Und ihre Stimme klang laut und befehlend: „Na, Ihr Mannsvölker, seid Ihr zu faul, um Hand an den Wagen zu legen? Wollt Ihr das arme Tier zu Schanden fahren?" Das half; binnen wenigen Minuten war das Fuhrwerk oben angelangt und unter Dach gebracht in den weiten, wettergeschützten Scheunenschuppen. Und aus dem Wagen sprang, nachdem sie sich aus den Decken und Laken herausgeschält, Lonny, die Hausierer- 9 130 maid, leicht und behend, mit vor Kälte geröteten Wangen und Ohrläppchen, mit munter blitzenden Augen., mit stummem, freundlichem Gruße. Die Großmutter freilich mußte herausgehoben und sozusagen ins Haus getragen werden, so steif waren ihr die Glieder geworden. Und sie ächzte: „Ach, daß man auch so elend lang' leben muß!" Fried war auch mit dabei, half den Wagen vollends in den Schuppen schieben, wies dem Esel seinen Standort an, versah denselben mit einem mächtigen Armvoll Kleeheu. Auch ihn hatte die Lonny begrüßt, flüchtigen, unbefangenen Blickes, dann war sie fortgehüpst ins Hausinnere, ehe er sich nur recht besonnen hatte, auf welche Weise er ihr begegnen wolle, ob grollend oder — — Nein, er konnte ihr nicht grollen. Ihr unvermutetes Erscheinen hatte sofort all' die schlummernden zärtlichen Gefühle wieder wachgerufen, die sein Herz ehedem empfunden, die Bewunderung und — er wollte es sich nicht gestehen, daß es die Liebe war, die langverhaltene, inbrünstige Jungknabenliebe, die ihn auf einmal wieder überkommen mit erneuter, übermächtiger Gewalt. Ach, wie gerne wäre er dem Mädchen ins Haus nachgeeilt, nach der Küche hin, wo man den Ankömmlingen bereitwillig einen Nebenkochherd eingeräumt; er wagte es nicht, aus Furcht, seine Gefühle vor den Augen von Mutter und Schwester nicht gehörig bemeistern zu können. Nachts aber, nach dem Essen — die „Haudermänner" sowie die Großmutter hatten sich frühzeitig in den warmen Viehstall zurückgezogen, — da wurden die Frau Grazin und ihre Tochter seitens der Bäuerin freundlich in die geräumige und wohlgeheizte Wohnstube geladen, damit sie ihr und den Ihrigen den langen Kiltabend verkürzen hälfen. Denn es 131 war die Christnacht, in welcher, zu mitternächtlicher Stunde, im Städtchen drinnen nach katholischem Gebrauche die feierliche Christmesse gelesen wurde. Die Einladung wurde von der Mutter Grazin dankbar angenommen, Lonny dagegen erbat sich die Erlaubnis aus, noch eine Weile bei der Käthe in der Küche verbleiben zu dürfen. Die beiden Mädchen hatten trotz des Standesunterschiedes schnell Gefallen an einander gefunden und dicke Freundschaft geschlossen. Lonny half der Bauerntochter beim Aufräumen der Küche, beim Spülen des Eßgeschirrs, beiden Vorkehren und dem Umkleiden für den nächtlichen, festlichen Kirchgang. „Komm' auch mit, zur Kirche!" bat die Käthe. „Ich selbst werde Deine Mutter um die Erlaubnis fragen." Die Erlaubnis ward erteilt, freilich erst Mch vielem Bedenken und langem Zögern. Die Bäuerin hatte auf den Abend Kuchen gebacken und eine Nidel (Rahm) geschlagen. Und nun saßen sie zu Tische, die Bauernleute und ihre beiden Gäste. Lonny freilich mit sehr bemerkenswerter Befangenheit und großer Zurückhaltung. Die Käthe hatte ihren Festtagsputz angezogen — wie ärmlich fah daneben die junge Hausiererin aus in ihrem abgetragenen farblosen Kleide und mit keinem andern Schmucke angetan, als das kleine rätselhafte silberne Medaillon, das sie von ihrer Patin ererbt und an einem schmalen Samtbändchen trug am weißen schlanken Halse; als die Fülle glänzend-schwarzen Haares, das in frischgekämmten, schweren Flechten über Nacken und Rücken herunterfiel und in krausen Löckchen ihre herrliche Stirne zierte; als das wunderhübsch geformte liebreizende Gesichtchen, den von der ungewohnten Stubenwärme zart er- 132 blühenden Teint, im Lampenlichte völlig erschimmernd, dazn das dunkle, wundersam leuchtende Augenpaar — dem Bauernknaben zerfloß bei ihrem Anschauen das Herz wie Butter in der Sonne, er hörte kaum aus das Kiltabendgespräch, die bunten Geschichten, die da erzählt wurden, so sehr war er in das Anstaunen und Bewundern seines holden Gegenübers versunken, vergaß darob beinahe jede Vorsicht — gut, daß sein Vater eingeschlummert und Mutter und Schwester in lebhafte Unterhaltung mit den Gästen vertieft waren. Und als die Wanduhr das baldige Nahen der Mitternachtsstunde anzeigte und vom Städtchen her, durch die Stille der Nacht, das zweite Glockenzeichen erscholl, den Gläubigen zur Mahnung, daß sie sich rüsten sollten zum frommen Gang — da verließen die beiden Mädchen das Zackenhans, ihnen auf dem Fuße nach unser Fried. Flink zogen die Dirnen des mondscheinbeschienenen Weges dahin, so daß der Jüngling ihnen beinahe nicht zu folgen vermochte; sie plauschten so munter und kicherten so fröhlich und warfen ihrem Begleiter neckische Scherzworte zurück, die er in derselben Weise erwiderte — jetzt, da die Alten es nicht hören konnten, war ihnen das Mundwerk gelöst, allen drei jungen Leutchen! Der nächtliche Himmel prangte in seltener, funkelnder Pracht. Fried aber, der sich in der Folge beherzt nach- und an die Seite Lonny's gemacht hatte, sah, statt der Sterne am Himmel, nur das mutwillige Blitzen aus des Mädchens dunkeln, warmen Augen, das sein eigen Herz in helle Flammen versetzte. Wie verwünscht, daß immer mehr Fromme, von den umliegenden Berggütern herabsteigend, sich ihnen anschlössen! In den Straßen des Städtchens Krotziugen wimmelte es von Leuten alt und jung und aller Stände, die schweigsam oder 133 auch unter Scherzworten und lärmenden Zurufen nach dem hellerleuchteten Gotteshause hinwallten. In letzterm selbst, welch' ein Gedränge! Lonny, bei ihrer rasch wiederkehrenden Befangenheit, hätte sich am liebsten im Hintergründe der Kirche gehalten und mit einem bescheidenen Stehwinkel begnügt ; doch die Käthe zog sie mit sich, den Mittelgang entlang, nach vornen und hörte nicht auf mit Kopfrecken und Spähen nach allen Seiten, bis sie einen unbesetzten Platz, zu äußerst eines Frauenstuhles, entdeckt hatte, den sie ihrer frischgewonnenen Freundin anwies, während sie selbst sich noch weiter nach vornen begab, wo ebenfalls ein Plätzchen verfügbar geblieben. Fried war, in Gesellschaft vieler jungen Leute, im matterleuchteten, erhöhten Hintergrund der Kirche stehen geblieben. Wohl zog auch er, bei Beginn des Gottesdienstes, sein Gebetbüchlein aus der Rocktasche, doch glitt sein Blick immer wieder darüber hinweg und nach der jungen Hausiererin hin, die vornen im Stuhle knieend, ihre Nachbarinnen um beinahe Kopfeslänge überragte. Auch ohnedies unterschied sie sich ihrem Äußern nach sehr wesentlich von den sie umgebenden, frommen Schönen und zwar durch ihren ärmlichen Anzug und ihr abgetragenes dunkles Kopftuch, das sie einer spanischen Mantilla ähnlich um den Kopf geschlungen hatte, was alles gegen den festtäglichen hellen Putz der übrigen Frauen gar- bescheiden abstach. Fried gewahrte, wie die Blicke jener denn auch verächtlich auf die Hauderin gerichtet waren, wie die Mädchen hochmütig und abfällig die Nasen rümpften und sich allerhand spöttische Bemerkungen zuraunten, ja gar noch Gesichter schnitten, welche wohl besagen wollten: „Was hat diese Heimatlose hier zu suchen, mitten unter den ehrbaren säßhaften Leuten? Wie frech!.. ." 134 Lonny selbst, welcher diese sehr abholden Gesinnungsausdrücke galten, schien dies gar nicht zu bemerken. Dem war auch wirklich so. Der ungewohnte Anblick des weiten, erhabenen und von zahllosen bunten Lichtern und Lichtlein erhellten Kircheninnern, die Pracht der Altäre, die kostbaren Draperien, der Glanz der goldenen und silbernen Gefäße und Zierraten, die künstliche Blumenzier, die reichen funkelnden Gewänder der Priester und Chorknaben — all' das fesselte ihr Auge dermaßen und kam ihrem jugendlichen Sinn so seltsam fremdartig und feenhaft vor, daß sie kaum mehr herzhaft zu atmen wagte, aus Furcht, der Zauber möchte entfliehen. Und erst die Orgeltöne, die majestätisch durch die hohen gewölbten Hallen klangen, bald leise flötend und flüsternd, bald hoch aufjauchzend, rollend, mit donnerähnlichen Schlägen; sodann der vielstimmige Gesang des Kirchenchores in fremden, ihr unverständlichen Lauten, das Geigenspiel, das Spiel der Bläser, wie vom Firmament herabkommend, das seltsame Zeremoniell am Hauptaltar, die Weihrauchwolken — es wirkte fast betäubend auf das unerfahrene Gemüt des Kindes der Straße, das zum erstenmale in solchen Räumen, in solcher Gemeinde verweilte, umstrickte ihre Sinne mit nie geahnter heiliger Scheu, mit geheimnisvollem überirdischem Zauber. Sie gewahrte es nicht, wie sehr sie zum Gegenstand der Aufmerksamkeit ihrer Nachbarinnen geworden, das freche Angaffen, das spöttische Winken und Lächeln, das zischelnde boshafte Kom- plottieren ihrer christlichen Schwestern. Da — der Priester am Altare verkündete soeben mir feierlicher Stimme das ,,pux llomiuibrm bouss voluvtatis— ein gemeinsamer, gewaltiger Schulterruck der sämtlichen derben Stuhlgenossinnen, welcher die ahnungslose Lonny plötzlich aus ihrer frommen 135 Verzückung riß und jählings aus dem Betstuhl schleuderte, daß sie taumelte und beinahe auf die Steinfließen des Kirchenganges hingefallen wäre. Und wie sie ausblickte, sah sie die Augen aller Welt auf sich gerichtet, voll frecher, köstlicher Neugier, voll Spott und Hohn, und hörte sie das schadenfrohe Gezische! und Gekicher links und rechts, vor und hinter sich — es schwanden ihr vor Bestürzung und Schreck beinahe die Sinne, sie hätte vor Scham gleich in den Erdboden versinken mögen. Sie wandte sich um, schwankte dem Ausgange zu; sie hörte nicht die Bemerkungen, die einige nächst der Kirchpforte sich aufgestellten Jungherrlein bei ihrem Nahen, bei ihrem Vorbeigehen sich zuflüsterten: „Ah, die schöne Hauderin! Laßt uns ihr sachte folgen! Das muß ein köstlicher Spaß werden!" „Ihr auf und nach!" So sprach es auch in dem von Schmerz und Mitleid und Wut und Eifersucht ergriffenen Herzen Zackenfrieds, der alles mit angesehen und gehört hatte. „Auf und nach!" knirschte er. Auf dem nahen Brunnplatze schon hatte er die Mißhandelte, Fliehende eingeholt und zwar in dem Augenblicke, da die drei Herrchen sie gewaltsam anhalten und ihr ihre freche Begleitung aufdrängen wollten. Im Dome erscholl ein friedfertiges, segnendes „Domimis vobiseum!" Draußen auf dem Brunnplatze war ein Geraufe, regnete es von zornigen, wuchtigen Faustschlägen. Und der diese austeilte, das war des Zackenbauern ergrimmter Sohn, und welche dieselben empfingen, daß ihnen Hören und Sehen verging und sie seitwärts taumelten und, Flüche murmelnd, Reißaus nahmen, das waren die drei Stadtherrlein. Ihr auf und nach ! Als Fried außerhalb des Tores die Fliehende nochmals eingeholt hatte und sich ihr als Begleiter und Be- 136 schützer erbot, da wehrte sie mit rauher, bebender Stimme: „Nein, nein, ich duld's nicht! Lass' mich Ausgestoßene meinen Weg allein gehen!" ... Sie breitete die Arme gen Himmel aus, rang verzweislungsvoll die Hände und schrie: „Oh! Oh!" Sie brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus und stöhnte: „O die Schand', die man mir angetan, die herzlose, unerhörte—ich überlebe sie nicht, ich wag' mich nicht zu den Meinen zurück! Dort der blinkende See — ich möcht' mich hineinstürzen vor Weh! . . . Diese Menschen — was hab' denn ich Ärmste diesen Menschen getan, was verbrochen? Was kann ich dafür, daß ich geächteter Leute Kind bin? O, meine Groß- mam hat wohl Recht: die Religion ist eine hübsche Sache für die Reichen, für uns taugt sie wenig — hätte ich dieser Worte gedacht, statt mich hochmütig in die Gemeine zu mischen, Äie Mißhandlung herauszufordern!" So sprach sie, fortschreitend, in wirrem Selbstgespräch. Plötzlich aber den Bauernsohn wieder an ihrer Seite gewahrend, rief sie bitter: „Was tust Du noch hier? Geh' Du zurück zu Deinesgleichen, eh' Dich die Schand' mittrifft, die Schand' der Aussätzigen . . . Keinen Schritt weiter, ich ver- bet', verbiet' es!" Allein Fried ließ sich nicht abweisen. Er stellte ihr die Gefahren vor, die ihr in tiefer Nacht und auf einsamer Landstraße widerfahren könnten, und erklärte rundweg, daß er sie nicht verlassen werde. Am Ende ergab sie sich darein. Alle beredsamen Bemühungen ihres Begleiters aber, dahin abzielend, ihren Unmut und Schmerz über die erlittene schwere Kränkung zu mildern und zu heben und die Tat selbst als eine von einzelnen rohen Menschen ausgehende und dem Bürgertum im allgemeinen nicht zur Last fallende darzustellen — weder Trost noch 137 Entschuldigung wollten verfangen. „.So sind sie alle," rief sie, „Deine Herren- und Kasfernleut', alle, alle, ohne Aus- nahm'! Schätzen uns nicht höher, denn ihre Hunde, die man nach Belieben mit Fuß —" Sie hielt plötzlich inne. Ihr war, als vernähme sie aus dem nahen Gebüsch ein seltsames Geräusch, als hörte sie etwas sich regen. Da war es mit ihrem Trotz und ihrem Mut auf einmal zu Ende; furchtsam klammerte sie sich an den Arm ihres Begleiters. Und Fried ließ den zitternden, weichen Arm nicht mehr los, preßte ihn, tapfer fortschreitend, fest in den seinen; und ihn däuchte, den aufgeregten Pulsschlag ihres Herzens zu fühlen und sein eigenes geriet darob in vermehrten Aufruhr, antwortete, wie ihn däuchte, laut pochend. So schritten sie eine Weile schweigsam dahin, der Schnee knisterte unter ihren Fußtritten — in ihren von den verschiedenartigsten Gefühlen aufgeregten Herzen fühlten sie weder Nachtluft noch Kälte. Da wo die mächtige, burgähnliche „Spindelfluh" sich dicht an die Heerstraße herandrängte, dieselbe teilweise überwölbend, halben Weges zwischen dem Städtchen und dem Zackenhofe, war zum Gebrauche der Milch- und Gemüsehändler ein hölzernes Ruhebänkchen an die Felswand angebracht worden. Und Fried sprach, leise und bittend: „Wollen wir nicht ein bisset rasten, Lonny?" „Nein, nein! Heim zu den Meinigen!" drängte sie. „Was sollen wir aber zu dieser Stund' zu Hause? Vater und Mutter sind wohl schlafen gegangen; jedenfalls wird uns noch niemand zurückerwarten, weder Dich, noch mich. Was sollen wir ihnen erzählen? Den Vorfall doch wohl nicht? Brauchend nicht zu erfahren, Deine Mutter am 138 allerwenigsten. Und bis die Käthe nachkommt, wird es wohl noch eine Weile gehen, läutet es doch erst das zweite Zeichen." Der Einwand hatte seine Berechtigung, das mochte auch die junge Hauderin fühlen: mit dem Sohn des Hauses und ohne die Käthe heimkommen, nein, das durfte sie nicht, das konnte sich nicht wohl schicken, die Mutter würde sie arg schelten. Also lieber noch ein Weilchen säumen, so sehr es ihr auch widerstrebte. Kaum jedoch hatten sich die Beiden aus das Fluhbänk- chen niedergelassen und eine Weile stumm nebeneinander gesessen, geriet das Mädchen schon wieder in heftige Unruhe, wollte enteilen. Doch als hätte der Jungknabe ihre Gedanken und Gefühle erraten, hielt er sie ebenso entschlossen als zärtlich zurück und sprach: „Mich brauchst Du nicht zu fürchten, Lonny, ich bin nicht wie die andern . . . Höre mich an, Lonny! Was ich Dir schon 'mal gesagt, drüben im Zackenwald — 's ist wahr, 's ist auf Ehr' und Gewissen wahr: ich hab' Dich lieb', Lonny, ich hab' Dich ehrlich und inbrünstig lieb'! Ich schwör' Dir's bei dem Bilde des Gekreuzigten, das dort drüben erglänzt, am Zeltrain . . . Und ich werd' Dich lieben in Ewigkeit, ich fühl's! . . . Lonny, warum antwortest mir nicht? Bist mir denn noch böse? Du zitterst ja wie Espenlaub — friert's Dich, Mädchen? Hier mein wollenes Schultermäntelchen!" „Nein, nein, mich friert nicht! Vielmehr fühl' ich's in meinem Gehirn lohen und brennen, die Gedanken sich verwirren zum Närrischwerden — die Schrecken dieser Nacht, die Schand', die Furcht . . . Und was Du mir da gesagt hast — o Fried, es ist töricht von mir armem unwissendem Mädchen, solche Reden nur anzuhören!" 139 Und sie fing laut an zu schluchzen; Fried sah ihre Tränen im Mondschein erglänzen. Er hatte ihre weiche, feuchte, bebende Hand ergriffen, sie ließ es beinahe unbewußt geschehen; sie ließ es geschehen, daß er sein Haupt mitleidsvoll an das ihrige schmiegte, daß er ihr die quellenden Tränen andächtig von den Wangen küßte — sie weinte nur immer heftiger. Da warf er sich vor ihr auf die Kniee nieder und rief in höchster Erregtheit: „Lonny, ich liebe Dich mehr als mein Leben! Ich bitt' Dich drum, daß mir's glauben tust, wie ehrlich ich's mit Dir mein' ! Und zum Pfand dafür, daß mich ebenfalls lieben willst —" „O Fried, quäl' mich nicht länger, lass' mich, lass' mich ziehen!" „Nicht eher, bis Du mir das Wörtlein gesagt: Ich zürn' Dir nit, auch ich bin Dir gut! Nicht eher, bis ich das Küßlein gekriegt zum Pfand!" „Daß mich hernach verlachen und verraten kannst!" „Nein, das werd' ich niemals tun, so wahr mir Gott helf'! Den Kuß, Lonny, den einzigen Kuß!" „Daß mich hernach loslässest? Ja!" Und sie beugte sich zögernd zu ihm herab . . . Auf der Höhe der Spindelfluh, in den struppigen Zwergföhren, ließ der Uhu sein monotones Gekrächze vernehmen, vom Städtchen her drang das Bimmeln des Meßglöckleins, das letzte Zeichen, hinaus in die windstille Nacht, der Mondschein wechselte einen Augenblick mit tiefer Finsternis — die Beiden achteten, gewahrten es nicht. Plötzlich aber fuhren sie erschrocken auf; Menschenstimmen, weibliche und männliche, nahten sich lachend und scherzend. „Die Kirchenleut'!" entfuhr es Fried verdrießlich; „komm', 140 Lonny, lass' uns ihnen schnell vorausgehen! Zu Haus', vor der Türe, können wir Käthe erwarten." Die Käthe war nicht allein. Eine männliche Gestalt gab ihr das Geleite den Hang hinauf, bis in die Nähe des Hauses — Fried erkannte ihn trotz dem nächtlichen Dunkel: es war ihr „Schatz", des Torschmieds Sohn. Die Beiden verabschiedeten sich laut scherzend. Wie aber die Bauerntochter vor der Hauspforte auf die junge Hausiererin stieß, frug sie verwundert: „Du noch hier, Lonny? Und nun sag' mir, ist es denn wahr, was sich die Leute erzählten, daß nämlich des Klosterschaffners garstigstolze Mädchen Dir in der Kirche die Grobheit angetan? Wohl hört' ich das Geräusch, ohne zu ahnen wessen Grundes, auch wagt' ich nicht zurückzuschallen wegen der frommen, gestrengen Kaplansköchin an meiner Seite.. . Erzähle, Lonny, ich mag's kaum erwarten! ... Du weinst? Ach, wein' doch nicht, das hochmütige, niederträchtige Pack verdient es ja nicht, daß man seinetwegen — Plötzlich ging die Hauspforte krächzend auf, und der Zackenbauer mahnte verdrießlich: „Wie Ihr da draußen nur so dumm weilen und schwatzen könnet bei der Kälte! Na, 'rein da, damit auch ich mich 'mal ordentlich schlafen legen kann!" Auch Fried, der sich einige Schritte beiseite gehalten, schlüpfte hinein. Doch als er sich oben in seinem Schlaf- kämmerlein befand, da bereute er es fast, hereingekommen zu sein. Am liebsten wäre er wieder hinausgegangen in die herrliche glitzernde Mondnacht hinaus, um hell aufzujauchzen und es laut zuzujubeln den Höhen und Bergen ringsum, der Landschaft, dem See: das schönste, liebreizendste Mädchen, 141 das Gottes Hand je geschaffen, 's ist mein! Hört ihr's, ihr Bäume des Waldes und du, Mond, und ihr Sternlein des Himmels: sie ist mein, ihr süßes Herzlein gehört mir! Seine Mutter hatte ihm sorglich das Bett gewärmt. Ach, es hätte dessen schon gar nicht bedurft, in seiner Brust lohte eine Flamme, die ihn nicht zum Schlafe gelangen lassen wollte. Drunten in der Hinterkammer schlief sie, die Angebetete. Schlief sie wirklich? Oder erging es ihr vielmehr gleich ihm, dessen Herz fiebertrunken pochte vor Lieb' und Liebesglück? Was hätte er darum gegeben, ihre Träume erraten zu können! Des folgenden Tages, am heiligen Weihnachtsmorgen, hatte sich die Hausiererfamilie im Scheunenschuppen draußen um den Sohn und Bruder Dieter versammelt, der eben erst, nach mehrtägiger Abwesenheit, wieder zu ihnen gestoßen. Der Vater Graz strich sich bei seinem Anblicke grimmig den rauhen, ergrauten Bart und spuckte das ausgesogene Stück Kautabak verächtlich aus. Die Mutter Grazin aber schalt, die Arme in die Hüfte gestemmt und zornigfunkelnden Auges : „Bist Du wirklich ein Aitronenschleifer (Landstreicher) geworden, ein Himmelsfechter und Bauernfänger, ein Linkmichel und Schlamassel (liederlicher, schlechter Geselle) ? Schaut mir 'mal diesen großen Bengel an, wie rotz (verkommen in der Kleidung) er daher kommt, den Wallmusch (Rock) kläglich zerfetzt, die Welchen (Beinkleider) nicht zu beschreiben, die Kreuzspanne (Weste) aus allen Nähten, den Hut an eine elende kotige Mütze vertauscht oder ab irgend einem Kehrichthaufen gelesen! Und die 142 Staude (Hemd) — ist dies wirklich die Staude, die ich Dir auf letzten Sonntag erst so gut geflickt, gewaschen und fein gebügelt? . . . Ach, bleib' mir doch vom Leibe mit Deiner linken Schiebung (faulen Ausrede), ich kenn' Dein Lügenmaul, kenn' es leider nur zu gut! Und wie Du nach Olusf (Branntwein) stinkst — Kerl, wo nimmst Du Dir den Draht her zu dem Gesüffe? Wirst doch nicht etwa gar — ich wag' das Wort nicht auszusprechen, der Kaffer könnt' es hören . . . Der baumlange, verwildert aussehende Bursche, der Verhör und Vorwürfe bislang stumm und gesenkten Blickes ausgehalten, fuhr nun zornig auf — einen Augenblick nur, dann ließ er den wettergebräunten Krauskopf wieder scheu hängen und sagte demütigen, kleinlauten Tones: „'s war wirklich dumm von mir, es so zu machen. Ich werd' es nicht mehr tun, das Flatterfahren (Herumstreichen), zählt drauf, Mutter! . .. Mich friert's, Mutter! Ich fühl' so arg' Hunger, Mutter!" begann er zu schmeicheln. Und sie, die Mutter Grazin, was konnte sie anders tun, als sich seiner wieder verzeihlich und vorsorglich anzunehmen? - Die Großmutter hatte sich mit Hilfe ihres Krückstockes in die Bauernküche verfügt, allwo ihr eine heißduftende Tasse Kaffee in Bereitschaft gehalten worden. „Ach," stöhnte die Greisin, „welch' eine garstige Witterung werden wir noch zu gewärtigen haben, Sturm und neuen Schneefall! Denn die Glieder schmerzen mich, als wären sie aus den Gelenken gerissen." Drinnen, in der wohlgeheizten Wohnstube, saß der Bauer mit andächtig geschlossenen Augenlidern im Ofenpfühle und schmauchte gar behaglich. In der einen Fensternische, auf niedrigem Schemel, hockte Käthe und ließ sich von der jungen Hausiererin die aschblonden 143 Zöpfe flechten, die keineswegs überlangen. Wie übernächtig sie aussah, die Lonny! Das dachte auch Fried, der am Tische saß, anscheinend in das Mustern eines Bilderkalenders vertieft, heimlich aber nach den Mädchen hinüberschielend, fast unablässig. „Wie übernächtig sie aussieht, so bleich! Wenn sie nur auch sprechen und die Augen aufschlagen wollte, ein einzig Mal!" dachte er seufzend. „Fried!" begann der Bauer, die Pfeife ausklopfend und ohne jede andere Einleitung, „Fried, wie lang' mag es Her- sein, daß Du nicht mehr auf dem Spittelhof gewesen?" Der Jüngling fuhr erschrocken zusammen, räusperte sich verlegen und stammelte: „Auf dem Spittelhof — ich denk', es werden so vier, fünf Wochen her sein." „So?" versetzte der Bauer mit zornigem Spott, „so vier, fünf Wochen? Weißt es also nicht einmal mehr genau zu sagen und frägst dem Mädchen so spottwenig nach, der reichen Erbin? Wettermordio!" Frieds Gesicht war glühend rot geworden. Die Käthe aber juckte jählings auf und schalt: „Ach, Lonny, wie Du mich soeben so grausam geraust hast mit dem scharfen Kamm! Warte nur," drohte sie scherzhaft, „ich werd' Dir's vergelten!" Der Bauer indessen fuhr rücksichtslos fort: „Ein solches Mädchen derart zu vernachlässigen — hast Du auch noch ein Fünkchen Verstand, Fried? Wenn sie nun den Kopf machen und einem andern Gehör schenken tät'. Dir geschäh's schon recht. Mich aber sollt' es nach all' meinem großen Bemühen um die Sach' gottsträflich ärgern — Wettermordio!" Der arme Jungknabe wagte schon nicht mehr nach den Mädchen hinzublicken, ihn däuchte, er sitze auf glühenden Kohlen. Er hörte, wie die Käthe sich nochmals, wenn auch nur 144 leise, beklagte: „Aber nein, Lonny! Ich glaube fast, Du ziehst mir all mein Haar in die eine Flechte zusammen! Und wie Deine Finger zittern, Lonny — ist's Dir unwohl?" Wieder sprach der Bauer, seine Tabakspfeife von neuem stopfend: „Heut' ist hoher Festtag, und es war von jeher so der Brauch, daß ein richtiger Bauernbub' sich nach seiner Liebsten umsah. Also mach' Dich bereit, Fried, gewiß tut sie Dich erwarten." „Es will sich mir heut' nicht recht schicken," wagte sein Sohn schüchtern einzuwenden. „Ich — ich leid' an Zahn- weh ..." „Du, Zahnweh? Das ist mir an Dir 'was neues! Hm, hm!... Doch fällt mir auf: warst denn nicht Du es, der diesen Frühmorgen im Kuhstall sang und jodelte wie ein Gaißbub'? Das tut doch sonst kein Zahnwehkranker!" Da log Fried — ach, er wußte ja vor Verlegenheit und Qual nicht mehr, was er sagen sollte! — zum zweiten Mal: „Das war der Stelzfuß, Vater!..." „So, der? Der Stumm'?" Die Käthe lachte hell und mutwillig auf; ihr Bruder jedoch, große Schweißtropfen auf der Stirne, suchte sich zu verbessern: „Nein, ich glaube, es war der andere..." Gut, daß die Zackenbäuerin, die eingetreten war und einen Teil des Gespräches mit angehört hatte, ihrem Sohne mitleidig zu Hilfe kam. „Nun," meinte sie, „wenn ihm nicht wohl oder er sonst nicht dazu aufgelegt ist — warum denn ihn zwingen wollen, Haus? Es würd' dies doch nur ein leidig und nutzloses Kiltgehen (Freien) abgeben in diesem Fall'. Eines andern Tages wird das ja ebenso gut geschehen und er sich genüglich entschuldigen können." 145 Der Alte ergab sich brummend darein. Er griff nach Tuchrock und Wollhut, um sich nach dem Städtchen, zum Sonntagsschoppen zu begeben. Und die Lonny — kaum, daß sie die Frisur ihrer Freundin notdürftig vollendet, als auch sie eilends die Stube verließ, ohne Gruß und auffallend erregt. Ach, Fried fühlte wohl, warum! Er hätte ihr nacheilen und sie bitten mögen: Bleib'! Verzeih'! Und als er eine Weile darauf sich ebenfalls hinaus begab auf die Hausflur, da gewahrte er, wie sich die Wanderfamilie ernsthaft zum Wegzuge rüstete. Dabei konnte ihm nicht entgehen, daß es hauptsächlich die Lonny war, die zum Aufbruch drängte und wider Gewohnheit selbst eifrig Hand mit anlegte. Er suchte jede Gelegenheit zu erspähen, um ihr unter vier Augen ein entschuldigend, beruhigend und liebend Wort zu sagen; doch wich sie ihm augenscheinlich aus. Auch waren nun seine Mutter und Schwester ebenfalls herzugekommen, um über den eiligen Wegzug ihre Verwunderung auszusprechen und den Leuten ihre fernere Gastfreundschaft zu entbieten. Fried war in Verzweiflung. Ein einziger langer Blick war ihm seitens seiner Heißgeliebten beim Abschied zu Teil geworden; und in dem Blicke lag etwas, das man ebenso gut als wehmutsvolle Liebe, wie als den Ausdruck empfundener Kränkung und geheimen Vorwurfes hätte deuten können. Wie aber der Wagen, unten im Winkel angekommen, in die Landstraße einlenkte — war es nicht ein junger Frauenkopf, derjenige Lonnys, der sich zur Wagenöffnung herausbog und nach dem Zackenhof hinauf einen kurzen stummen Gruß entsandte? Fried schaute sich hurtig um, Mutter und Schwester waren nicht mehr anwesend — der Gruß galt also ihm, ihm allein! 10 146 „Sie ist mir nicht böse, sie liebt mich!" jubelte sein Herz freudig auf. „Oder war's nur so zum Abschied, ein Lebewohl? Ach, wenn ich's nur wissen könnt'!" seufzte er. Des „Holländers" waren kaum abgezogen, als ein strammer und bis an die Zähne bewaffneter Polizeisoldat vom Städtchen her anmarschirt kam. Beim „Winkel" angekommen, hielt er seine Schritte inne, schnute rekognoszirend nach links und rechts. Und als er des Zackenbauern Tochter, festtäglich geputzt und auf dem Kirchgang begriffen, den Hang herunter kommen fah, stellte er sie zur Rede: „Das Hauderer- gesindel, das erst noch hier gehaust, wo ist es hingekommen?" Dann, auf Käthes Bescheid, schlug er die Richtung ein, die sie ihm bezeichnet hatte und die in den frischen Fuß- und Wagenspuren auf der beschneiten Straße ihre Bestätigung fand. Nach kurzer Zeit und noch im Bereiche des langgestreckten Zackenwaldes, an dessen Rand die Landstraße hinlief, hatte er die Gesuchten bereits zu Gesicht bekommen. Auch er war seitens der Wanderfamilie bemerkt worden. „Ein Teckel (Gendarm)!" avistrte Hänel, der sich zufällig umgeschaut hatte. „Er winkt zum Halten!" „Ein Teckel?" versetzte die Mutter Grazin erstaunt. „Was will der? Von uns wohl nichts ... Nun, Dieter, was veränderst Du die Färb' und lugst so unruhig, verzweifelt drein? Er wird es doch nicht etwa auf Dich —" Sie konnte vor Unruhe und Schreck die Frage nicht beenden, denn gleichzeitig erscholl ein lautes, gebietendes „Halt!" Und als der Polizeimann nahe genug herangekommen war und die Grazin ihn nach seinem Begehr fragte, erwiderte er 147 höhnisch und auf ihren Ältestsohn deutend: „Dieser da hätt' es Euch schon sagen können! Na, Bürschchen, willst Du etwa Fersengeld kaufen oder Dich gar noch znr Wehre setzen?" In der Tat hatte es den Anschein, als ob der Dieter den angedeuteten erstern Weg, den des Ausreißens, einzuschlagen beabsichtigte. Da war es aber sein Vater Graz selbst, der ihn mit eiserner Faust beim Arm packte und ihn grimmig andonnerte: „Halt, Schlingel, keinen Schritt weiter, oder ich dreh' Dir den Kragen'' um, ja ich! Was hast g'fressen? Sag's!" Und da sein Sohn, an allen Gliedern zitternd und ein wahres Armensündergesicht schneidend, beharrlich schwieg, ergriff der Landjäger das Wort und eröffnete: „Gestohlen hat er, einen Hammel gestohlen aus verschlossenem Stall', in Gemeinschaft des „Zinklöffels", vorletzte Nacht; gestohlen, verkümmelt, verlötet.. . Die Händ' her, Bursche, damit ich Dir den Rosenkranz (Handschellen anlegen kann! Wie, Du willst Dich sträuben? Wollt' Dir's nicht rathen!" Und er schlug drohend an seine Wehre. Welch' ein Schreien und Wehklagen und Fluchen bei den übrigen Familiengenossen! Der Fluchende, das war der Vater Graz. „Der Elende!" stieß er grimmig aus. Lonny, im Wagen, weinte vor Scham und Schmerz überlaut. Großmutter, an ihrer Seite, krächzte: „Wie, unser Dieter ein Zottelberger? 's kann nicht sein, das hat noch kein „Holländer" getan! Fluch über Dich, Bub'!" Die Mutter Grazin raufte sich die Haare und gebärdete sich wie verzweifelt. Hänel schaute blöde und unschlüssig drein, während Glinz, der Stelzfuß, als er den Dieter abführen sah, das runzelige Gesicht zu einer unbeschreiblichen Grimasse 148 verzerrte und mit der Fingerspitze einen Kreis um seinen Hals beschrieb, die Bezeichnung des Gehängt- oder Geköpft- werdens. In Grazens Gemüt schien indessen ein plötzlicher Wandel vor sich gegangen zu sein. Es war, wenn auch fehlbar, doch sein Sohn, sein eigen Fleisch und Blut. Und als er ihn gefangen wegführen sah, in Händen der verhaßten „Teckelei", erfaßte ihn Grimm und Schmerz zugleich, er ballte krampfhaft die riesige Faust, ergriff eiue an den Wagen gehängte Reserve-Deichselstange und wollte, dieselbe hoch zum Schlage erhebend, dem Manne des Gesetzes nacheilen, und es bedurfte der eindringlichsten Bitten und lebhaftesten Vorstellungen seitens der Frauen, um ihn von dem gewalttätigen und verhängniß- vollen Vorhaben abzuhalten. Die Grazin gelobte, des kommenden Tages schon sich persönlich nach dem Städtchen, aus das Richteramt, zu verfügen, 'um für ihren armen, leichtfertigen Sohn Fürsprache einzulegen. Darum sei es das beste, daß sie allesamt gleich um- und nach dem soeben verlassenen Lagerplatze, dem Zackenhof, zurückkehrten. Da war es aber ihre Tochter Lonny, die gegen das Vorhaben lebhaften, verzweifelten Protest erhob. „Nein, nein!" rief sie, „nicht dorthin, um alle Welt nicht! Oder dann geht Ihr ohne mich!" Das sprach sie mit einer Entschiedenheit, die alle staunen machte und schließlich den Ausschlag gab zur Fortsetzung der Reise, wenigstens eine Spange (Etappe) weit. Die Mutter Grazin freilich konnte sich nur ungerne und unter vielen Tränen darein schicken, ihren Sohn vorläufig seinem Schicksale zu überlassen. 149 Welch' eine traurige Weiterreise, nach all' dem Geschehenen! Selbst der vorgespannte Esel ließ seine Ohren über Gebühr hängen, war es aus Mitgefühl für seine hartgeprüfte Herrschaft, oder aber des Umstandes wegen, daß die trockenkalte Witterung plötzlich umgeschlagen und es eisig zu tauen anfing und der Weg immer wie schlüpfriger und schwieriger wurde, und er selbst große Mühe hatte, den schwerbeladenen Reisewagen vorwärts zu bringen. Und die Ohren, die fing er erst wieder an zu spitzen und ein hosfnungsvergnügtes „Nah!" anzustimmen, als er die Herberge zu den „Drei Tannen" gewahr wurde. „So schweig' doch, Du Beest!" rief Vater Graz ärgerlich und den Peitschenstock erhebend. „Riechst wohl schon die Futterkrippe, gelt? Wird nichts draus, Du Freßsack!" Frau Grazin jedoch meinte: „Bei dieser Witterung werden wir doch kaum weiter gehen wollen. Siehst denn nicht, Graz, wie es nun auch noch flockt, immer wie dichter, und der Wind einherbläst, einem gerade ins Gesicht!" Diese Meinung wurde auch von Hänel unterstützt, welcher sich arg beklagte, wie die Nässe ihm und Glinz durch das schadhafte Schuhwerk dringe, nicht mehr zum Aushalten. Zu den „Drei Tannen", das war, zwischen den Wäldern an sehr gangbarer Straße gelegen, das Wirtshaus für alle; Arme und Reiche, Vornehme und Geringe fanden hier angemessene Unterkunft, und der ältliche, rundliche Wirt reichte dem gemeinen Manne mit derselben Freundlichkeit den Krug Äpfelmost oder das Gläschen Branntwein, wie dem Herrenvolk den perlenden, kostbaren Traubensaft. Zwei Flaschen solchen vornehmen Rotweins nebst einigen Butterbrötchen wurden bei der heute ungewöhnlich früh an- 150 brechenden Dunkelheit von einem bäuerisch gekleideten, jungen, schmucken Reitersmanne vom Dreitannenwirt begehrt. Damit, mit Flaschen, Trinkglas und Kuchen begab er sich in den Scheunenhof hinaus, zu dem einsam dort stehenden Planwagen hin, in welchem, in Decken gehüllt, die alte „Holländerin" an der Seite ihrer schluchzenden Enkelin weilte, während die übrigen Familienglieder sich bereits in die Gesellenstube verfügt hatten, um die Vorbereitungen für die Nachtherberge zu treffen. Und der junge Reitersmann sprach in den Wagen hinein leise und sehr angelegentlich; bisweilen erhob sich seine Stimme zu lauter lebhafter Bitte und Beteuerung. Endlich schien er Erhörung zu finden: nämlich es gelang ihm, Wein und Kuchen an Mann oder vielmehr an Mädchen zu bringen.. . Und als die Mutter Grazin herzukam und einen mißtrauisch-forschenden Blick auf den großen dunkeln Mann und einen fragenden auf ihre Tochter richtete, sagte diese begütigend: „'s ist der Fried, Mutter, des Zackenhöfers Sohn, der einen Spazierritt gemacht und hier kurze Einkehr hält. . . Hier, Mutter, nehmt das Glas Wein, ein Stück Kuchen..." Nach einer Weile aber, als ihre Mutter sich eifrig bedankend entfernt hatte, bemerkte Lonny, zu dem jungen Manne gewendet: „Ich will niir's überdenken, obgleich ich es nicht wohl erfassen kann, daß es Dir ernst sein soll mit der Lieb' und was draus werden soll und kann . . . Nun aber geh', Fried; geh' um meines und Deines guten Rufes willen! Mir bangt so sehr, wenn ich an Deinen Vater denk' — geh', Fried!" „Erst Dein Händchen, das liebfeine!... Auf Wiedersehen !" 151 Gleich darauf verkündeten schnelle, dumpfverhallende Hufschläge, daß der Besucher von dannen, heimwärts geritten. „Lonny," krächzte die Alte, an ihrem Stück Kuchen knuspernd, „was soll's mit dem jungen Kaffer? Treibst mit ihm Liebschaft, he? Nimm Dich in acht, Kind, sieh' Dich vor..." Sie bekam einen heftigen Hustenanfall. Dann, als dieser gewichen, fuhr sie fort: „Weißt Du, wie derlei Volk es mit unsereinem meint? Den Zeitvertreib, nennen sie's, die aparte Lust, um sich hernach über uns lustig zu machen. Ich aber, als ich in Deinen Jahren und eine junge Dille war, da war ich es, die sie zum besten hielt; ich nahm Wein und Kuchen und Schmeichelworte und auch Rädchen (Talerstücke) hübsch in Empfang, dafür schlug ich ihuen ein Schnippchen und lachte sie weidlich aus, wie sich's gebührte. Man muß die Gelegenheit benützen, da auch wir uns an ihnen, den Hockern (Säß- haften, Bürgerlichen), rächen können." „Großmam," entgegnete das Mädchen eifrig, „dieser da, der Fried, ist nicht wie die andern, ich dürft's beschwören!" „So, Du dürftest schwören? Und kennst so genau fein Tudichum, sein Gewissen? Ei, ei!" Sie sah es nicht, konnte es der eingebrochenen tiefen Dunkelheit wegen nicht sehen, wie ihre Enkelin tief errötete. Doch nach einer Weile entgegnete diese beinahe unwillig: „Daß sie uns verachten, von denen Du sprichst, wer kann es ihnen verargen? Denk' ich zum Beispiel an meinen Bruder- Dieter, an sein liederlich Leben und seine Schlechtigkeit und wie er sich und uns in Schand' gebracht, die ganze Familie! . . . Und wir, die Hauderleut' insgesamt — schon manchmal und heut' zumal hab' ich darüber nachgedacht und es beschämend empfunden, welch' ein elend, traurig Leben wir führen 152 und fristen. Heute hier, morgen dort; ein bisset schenigeln (arbeiten), ein bisset Hausiren, ein bisset tippeln und dalwen (wanderbetteln), stets aber den Leuten beschwerlich fallen oder gar sie betrügen mit Wahrsagen und andern: Kinkerlitz, oder gar noch mit Drohung zu erlangen suchen, was man uns freiwillig abschlägt — muß man sich da noch wundern, daß man uns mit scheelen Augen anlügt und mit großem Aber- willen und noch größerer Verachtung begegnet und duldet? Wie oft, seitdem ich groß geworden, hab' ich mich geschämt und innerlich gesträubt, an die Türen zu pochen und vor die Leut' hinzutreten mit Bettelkorb und Kessel, da ich wußte, wie hart sie's erst verdienen mußten, was sie mir umsonst reichten, aus Mitleid oder auch aus unbestimmter Furcht. Und wie oft hab' ich heimlich gewünscht, in einem Bürgershause geboren und zu 'was Rechtem erzogen worden zu sein, um mir mein ehrlich Auskommen verdienen zu können!" Da richtete sich die alte „Holländerin" von ihrem Lager unwillig auf und rief voll Hohn und Spott: „Hört mir mal das Gärnäschen an, das fürwitzige! Ist es nicht, als ob es bei einem Gallach (Priester) oder Burgemorum (Bürgermeister) in die Predigt gegangen? Es möchte lieber Küh' melken und Fußlappen (Weißrüben) ziehen, als freiherrlich die Welt durchstreifen. Als ob wir im Grunde nicht ebenso sürnehm wären, als diese Dr...banern und ihre Weiber, die Stallmist an den Fingern kleben haben, messerschneiddick, und so dumm und unwissend sind, wie ihr liebes Vieh. . . Und ein „Holländer"-Mädchen kann solchen Unsinn aussprechen — pfui der Deibel!" Die Lonny aber wiederholte sich nur immer: „Er ist nicht wie die andern, er meint es ehrlich treu! Und wie gut 153 von ihm, daß er gekommen ist, ganz eigens, um mich zu sehen und zu trösten, und sich gar nicht gescheut hat!" Und die ganze lange Winternacht, so oft die Kälte und das Seufzen und Jammern ihrer Mutter um den „verschütt gegangenen" (in Verhaft genommenen) Sohn ihr den Schlaf nicht verkümmerten, träumte sie von ihm, dem jungen Zacken- höfer. Sie befand sich auf weiter, sonnbeschienener Haide; und einen Reiter sah sie aus der Ferne heransprengen, einen schmucken, schlanken, glänzend gekleideten, mit den ihr wohlbekannten hübschen Gesichtszügen. So sehr aber der Reiter sein Roß auch spornen und dieses weit ausgreifen mochte, er konnte gleichwohl nicht vom Flecke gelangen und nicht herankommen, trotz allem ermutigenden Rufen und Winken. Sie selbst vermochte, zum Entgegengehen, nicht das Glied zu rühren; sie konnte nur seufzen und ihrer Sehnsucht lauten melodischen Ausdruck verleihen: „Ob Goldsonne leuchtet mir ringsumher, Ob Wolken sich türmen gewitterschwer . .. Wenn Du mir nur gut bist, Wenn Du mir nur treu —" Da fühlte sie die Erde, die Haide erbeben — nein, es war der harte, unwillige Rippenstoß ihrer Mutter, mit der scheltenden Bemerkung begleitet: „Bist närr'sch geworden, Mädchen? Und hast auch noch einen Funken Verstand und Gefühl im Leib, daß Du heimlich summen und trällern magst, dieweil Dein armer Bruder im Kittchen (Gefängnis) sitzt?" Was half diese derbe, mütterliche Zurechtweisung? Kaum war ihre Tochter wieder eingenickt, als sich ihr abermals der Traumgott nahte. Sie stand vor der Schwelle 154 des Zackenhofes; und die Käthe trat heraus, am Arme buntseidene Gewänder; und sie grüßte die „Schwester" gar freundlich und schmückte sie bräntlich mit Blumen und Bändern und Geschmeide. Und den Hang herauf kam Fried gestiegen, strahlenden Angesichts und von Gästen zahlreich begleitet; und er küßte sie auf die Stirne und grüßte sie als seine süße Braut. Da trat aber hurtig der Zackenbauer, eine dralle, goldbehan- gene junge Kafferin an der Hand, dazwischen und befahl mit grimmer Gebärde: „Diese da nimmst Du Dir, Junge!..." Und des Morgens, als die Hausirerfamilie wieder langsam auf ungebahnter Straße ihres Weges zog, da waren es gar ungewohnte und widersprechende Gedanken und Gefühle, mit denen sich schön Lonny beschäftigte. Sie dachte zurück an ihre ersten Jugendjahre. Wie froh und übermütig hatte sie als Kind, als junges Mädchen, in die sich ihr darbietende offene weite Welt hinausgeblickt; hatte springen und hüpfen gemocht gleich einem Zicklein, trällern wie die Lerche in der Luft; hatte den Kopf voll Mutwillen, Lust und schnackisches Zeug; kannte weder Kummer, noch Sorge, noch Schmerz, ausgenommen die Fälle, wenn etwa die Buben ihr Versteck an Baumnüsfen, Obst und dergleichen Naschereien entdeckt und freventlich ausgeplündert, welcher Verdruß jedoch nur so lange anzuhalten pflegte, bis es ihr selbst gelungen war, sich an den Frevlern in derselben Weise zu rächen. Es bildete diese ihre erste Jugendzeit ein immerwährender Freuden- tag, dem nicht einmal die Marsch- und Hausirerbeschwerden, der zeitweilige Mangel an Nahrung und Bequemlichkeit oder die Unbilden der Witterung ernsthaften Eintrag zu tun im Stande gewesen. Wie oft wurde sie um ihr lebensfrohes, glückliches Naturell und, seitens der Gespielinnen, um ihre 1ö5 mehr und mehr sich entwickelnde leibliche Gestalt und Schönheit, deren sie selbst sich kaum bewußt war, beneidet; bis auch die Buben, die erwachsenen, sie darauf aufmerksam zu machen und ihr darüber Schmeicheleien zu sagen begannen, ohne jedoch die dabei erhoffte Wirkung zu erzielen. Einem allein, ihres Stammes, hatte sie, zum großen Arger der andern, eine Bevorzugung angedeihen lassen; das war der krüppelige Bienenjockel-Zys. Es war aber nicht gerade Liebe, sondern die Lust, andere zu ärgern und sodann auch ein heimliches, herzliches Mitleid, das sie zu dem armen, gutmütigen Jungen hinzog und, als er dahinsiechend starb, ihm eine helle Träne der Wehmut nachweinen ließ. Ja, ihr Herz war frei geblieben, trotz dem Ungestüm, mit welchen: die jungen Recken ihrer Verwandt- und Bekanntschaft sich an sie herandrängten und sie mit ihren Liebesanträgen bestürmten. Bis zu jenem Tage, da dieser Bauernsohn, der Zackenhöfer, den Sturz von: Wagen tat, bis — — ach, warum mußte sie für den Burschen gleich so großes Mitleid fühlen, den Burschen, den sie doch bislang nur immer geneckt und gefoppt hatte, die lange Zeit ihrer gegenseitigen Bekanntschaft über? Und dann das Zusammentreffen in der Hausflur, im Walde... Und dieser Christabend, der für sie selbst so ereignißvolle, schmerz- und schmachvolle und bei alledem doch so — wonnevolle... Und sein, des jungen Zackenhöfers, Nacheilen am gestrigen stürmischen Winterabend; seine zarte, gefühlvolle Aufmerksamkeit ihr, dem armen, niedergebeugten Mädchen gegenüber — wer hätte solches von dem Bauernsohne erwarten, erhoffen dürfen! Und wie hübsch er aussah zu Pferd, im Feiertagsstaate; wie gemessen, stolz und liebreich zugleich sein Benehmen. Und dabei stets so gesittet, so ganz anders 156 als die ausgelassenen und frechen Buben ihres eigenen Standes, die jungen Hauderer! Hauderer, welch' fatales Wort! es fuhr ihr wie ein Nadelstich ins Herz hinein. Hauderer — war sie selbst denn nicht auch eine arme, verachtete Hauderin? Und sie wagte an den säßhaften, reichen Bauernjungen zu denken, sie, die nichts zu eigen hatte, als die paar Lumpen, welche ihren jungen Leib bedeckten, sie wagte an seine ernstgemeinte Liebe zu glauben? O eitler Wahn und Selbstbetrug! „Und sollte seine Liebe auch eine ernstgemeinte sein, würde der Alte, würden seine fürnehmen Verwandten je eine solche Verbindung zugeben wollen? O nein! Eher wird der stolze Rigiberg und der finstere Pilatus über den Waldstättersee hinüber sich freundlich die steinerne Hand reichen, als daß wir uns bekommen könnten, er, der Reichbegüterte und ich, das Bettelkind!" seufzte sie. „Und hat nicht der Alte bereits über ihn verfügt und ihm Eine bestimmt, eine reiche Kafferin? Und so sehr der arme Bub' sich auch dagegen sträuben mag, es wird ihm wenig frommen, am End' wird er sie doch nehmen müssen, ich seh' es kommen. Ach ja, ich seh' es kommen, wie dies Alles sich zutragen und mein armes Herze betrogen sein wird um Lieb' und Freud und Hoffnung! Drum fort mit den Träumen, den törichtsten, die je eines Mädchens Herz erfaßt haben, fort mit denselben, mit Gewalt!" Und sie nahm sich des ernsthaftesten vor, des Knaben gar nicht mehr zu gedenken. Als ob sich solches nur so untersagen und bezwingen ließe, mit einmal! Denn kaum waren des „Holländers" auf ihrem Wander- zuge in die Nähe des „Siebenweilers" gekommen, da fuhr 157 das Mädchen jählings aus ihrem Träumen auf: war das nicht die Stimme Fried's gewesen, von jenem Bauernhause her? Nein, es war ein ihm völlig unähnlicher, verwachsener Bursche, der sein träges Ochsenpaar ausschalt; die Stimme, ja die Stimme hätte man, bei geschlossenen Augen, allenfalls für die seinige halten können. Und eine Strecke weiter, an der „Ziegelbrücke" — der junge Mann, der mit den beiden geschirrten Rossen dahergesprengt kam, hatte er nicht die Statur Fried's, die kräftige, schlanke? Sogar das Gesicht, das Schnurrbartchen, nur daß dieses schwarz, statt blond war .. . Als der junge Fuhrmann vorbei war, hätte Lonny beinahe laut auflachen mögen aus lauter Hohn und Ärger über sich selbst, aus Ärger darüber, daß sie sich schon wieder bei den Gedanken an den, den sie vergessen wollte, ertappt hatte. Und doch konnte sie es nicht verhindern, daß ihr gleich darauf in den Sinn kam, ihr Fried besitze doch eine weit lebhaftere Gesichtsfarbe, als der ihr Begegnete, sowie zur fernern Unterscheidung am Kinn ein braunes, haariges Muttermal, das ihm übrigens ganz allerliebst stehe . . . Und wieder schalt sie sich eine einfältige, unverbesserliche Törin; und faßte neuerdings den aller- sestesten Entschluß — —. Neuntes Hupitet. Eine ungefähr drei Morgen haltende und tief in den einsamen Hochwald einbuchtende Waldwiese, mit dem Rücken an den ansteigenden und sorstreichen „Weiherrain" gelehnt, von drei Seiten von riesigen Tannen und mächtigen Roteichen umgeben und zudem noch von dem vorspringenden und jäh 158 abfallenden „Bännlihügel" vor rauhem Ostwinde geschützt, die offne, von einem murmelnden Quellbach begrenzte Seite nach Süden gekehrt, mit der Aussicht auf die dunkelgrünen Hügel und blauen Berge des Emmentals und die schneeig erglänzenden Firnen der Berner und Walliser Alpenwelt, — das war die im Dorsbanne Kestenholz gelegne, sogenannte „Bettlerküche", das denkbar sonnigste, idyllischste und zugleich weltverlorenste Lager- und Ruheplätzchen und daher auch der übliche Ort des Stelldicheins der Handerer- und Heimatlosenwelt aus Nah und Fern. Eines sonnenhellen Frühlingsmorgens aber hatte sich auf dieser Waldwiese eine ausnahmsweise große Gesellschaft zusammengefunden, nämlich ein halbes Dutzend Wanderfamilien mit Kind und Kegel und der ganzen fahrenden Habe. Finke und Drossel im hellgrün sich belaubenden Waldgezweige hielten bei ber Leute Ankunft ein im Sänge, der scheue Kuckuck zog sich tiefer in den Forst zurück, und von den Tann- und Eichen- wipfeln schauten Rabe und Elster verwundert und neugierig herab auf das bunte, rege Treiben, das sich aus der mit frischem, zartem Rasen bekleideten „Bettlerküche" entwickelte, die hochauflodernden Lagerfeuer, die verschiedenen, lärmenden Gruppen von Männern, Frauen und Kindern, Frühstück bereitend, Frühstück verzehrend, scherzend, singend, scheltend und streitend in mannigfachem Stimmengewirr, verstärkt noch durch das mutwillige oder boshafte Gekläffe des zahlreichen Hundeviehs. Auf dem Rasen waren allerhand Geräte, Teppiche und Decken ausgebreitet; da und dort, im Schirme der den Platz begrenzenden riesigen Waldbäume standen die Reisehandkarren, die fahrenden Magazine dieser Wanderleute; die Zweige der den „Weiherbach" besäumenden Haselhecke waren mit Wäschestücken 159 aller Art behängen, auf hoher, an den Wipfel einer am Bache stehenden, einfamen Hagebuche befestigten Stange flatterte sogar ein rveißroter Lappen gar lustig im Morgenwinde, zum Zeichen für die wandernden Stammesgenossen, daß allhier ein Fest gefeiert werde, ein hohes Haudererfest. Plötzlich erscholl im Waldinnern ein lauter, Heller Jauchzer, dann noch einer, ein dritter, seltsam abbrechend, in kurzen Abständen. „Halloh!" hieß es im Lager, „des Jürgens! Des Jürgens Klein mit seiner Braut!" Und aus zwanzig, dreißig Kehlen jung und alt zugleich wurde der Gruß jauchzend beantwortet, Hände rauh und fein streckten sich bald darauf auch zum Willkomm aus, den auf dem Plane erscheinenden zahlreichen Mitgliedern der Familie Jürgens, voran das glückliche Brautpaar, entgegen. „Nun fehlen nur noch des „Holländers"," bemerkte einer der Männer — man nannte ihn den Schlangengreiser, weil er mit diesen Reptilien auf verwunderlich gutem Fuße stand, die giftigsten und gefürchtetsten derselben anlocken und mit bloßen Händen anfassen, ja sogar in seinen offenen Busen stecken konnte, ohne daß ihm je ein Leids geschah — „nun fehlen nur noch des „Holländers"," meinte er. „Haben sie doch auch richtig zugesagt?" frug er seine Nachbarin, nämlich die zumeist zum Botendienste verwendete, samilienlose „Waldspinne". „Ja, ja," erwiderte diese mit wichtiger Geberde. „Zu St. Urban war's, vor drei Tagen, daß ich sie getroffen und ihnen alles fein ausgerichtet hab', die Hochzeit, wo und wann. Und die Grazin hat das Kommen zugesagt, obgleich sie nicht gerade guten Mutes war, ihres Dieters wegen, der in der Tut (Strafanstalt) sitzt." 160 „Nimmt mich Wunder," bemerkte eine der Frauen, „ob sie, des „Holländers", gleichwohl immer noch so stolz tun!" Worauf eine ungemein schlanke und spitznasige Schöne schnippisch hinzufügte: „Der Prinzeß mag' ich's schon gönnen, den Schimpf! Die trägt ja ihr Riechpfännchen so hoch in den Wolken, als suche sie nach einem Herrgöttle, der sie freien soll." „Das sagst Du aus Neid, Zili!" versetzte ein hochgewachsener schmucker Bursche lächelnd und sein Schnurrbärtchen keck in die Höhe streichend. Da fuhr die Schöne giftig auf: „Aus Neid? Müßt' nicht warum, Ede, nein gewiß nicht!" setzte sie naserümpfend hinzu. „Weil — nun weil sie, die Lonny, eine solch' seinschöne ist, wie alle Welt sagt —" „Schön? O für die Schönheit, die sie vor uns Andern voraus hat, gäb' ich nicht den roten Kreuzer, nicht die Hühnerfeder, nein, wahrhaftig nicht! Und ihre Tugend, die Zier — weißt Du was, Ede, Dich wird sie allweg kaum wollen, die Prinzeß; bist ihr viel zu rotz (armütig) und zu einfältig. Drum auch angelt sie nach einem Mußiö, mit einem solchen tut sie nicht halb so stachelig, läßt sich von ihnen gern' das Kämmchen streicheln'— hihihi!" „Das lügst Du, Zili!" brannte der Bursche auf, „das lügst Du in Dein gallsüchtig Herz hinein!" „So schweigt doch!" riefen einige Stimmen zugleich. „Es kommt jemand, im Ballert (Wald) regt sich's! Na, ihr Köter, seid ihr denn rein des Teufels! Rennen da in den Busch hinein und tun, als röchen sie das wilde Heer — Schnauz! Lux! Fox! — Heda!" 161 Umsonst! Denn aus dem Walde, aus geringer Entfernung, scholl ihnen ebenfalls lautes mehrstimmiges Hundegebell entgegen, nahender Peitschenknall. „Des „Holländers"!" rief es im Kreise. Und des Zing- gelers Ede, der schmucke Geselle, erhob sich auf den Fußspitzen; die Zili jedoch, die spitzmäulige, trat einige Schritte seitwärts, hinter den inschriftenreichen Stamm der „Bettlerbuche". Und nach wenigen Minuten erschien in der von Laubzweig umwölkten Öffnung des Waldweges zuerst das weißlich ergrauende Haupt Grauchens, dann Grauchen selbst mit des „Holländers" Reisewagen, beides der Gegenstand des Neides sämtlicher Hau- dererfamilien; erschienen ferner Hänel, der Fuhrmann, Graz und Grazin nebst Glinz, dem Stelzfuß. Und aus dem Wagen sprang leicht und behende Lonny, die Prinzeß genannt, nach rechts und links freundlich grüßend, und ihrer Großmutter beim Aussteigen den kräftigen Arm leihend, sie eigentlich aus dem Wagengrund heraushebend. Und nun machte sich auch die Zili herbei, um gleich den übrigen „Dillen" (Hauderer- mädchen) derjenigen, über welche sie sich soeben noch so unfreundlich ausgelassen, freundschaftlich die Hand zu drücken und sie nach dem großen Lagerfeüer zu geleiten; während des Zing- gelers^Ed?Küe^Gelegenheit zu erspähen suchte, um der jungen „Holländerin" , für welche sein Herz heimlich brannte, unter vier Augen seinen besonderen Gruß darzubringen, was ihm jedoch schon gar nicht gelingen wollte. Es trafen in der Folge aber auch noch Andere auf dein Lagerplatze ein, die man nicht erwartet zu haben schien, nämlich der „Krähendoktor" mit seiner zahlreichen, hungrigen Familie, ohne jegliche Bagage. Und auf mehr denn einer Miene stand zu lesen: Diese hätten füglich wegbleiben dürfen! 1l 162 Und doch rvar auch hier des Grüßens und Händeschüt- telns fast kein Ende. Kaum jedoch hatten die frisch Angekommenen durch ein flüchtig bereitetes Frühstück sich in etwas gestärkt, als auch schon der mahnende Ruf durch das Lager erscholl: „Nun, Ihr Weibsleute und Schwabbiner — lossteigen auf die Fahrt! Hurtig und tapfer!" Und die Aufgerufenen „stiegen los", d. h. sie machten sich, mit Handkorb und Kessel bewaffnet, eiligst auf den Weg der Requisition, nach den umliegenden hablichen Bauerndörfern und Weilern hin, je nach der empfangenen Weisung oder auch nach eigener, persönlicher Wahl. Einzig die Braut, des Zingge- lers Elfe, war für heute, des Herkommens gemäß, des „Dienstes" enthoben. Auch hatte sie sich gleich die Lonny als Gesellschafterin ausgebeten, die Lonny, die sich ohnehin nur schwer mehr zum „Türstoßen" gebrauchen lassen wollte. Statt aber, gleich der glücklichen Braut, die Hände müßig in den Schoß zu legen, zog sich die junge „Holländerin" einen angefangenen Strickstrumpf aus ihrem niedlichen, vom Stelzfuß gefertigten Handkörbchen und begann emsig zu stricken, zum nicht geringen Erstaunen ihrer Freundin, welche von dieser Art Kunstfertigkeit auch nicht den Begriff hatte und einmal über das andere bewundernd ausrief: „Ei, ei! Guck, guck, wie das sich macht, Masche um Masche! Ach, wie geschickt Du bist, Lonny!" „Die Geschicklichkeit," erwiederte diese lächelnd, „ist gar nicht so weit her, wie Du glauben möchtest. Ich hab's von einer Jungbäuerin gelernt, namens Käthe, in ein paar Abendstunden ... Und weißt was, Elfe! Ich werd' Dir ein Paar hellblaue Baumwollstrümpfe anfertigen, als Hochzeitsgeschenk — wird's Dir genehm sein?" 163 „O ja!" Und die Glückliche fiel der „Prinzeß" um den Hals und meinte: „Ach, wie wird mein „Klein" verwunderte Augen machen, wenn er die Streiflinge (Strümpfe) sieht an meinen Füßen!" — Indessen hatten die Männer, um sich die Zeit zu kürzen, es ausgemacht, „einen zu schmettern", nämlich einen Branntwein zu trinken. Ein Jeglicher ging in seine „Bude" kramen, keiner, der nicht noch einen Tropfen in seiner „Pulle" hatte. Zudem wurde noch zusammengesteuert und der „ Holländer "- Hänel nach dem nahen „Weiherwirtshaus" abgeschickt, um einen kräftigen „Harten" zu holen. Wie wohlig es sich nun da ruhte, auf weichem Rasen, im warmen Frühlingssonnenschein, bei Magentrost und „Schmanchkraut", bei kräftiger Red' und Widerrede, bei urchigen „saftigen" Späßen und allerhand Anekdotenkram. Schließlich wurde auch noch das Bilderbüchlein (Kartenspiel) zur Hand genommen . . . Lonny strich ihrer Großmutter ein Butterbrot. „Aber wie Du es nur aushalten kannst, Großmam, so nah' dem Feuer, bei der warmen Sonne!" meinte sie. „Warmen Sonne?" ächzte die Alte. „Ich fühl' nichts davon. Hier meine Finger — guck, wie steif und kalt — gelt? Ich könnte sie in die glühenden Kohlen 'neinstecken, ich glaub' kaum, das ich's groß fühlen tät' . . . Das tun die Jahre, mein Kind, die armen elenden Neunziger.. . Ja, als ich noch eine Dille war, wie Du — was wollt' ich nur sagen? Ach, ich bin so vergeßlich geworden, so arg von Sinnen gekommen, besonders heut', nach dem langen Fahren und Rütteln. ... Sollst Dank haben, Kind, die Bemme war so weich und gut!" 164 Während die Männer auf der faulen Haut lagen — Glinz, der Stelzfuß, er allein konnte nicht müßig bleiben, sondern hatte sich eine Anzahl Hasel- und Wildweidenruten geschnitten, fing an dieselben zu reinigen, zu schälen und zu spalten. Graz, heute bei vorzüglich guter Laune, streckte ihm sein Gläschen dar; der Stumme aber lehnte es ab, mit dem Finger nach seinem Schädel deutend und um denselben herum eine kreisförmige Bewegung, vollführend zum Zeichen, daß der Branntwein ihm das Hirn aufrege und verwirre. Einen Mundvoll Kautabak aber wies er nicht von der Hand, sondern nickte und grinste bei dem Empfang gar dankbar vergnüglich. „Burschen!" rief nun der Jltishanoggel — den Namen hatte er von seinem Vater, dem renommirten Fallensteller, ererbt —, „Burschen," rief er mit seiner Bärenstimme, „es dürfte an der Zeit sein, daß Ihr euch ebenfalls ein Bischen regen tätet. Wie wär's, wenn Ihr auf Schwimmlinge ausginget ?" „Ja, ja," stimmten die Männer bei, „Schwimmlinge müssen's sein bei einem richtigen Hochzeitsmahl. Auf, Ihr Jungens, in den Bach und nach dem Klarweiher hin, auf den Forellenfang! Was würd' die Mutter Pempin sagen, wenn sie keine Zapplinge bekäme zum Mahlrüsten!" Und Papa Graz, zu seinem Sohne gewendet, erteilte noch die besondere Weisung: „Angel, Fanggarn und Wurfgabel find'st Du in unserm Wagen drin, unter der Matze!" Die Grazin war hie erste unter den Frauen, die von ihrer Expedition zurückkehrte. Sie hatte nicht erst lange die guten Häuser sich auszusuchen gebraucht, sie kannte deren die Menge, stvo sie sicher war, guten Bescheid und offene Hand 165 zu treffen. Sie war auch diejenige, die des glücklichsten und lohnendsten ausgegangen; Armkorb und Schürze waren schwer gefüllt von Schweinefleisch, Butter, Eier und Dörrobst. Dies und alles, was auch die übrigen Frauen an Lebensmitteln aller Art und in großer Menge herbeibrachten, heute wurde es sonder Vorbehalt der Mutter Pempin, der anerkannten Meister- und Festköchin, zur Verwendung übergeben. Freilich konnte es bei dem Geschwätze und Gedränge auch vorkommen, daß die eine oder andere der Frauen eine Kleinigkeit an die Gemeinsamkeit abzuliefern vergaß; so die Grazin das geräucherte Schweinszünglein und das Pärchen Bratwürste, die sie von der „Zollwirtin" zu Aarwangen aus besonderer Gewogenheit und für ihr glückverheißendes Kartenschlagen geschenkt erhalten, desgleichen das Fläschchen Kirschengeist der Frau Pfarrern: — Fläschchen, Wurst und Zünglein staken in den grundtiefen Gewandtaschen, und wie konnte die Grazin, bei der Übergabe der übrigen gewonnenen Vorräte in Schürze und Handkorb auch noch an ihre Gewandtaschen denken! Und immer noch kamen einige Nachzügler von der „Fahrt" zurück, junge Buben und Mädchen, die sich da und dort vergafft, darob aber keineswegs ihre Aufgabe vergessen hatten. Die dicke, fettglänzende Mutter Pempin — man nannte sie so, obgleich sie weder Kind noch Familie besaß; denn der hübsche Flori (Florian) Pemp, ihr Mann, hatte nach kaum zweijähriger Ehe ihr treulos den Rücken gekehrt, nämlich sich in die blitzenden, verführerischen Augen einer jungen Zigeunerin vergafft, mit der Bande sich auf- mrd davongemacht über die Bündner Berge nach der Donaugegeud hin, von wannen er nicht mehr zurückkehrte und worüber die arme Pempin sich — 166 zeitlebens nicht zu trösten vermochte. Sie hatte sich in der Folge der Familie Zinggeler angeschlossen und ward von dieser, sowie auch von sämtlichen Standesgenossen ihrer aufrichtigen und anspruchslosen Gemütsart wegen gerne gelitten und als private, wie als Gesellschaftsköchin hoch geschätzt. Bei solchen Anlässen, da ihre Geschicklichkeit zur Geltung gelangen konnte, lebte sie jedesmal wieder glücklich auf. . . Also die Pempin schätzte und prüfte kundigen Auges all' die Fleisch- und Gemüsevorräte in den Körben, Kesseln und auf Tüchern; und an Jürgens Beth sich wendend, erklärte sie: „Der Sachen mehr als genug, mit Ausnahme von Butter und Schmalz!" Da fing die Jörgin gar laut und pfiffig an zu lachen und sagte: „Meinst Du denn, ich hab' nicht auch ein bischen vorgesorgt, auf meines Sohnes Hochzeit hin?" Und stolzen Schrittes begab sie sich nach ihrem Handwagen hin, schlug die Segeltuchdecke zurück und brachte einen sehr ansehnlichen, braunglasierten Honigtopf, gefüllt bis zum Räude mit gesottener, goldgelber Butter, zum Vorschein, zum Erstaunen Aller. Allein, auch des Zinggelers Alte, die Mutter der Braut, wollte nicht zurückbleiben. Auch sie verfügte sich watschelnden Schrittes zu ihrer Lade hin und brachte einen noch mächtigern Topf Butter herbei, stellte ihn triumphierenden Blickes vor die Pempin hin, ihr dicht vor die Nase. Und jubelnder Beifall erscholl aus dem Munde der umstehenden Buben und Mädchen, und die Pempin meinte: „Ja, ja, das langt! würde langen (ausreichen), um einen ganzen Kaff (Dorf) damit abzufüttern! . . . Nun aber, Ihr Tüllen, laßt das Plauschen und Tändeln, frisch an die Arbeit, an's Schälen und Rüsten der —hübsch sauber und fein!... Du, Gret, rupfst den Gockel und die Hühner, die des Doktors 167 Buben herbeigebracht; Du, Phili, machst Dich an die Fisch' — rvie viel Fisch' sind's? Drei Dutzend Forellen? Gut, so werft die Aale weg, die sind gut für die Hunde, sollen auch ihren Festtag haben . . . Ihr Andern fegt nochmals die Kochtöpfe rein, hurtig! Und was seh' ich? Noch kein Holz da, nicht das Scheit?" „Wie, kein Holz da?" riefen die Weiber im Chorus und voller großer Entrüstung. Und nun ging ein Schelten und Schimpfen los über die faulen, „luderigen" Männer, die nichts täten, als „die Ochsenhaut gerben" und vorwegefsen, was die armen Schicksen (Frauen) mühevoll herbeigeschleppt. So daß die großen bärtigen Gestalten froh waren, sich zu erheben und mit Beil und Handsäge bewaffnet, sich eiligst in die Büsche zu schlagen. Man frug nach der Braut und nach der Lonny. Die beiden Mädchen waren den Quellbach hinaufgegangen, bis in die muldenartige Waldschlucht hinein, wo ersterer aus drei mächtigen Adern und mit murmelndem Geräusch aus der steilen und seltsam durchlöcherten Nagelfluhwand hervorsprudelte, um sich dann vorerst in ein weites, tief ausgehöhltes Becken zu ergießen. Die Sage ging, daß zu alten Zeiten, in mondhellen Sommernächten, die Waldseen bei den Weiherbachquellen sich einzufinden und ihre glänzenden Glieder in die reine, silber- klare Flut zu tauchen pflegten. Darum wohl waren Quellen, Teich und Schlucht von altersher mit einem fast undurchdringlichen Buschwerk, bestehend aus Eberesche, Hasel, Weiß- und Schlehdorn und Wildrosengesträuch, wirr durchrankt, eingeschlossen, darum auch die seltsam feierliche, keusche Stille dieses waldeinsamen und schwer zugänglichen Ortes, welcher 168 selten von eines Menschen Fnß betreten wurde, es war denn, daß ein grausamer Jägersmann das Dickicht nach einem entflohenen Häslein durchforschte oder eine Heimatlosenbrant denselben aufsuchte, um, wie gebräuchlich, am Hochzeitsmorgen ihre Glieder in dem die Jugendfrische erhaltenden Dreiquellenteiche zu baden. So hatte auch Lonny, nachdem sie die Hunde als Wachen ausgestellt, des Zinggelers Elfe zum Brautbade geführt. Hieraus begaben sich die Beiden an den sonnigen Waldrand hinaus, wo Lonny sich anschickte, der Braut das Haar kunstreich zu flechten und den frischen Waldblumeukranz um die schweren, flachsgelben Zöpfe zu befestigen. „Ach," seufzte die Elfe, „das farblose, miese (abgetragene) Kleid! Ja, wenn man sich puppen (aufputzen) könnt', wie Mochumerinnen (Städterinnen), in Rausch (Seide) und Samt!" Lonny tröstete: „Auch ohne Samt und Seide bist Du schön ..." Sie deutete auf den sonnbeglänzten, blanken Bachspiegel hin: „Guck da hinein! Gelt, wie hübsch Du aussiehst, wie stattlich, daß Dich tausend fürnehme Stadtbräute um den Glanz und die Schönheit beneiden dürsten. Wie wird der „Klein" sich freuen! Komm', daß ich Dich hinführe!" Das war ein Jubel im Lager bei ihrem Erscheinen: „Die Braut, die schöne Braut, juchhei! Na, „Klein", mach' Dich herzu! Und wir Andern, laßt uns den Vater Böhme herbeiholen, daß er sie zusammengibt, sogleich!" Doch, so ganz sogleich konnte der feierliche Akt nicht begonnen werden. Erst mußte der Bräutigam, Jürgens „Klein", sich die vom Schüren des Lagerfeuers berußten Hände wa- 169 schen; erst mußte er das soeben noch an der Haselstaude zum Trocknen ausgehängte, frische Hemd anziehen gehen, in den dichten jungen Tannenforst hinein. Und dann, um den Bräuti- gamsanzug zu vollenden, mußte von dem einen guten Kameraden ein buntes, baumwollenes Halstuch, von einem andern der noch ziemlich gut erhaltene Wollhut geborgt werden, welch' lehtern zudem die Mädchen noch mit Fliederblüten und Tannsträußchen schmückten. Hierauf wurde der Glückliche von seinen Freunden nach dem Mittelpunkt der Waldwiese geleitet, wo die hochglühende Braut, umgeben von ihren Freundinnen, bereits seiner harrte. Auch der Patriarch Böhme, der als kaiserlicher Husar noch die Schlachten in Italien und bei Zürich mitgeschlagen, erschien auf dem Plane. Jetzt freilich vermochte der weißlockige, tiefgebeugte Greis sich kaum mehr auf den Füßen zu halten und mußte beim Gehen kräftig unterstützt werden. Man führte ihn vor das Brautpaar hin. Und nachdem Alt und Jung, Männlein und Weiblein um die Drei einen weiten ehrfurchtsvollen Kreis geschlossen, begann der Greis mit zitternder Stimme: „Also seid Ihr, Barthle Kost, Jürgens Klein genannt, und Elfe Zinggeler, des Josten Tochter, willens und bereit, mit einander den Ring (Ehe) einzugehen für Zeit und Ewigkeit? ... Wie, Ihr antwortet nicht?" „Sie haben Ja gesagt, alle beide, Vater Böhme!" riefen mehrere Stimmen zugleich. „Gut, so reichet Euch die Hände!... Das Reiflein, Junge, steck' es ihr an den Finger — so!... Also erkläre ich Euch im Namen des ewigen Gottes als Mann und Weib! Dessen seid mir Zeugen: du Sonn' am Himmel, du unsichtbarer Mond und ihr Sternlein, zahllos am Firmament! Und 170 Ihr Menschen all', hier gegenwärtig, seid ihnen Zeugen, diesen beiden, daß sie rechtmäßig zusammengegeben worden als Mann und Weib für immerdar! . . . Empfanget, Ihr Brautleute, diesen Lindenzweig — zäh' und stark, wie sein Bast, sei Eure Lieb' und Treu' zu einander, und wie das Schoß, in die Erde gesteckt, wachsen und sich ausdehnen wird zu einem mächtigen, blühenden und beschattenden Baum, so soll auch Euer Bund Wurzeln fassen hier auf Erden, und Euer Stamm gedeihen und blühen und sich mehren allzeit... Hier der Wanderstab, ergreift ihn, Ihr beiden, zum Zeichen, daß Ihr stets denselben Weg wandeln wollet in Fried' und Einigkeit, Euer Leben lang... Dieser Stechpalmzweig — küsset ihn zum Gelöbnis, daß Ihr auch der Ehe Müh' und Last teilen und tragen wollet, in Lieb' und Geduld und Verzeihlichkeit Eure Fehler und Gebrechen, und nimmer von einander lassen wollet, auch nicht in Trübsal und Leid... So!" „Den Bann, Uli, den Bann!" erscholl der kreischende Mahnruf der auf ihren Krückstock sich stützenden und den Akt aufmerksam verfolgenden, alten „Holländerin". Und der Greis stotterte: „Ach ja, hätt's beinah' unterlassen!" Er ergriff die ihm dargereichte, frisch ausgehobene Handvoll Erde und dieselbe nach allen vier Windrichtungen ausstreuend, sprach er mit geheimnißvoller, zitternder Stimme: „Daß Ihr, jungen Eheleute, hinfüro gefeit seiet gegen der bösen Geister Spuk, gegen schlimmer Winde schädlichen Einfluß, gegen die Verwünschungen feindseliger Menschen, gegen giftiger Tiere Biß! ... Mann und Weib, nun könnt Ihr gehen!..." Am mächtigen, prasselnden Lagerfeuer, mitten unter der Menge Vorrats- und Kochgeschirren, hantirte glühenden Ange- 171 sichtes die Mutter Pempin, assistirt von der in der Kochkunst ebenfalls wohlerfahrenen Frau Grazin. Wie das brodelte und dampfte und schmor und briet in all' den Kesseln, Pfannen und Töpfen; welch' ein angenehmer und appetiterregender Duft denselben entströmte; allein auch welch' ein Qualm — sicherlich würden die beiden schweißtriefenden, dicken Frauen es kaum auszuhalten vermocht haben, wäre die Pulle, die kirschengeist- gefüllte, nicht zur Hand gewesen, um die nötige Kühlung zu schaffen. Eben hatte die Pempin daraus wieder einen kräftigen Zug getan, der ihr einen leichten Hustenreiz verursachte und die Augen feuchtete, als ihr durch ein plötzliches vielstimmiges Aufjauchzen von der Mitte des Lagerplatzes her, durch ein stürmisches Hochrufen, sowie durch den nun um die Brautleute sich entwickelnden lärmenden Ringeltanz bekannt wurde, daß der freudige Akt sich vollzogen hatte. Und nachdem sie eine Weile sinnend zugeschaut, erhob sie ihre Stimme zu dein lauten, ärgerlichen Zurufe: „Heda, Ihr Schicksen, seid Ihr alle närrisch geworden, daß das Hüpfen kein Ende nehmen will? Keine Hand regt sich, um beim Anrichten behilflich zu sein — nun, wenn Alles anbrennen und zu Schanden gehen soll, was ich mit so großem Fleiß gekocht, mir soll's auch gleich sein!" „Wir kommen ja, Mutter Pempin, wir kommen!" riefen zwanzig Frauen- und Mädchenstimmen zugleich. Und eine halbe Stunde später — welch' ein Schmausen, welch' ein Kauen und Schmatzen und Schlürfen und Benagen rings im Kreise, auf dem weiten, von der Nachmittagssonne warm beschienenen Plane; welch' ein fröhliches Zunicken und ermunterndes, neckisches Zurufen von hüben und drüben, nach rechts und links. Denn an lecker bereiteten Speisen, Fleisch, 172 Fisch und Gemüse aller Art war die Hülle und Fülle vorhanden; die immer wieder frisch gefüllten Weißblech- und irdenen Platten kreisten unaufhörlich von Gruppe zu Gruppe. Und nun erst wurde mit dem „Küchlein"-Backen begonnen; was sich an Butter und Schmalz vorfand im allgemeinen und privaten Besitz, alles wurde zerlassen bis auf den letzten Tropfen. Und während ein Teil der Frauen den mit ungezählten frischen Eiern gewürzten Semmelteig knetete und in die verschiedenartigsten Formen brachte, hatte der andere bei den Pfannen Posto gefaßt, um die Küchlein in die siedende Butter zu tauchen, bis sie hellgelb oder kastanienbraun gebacken waren, um dieselben dann, auf die Platten hoch aufgeschichtet, den Speisenden möglichst heiß darzureichen. Der Segen in den Butter- töpfen und Mehlsäcken erschien heute als ein unerschöpflicher: das Küchleinbacken wollte kein Ende nehmen. Und als die Platten nicht mehr zum Kochherde zurückkehren wollten, zum Beweise, daß männiglich vollauf und des menschenmöglichsten gesättigt war, da wurde der übrige flüssige Teig nebst den siedenden Butterpfannen hurtig nach der, den Waldbach besäumenden Haselhecke hingetragen. In tollem Übermut bog man die jungbelaubten Zweige herunter, tauchte sie erst in den Teig und dann in die immer noch brodelnde Butter, um sie alsdann „geküchelt" wieder in die Höhe schnellen zu lassen, damit Herren und Bauern ein anschauliches Zeugnis werde, daß soeben in der „Bettlerküche" ein „Hauderfest" stattgefunden und wie hoch es dabei hergegangen . . . Damit, mit dem herrlichen Essen, konnte jedoch blos das eine der Fest- und Magenbedürfnisse zur Befriedigung gelangen. Nun kam der Durst und machte, heute auf ganz außergewöhnliche Weise und in steigendem Maße, seine Rechte geltend. Und 173 wie diesen Gesellen befriedigen? Zwar bot der bei der „Bettlerküche" vorbeifließende „Weiherbach" der hellklaren Flüssigkeit die reichliche Menge, welche Gelegenheit sowohl die erwachsenen Mädchen als die Kinder sich denn auch bestens zu Nutze machten. Rauhe Männerkehlen dagegen verlangten einen edlern, kräftigern Trank und zwar mit übereinstimmender Begierde. Solches Naß wollte freilich mit klingender Münze bezahlt werden. Darum wurde denn auch der Zinnteller in Zirkulation gesetzt, die Beutelchen leerten sich, es leerten sich die Taschen, alle, Weiblein wie Männlein, so noch ein Bätzlein, ein Kreuzerlein sein eigen nannten, ließen ihn auf dem Teller erklingen. Und daraus ward schließlich ein ansehnlich Häufchen, und wurden zwei Männer nach der nahen Weiherschenke abgeschickt, von wannen sie nach kurzer Weile auch richtig zurückkehrten, im Besitze eines Tönnchens herrlichen Fuselbrannt- weins und begrüßt mit schallendem, freudigem Halloh! Auch begann sich erst jetzt die rechte Lustigkeit zu entfalten. Die Gesellschaft, bislang vereint, sonderte sich je nach Alter und Neigung in mehrere, ziemlich gleich starke Gruppen ab: hier die Kinder, die, abgefüttert und getränkt, in den grünen Wald hineinliefen zu Spiel, Vogel- und Schmetterlingsfang; hier die erwachsenen Mädchen und Jungburschen, darunter auch das soeben getraute Ehepaar, in Lied und Scherz und Neckereien sich ergehend; hier die Mütter, Kaffee kostend, plauschend und Msdisance übend; hier die Männer, um das Tönnchen gelagert, das Gläschen fleißig kreisen lassend und sich Wander-, Wunder-, Kriegs-, Räuber- und Spukgeschichten erzählend. Darin wurden sie unterbrochen durch das Nahen der Zing- gelerfränzele, welche im Namen der Mädchen das Gesuch vortrug, der Schwarzwälder Antönele möchte sich aufmachen und 174 zum Tanze die fröhlichen Weisen blasen. Solch' schönem Munde konnte der also Gebetene nicht wohl widerstehen, zumal auch die Männer wohlgelaunt einstimmten: „Ja, Tönele, geh', tu' ihnen den Gefallen!" Hei! wie beim lustigen Klang der Klarinette, welche vom Kohlerthys (Mathias) .auf der Querpfeife gar nicht schlecht begleitet wurde, die Paare sich schwangen und drehten, wie hell und übermütig die Jauchzer erschollen, daß es im Walde laut widerhallte und der Fuhrmann auf der Landstraße und der Bauer auf dem Ackerfeld verwundert lauschten und ärgerlich brummten: „Was zum Henker mag denn wieder los sein, drüben in der „Bettlerküche" ?" Die riesigen Tannen begannen immer längere Schatten auf die Waldwiese zu werfen, durch die Baumlichtungen fielen die Sonnenstrahlen immer schräger und goldener herein, der Abend nahte, dämmernd und kühl. Unsere Haudererleute jedoch fühlten kein Frösteln, und weit entfernt nachzulassen, schienen Lust und Fröhlichkeit sich nun erst recht entfalten zu wollen. Pech- und Harzfackeln wurden an eingerammte Pflöcke befestigt, rascher kreiste die Branntweinflasche von Mund zu Mund, wurde auch von Frauen nicht mehr verschmäht; greller schrie die Klarinette, ungestümer faßten sich die Paare, wilder und wilder raste der Tanz, heiserer erklangen die Jauchzer. „Lonny," ächzte die „Holländer" Alte, „warum trinkst Du nicht?" „Mag nicht — brennender, stinkender Saroff (Schnaps) — pfui!" „Und vom Tanz' machst Dich weg zu mir altem Weib'! Freut's Dich denn nit, das lustige Drehen, ein solch' jungkräftig Blut?" 175 „Mir ist nicht rvohl in dem Trubel, er ekelt mich an — weiß nicht warum!" „Ei, du meine Güte, was man nicht alles hören muß! Eine zwanzigjährige, hübsche Dille findet keinen Gefallen an Kurzweil und Tanz — bist auch noch bei Trost, Mädchen? Schau dort die Burschen, wie sie sich nach Dir umsehen, des Zinggelers Bub', der hübsche" — „Ist betrunken! ... Ich bleib' bei Dir, Großmam, diesen Abend — sei Du so gut!" Es half nichts, daß die Mutter Grazin sie schalt, daß selbst der Vater Graz, dick wie eine Biertonne, eigens heran- gewackelt kam und ihr mit lallender Zunge Vorwürfe machte über ihr absonderlich, zimperlich-närrisches Gebühren; die Lonny blieb bei ihrem Vorsatz, verharrte bei ihrer Großmutter, am hochflackernden Lagerfeuer. Es half nichts, daß die abgewiesenen Burschen sie höhnten und die Mädchen die glühenden Köpfe zusammenstreckten und sich zuzischelten: „die Prinzeß — seht 'mal die tugendhafte, hochmütige Prinzeß!" Aufs neue begann der Taumel, wilder und ausgelassener gestaltete sich die Lust, die Orgie. „Großmam!" bat Lonny, „wir wollen schlafen gehen! Ich helf' Dir in den Wagen steigen, ich hebe Dich hinein!" Im Wagen, sobald sie es sich bequem gemacht, begann sie leise zu summen: Wenn Du mir nur gut bist, Wenn Du mir nur treu — — und ihren Lippen entfuhr es leise und innig: „Fried! Fried!" — — Des folgenden Morgens — welch' ein Bild bot die „Bettlerküche"! Koch- und Eßgeschirre, rmgespült und einige davon zerbrochen, verbeult und zerstampft; ausgebrannte Fackelstümpfe, stöpsellose, leere Pullen, abgestreifte Haarbänder, zerknillte Mannshüte und Mützen, Tabakspfeifen, Schlappschuhe und Kleiderfetzen, welke Blumen und abgerissene Blumenstengel, samt dem arg zerzausten Brautkranze lagen auf dem zerstampften Rasenboden zerstreut umher, gleich den Gefallenen des Schlachtfeldes, mächtige Männergestalten, mit verzerrten Gesichtszügen und die Gliedmaßen weit ausgestreckt — nur wenigen schien es gelungen zu fein, sich unter die Wagen oder den Schirm der Waldbäume zu verkriechen; die meisten waren vorn Schicksal ereilt worden mitten im wirren Lustgetümmel , in plötzlich überkommener rauschvoller Dahinfällig- keit. Sogar Weibsleute lagen darunter . . . Und die junge „Holländerin", als sie nach kurzem Schlafe aus dem Wagen sprang, empfand bei dem Anblicke einen unaussprechlichen Ekel. „Waren das auch noch Menschen?" Dann frug sie sich voller Bangigkeit und Entsetzen: „Sind sie überhaupt noch lebend und bei Sinnen?" Sie begann sich nach den Ihrigen umzusehen. Hier, mit dem Rücken an ein Wagenrad gelehnt, hockte ihre Mutter, das tuchumhüllte Haupt tief auf den Schoß niedergebeugt, wackelnd, schlummernd; unter dem Wagen lagen, quer übereinander, ihr Bruder Hänel und Glinz, der Stelzfuß, beide schlafend, der letztere mit offenen, gläsernen Augen. Wo aber befand sich ihr Vater? Nach längerm bangvollem Suchen gewahrte sie endlich zwei mächtig lange und dicke Mannsbeine, welche sie an dem losgerissenen Flickstück der Pluderhosen gleich als diejenigen ihres Erzeugers erkannte, aus der den Quellbach besäumenden Grünhecke hervorschauen; der Kolossalleib 177 selbst war, das Haupt voran, dicht in das wirre Gestrüpp gezwängt, die eine Hand hielt noch krampfhaft die leere Pulle umfaßt. Offenbar hatte der Mann vor dem Sichschlafenlegen noch Wasser schöpfen wollen, und es war ein Glück zu nennen, daß er bei dem Versuche in dem stacheligen Gebüsch kraftlos stecken geblieben war, denn wie leicht hätte er bei gelungenem Durchgingen in den rasch fließenden Weiherbach fallen und ertrinken können! Das begriff Lonny auf den ersten Blick und begann daher den fühllos Daliegenden an den Beinen aus allen Kräften rückwärts zu zerren und ließ nicht nach mit Bitten und Schelten, bis er einigermaßen munter geworden und sich aus der seltsamen, dornenvollen Lage befreit hatte. „Ich sterbe vor Durst!" stöhnte er. „Kind, hast mir nichts zu trinken? Und wie sehr mich der Kopf schmerzt, das Gesicht!" Und als er taumelnd den Wagen erreicht hatte, lallte er, zu seiner Gattin gewendet: „Ist es denn wahr, Lene, daß der Saft (Branntwein) gänzlich alle? Auch nicht das Gläschen mehr? Welch' eine Schand'," polterte er, „welch' eine Elendigkeit von Euch allen, alles so rein auszusagen!" Allein auch die Mutter Grazin befand sich in keineswegs rosiger Laune; sie klagte über Übelkeit, Kopfschmerz und heftiges Magendrücken. Und der Morgengruß, den ihr Herr- Gemahl auf seine unhöfliche Anrede zu hören bekam — wir wollen ihn lieber nicht anhören. Die übrigen Gefallenen des Tages oder vielmehr der Nacht — in dem Maße, wie die aufgehende Sonne ihnen die Augenlider beunruhigte, den Pelz wärmte und den offenen schnarchenden Mund austrocknete, fingen auch sie sich an zu regen und verwundert auf- und um sich zu schauen. Was 12 178 sie jedoch vollends munter machte, das war das unerwartete Erscheinen des Forsthüters, diesmal sogar begleitet von dem wehrbehangenen Diener der Ortspolizei; und die beiden Wächter der öffentlichen Ordnung erhoben namens ihrer Vorgesetzten harte Beschwerde wegen des stattgefundenen nächtlichen Unfuges, nämlich des maßlosen Feuerns sozusagen mitten im Walde und zu solch' trockener Jahreszeit. Die Brandröte sei weit und breit zu sehen gewesen und habe sogar in entfernten Orten zu Lärmsignalen und dem Abfahren der Feuerspritzen Anlaß gegeben. Bereits auch seien strafrechtliche Schritte eingeleitet worden, weshalb man, guten Rat befolgend, gut tun werde, den Platz und die Gegend ungesäumt zu verlassen. Wer also nach Verfluß von einer Stunde noch auf der Stelle betroffen werde — — —! Der tapfere Waldhüter verschwieg, daß er schon bei An- bruch der Nacht von seinen Vorgesetzten nach der „Bettlerküche" entsendet worden war, um daselbst Ordnung zu schaffen; daß er in Begleit der ihm beigegebenen beiden Schutzleute sich denn auch wirklich an Ort und Stelle gemacht und aus unmittelbarer Nähe, nämlich von der Höhe des angrenzenden „Bännlihügel" aus Augen- und Ohrenzeuge des gespenstigen Fackeltanzes, sowie der ganzen wilden und orgienhaften Szene gewesen, es aber nicht gewagt hatte, vorzutreten und einzuschreiten, aus wohlbegründeter Furcht, von den zwei Dutzend baumstarker und wild aufgeregter Gesellen arg mißhandelt zu werden. Nun aber, bei helllichter Morgenzeit und unter dem Einflüsse des Katzenjammers, der diese Leute offenbar befallen, durfte ein ernsthaftes Wort schon gewagt werden. Und dasselbe tat denn auch seine gehoffte Wirkung, die Männer ließen die 179 Köpfe mutlos hängen. Einzig der „Holländer"-Graz, unwirsch darüber, daß ihm kein gewohntes Morgenschlückchen geblieben, zog die Oberlippe verächtlich in die Höhe, machte pflngrad- große Augen, dessen Weiß unheimlich, drohend hervorschimmerte, spuckte grimmig und tatenkühn in die Hände und rief, dicht vor den Waldhüter hintretend, mit heiserer, höhnischer Stimme: „Sag' mir das Gesätzlein noch einmal, Männchen, hab's nicht recht begriffen!" Dieser, erschrocken zurückweichend, sah sich ängstlich nach seinen beiden Schutzleuten um, welche übrigens bereits die Absicht verrieten, die schleunigste Flucht zu ergreifen. Doch schon hatte die Frau Grazin ihren Mann abwehrend beim Arme erfaßt, und nun machten sich auch die übrigen, Männer wie Weiber, heran mit der eindringlichen Zurede, er möge doch ja keine Unbesonnenheit begehen; bis der Gewaltige, Erzürnte sich endlich zu dem Versprechen herbei ließ, den „Kasier" ungeschoren abziehen zu lassen. Und die Grazin, nach einer Weile, schalt: „Statt Maul und Händ' zu Dummheiten zu gebrauchen, Graz, geh' Du lieber, wenn den Wagen nicht selbst ziehen willst, unsern „Grau" aufsuchen, der sich die Nacht über vom Stricke und davon gemacht hat, weiß G.ott wohin!" „Der „Grau"?" stammelte Graz; denn der Gedanke, des Esels Dienste selbst übernehmen zu müssen, erfüllte ihn mit Widerwillen und Grauen. Allein schon brachten Hänel und Lonny den Vermißten, Entlaufenen aus dem Busche zurück, in welchem er sich den Morgen über gütlich getan an zartem Junggras und saftigen Baumblättern, und nun, an seine Pflicht gemahnt, Ohren und Unterlippe gar mißmutig hängen ließ. Und nun ging es an ein Aufpacken und Verladen. Manch' ein Gegenstand wurde vermißt, manch' ein Zank und 180 Streit entstand darüber, sowie über Zerbrochenes und Verdorbenes, das niemand verschuldet haben wollte. Der Stelzfuß, der diesmal wider Willen mit in den Kreis der Zechenden gezogen worden, war nun einmal gar nicht zum Bewußtsein zu bringen, und mußte der Ärmste gleich einen: Frachtstück in den Wagengrund verladen werden. Dann brach man auf, ohne sonderliche Verabschiedung, die einen nach hierhin, die andern nach dorthin, je nach Plan und Abrede oder auch ziellos in die Welt hinaus, die weite sonnbeschienene, frühlingslustige. Die frühlingslustige Welt — ja, wenn man nur nicht alle Vorräte und das letzte Stückchen „Draht" bei dem Fest und „Surium" in der „Bettlerküche" hätte draufgehen lassen! Denn so ohne Frühstück und Magentrost und dazu mit müden Gliedern und schwerem Kopfe weiter wandern zu müssen, war eben nicht sehr angenehm. Wenige, die nicht gerne auf den soeben verlassenen Lagerplatz zurückgekehrt wären, um sich an die „geküchelten" Haselstauden zu machen. Es ging dies nicht wohl an und mußte man solches den Bauernbuben überlassen, die, ihre Ziegen und Schafe auf die Waldweide treibend, sich lüstern nach diesen durchaus nicht ungewöhnlichen Leckereien umzusehen pflegten. Zehntes Kapitel. „Unsere Lonny könnte des Zinggelers Ede bekommen. Was sagst Du dazu, Graz?" „Den Ede?" „Ja, den Ede! Bei Jörgen Kleins Hochzeit trat er ihr schier die Zehen ab; und gestern, in der Langentaler Hardt, 181 - bekannte er's frei heraus, ihr und auch mir. Und das Mädchen hat sich taub gestellt, ihn kalt abziehen lassen. War das nicht dumm?" „Hm! Hm!" „Was, hm, hm? Der Ede ist ein stolzer, gefixter Bursch', der gesirteste von allen, die ihr noch nachgestrichen; und dazu fein und auskennig auf Weg und Steg, versteht sich sogar aufs Bogenstreichen, kann seinen schönen Kreuzer verdienen bei Kilben und auf den Drehscheiben (Tanzböden) . . . Und einen wird sie doch haben müssen, wird nicht in die Drille (Kloster) gehen wollen, eine solch junghübsche Dille!" Vater Graz dehnte seinen nicht eben kleinen Mund zu einem lauten, gleichmütigen Gähnen aus, worüber seine bessere Hälfte sich arg erboste und scheltend ausrief: „Da seh' mir mal einer diesen zärtlichen Familienvater an, der so besorgt um das Wohl der Seinen ist! Denkt halt nur an sein gefräßig Maul, an die eigene träge Haut, an seine Pulle, alles Andere ist ihm Wurst — gelt?" Die Großmutter, an welche die Grazin sich nun mit ihrem mütterlichen Anliegen wandte, meinte: „Wegen des Zing- gelers Bub', da kann ich dem Kind' nicht so ganz Unrecht geben, daß es sich ein Bisset besinnen tut. Wir sind halt doch des „Holländers", und wenigen mag's bekannt sein und wohl Dir selbst nicht, Lene, was das besagen will. Drum höre!" Sie nahm mit zitternden Fingern eine Prise und fuhr dann erzählend fort: „Unser Stammvater, der war von Geburt aus keineswegs ein Hauderer, wie wir, vielmehr stammte er wirklich aus den Niederlanden; aus gar sürnehmem Ge- blüt und hieß von Haus' aus van der Peere oder dergleichen. Und sein Alter war Burgemoruin (Bürgermeister) einer ,altreichen Stadt — der Name ist mir entfallen. Und als die Spaniolen vor die Tore gerückt kamen mit Donne.rbüchs' und Knallscheit, mit Rad und Galgen, um, die alten Freiheiten zu unterdrücken und den neuen Glauben, da hieß sie der Alte willkommen mit Kugeln und Lanzenstichen; und hielt sich ausnehmend tapfer; und ließ sich am End' gar noch umbringen, ehe er von der Stelle wich aus der Schanz. Sein Jüngel- chen aber, als er alles verloren sah, sprang über die Mauer und rettete sich in Kafferkleidern von Land zu Land, über den Rhein, ins Fricktal hinein. Hier trieb er sich als Geiger und Flötenspieler herum an Kilben und Ringfesten (Hochzeitsfesten), weshalb ihm auch der Name ward, Heinz Pfeiffer, der Holländer. Er hatte aber zu Haus', auf gelehrter Schul', sich auch mit der Heilkräuter- und Doktorwissenschaft abgegeben; und er fing an zu heilen Land auf und ab, Mensch und Vieh; und blieb daneben der lustige Geiger, das ehrlich sorglos Blut, so daß männiglich sein frühes End' bedauerte an der giftigen Seuche, von welcher er so viele Andere kuriert . . . Von ihm hat's seine Schickse (Frau, Beihälterin), haben's seine Nachkommen geerbt, das Heiltränklein- und Wundsalbenbereiten, bis manch Kostbares verloren ging im Laufe der Zeiten. Von ihm stammte auch das Pergamentbüchlein, dort in der Wagentruhe, von ihm selbst geschrieben — ja, wer die wunderlichen Schnörkel lesen und verstehen könnt'!" Nachdem sie einen heftigen Hustenanfall überwunden, begann sie von neuem: „Ja, wir, die „Holländers", sind fürnehmen Geblüts, und mein Großatt meinte oft, es sei — 183 — doch dumm und leichtsinnig von unserm Ahn gewesen, daß er, statt sich in das Bötzberger Köhlermädchen zu verlieben, in spätern Friedensjahren nicht nach Haus' gegangen, um sich nach seinem väterlichen Gut, was etwa noch verblieben, sich umzusehen. Allein es war eben das leichtfertig Blut und das Land ihm lieb und das Wandern zur zweiten Natur geworden. . . . Um nun aber von des Zinggelers zu reden — wer sind des Zinggelers? Woher stammen sie? Aus dem Entlebuch, wo ihr Ahn Kuhknecht gewesen oder Hanf gesponnen und der Buben mehr besessen, als Gaißen (Ziegen); oder aber, wie andere wissen wollen, aus der Horwer Gegend, wo der Altalt (Großvater) Schifsmann gewesen und wegen Kohl (Schwindel, Betrügerei) des Landes verwiesen worden. Und wenn auch nichts dran wahr sein sollte wegen dem Kohl — zu uns können sie sich doch alleweil nimmer zählen, und so einen, wie des Zinggelers Jung', kann die Lonny, die „Holländerin", zu jeder Zeit noch kriegen, auch wann der Markt vorbei ist, dünkt mich!" „Da muß ich mir's denn gleichfalls als besondere Ehr' und Gnad' ansehen, daß ich einen solch' seinen, fürnehmen Mann gekriegt, ei der Tausend!" Die Grazin sprach's, zu ihrem Gatten gewendet, mit gedämpfter Stimme und höhnischer Gebärde. Worauf ihre Schwiegermutter, die es gleichwohl vernommen haben mußte, eifrig und mit Nachdruck entgegnen: „Ja, ja, Lene, deß darfst Du alleweil stolz sein, das will ich meinen! . . . Aber gleichwohl, was ich Dir soeben gesagt, Du sollst es mir nicht zürnen, auch wird es wohl das erst' und letzte Mal sein, daß ich Dir davon— — ach, dieser entsetzliche Husten . . . Das Reden, es macht mir so Müh' und bang!" 184 — Das war zu Friedau an der Aare, oder vielmehr am buchwaldbeschatteten Ufer des Rotbaches, wo dieses Gespräch stattfand. Von hier gelangte die Wanderfamilie nach der „Kreuzstraße", wo die Wege sich schieden nach mehrern Richtungen hin. Welchen nun einschlagen? Eigentlich bedurfte es kaum des langen Besinnens, denn das „Geschäft" blühte zu dieser schönen Jahreszeit allerorten, blos durfte man die altbewährte Haudererregel nicht außer Acht lassen: „Einen guten Freund sollst niemals überlaufen (zu oft besuchen) ..." Also hielt man Rückschau und Rat: Diesen Strich haben wir soeben, jenen unlängst „abgeklappt"; schließlich wurde desjenigen, den man am längsten nicht mehr „bearbeitet" hatte, und in welchem das Städtchen Krotzingen lag, gedacht. Hiebei mußte ausfallen, daß Lonny, und zwar ganz wider ihre Gewohnheit, sich ebenfalls bei der Debatte beteiligte; dabei tat sie so seltsam erregt; und als beiläufig auch des Zackenhofes Erwähnung geschah, wurde sie über und über rot. Und sie riet des lebhaftesten von jener Gegend ab und schlug dafür als vorläufiges Reiseziel das aargauische Freiamt und das Fricktal vor, da es sie mächtig gelüste, auch einmal den Rheinstrom zu sehen ; und sie hatte die Genugtuung, daß ihrem Wunsche, wenn auch erst nach langem Zögern, wirklich willfahren wurde. Auffallen mußte es ferner, daß die Großmutter, die früher in solchen Dingen stets das große, entscheidende Wort geführt, sich seit einiger Zeit von diesen Beratungen mehr und mehr ferne hielt. Ja, diesmal von der Grazin des ausdrücklichsten um ihre Meinung befragt, schüttelte sie traurig das greise Haupt und stöhnte: „Ach, mir ist ja alles eins, 185 wo Ihr mich hinführt . . . Am liebsten blieb ich gleich sitzen oder liegen, am liebsten tät' ich mich gleich ergeben dem langen, endlosen Schlaf'!" Und als man Tags darauf von Aarburg aus den Engelberg überschritt, wandte sie sich, im Wageninnern kauernd, mit der Frage an ihre Enkelin: „Wo befinden wir uns, mein Kind? Ach, mein Aug' ist fast erblindet, ich seh' von der Sonne blos mehr den blassen Schein .. . Und meine Händ' und Füß' — fühl' an, wie steif und kalt! . . . Also was habt Ihr ausgemacht, wohin wir reisen werden? Ich hab's schon wieder vergessen!" Und auf Lonny's freundlichen Bescheid, daß man an Aarau vorbei nach Schinznach und Baden ziehe, gegen den Rhein hin, da murmelte die Greisin: „Schinznach — ist's nicht zu Schinznach, wo mein Mann begraben liegt, der arme Wolf? 's ist schon lange her, so viele, viele Jahr' — ich kann sie nimmer zählen, bin so schwach geworden im Hirn . . . Wie wird Wolf meiner harren!" Und des folgenden Morgens, da konnte Lonny ihre Großmutter lange anrufen, sie rütteln und anschreien — Großmam war nimmer aufzuwecken, war steif und kalt. Sanft, mitten im Schlummer, hatte der Engel des Todes ihre Seele abberufen und in ein besseres Jenseits, in den ewig wonne- vollen Himmelsstrich hinübergeleitet, wo keine „Polente" ihr mehr hemmend den Weg vertrat und das Wanderleben verbitterte. Und der Zufall wollte, daß ihre entseelte Hülle in demselben Schinznach, auf demselben Gottesacker unweit der Stelle der Erde übergeben wurde, wo auch ihr Wolf ruhte, dessen sie in ihren letzten Lebenstagen so vielfach gedacht hatte. 186 Die Trauer der ganzen Familie um die Dahingeschiedene — selbst die Frau Grazin nicht ausgenommen — war eine große und aufrichtige. Viele, viele Jahre hindurch war sie allen alles gewesen: Wegeleiterin, Ratgeberin, Zuschasferin, in allen Geschäften und Vorkommenheiten der leitende und ausführende Gedanke. In ihr war, wie in keiner zweiten, der Typus einer echten, richtigen „Hauderin" (heimatlose Wandersrau) verkörpert; sie verfügte, wie keine andere, über alle die Eigenschaften und Hilfsmittel, um sich die säßhafte Welt aus freundliche, friedsame Weise tributär zu machen. Der Lonny insbesondere ging der Verlust der geliebten Großmutter sehr nahe. Wie sie selbst der bevorzugte Liebling der Verblichenen gewesen, so hatte auch sie sich stets des innigsten zu derselben hingezogen gefühlt und zwar in weit höherm Grade noch, als zu ihrer eigenen Mutter. Ihr hatte sie alles vertraut von ihren Kindsbeinen an, was ihr junges Herz erfreut, gehofft, geschmerzt und beängstigt, alles bis aus eines ... Alles, bis aus ihre Liebe zu des Zackenbauern Sohn. Und auch diese war sie mehrmals im Begriffe gewesen, ihrem ganzen herzquälenden Sachverhalte nach ihr mitzuteilen, sich ihren klugen Rat zu erbitten, und sie hatte es jedesmal wieder gelten lassen oder vielmehr von einem Tag auf den andern verschoben, aus lauter jungfräulicher Schell und kindischer Zaghaftigkeit, aus Furcht, verlacht oder als Törin gescholten zu werden. Nun reute sie diese Unterlassung sehr. Der Großmutter Wort wäre ihr großer Trost gewesen in diesen Tagen qualvoller Entsagung. 187 Entsagung? Ja, dazu war sie entschlossen. Sie wollte nicht nur der Liebe, selbst des Genusses der Liebeserinnerung wollte sie gewaltsam, mittelst aller verfügbaren Vernunftsgründe, entsagen. Und schon tausendmal, seit jenen Weihnachtstagen, hatte sie sich gesagt: „Er, der Fried, wird sich den Vorfall als Jur betrachten, den ein Jungknab von solcher Stellung einem armen Mädchen gegenüber sich schon erlauben darf. Und ich Einfältige habe die schönen Worte als baare Münze hingenommen — wie ich solches nur glauben gekonnt, daß er mich ernsthaft und mit redlicher Absicht lieben tu'!" Sie besah sich ihr einzig armmütig Kleid, die ärmlichen Habseligkeiten der Ihrigen, die Ihrigen selbst, so niedrigen verachteten Standes; und sie begann sich ihres eigenen närrischverwegenen Herzens zu schämen, das sich auch nur einen Augenblick an diesen Bauernsohn hatte hingeben können mit Hoffnungen, die sich nie und nimmer verwirklichen konnten, und auch bei Leuten ihres Standes sich noch niemals verwirklicht hatten. Und sie nahm sich vor, ernsthafter denn je, seiner gar nicht mehr zu gedenken, ja das wollte sie! Sie wollte auch alles tun, was in ihren Kräften stand, um einer fernern Begegnung mit ihm auszuweichen, nämlich daß der „Strich" nach jener Gegend, wo der Zackenhof lag, gemieden oder doch wenigstens möglichst weit hinausgeschoben würde. Und doch gab es wieder Augenblicke, wo ihr schwachmütig Herz sich sagte: „Eigentlich nimmt's mich doch ordentlich wunder, wie weit sein Verhältnis zu dem reichen Mädchen alleweil gediehen, ob er sie vielleicht sich schon genommen?' O ja, der Alte wird ihm schon keine Ruhe mehr gelassen und seinen Widerstand längst gebrochen haben, gewiß! . . . Also die bloße Neugierde! . . 188 Sie hatte die schönsten Wald- und Feldblumen zusammengesucht, um damit ihrer Großmutter Grab zu schmücken, sowie ein Trauerweidenschoß, das sie sich von dem alten Totengräber erbeten, in die srische Erde gepflanzt, das einzige Denkmal, das die Ruhestätte der alten Hauderin bezeichnen sollte; sie gab ihre letzten sieben Kreuzer hin, damit der Alte das Pflänzlein hege und schone. Hierauf wurde zum Aufbruch geschritten. Die Gegend war neu und an Konflikten mit Standesgenossen, welche die frisch auftauchenden Konkurrenten mit scheelen Augen betrachteten und ihren Gefühlen auch lauten gehässigen Ausdruck verliehen, fehlte es keineswegs. Doch erzeigte sich der Mutter Grazin beredtes Mundstück diesen Angriffen um so mehr gewachsen, da sie sich in allen Fällen auf den materiellen tätlichen Beistand ihres Gatten verlassen konnte, mit dessen herkulischen Fäusten niemand anzubinden wagte. Also war der Mann doch wenigstens in dieser einen Beziehung nütze. Seit längerer Zeit hatte die Mutter Grazin den Hausierhandel zum größten Teil persönlich an die Hand genommen. Seit dem Tode ihrer Schwiegermutter versuchte sie sich, die vielfachen erhaltenen Anleitungen jener sich zu nutze machend, nunmehr auch im Kartenschlagen und Wahrsagen; desgleichen in der Heilkunde, erst nur schüchtern zwar, dann aber, von den nützlichen Erfolgen ermutigt, mit wachsender Kühnheit. Dieser Umstand hatte freilich zur Folge, daß die Lonny sich an den Herd machen und ihre schlanken „prinzeßlich" feinen Fingerchen mit rußigen Kochtöpfen, splitterreichen Holzscheiten und allerhand Speisestoffen in Berührung bringen 189 mußte. Sie tat es mit Eifer und bemerkenswertem zunehmendem Geschick, zur Zufriedenheit aller, selbst der sehr koch- kundigen Mutter. Das war zwischen Fislisbach und Rohrdors, da wurde ein großes „Ballertfest" (Waldfest) abgehalten. Den Anlaß hiezu bot die Taufe eines Haudererkindes, des Krähendoktors Wiesel (Alois) seines. Der Hochwald prangte im üppigsten Sommergrün und in seinem tiefdunkeln Schatten, auf dem weichen Moosboden des „Hasentobels" ruhte es sich gar wohlig, sowohl bei der Hitze des Tages, als in lauwarmer Nacht. Ein volles Dutzend, durch Verwandtschaft oder Freundschaft verbundener Wanderfamilien hatten sich aus verschiedenen Wegen zu dem Feste eingefunden, darunter, als die fürnehmsten, auch des „Holländers". Der Täufling, ein mehrere Wochen altes und gar kräftig strappelndes Knäblein, wurde ins nahe Psarrdorf, allwo die heilige Handlung vollzogen werden sollte, getragen. Als Patenleute fungierten des Zinggelers Ede und die „Holländer-"Lonny. Männiglich schaute dem dahinschreitenden Paare wohlgefällig nach und die Meinung war eine unbestrittene, daß es stolzer und schöner nicht hätte zusammengesucht werden können. „Man wird sie angucken, im Kaff drinnen!" hieß es. Allein die Bauern, mit der Heuernte beschäftigt, hatten Besseres zu tun, als solchen „Bettelleuten" nachzuschauen. Auch der Ortspfarrer, nach vollzogener Taufe, fand es nicht einmal der Mühe wert, sich nach den Namen der Zeugen zu erkun- 190 digen, sondern begnügte sich, nachdem er den Täufling ins Psarrbuch eingetragen, die oberflächliche Bemerkung beizufügen: „Eltern und Taufzeugen: oumss vuAudunäi." Dafür wurde der Tanfzug, als er in den „Hasentobel" zurückkehrte, mit lautem, fröhlichem Halloh begrüßt. Zudem waren auf dein schwellenden Waldmoose eine Menge von mit bestens zubereiteten Speisen gefüllten Platten aufgetischt, darunter ein Gericht, das den Geruchsorganen aller Festgenofsen ganz besonders zu schmeicheln geeignet war, nämlich ein mächtiger, seinduftender Hammelsbraten. Lizzi, des Jltishanoggels Töchterlein, hatte nämlich des Abends zuvor, in Übereinstimmung mit der übrigen anwesenden Mädchenwelt, die Bemerkung fallen gelassen, wie sehr ihr diesmal, bei der sommerlichen Hitze, der Genuß von buttertriesenden „Küchlein" oder gar des gesalzenen, geräucherten Schweinefleisches zuwider sei, und dabei das Stumpfnäslein gar vornehm verächtlich gerümpft. Das hatte des Krähendoktors Jüngster, der ein Auge auf das Mädchen hatte, sich eiligst gemerkt. Und des Morgens hing ein ausgeweidetes Schaf, ein fetter Jährling, an dem Buchenast. Wie der Rees (Andreas) zu dem Lamm gekommen, er, der gemeiniglich nicht den roten Kreuzer besaß, um sich ein Dütchen Tabak zu kaufen? Niemand frug groß darnach, jedermann fand den Braten ausgezeichnet. Auch ein sehr ansehnliches Fässel hellklaren Apfelmost hatte man sich verschafft; der Most freilich hatte nicht so wohlfeilen Kaufes erworben werden können. Nun ward man aber auch sehr guter Dinge..'. Von der längs des Waldes sich hinziehenden Talstraße her erscholl lautes Peitschengeknall; es waren die Bauern, welche Heu einfuhren, Wagen um Wagen. Auf den Wiesen — 191 — und Ackern wimmelte es von Leuten, die vom frühesten Morgen an bis in die späte Nacht, im Schweiße ihres Angesichtes, bei Sonnenglut, Schwarzbrot, Sauermilch oder auch nur Wasser sich abmühten, den Erntesegen einzuheimsen. Von Zeit zu Zeit, um sich und anderen die harte Arbeit zu versüßen, ließ etwa einer der Jungburschen einen lahmen Jauchzer steigen, dazwischen erklang Mädchengesang, Scherzworte wurden ausgetauscht von hüben nach drüben. Drinnen im Walde, im schattenkühlen, fanden Jauchzer und Sang helllaute, übermütige Erwiderung. Hier ließ man, bequem ausgestreckt und bei kreisendem Humpen, den Täufling, das glückliche Elternpaar, vornehmlich aber die hübschen Patenleute hochleben, mit schallendem Gejohle, einmal über das andere. Unsere Lonny ließ diese Huldigung mit stillem Gleich - mute über sich ergehen; während Ede's Auge vor Lust und Wohlbehagen, vor stummer Liebesglut hell funkelte. Er konnte seine reizende Patin nicht genug anlügen und bewundern, und in dem Maße, wie diese immer scheuer und zaghafter von seiner Seite rückte, suchte er sich ihr nur mehr zu nähern; bis er endlich, von unbändiger Lieb' und Lust erfaßt, ihre Hand ergriff und den schon einmal geäußerten Antrag des stürmischsten wiederholte: „Lonny, werd'Du die Meine! Guck, ich will Dich auf den Händen tragen, für Dich durchs Feuer gehen, so Du's verlangst. Lonny, weis' mich nicht zurück, Lonny, sprich endlich Ja! Und zu Michaeli schon soll das Ringfest (Hochzeit) sein!" Die Schöne aber wies seinen Antrag nochmals grausam zurück, beteuernd, ihre Eltern nicht verlassen zu können , wenigstens jetzt noch nicht, vor etlichen Jahren nicht. 192 Und bei einbrechender Dunkelheit ließ sie nicht nach mit Bitten und Beschwören, bis ihre Mutter endlich einwilligte, mit ihr das Lager aufzusuchen. Draußen, beim gespenstischen Scheine der Kienfackeln, wurde das Zechen und Gröhlen tapfer fortgesetzt, denn nun hatte auch noch Branntwein, die wohlgefüllte Strohflasche, herbeigemußt. Drinnen, im Planwagen, sprach die Mutter Grazin ärgerlich: „Jetzt, da die rechte Lustigkeit erst anfängt, muß ich beiseit' sein. Der Sang, der Tanz, die lustigen Reden!" „Ach, Mutter, sie sind ja alle betrunken!" „Was, betrunken? Angeheitert sind sie, wie sich's wohl geziemt bei einer fröhlichen Schwabbinerschwemme (Kindstauf- fest). Und Du scheust vor Deinem Götte (Paten), als wär' er der wilde Mann oder hätt' er die Raud' am Leib. Und ist er doch der hübscheste, drallste Scheecks (Haudererbursche) weitum!" „Ein Scheecks!" wiederholte das Mädchen leise, geringschätzig. Das brachte die Mutter nur noch mehr auf. „Wie," rief sie, „Du verachtest gar noch unsere Leut'? Nein, nun nimmt's mich nicht mehr wunder, daß alle Dillen Dich hassen und Dir den Spottnamen beigelegt haben! Oder hast's etwa nicht gesehen, wie sie, bei Deinem aparten, nonnenhaften Tun und Ausreißen, die Nase rümpften und sich mit dem Ellbogen anstießen und sich allerlei in die Ohren zischelten? Und als Du mich mit Dir fortschlepptest zur vorzeitigen Ruh', schier mit Gewalt — hast Du's nicht gehört, das höhnische Kichern und Lachen? Ich wohl, nur zu gut! ... Scheecks — als ob ein solcher, zumal ein braver, Dir nicht genug sein sollte! 193 Oder willst Dich etwa nach einem Kasfer umsehen oder gar nach einem geschniegelten Mochumer, um Dich von einem solchen ansühren zu lassen? Nun, so sprich denn!" Da entgegnete das Mädchen weinerlichen Tones: „Ich verachte niemanden. Allein ich mag auch keinen heiraten, sei es, wer es wolle, glaub' mir's, Mutter! Am liebsten möcht' ich immerfort bei Dir bleiben, bei den Meinen." „So? Gar keinen magst haben? Da muß ich doch wider Willen schier laut auslachen! Gar keinen — wo ist die Dille, die gar keinen mag? Eher würd' ich Dir Glauben schenken, wenn Du sagtest, Du hättest bereits ein Aug' auf einen andern geworfen und wollest es verhehlen, weil mir's nicht vertrauen magst, weil mich nicht lieben tust, wie Du solltest und wie es gegen Deine Großmam getan . . . Wie, Du schluchzest, Du greinst? Die andern — stehste? — die andern singen, tanzen und treiben allerhand lustige Kurzweil. Und Du hängst den Kopf und weinst und weißt wohl nicht einmal warum — wie eigensinnig, wie wunderlich!" Plötzlich fuhren beide Frauen erschrocken von ihrem gemeinsamen Lager auf: das aufgespannte Segeltuch zu ihren Häupten war gewaltsam aufgerissen worden, und durch die Lücke wurde, im Wiederschein des Fackellichtes, ein runder, struppiger Männerkopf sichtbar, und eine Hand fuhr herein, auf dem Waldheu raschelnd herumtastend. „Lonny!" rief es flüsternd, lallend; „Lonny, wo steckst Du denn? Komm' heraus, ich bin's, Dein Ede . . . Ich will, ich muß Dich haben, mein Schatz, zum Fackeltanz! Ich nehm' Dich mit Gewalt, ich kann ohne Dich nicht sein!" Da war es doch wieder die Mutter Grazin, die zum Schutze ihrer Tochter die energische Stimme erhob: „Mach', 13 194 daß Du fortkommst, Ede! Zu dieser Stund' hast hier nichts zu schaffen. Fort, oder ich werde den Graz herbeirufen!" Fluchend und stolpernd machte sich der solchermaßen abgeblitzte Freier endlich von dannen. Und Lonny rief den großen weißen Pudel zu sich auf den Wagen. „Komm', Karo, Du sollst mein Hüter sein!" Nach einer Weile rief die Mutter auffahrend: „Horch, ist das nicht ein Streit? O ja, hörste, der Ede ist an Deinen Vater geraten, Lonny! In toller Raserei sagt er ihm Schimpf und Spott, Deinetwegen. — Lass' mich auf, Lonny! Siehste, schon haben sie sich gepackt, Graz wirft ihn zu Boden, den Ede, des Zinggelers, des Krähendoktors Buben alle! er schlägt wie wütend, schlägt mit meiner Bratpfanne drein, schlägt sie mir zu Schanden! . . . Graz! Graz!" rief sie, so behend als möglich aus dem Wagen springend und auf den Kriegsschauplatz, auf ihren Gatten zueilend. „So hör' doch auf, Graz, ich bitt' Dich, ich befehl' es Dir!" Mutig warf sie sich zwischen die Streitenden, Kämpfenden, mutig siel sie ihrem wütenden Manne in den Arm, entwand ihm die verbeulte Siegeswaffe, zerrte ihn selber, den Widerstrebenden, Zornschnaubenden mit sich fort, d. h. er ließ sich von ihr schließlich so ziemlich gehorsam wegführen, nicht aber, ohne, die Faust drohend geballt, sich noch mehrmals nach seinen überwundenen Feinden umzuwenden und denselben schimpfliche und herausfordernde Worte zuzuschleudern: „Lausbuben, die Ihr seid, elendigliche! ..." Und zu Hause, nämlich bei seinem Familienwagen angekommen und mit dem Hemdärmel sich den Schweiß vom bärtigen Angesicht trocknend, meinte er, höhnisch auflachend: „Den Graz angreifen — wohl, die haben's erfahren, die Knirpse, was das heißt! Gelt, Lene, denen hab' 195 ich's gezeigt, hahaha! Und daß ich ein Bischen blute an Hand und Backen, und die zerriss'ne Kreuzspanne (Weste) — tut nichts, gelt, Lene?" lallte er. „Bin ihnen wenigstens über geworden, die Hauptsach', hahaha! Nun noch ein Säft- chen, Lene, daß ich ihn besser verdauen kann, den Spaß, und um damit die Beule einzureiben, die mir der Lümmel mit dem Tannklotz in den Schädel geschlagen, der Heirtoni!" Elftes Kapitel. Ein heftiger Gewitterregen hatte die heiße Juliluft ordentlich abgekühlt und die Straße von dem sie bedeckenden Staub gereinigt, nämlich die längs des Zackenwaldes nach dem Städtchen Krotzingen hinführende Landstraße, auf welcher soeben des „Holländers" mit ihrem Fuhrwerke gezogen kamen. „Mutter," sagte die Lonny, nur mit Mühe ihre große Erregtheit niederkämpfend, „Mutter, wollen wir nicht lieber an dem Ort vorüberziehen? 's ist ja noch früh am Tag, so daß wir wohl noch nach dem „Steinbruch" gelangen können, welches ebenfalls ein guter Platz ist." Die Grazin schaute ihre Tochter groß an und entgegnen: „Wie, hier vorüberziehen, am Zackenhof vorbei, der besten Haustür', die's nur geben kann — bist auch noch bei Trost, Mädchen? Ach, ich seh's schon, aus Dir wird halt je länger wie weniger die mutige Hauderin! Käm' es auf Dich an, Du zögest wohl von einem Wettend' zum andern, ohne nur an eine Küchentür' zu pochen, oder jemanden anzusprechen, tätest lieber Not und Hunger leiden oder Dein trocken Brot mit Strümpfestricken zu verdienen suchen!" 196 Lonny's Einwendung fand also kein Gehör, es half ihr nichts die stumme, verzweifelte Gebärde, als sie den Esel verdoppelten Schrittes in den „Winkel" einbiegen sah — für alt Grauchen bedurfte es schon nicht des Winkes mehr, er kannte seine Halt- und Weideplätze zu gut, und diesen, der besten einer, begrüßte er wiederum mit einem langgedehnten Frohruf, den Bewohnern des Zackenhofes seine und seiner Herrschaft glückliche Ankunft verkündend; bis Graz ihn derb auf die Ohren haute und zugleich feine Herrin fragte: „Was sagtest Du, Lene?" „Ich wollte blos fragen, ob Du und die andern es noch nicht bemerkt, daß dem Grau die Halfter zerrissen? Gut, daß er nicht weit mehr zu gehen hat, an Euch liegt die Schuld nicht, daß er nicht längst schon nebenaus gegangen und den Wagen umgeschmissen . . . Na, Lonny, was zögerst noch mit dem Aussteigen? Rasch herunter und Dich ans Kochen gemacht, die Mannsvölker werden mit dem Essen wohl nicht länger warten wollen. Ich selbst geh' gleich nach etwas Fettem aus, auch gelüftet's mich heut' ganz absonderlich nach einem Tröpfchen Rahmkasfee — hier werd' ich nicht vergebens nach einem solchen trachten !" Bald prasselte denn auch das Lagerfeuer hell und hoch auf. In der Vorratskiste fand sich noch Mehl und Butter genug, um damit, zum vorläufigen Abendimbiß, eine schmackhafte Suppe zu bereiten. Allein die Suppe wollte diesmal schlecht geraten. Denn so fleißig Lonny, beim Mehlrösten, die Holzkelle auch in Bewegung fetzte, Auge und Sinn waren nicht dabei, waren der Mutter gefolgt nach dem Zackenhof hinauf. Dort schien alles wie ausgestorben. Endlich, nach längerm lautem Pochen, ging 197 die Hauspforte vor der Mutter Grazin aus, erst nur vorsichtig, dann angelweit. Es war die Bäuerin selbst, welche der Hauderin freundlich Willkomm bot und sie zum Eintreten einlud. Von der Hinterseite des Hauses vernahm man lautes Hundegebell, dann kamen auch, vom Zackenfeld heruntersteigend, Werkleute zum Vorschein: drei Männer nebst einer jugendlichen drallen Weibsperson lenkten auf das Haus ein... Lonny schaute sich fast die Augen aus, ihr Herz pochte beinahe überlaut: das Weibsbild — ist's wohl die junge Hausfrau, die seine? ... Nein, es war die Käthe, beschatteten Auges schaute sie nach dem „Winkel" herunter, schwang grüßend das abgenommene weiße Kopftuch. Es war die Käthe! Lonny seufzte erleichtert auf. Und nun ersah und erkannte sie auch ihn, jung Fried, der hinter dem Rücken seines Vaters ebenfalls grüßend den Strohhut schwenkte. „Lonny, rühr'! rühr'!" rief Hänel, der einen Armvoll Reisig herbeigeschleppt. Das Mädchen erschrak, errötete, setzte die Rührkelle wieder mit verdoppeltem Eifer in Bewegung — zu spät, das Mehl in der Röstpfanne war jämmerlich verbrannt und ungenießbar geworden. Das reute und verdroß die Lonny sehr. Mehr aber noch verdroß sie ihr eigen schwachmütig Herz, das trotz allen Verbotes immer und immer wieder an den Jüngling denken mußte und von dessen bloßem fernem Erscheinen sich dermaßen in Aufruhr versetzen ließ und sogar den Verstand mitriß, zum Allerweltvergessen. Sie schalt sich abermals eine eitle Törin, ein blitzdummes Ding; und nahm sich vor, diesmal des festesten und unabänderlichsten. — — Doch bevor sie den Vorsatz nur richtig auszudeuten und zu formulieren vermocht hatte, fühlte sie sich hinterrücks plötzlich von 198 zwei nackten, kräftigen Armen umfaßt, sie schrie laut auf und ließ die Kochkelle vor Schrecken zu Boden fallen. Sie hatte an den Fried gedacht, doch war es gottlob blos die Käthe, die sich auf Umwegen Herbeigemacht und nun in ein derbfröhliches Lachen ausbrach, daß ihr die scherzhafte Überraschung so gut gelungen. Hierauf gegenseitiges herzliches Bewillkommnen, sowie die freundliche Einladung an das Hausierermädchen, den Abend im Zackenhaufe zuzubringen. Allein Lonny gab der Einladung keine Folge. Sie wagte nicht in das Zackenhaus zu gehen — ach, sie war so mißtrauisch auf ihr Herz geworden, auf ihre Selbstbeherrschung. Selbstbeherrschung — dieser Gabe mögen sich allenfalls diejenigen jungen Schönen rühmen, die im Schnürleib strenger konventioneller Sitten aufgewachsen und erzogen worden. Das Naturkind jedoch, das diese Dressur nicht genossen, sondern bislang ausschließlich in Kreisen sich bewegt hatte, in denen man zu sprechen und zu handeln gewohnt war, wie man eben fühlte, im ungezügelten, ungekünstelten Affekt — woher hätte es diese Selbstbeherrschung lernen und nehmen sollen? Sie begab sich nicht nach dem Zackenhause. Vielmehr als der Abend anbrach und ihre Haushaltungsgeschäste besorgt waren, schlug sie den gerade entgegengesetzten Weg ein, den Weg nach dem See hinunter. Dieser See — auf der Landkarte nimmt er sich als ein kleines meergrünes Kleckschen aus, und in der Tat mißt seine Oberfläche kaum die Geviertmeile. Kein stolzer Dampfer durchfurcht seine Wasser, auf seiner Bildfläche spiegeln sich weder glanzvolle Städte, noch marmorne Villen, noch dampfende, lärmende Fabrikgebäude. Das Städtchen Krotzingen mit seinem altersgrauen stillen Gemäuer, sowie einige noch 199 weit stillere und bescheidenere Weiler und Gehöfte bergen dessen gesamte, glückliche Anwohnerschaft. Allein gerade dieser Umstand gereicht dem See in den Augen Vieler zum großen Vorzüge, die herrliche gottgeschoffene Natur rings um denselben hat die ganze keusche Heimlichkeit, ihre ungekünstelten Reize bewahrt, die Niren waren ihm treu geblieben . . . Und als eine Nixe konnte die Jungfrau angesehen werden, die beim letzten Strahl der hochsommerlichen Abendsonne, die hohle Hand schöpfend in die goldblinkende Flut des See's tauchend, sich Gesicht und Hals badete und hierauf ihr Haar zu kämmen begann, das üppige, glänzende. Es war ein schmaler, durch hohes Riedgras führender Fußsteig, den sie heruntergekommen. In der mit Schilfrohr bekränzten Seebucht schaukelte träge ein angepflockter Kahn auf dem leicht sich kräuselnden Wasserspiegel; Lonny tat, nachdem sie ihre Abendtoilette beendigt, einen beherzten Sprung in denselben, so daß er sich erschrocken senkte und dann erzürnt aufbäumte. Hierauf ließ sie sich auf das schmale Ruderbänk- chen nieder, um, mit der Hand im lauen Seewasser plätschernd, ihren müßigen Gedanken nachzuhängen, nach und nach in tiefes nachdenkliches Brüten versinkend. Vom Städtchen her erklang hell und lieblich die Abendglocke, von den Kirchdörfern nah und fern fiel es bimmelnd ein — das klang so mild und fromm. Das Uferschilf begann leise und geheimnisvoll zu rauschen, auf den See und die ganze idyllische Landschaft senkte sich eine andachtsvolle Stille. Wildente und Seehuhn ließen ihren letzten Lockruf an ihre badenden Jungen ergehen, Fisch und Fifchlein hüpften und tauchten, der Otter ging auf feinen Raubzug, der Ufersrosch erhob ein vergnüglich Quaken. Von dem allem aber sah und hörte Lonny nichts. 200 sie hatte nur den einen Gedanken ... „So nahe seiner Heimat, so ganz und gar nahe, und sie durfte ihn nicht sehen, noch sprechen, wollte ihn weder sehen noch sprechen. Zu was auch? Um eine noch empfindbarere Hoffnungslosigkeit und eine vermehrte Herzqual davonzutragen? Nein, lieber Aug' und Ohr fest verschließen, Sinn und Herzen noch eine Weile Zwang antun, dann werden Sinn und Herz mit der Zeit sich beruhigen und drein ergeben. Morgens geht's hoffentlich wieder von dannen, ja morgens, eher zog' ich alleine!" Hier wurde sie in ihrem Gedankengang gestört und aufgeschreckt durch ein Geräusch, gleich dem nahender menschlicher Schritte; das Schilfrohr bog sich auseinander, und am Uferrand stand er, mit welchem sich ihre Gedanken soeben beschäftigt. Sie stieß einen lauten Schrei aus, erhob wehrend die Arme. Doch mit einem kecken Sprung war der Jüngling im Nachen, an ihrer Seite, sie, trotz allen Sträubens, mit den Armen stürmisch umschlingend. „O Fried!" stöhnte sie, „lass' mich! Geh', ich bitt' Dich!" „Daß ich ein Narr wär'!" trotzte er. „Hab' Dich nun lange genug gesucht, im „Winkel", im Wald, aus der Wies', allerorten; bis der Stumm' mir die Richtung andeuten konnte, die Dein flüchtiger Fuß eingeschlagen... Nun hab' ich Dich, endlich hab' ich Dich, mein Schatz, mein Engel, nach dem ich mich so lang' und heiß gesehnt!" Rasch und ohne daß sie es zu hindern vermocht, hatte er den Nachen vom Pflocke gelöst und die beiden Ruder zur Hand genommen. Mit kräftigem Schlag stieß er vom User, in den schlummernden, dämmerungbedeckten See hinaus. Dann ließ er die Ruder sinken, den Nachen sich nach Belieben schaukeln, und begann dem Mädchen, das bang an seiner Seite saß, von seiner 201 übergroßen Liebe zu erzählen, zu erzählen auch von der großen Qual, die sein Vater ihm mit der reichen Bauerndirne bereite, die er nun einmal nicht riechen, geschweige denn heiraten könne. „Ach, Du wirst es schon tun müssen!" seufzte Lonny. „Nie und nimmer werd' ich's tun!" brauste er aus. „Eher ging ich fort, unter die Soldaten!" „So wird's eine andere, gleichwertige sein, die man Dir zuhalten wird" — „Und die ich ebenfalls ausschlagen werde. Denn ich lieb' halt nur Dich allein, nur Dich werd' ich heiraten, Lonny, Dich oder keine! Drauf kannst Dich verlassen, als hätt' ich's vor Gott gesprochen, vor seinem strengen Gerichte!" — — Als Lonny fliegenden Atems und mit glühenden Wangen zu den Ihrigen zurückkehrte, die längst zur Ruhe gegangen, da rügte die Mutter: „Was muß ich sehen? Mein fromm Töchterlein fängt an zu schwärmen, sogar bis in die tiefdunkle Nacht hinein!" Das Mädchen nahm den Vorwarf schweigend hin und bestieg ebenfalls ihr Lager. Sie war so aufgeregt und konnte lange, lange den Schlaf nicht finden. Als Fried nach Hause gelangte, gewahrte er, daß im Viehstalle ein Licht brannte. Neugierig stieß er die Türe auf: sein Vater saß drinnen aus einem Bund Stroh und fing an zu poltern: „Saubere Ordnung das! Du gehst aus, ohne zu sagen wohin, bis in die tiefe Nacht hinein, lässest mich allein auf der Wache, bei der kalbelnden Kuh!" Doch als sein Sohn unterwürfig schwieg, sänftigte sich sein Sinn zusehends. Ja, er wies auf eine auf dem Stall- bänklein sich. befindliche Mostflasche hin und sagte: „Nimm da, Birnenmost, Fried!" 202 Und nach einer Weile, nachdem er sich die Pfeife gestopft und sorgsam in Brand gesteckt, fuhr er in behaglichem Tone fort: „Was iH just fragen wollt': Wie steht's, Fried, mit dem Spittelhöfer Mädchen? Wie weit ist die Sach' gediehen, ist sie im Reinen? Noch nicht? Blitz nochmal! wie das lange Zeit braucht heutzutag', bis so ein Jungbursch sich ein Herz fassen kann und an seinen Schatz die Frag' zu richten wagt, die rechte, endgültige Frag': Magst mich und willst die Meine werden? ... Zu meiner Zeit — doch, ich will jetzt nicht von meiner Zeit, sondern von Dir reden, von Deiner Sach', Deinem Glück! So höre denn: Im nächsten Spätjahr wird die Käthe ihre Hochzeit halten, und da, dacht' ich, sollt' gleichzeitig auch die deine sein. Es ginge in demselben Trubel zu, sozusagen mit denselben Unkosten. Auch mag ich nicht mit Dienstmädchen haushalten, Deine Mutter noch viel weniger. Also spute Dich, daß die Sach' ins Klare und vorn Flecke kommt. Ich geb' Dir Haus und Hof, Vieh und Fahr- hab' um die äußerst billige Kaufsumm', damit Du zum voraus weißt, was dereinst der Käthe herauszugeben hast und niemand Dich plagen und brandschatzen können soll — ich meine damit Deinen zukünftigen Schwager, dessen Alter, der Torschmied, schon schlimm genug wär' dazu. Also haben ich's und Deine Mutter ausgemacht, und hat mir der Notar Zünglein versprochen, den Akt fest und dinglich aufzusetzen, daß er hält auf alle Fäll'. Auch wird Dir Dein Frauchen so viel an Geld und Gülten bringen, daß es hinreicht für die Käthe und Dir noch ein Hübsches übrig bleiben wird zu eigenem stolzen Gebrauch, nebst dem schuldenfreien Zackengut... Nun weißt die Sach' und kannst Dich darnach einrichten, Fried! Ich mag's schier nicht erwarten, bis alles im Reinen ist, was 203 ich vorhab' . . . Nun lass' uns schlafen gehen. Lang kann die Ruh' doch nimmer dauern. Der Bauer muß es eben nehmen, wie es kommt, kann sich nicht allzeit und nach Belieben auf die faule Haut legen, wie da die Bettelleut' im „Winkel" drunten, die doch besser essen, als wir, von denen sie leben. Ja, ja, die haben gut groß und hübsch werden!" brummte er neidisch, verdrießlich. Drinnen, in der Schlafstube, berichtete der Bauer feiner Bäuerin, was er soeben seinem Sohne mitgeteilt und fügte hinzu: „Wie der Bub' sonst ein gutes Mundwerk hat, bei seinesgleichen und auch bei uns, wenn über dies und das die Red' ist. Sobald ich aber vom Heiraten ansang' und von seinem Mädchen, da tut er nicht das Maul auf, guckt nur immer in dasselbe Loch hinein und schluckt und schluckt, als tät' ihn 'was würgen im Hals, das herausfallt' und nicht kann. Kurioses, dummes Gebühren das, kann's nicht leiden, das Duckmausen!" So schloß er seine Mitteilung. Dann drehte er sich gegen die Wand und entschlief gar fest und gerecht, das bedeutete das nun erfolgende, geräuschvolle Schnarchen. Fried war weit schlimmer daran; ihn mied der Schlummer ganz und gar . . . Des folgenden Morgens, eh' noch die Sonne aufgestiegen — welch' ein Jubel unter den befiederten Sängern des Zackenwaldes! Lauter aber noch, schöner und inniger sang Lonny, im taufrischen Forst sich ergehend: Wenn er mir nur gut ist, Wenn er mir nur treu — Jodeldi, Jodeldei, Jodelduh! 204 Es war das erste Mal seit Langem, daß sie sich wieder im hellen fröhlichen Sänge erging, die Mutter Grazin verwunderte sich darüber nicht wenig. Auch die Zackenbauerntochter, welche die frühe Morgenstunde, ehe ihre Eltern aus waren, dazu benützen wollte, um ihrer schönen Freundin einen Besuch abzustatten, lauschte andächtig am Waldrand, ging dem Sänge nach, bis sie die Sängerin selbst entdeckt und eingeholt hatte. Die beiden Mädchen setzten sich zusammen auf einen bemoosten Stein. Und die Bauerntochter fing von ihrem Glücke zu erzählen, von ihrem „Schatz", des Torschmieds Sohn; und verriet unter freudigem Erröten, daß die Hochzeit schon den nächsten Herbst stattfinden werde und zwar gleichzeitig mit derjenigen ihres Bruders, mit der jungen, „höllischreichen" Spittelhöferin. So sei es ausgemacht worden unter den Eltern. Sie erwähnte auch der schönen, neuen Linnen, die zu ihrer Aussteuer bereit lägen, der neuen prächtigen Kleider, die sie bekommen werde, des kostbaren Brautschmuckes, sie zählte auch alle leiblichen und geistigen Vorzüge aus, die ihren Liebsten vor allen andern zierten; und wie es ein freiner und spaßhafter sei und ihr zum voraus nur Liebes und Gutes gelobt; und wie er ebenfalls hübsch fingen könne und sich in letzter Zeit einen Zwickelbart habe wachsen lassen, der ihm so gut stehe. Käthe sprach so schnell und war von ihren Gedanken und Aussichten so freudig erregt, daß sie nicht gewahrte, welch' seltsamen, niederschlagenden Eindruck ihre Mitteilungen, zumal ein Teil derselben, auf das Gemüt ihrer Freundin ausgeübt, wie diese den dunkeln Lockenkopf tiefer und tiefer sinken ließ, ihre Wangen sich bleicher und bleicher färbten und sogar große helle Tränen sich unter den langen Wimpern hervorstahlen und auf das Mieder niederrannen. — 205 „Horch!" rief Käthe, von ihrem Sitz auffahrend, „Schellengeläut'! Der Fried treibt schon das Jungvieh auf die Weide — die hohe Zeit, daß ich kochen geh' ' . . . Also nur noch eins, Lonny: heut' Abend kommt mein Kurt, und Du kommst ebenfalls zu mir, gelt? Kannst ihn Dir dann besehen und Dich überzeugen, welch' ein hübscher er ist — ade, Lonny!" Und fort war sie. Während unsere junge Hausierern: noch lange auf dem Stein sitzen blieb, regungslos, ihren Tränen freien Lauf lassend. Als der Zackenbauer und die Bäuerin festtäglich gekleidet und das Gebetbuch in der Hand das Sträßchen herunterge- schritten kamen, frug die Grazin, nachdem sie vorbei waren: „Jst's denn heut' schon wieder stille (Sonntag), Lonny? Ach, unsereiner weiß so wenig von den Zeitläuften! Wie sollt' ich auch? Ist nur doch ein Tag wie der andere, der Sorg' und Müh' gewidmet, damit alle ihr Pikus (Essen) und ihre Schale (Kleidung) bekommen . . . Heute stille — kein Wunder liegt auch der Glinz träge aus dem Ohr, rührt nicht die Weidenrute an. Schau, schau! so stumm und unwissend er sonst auch ist, daß heut' Feiertag, hat er früher weggekriegt, als wir anderen. . . Aber was ist Dir, Lonny? siehst heut' so bleich und übernächtig aus? Und hast doch eben noch mit den Vögeln um die Wett' gesungen — fehlt Dir was, bist krank? Hier ist ganz frischer Schockelmei (Kaffee), wie ihn keine Kasferin fürnehmer bereiten tut, weil es sie eben reuen würd', die Handvoll Bohnen, die süße Niedel (Rahm)." Bald darauf, hinter den Eltern her, kam auch Fried, festlich geputzt, den Kirchweg gegangen. Er nickte und grüßte im Vorbeigehen gar freundlich und schwang den Hut. Die- 206 jenige aber, der es zunächst gelten sollte, hob nicht das Haupt. Darum konnte der Jungknabe auch die Träne nicht sehen, die sich in die Tasse Milchkaffee mischte. Die Frau Grazin sprach, mit dem Kopfe nach dem Zackenhof hinaufdeutend: „Also ist blos noch die Junge zu Haus'? Wenn ich nur wußt', ob sie auch so schuck (freigebig) ist, wie die Alte. Nun, Du, Lonny, scheinst auf gutem Fuß mit ihr zu stehen, geh' Du diesmal hin, 's wird nützlicher sein! Und daß es nicht vergissest: Speck und Sauerkraut mußt Dir bekommen, das ißt sich so herrlich, und heut' spür' ich ein solch' absonderlich Gelüsten!" Auf dem Zackenhofe angekommen, brauchte Lonny nicht erst lange zu bitten oder zu fordern, die Bauerntochter öffnete ihr gleich Küche und Schrank und Keller und wunderte sich sehr und schalt ganz ernsthaft, daß ihre Freundin nicht kecker zugreifen wollte. Dann sagte Lonny: „Ich hab' noch eine freundliche Bitt': Du solltest mir einen Kassiber schreiben." „Einen Kassiber? Versteh' Dich nicht!" „Einen Brief, wollt' ich sagen." „Wie? Du, das große gescheite Mädchen, solltest nicht selbst schreiben können? Du spaßest wohl!" „Wo sollt' ich solches gelernt haben?" erwiderte die Hau- fiererin verschämt. „Ich, das Straßenkind!" „Also ein Liebesbrief soll's sein?" rief Käthe fröhlich lachend. „O ja, ich hab's erraten, gelt? Du wirst ja ganz rot — na, Mädchen, da brauchst Dich keineswegs zu schämen; Schand' und Schad' wär's, wenn keinen Liebsten hättest, Du, so groß, so wunderhübsch und sein! . . . Ich will nur erst das Feuer schüren und die Kartoffeln salzen gehen. . . So, 207 jetzt wollen wir uns ans Schreiben machen — hier dem Fried sein Papier und Schreibzeug." Sie faßte mit ihren ziemlich knolligen Fingern die Feder, tauchte sie ins Tintenfaß und sagte: „Nun gib's hübsch an, Lonny! Herzlichster Schatz — gelt, so soll die Anred' heißen? Nicht? Wie denn? Aber Du machst ja ein solch' ernsthaft traurig Gesicht, Lonny, durchaus kein verliebtes — wie soll ich's reimen? Also die Anred —" „Die lass' nur bleiben," klang es kleinlaut, „das braucht sich hier schon gar nicht. Schreibe blos: Weil's doch nicht sein kann und nichts draus werden kann aus unserer Lieb' und was mir gelobt und versprochen — und daß nichts draus werden kann, weiß ich nun nur allzugut —" „Allzugut — weiter!" „So — — Nun, ich wollte ihm blos sagen in dem Schreiben, daß ich ihm Wort und Gelöbnis zurückgeb' aus freien Stücken, und daß ich ihm verzeih', wenn er etwa nur sein Spiel mit mir hat treiben wollen; und daß ich ihm Glück wünsch' und Lieb und Treu von und zu derjenigen, die er nun einmal bekommen müsse und werde; und daß ich ihn bitt', daß er mich ganz und gar vergessen tu'." Hier rief die Käthe: „Bist auch noch gescheit, Lonny? Also ein Absagebrief? Nun merk' ich's erst! Und meinst Du denn wirklich, Mädchen, Dein Liebster zieh' Dir eine andere vor, 's könnt' möglich sein? Dann bist närrisch, Kind! Denn wär' ich ein Bub' und selbst einem König seiner, ich möcht' Dich fressen vor Lieb' . . . Und er soll Dich vergessen ganz und gar? Daß er ein Narr wär'! Auch schreib' ich's gar nicht. Lieber setz' ich's auf mit zierlichen Buchstaben, nämlich so gut ich's kann, er soll sich heranmachen, der her- 208 zige Bub', Du vermöchtest's kaum länger auszuhalten vor Lieb' — hihihi!" Allein Lonny bat und beschwor, in die „Schrift" nicht mehr zu setzen und nicht weniger, als was sie eben gesagt, nebst einem freundlichen Lebewohl und was sonst noch gebräuchlich sei, den Schlußgruß, so daß Käthe nicht umhin konnte, dem Befehle zu willfahren. Als sie aber nach der Adresse frug, dem Briefe zu verleihen — ja, daran, daß fo etwas vonnöten, hatte die Bestellerin gar nicht gedacht. Sie räusperte sich und tat sehr verlegen. Schließlich lautete der Bescheid: „Des Dinges da, das Du Adresse nennst, braucht es in diesem Fall' eigentlich nicht. Ich — ich find' wohl schon Gelegenheit, den Brief auf andere Art zu bestellen... Ich dank' Dir sehr, liebste, beste Käthe!" Als sie fort war, kam es der Bauerntochter auf einmal in den Sinn: „Sie kann nicht schreiben, weil sie's nicht gelernt hat. Ei, wie kann aber der, für welchen der Brief bestimmt ist und jedenfalls auch ein Haudererjung' ist, ihn lesen können? Wo sollt er's gelernt haben? Kurios, das!" Zwölftes Kapitel. Am südlichen Fuße des Rigiberges, in einer kleinen Bucht des Vierwaldstättersee's liegt der niedliche Flecken Gersau. Zu beiden Seiten, den felsigen Fuß in die Tiefe des See's gestemmt, erheben sich, riesigen Pyramiden gleich, zwei mächtige Gebirgsstöcke, dazwischen, wie in Rahmen gefaßt, dehnt sich eine steil ansteigende, idyllische Landschaft aus mit dem bunten Wechsel von Wiesen und Weiden, Schluchten und Wal- 209 dern, mit Villen, Häusern und Hütten dicht besäet. Hoch über derselben, in vornehmem Hintergrund, tront in ruhiger Majestät die Hochebene Rigi-Scheideck, deren bläuliche Umrisse sich vorn weißen Äther sanft abheben. Allein die ganze lange Maiwoche über, von welcher wir hier erzählen, war von der Scheideck nichts zu sehen; die „Königin der Berge" hatte ihr Haupt mit einem grauen Nebelschleier dicht verhüllt, graue zottige Nebel zogen träge an den jähen Felswänden des „Vitznauerstocks" und der „Hochsluh" herum, am Himmel hing, dem Sonnenstrahl wehrend, wüstes, finsteres Gewölk, aus welchem ein frostiger Regen heruntertrof, Tag für Tag. „Das Auffahrtsfest verregnet, nun soll auch noch die Kilbe (Kirchweihe) verdorben werden!" so klagten die ehrbaren Bewohner Gersau's. „Die Kilbe, unsere Kilbe in Gefahr verregnet zu werden!" so jammerten die Haudererleute, die zu Schaaren aus allen Gauen der deutschen Schweiz und des benachbarten Schwabenlandes dahergezogen kamen, eigens der Feckerkilbe H wegen. Es war dies ein Privilegium, das Gersau diesen Leuten von Alters her gewährt hatte und eine der vielen Seltsamkeiten bildete, deren sich die alte, souveräne Republik, die kleinste und zugleich glücklichste des Erdenrundes, zu erfreuen gehabt hatte. Seit Tagen kamen sie dahergezogen, die Wanderbettel- leute mit Kind und Kegel, zu Land über das Gebirge, zur See auf schwankendem Boote, um das Gastrecht, das ihnen der Ort entbot, sich zu Nutze zu machen und wenigstens ein- 0 Fecker, nach einigen von Fechten (Betteln), nach M. Styger vom Rotwelschen Fikari — Figgen — herumstreichen. l4 210 mal im Jahr ungehemmt und in Gesellschaft der „Säßhaften" sich der Festtügssreude hinzugeben. Viele lagerten in dem in den See Hinausbuchtenden „Jnseliwald", an der Grenzscheide Gersau-Schwyz, daselbst ihre Festvorbereitungen treffend. Auch des „Holländers" waren gekommen und hatten, wie gewohnt, im „Rotacker", einem oberhalb des Fleckens gelegenen Bauerngut, nämlich im Speichergebäude desselben, ihr Quartier bezogen und zwar in Gesellschaft des ebenfalls im Hause gut befreundeten Schluckhannes, zubenannt der Pful- linger, ausgezeichnet durch seine seltene, natürliche Intelligenz, sein riesiges Gedächtnis und seine bemerkenswerte Rednergabe, welche Eigenschaften ihm bei seinen Standesgenossen den fernern Beinamen „der Züngler" (Advokat) eingetragen. Nun aber, bei dem sehr vorgerückten Alter, drohten auch ihm Gedächtnis und Witz auszugehen. Das war des Freitags. Die Grazin hatte gleich den übrigen im Flecken liegenden Feckerweibern am „äußern" Dorfbach Familienwäsche gehalten. „Gewaschen wären die Linnen nun wohl; wie aber sie trocknen bei dieser trüben, regnerischen Witterung?" klagte sie. „Im Schatten aufgehängt, werden mir die Hemden ganz unscheinbar graulächtig!" „Gut genug, Grazin!" knurrte der Pfullinger, „gut genug für diese Kilbe! Grau die Hemden, grau und grämlich die Witterung, das paßt! Zu meiner Zeit — Deine Mutter, Graz, könnt' es bezeugen, wenn sie noch lebte — zu meiner Zeit, da mochte der Himmel wochenlang noch so dämlich dreinschauen, nahte die Feckerkilbe, ließ er seine schönste, güldenste Frühlingssonne Hervorscheinen und See und Gestade, Berg und Trift in herrlichstem Schimmer erglänzen, uns zu lieb, uns zu Ehren, glaubt mir's nur, Ihr Jungens! Damals war es 211 aber auch aus alle Weis' noch anders. Guckt Euch nur die Häuflein Hauderer an, die winzigen, in demütiger Haltung anherschleichend, nach rechts und links schielend, ob etwa ein Putzlein (Polizist) umher ist, der sie nach dem Papierwisch' frägt. Zu meiner Zeit, da kamen wir in großen Haufen her- gewandert, einige in starken Eilmärschen, alle aber stolz erhobenen Kopfes und lachenden Ponums (Gesichtes), unter Jubel und Schalmei. Denn dieses Gersau war damals noch ein selbstherrlicher Staat und ließ uns gewähren und der Lustbarkeit hingeben, wie es geschehen seit Jahrhunderten, vorausgesetzt, daß man alles hübsch liegen ließ. Und wer wäre so undankbar gewesen, sich links (falsch, schlecht) zu benehmen und lange Finger zu zeigen? Und an der Kilbe selbst — der See hielt mit seinem Rauschen ein, um unsern Jubel besser vernehmen zu können, es winkten grüßend die Berge, es nickten stummfreudig die Nuß- und Kastanienbäume mit ihren riesigen Kronen bei unserm Ringeltanze, der Sonnenstrahl tanzte selbst lustig mit, es tanzten die Mücken, es sangen und zwischerten die Vogel im Gezweig' bei all' der ausgelassenen Freud'! Ja, wenn Deine Mutter noch lebte, Graz, die „Holländerliesel", die als die flinkste und schönste auf dem Plan sogar ich, als junger Bube schon bewunderte — wenn auch blos aus der Ferne, denn sie zählte zehn Jahre mehr denn ich .. . Graz, reich' mir doch Deine Pulle, gewiß hast Du noch ein Schlückchen drinn' — gelt?" Als ob der Graz so 'was, wie ein Schlückchen Branntwein, in seiner Flasche hätte dulden können! „Oder doch wenigstens einen Schick (Kautabak) !" bat der Alte. Und nachdem er die Dosis in den weißbärtigen Mund geschoben, begann er von neuem: „Ja, die guten alten 212 Zeiten sind vorbei, vorbei die alte Feckerherrlichkeit. Wie überhaupt uns're Leute sich mindern von Jahr zu Jahr, weil sie eben unter die Hocker gehen und es als weiß Gott was für ein Glück ansehen, wenn sie einem dummstolzen Kaffer den Acker reuten, einem Flammer (Grobschmied) den Ambos dreschen oder einer Dreckschwalbe (Maurer) den Mörtel bereiten dürfen, um magere Kost und lumpige paar Kreuzer, die sie sich mit weit weniger Müh' erfechten könnten, die doppelte Zahl. Und, was das schlimmste, lugen unsereiner fremd und stolz an, meinen sich groß mit ihren schwieligen, kotigen Händen; und kriegen wir anderen von hochmütigen, filzigen Bauern schnöden Bescheid oder von einem elenden Schucker (Polizist) den Laufpaß diktiert — wer lacht da am lautesten und höhnischsten, als just sie, die eben noch die erbärmlichsten von uns allen gewesen und froh waren, unsere weggeworfenen Stücke Hanf (Brot) aufzulesen. Diese Leemanns z. B. — wir nannten sie nur die Froschler, weil jedes von ihnen mit einer Rübe (Kröpf) am Hals auf die Welt zu kommen pflegte — diese Leemanns wohnen da am Etzel herum in einem elenden Hüttchen, das ich in meinen jungen starken Jahren auf den Buckel genommen und davongetragen hätt', und mühen sich ab mit Besenbinden und Lumpensammeln und nähren sich von magerm Kraut, das sie ungeschmälzt hinunterwürgen. Und als ich letzthin von einem schäbigen Grünröckchen angehalten wurde auf der Straß', wo ich und mein Enkelkind uns von den Wallfahrern den Wegezoll geben ließen, da hättet Ihr diese Froschler sehen sollen, wie sie ihre weiten Mäuler aussperrten zu schadenfrohem Lachen — wäre ich noch der starke Schluckhannes von ehedem gewesen, ich hätt' sie mitsamt dem Grünen vor Zorn in den Erdboden 'nein geschlagen!" 213 „Allein, ich bin alt, sehr alt und hinfällig geworden. Und daß dem so ist, bin ich eigentlich froh. Denn was ich ersetz', die Gegenwart und Zukunft unserer Leut', 's ist wenig Freudhaftes mehr dabei. Die Zuversichtlichkeit ist geschwunden, desgleichen die Kraft und Beherztheit. Das ist nicht mehr die Zeit, da man uns fürchtete und den Tribut entrichtete, allenthalben und schier ungeheißen, ohne lange Widerred'. Das, was sie staatliche Ordnung nennen — der Teufel hol' diese Ordnung! Sie ist uns über geworden, man legt uns Fesseln an, eine um die andere. Aus den eigentlichen Herren des Landes sind wir Geduldete, aus Geduldeten Verfolgte geworden. Man hetzt uns von Ort zu Ort, schiebt uns ab, und der Jäger, die aus uns pirschen, sind so viele geworden, wie rothe Hünd' — ist's nicht so, Grazin? Und die Zeit ist nicht mehr fern, da man von den Feckern oder Hauderern sagen wird: ,Sie sind gewesen^! und von ihnen erzählen wird, wie man etwa von Heidenschaaren erzählt, wilde, wundersam schaurige Märchen und Geschichten. „Zwar unsere Väter haben auch arge Verfolgungen auszustehen gehabt, zu verschiedenen Zeiten, vor allen Jahrhunderten. Daran waren die Zigeuner und Juden schuld, die massenhaft in unser Land kamen und dem Volke allerhand Nötigungen antaten und Mord und Brand verübten. So namentlich in den Schwaben- und Burgunderkriegen, da fremdes Gesindel die Spuren des Kriegsvolkes breit trat und noch ärger hausete als jenes selbst, die Bienen mitsamt dem Honig ausschüttete; bis die Bauern wild wurden und die Regierungen sich gröblich erbosten und alles in ein Band nahmen, was unstät hin- und herwanderte. Auch wir mußten mit herhalten mit Leib und Leben; viele wurden ins Feuer 214 geworfen oder auf andere grausame Weife weggeräumt. Ich hörte alte Männer erzählen, die es ebenfalls von alten Männern vernommen, wie einzig im Jahr 1480 innert drei Monaten in löblicher Eidgenossenschaft mehr denn fünfzehnhundert aufgegriffene wandernde Leute aufgeknüpft worden. Das nämliche wiederholte sich ein Jahrhundert später, zumal im Lande Schwyz, wo, beim Kloster Einsiedeln, der daselbst stattgefun- denen großen Brandstiftung und Raubtat wegen, ein Dutzend unserer Leute den Galgen zieren mußten, darunter auch einer meiner Vorfahren, ebenfalls Hans Schluck genannt, nebst seiner Schickse (Gefährtin, Zuhälterin), Eva Krämer aus Tutt- lingen, er als Mordbrenner, sie als Hexe — beide, wie wohl anzunehmen ist, auf unschuldige Weis' ... Hörst, Graz, wie draußen der Regen pletfcht? Und nun gar noch Donner und Blitz — das wird mir eine hübsche Kilbe abgeben! „Aus jenen bösen Tagen," fuhr der Alte in seiner Erzählung fort, „soll auch das oberhalb des Dorfes Steinen gelegene „Mörderwäldchen" seinen Namen herhaben, indem es längere Zeit den also blutig Verfolgten zum verzweifelten Schlupfwinkel gedient hat. „Auch die Gersauer besaßen ihren Galgen, wie jetzt noch die Gerüstpfähle und Grundmauern zu ersehen sind, drunten am See. Uns jedoch ließen sie so ziemlich ungeschoren aus alter Freundschaft; lieber hingen sie die Schwpzer und Luzer- ner Schelmen auf, sofern sie nämlich ihrer habhaft werden konnten. „Nachher, nach den rauhen Kriegsjahren, gab es für unsere Leute wieder ruhigere und bessere Zeiten. Die bösen und gewalttätigen Sitten wurden abgelegt und dafür feinere und nicht weniger abträgliche angezogen. Die Welt war 215 fromm, sehr fromm geworden, und unsrerseits wurde nichts versäumt, um diese Frömmigkeit nach Kräften zu fördern und dabei ebenfalls einigen Segen einzuheimsen. Es begann die Amuletkrämerei, der Handel mit allerhand merkwürdiger Himmelsware (Reliquien): Heu aus der Krippe des bethlehemi- tischen Stalles; Härchen aus dem Schwanzbüschel des Esels, der die heilige Jungfrau nach Egypten getragen; Splitter vorn Kreuzesholz; Fäden aus dem heiligen Rock zu Trier; getrocknete Blümlein vom Golgathahügel; Federn aus den Flügeln des Erzengels Gabriel u. s. w. — lauter Dinge, die auf so höchst einfache und billige Weise bezogen werden konnten und dennoch mit schweren Silber- und Goldstücken bezahlt wurden! Schade nur, daß der fromme Glaube beim Volke so sehr abgenommen; aus die Leute von heutzutage kann man kaum mehr mit etwas Heiligem, sondern blos noch mit Teufelszeug Eindruck machen — ist's nicht so, Grazin? „Auch in allen übrigen Dingen war's für unserereiner besser eingerichtet zu frühern Zeiten. Hatte zum Beispiel einer 'was gefressen (verbrochen), das nicht leicht zu verdauen war, er brauchte sich nur in einen „Freigang", deren in jeder größern Ortschaft einer vorhanden war, zu flüchten oder sich im Wirtshaus an den „Freitisch" zu setzen, und er war gefeit gegen alle Greifer, niemand durfte Hand an ihn legen. Auf den: Kohliberg zu Basel in der Stadt besaßen wir ein mächtig großes Asyl, in welches die Polizei nur aus besondere Ratsbewilligung die Nase stecken durfte; wir hatten daselbst auch unser eigen Gericht — — ah, die Gygerlizze bringt mir Most — Dank Dir, Lizze, für die Labung, es soll diese Freundlichkeit Dir Glück bringen, einen hübschen, sreinen Scheecks (Mann)! Auf Dein Wohl!.. . Apfelmost, Kuchen 216 und ein müßiges Gelieger, das rvird wohl ungefähr alles sein, was diese Kilbe uns beschert. Denn hört Jhr's, wie's draußen windet, wie's herabgießt, als wollt' uns die Königin Rigi fortspülen lassen in den See! Selbst der Himmel scheint uns gram geworden zu sein — stirb, alter Mann, stirb!" Der Greis hatte zu schwarz gesehen. Wohl ergoß sich der Regen in Strömen, die ganze Freitagsnacht über. Als aber der Samstagmorgen anbrach, da hörte das Triefen all- mälig auf; die Wolken konnten nicht mehr, zogen verschämt von dannen, in die Urner Berge hinein. Auch die Nebel rollten sich aus, stiegen wirbelnd höher und höher, zu den Bergspitzen empor, über dieselben hinaus; die „Staffel" wurde sichtbar, der Scheitel der „Hochfluh", die „Triestel"; ja an den reingewaschenen Felswänden des jähen „Vihnauerstockes" begann sich sogar der keusche, rosige Abglanz eines jungen Morgenrotes zu spiegeln. Dann stieg sie selbst auf, die Allmutter Sonne, weitbauschigen Wolkenkissen sich entwindend, irrendes Gewölk durchbrechend und ihren Strahlengruß sendend, den frohen sympathischen Kirchweihgruß über den leise erschauernden See, um sich hierauf, für ein kurzes Weilchen, wieder hinter den Wolkenvorhang zurückzuziehen, wohl um ihre Morgentoilette zu vollenden. Und nun, welch' ein Summen und Regen in und um den Flecken Gersau! Den beiden Dorfbächen entlang, an den Grünhecken und Lattenzäunen wurden ausgerungene Linnenstücke aller Art und sonder Zahl zum Trocknen ausgehängt; auch das Plätteisen wurde, freilich nur seitens der „vorneh- mern" der Feckersfrauen, zu Hilfe gezogen, zur Notdurft tat 217 es auch die glatte Kiesel, um Hemdbusen und Kragen etwelche Steifheit zu verleihen. Kleidungsstücke wurden ausgebessert, aufgefärbt und gesonnt, mit großem Fleiße, in aller Eile. Während drei Stunden des Kirchweihvorabeuds, so lautete von Alters her die amtliche Erlaubnis, war es den Feckern gestattet, die Ortschaft „abzufechten". Die Frist wurde auch diesmal bestens ausgenützt, auch fand man überall offene Türen und offene Hand. Und um etwelche Ordnung in das Geschäft zu bringen und allfälligen Mißbräuchen vorzubeugen, dafür war der Bettelvogt da, assistirt von dem, von den Feckern selbst erkürten Altmeister. Seit langen Jahren war diese Würde vom Schluckhannes, auch Psullinger oder Züngler genannt, bekleidet worden. Diesmal aber, vom Alter stark niedergebeugt, hatte er sich eine Wiederwahl ernsthaft verbeten und dafür den Holländer-Graz vorgeschlagen. Wie freute sich Graz der Wahl, der Ehre! „Die Pulle füllen, Lene!" befahl er, sich in die Brust werfeud. Und — ob sie sich mitfreute? — diesmal ließ sie keinen Einwand laut werden. Der Haupttag brach an. Kilbe in Gersau, Feckerkilbe — welch ein Jubel schon des frühen Morgens bei Jung und Alt, bei Einwohnern und Gästen, den zugewanderten, immer noch zuwandernden! Einzig die Frau Grazin empfand einen großen Ärger. Die Sonne war schon seit Stunden aufgegangen und sie selbst hatte sich in Bereitschaft gesetzt, um den einsamen Speicher zu verlassen und sich an den Ort der allgemeinen Belustigung zu verfügen, wohin alles Volk schon gezogen. Und da lag ihr Mann-Altmeister immer noch träge und laut schnarchend in der Streue und konnte trotz allen Rufens und Kneipens nicht aufgeweckt werden; und als dies endlich gelungen und er schlaftrunkenen Auges dastand in seiner ganzen 218 gewaltigen, plumpen Größe, da schlug die Grazin vor Entsetzen die Hände über dem Kopfe zusammen und rief: „Mann, Mann, bist denn des Deibels? Wenn Du Dich gestern spätabends schon mit allen Gassenbuben und Dornhecken des Dorfes gerauft und hernach in den Gossen 'rumgewälzt hättest, Du könntest kaum rotzer (zerrissener, beschmutzter) aussehen, als Du aussiehst. Guck' Dir 'mal diese Deine Hosen an, die Knie' über und über voll Schmiere, voll Schmiere der Kittel, arg zerrissen... Und erst Dein Wollhut —- ach, der erst noch so saubere, steife Deckel erbärmlich zerknüllt und verkotet! O, ich hätt' mir das wohl denken können, als Du so sack- betrunken hereingetakelt kamst zu später Nachtzeit und ins Nest umfielst, daß es laut plumpste, und mir dabei schier den Fuß brachst!" „Hm, hm!" brummte Vater Graz, die Kinnlade zu einem fürchterlichen Gähnen aufreißend. „Laß' mich lieber noch ein Weilchen schlafen, Lene!" Diese aber wehrte: „Nichts da, schlafen! Alle Welt ist auf den Beinen, alle Welt aus den „Platz" 'runter gegangen, selbst der alte Pfullinger — sollen wir denn die allerletzten sein? O ich armes, geplagtes Weib!" „Erst frühstücken, Lene!" „Gut, hier der Pfannkuchen in der Wärmpsanne, die Hafersuppe..." „Und der Saft, Lene?" „Ach, Du riechst ja noch alleweil nach Branntwein, dem übernächtigen, übermäßig genossenen, kaum zum Aushalten! Und was sag' ich nur vorn Ausgehen? In dem Anzug, dem erbärmlichen, darf ich Dich ja gar nicht sehen lassen. Ein hübscher Altmeister das, pfui! Hurtig leg' Dich nieder, auf 219 den Bauch, Graz, damit ich Dir die Rückennaht, die gesprungene, an den Hosen notdürftig zunähen kann!" „Erst ein Schlückchen, Lene, eh' ich's tu'! Die Zunge glüht mir vor Durst, kann's nicht länger mehr aushalten." Was konnte sie anders tun, als ihm willfahren? — Kilbe in Gersau! Welch' ein Jubel unter der Ortsjugend, in den jungen sonnigen Tag hinein, als die Fecker sich herbeimachten aus den Hütten und Stadeln, als sie hergezogen kamen von den Bergen herunter, vom Jnseliwald her: mächtige, bärtige Männergestalten, trotzige Frauen, nach Kräften aufgeputzt und ihre Habe nachschleppend, die Kinder barfuß, tief gebräunt und wild lärmend. An den baumbeschatteten Ufern des Dorfbaches wurden die mitgebrachten gabelförmigen Holzpflöcke in den Boden gerammt, mit Querstangen belegt, an welche nun die Kochkessel und Töpfe gehängt wurden. Und was man an Butter und Schmalz sich die Wochen über erspart hatte, was man an Fleisch, Speck, Mehl, Milch und Gemüse des Tages zuvor gesammelt hatte von Tür' zu Türe, dies alles wurde nun daran gesetzt, um einen möglichst leckern und ausgiebigen Kirchweihschmaus zu bereiten. Das Sieden und Braten und Backen an allen Ecken und Enden, das geschäftige Treiben dieser zusammengewürfelten und in seltsamen Idiomen sich ausdrückenden Kinder der Straße, das Scherzen und Tändeln, das Spielen, Schelten und Streiten — als das laute harmonische Glockengeläute die frommen Bewohner Gersau's zur Kirche rief, konnten sie sich von dem ihnen gebotenen seltsamen Schauspiel fast nicht trennen und manch' einer der festlich geputzten Jungknaben, Bauern- und Sennenbuben, die, um dem Scheine zu genügen, den Kirchweg hinunter gegangen, kamen auf Umwegen wieder dahergeschlichen zu den Feckern 220 zurück, um sich das Walten derselben nochmals anzusehen, um einen freundlichen schalkhaften Blick aus dem blitzenden Dunkelauge dieser oder jener stattlichen jungen Feckerin zu erhäschen. Frau Grazin schalt — das Schelten war ihr so sehr zur Gewohnheit geworden — : „Die Lonny, sie macht mir ordentlich Verdruß, tut heute wunderlicher denn je; hockt, statt mir beim Kochen Aushülse zu leisten oder auch sich unter die Dicken zu mischen, einsam in der Rothauslaube über dem Bilderbuch, das ihr die junge Kasserin geschenkt; sie gebärdet sich immer mehr wie ein Klosterfräulein und als ginge sie alles, sogar unsere Kilbefreuden, durchaus nichts an. Ich kann aus dem Mädchen gar nicht klug werden; am End' wird es mir noch ganz muckerisch oder gar närrisch, weiß Gott!... Hänel, reich' Du mir das Teigbecken und bedeut' dem Glinz, daß er Scheitholz anleg' unter den Schmalztopf — so! . .. Auch er — damit meinte sie offenbar ihren Eheherrn — auch er wackelt voller Altmeisterstolz nur so groß und protzig einher, gleich dem Sultan, die Reihen auf und ab, bleibt bei diesem oder jenem stehen, gießt sich ein's hinter die Binde und hat nicht den Verstand, mir ein Glas Most herzubringen, obwohl ich schier zergeh' in dem Qualm, bei der Hitz' am Feuer . . . Hänel, guck' doch 'mal in den Kochkessel 'nein, das Ziegenfleisch muß wohl längst gar sein — heb' ihn ab, den Kessel, Hänel!.. . Ach, der Dieter! Hier feiern wir leckere, lustige Kilbe und er, aus der Tut (Zuchthaus) entlassen, hat es nicht 'mal der Müh' wert gefunden, Vater und Mutter und Geschwister aufzusuchen, walzt in Gesellschaft des „Zinklöffels", des schlechten Gesellen, der schuld ist an seinem Pech, Gott weiß wo in der Welt 'rum, auf krummer Fahrt, bis er nochmals hängen bleibt, ärger denn zuvor! Und ich hätt' ihm ja 221 so gern' alles verziehen, wenn er nur wieder brav geworden wär' und zu uns gehalten hätt'. Ach, ich ärmste der Mütter, was ich alles ausstehen muß an Kummer und Herzeleid!" — Sie wischte sich mit dem Schürzenzipfel eine dicke Träne aus den Augen. Kilbe in Gersau! Nun, da der vormittägige Gottesdienst vorüber, welch' ein Schmausen in den Herren- und Bauernhäusern, in den Hütten überall, bis hoch auf die Alm! Denn kein Mütterlein war so arm, das die Wochen über sich nicht einige Pfund Gaißanken (Ziegenbutter) erspart gehabt oder ein Zicklein gemästet hätte auf den frühesten der Festtage hin. Welch' ein Schmausen aber auch im Freien, den blühenden Grünhecken entlang, im Schatten der frischbelaubten Frucht- und Zierbäume, seitens der Feckerfamilien. Welch' ein behagliches Kosten und Kauen und Schmatzen, welch' ein fröhliches Zurufen und Winken und Scherzen von hüben und drüben, derb und fein. Der Himmel hatte sich vollends festlich gebläut, der Nebel sich höflich beiseite gemacht; von der Rigi hernieder grüßten die nun im hellen Mitlagssonnenschein flimmernden, weißen Kurgebäude der Scheideck, es grüßten die Berge, die grünen Gestade ringsum, es grüßten die bewimpelten, aus dem Seespiegel sich wiegenden Schiffe groß und klein. Kilbe in Gersau! Nun, des maisonnigen Nachmittags, begannen die eigentlichen Kilbefreuden sich erst recht zu entfalten. War es doch der Tag, der einzige des Jahres, an welchem ein richtiger ehrsamer Gersauer Bürger es sich an nichts fehlen zu lassen gewohnt war und bei Wein und Tanz und Kegelspiel und andern Vergnügen die Silberstücke nur so springen ließ, hätten sie auch zuvor noch so sauer verdient werden müssen. Die Gasthäuser zu „den drei Kronen", zur „Jlge" 223 „Wie schön, wie ausnehmend schön sie heut' ist!" murmelten die Feckerburschen. Es dachten's sich aber auch hundert andere junge Männer, sogar vornehme Herren von Schwpz und Luzern, die eigens hergekommen waren, um sich an der Feckerkilbe und ihren Sehenswürdigkeiten und originellen Lustbarkeiten zu ergötzen: „Welch' ein prächtig jung Weibsbild, schau, schau!" „Wie schön, wie bezaubernd und herzberückend schön sie aussieht!" — einer vor allen andern, ebenfalls ein Fremder, war es, der, mitten im dichten Zuschauerkreise stehend, solches sich sagte und sich auf die Fußspitzen erhob und sich die Augen schier auslugte und den Mund zu schließen vergaß vor lauter Verwunderung, vor lauter Bewunderung ... Am Stamme des mitten im Rathaushofe stehenden, mächtigen Kastanienbaumes hatten die Feckergeiger sich niedergelassen und begannen nun ihre seltsamen wilden und ächt künstlerischen Tanzweisen erklingen zu lassen, denn diese hier, die braunen zerlumpten Geiger, das waren wirkliche Zigeuner, die sich alljährlich, des Gewinnes und auch des Genusses wegen, hier einzustellen pflegten. Die Geige jubelte, die Paare formirten sich, und wild und ungestüm wie die Weise, gestaltete sich auch der Tanz im Freien, rings um den Kastanienbaum herum. Darunter auch die junge „Holländerin", nach welcher zwanzig Hände auf einmal verlangend sich ausgestreckt hatten; und sie konnte doch nur einer willfahren, der kühnsten und kräftigsten, des Zinggelers Ede angehörend. Die Augen der Tänzer und Tänzerinnen glühten vor Lust, die Füße stampften den Rasen, die Kehlen jauchzten. Die tolle Lust teilte sich auch dem zuschauenden Feckervolke mit; selbst alte Männer schnalzten mit der Zunge, bestandene Frauen hoben und senkten die Füße im 222 (Lilie) und „zum Schäfte" H füllten sich im Nu mit Gästen alt und jung, reich und gering — nein, gering war heute niemand, dieselbe Lustfreude beseelte alle, Männlein und Weiblein, Herr, Bauer und Taglöhner, ohne Unterschied, dieselbe Kilbevergnügensseligkeit. Das nämliche war in nicht minder hohem Grade auch bei den Feckern der Fall. Schon bei Zeiten, vom Mittags- schmause hinweg, hatte sich die Haudererjugend, Buben und Mädchen, auf dem Hintern Rathausplatz, dem kastanienbaum- beschatteten, zusammengefunden zu fröhlichem Kreisel-, Ball- und Fangspiel. Bald jedoch fanden sich auch die Erwachsenen ein, hochstämmige Burschen und schlanke Dirnen, kühn unternehmenden Blickes; gesetzte Männer und Frauen in geselligtraulichem Verkehr. Den Kindern wurde bedeutet, den Platz zu räumen und sich aus die abgeätzte Schulwiese hinauszu- trollen. Und ein Flüstern ließ sich vernehmen: „Ah, da läßt sie sich doch noch herbei, die Prinzeß!" Es war wirklich die Lonny, die groß und schlank, eine weiße Dornrose im üppigen, rabenschwarz glänzenden Lockenhaar, in Begleit ihrer Mutter das Schulgäßlein herunter geschritten kam. „Wie sürnehm und stolz sie sich trägt! Und wie sie sich Zieren tut beizutreten, als wäre sie 'was anderes denn wir, oder als hätten wir Geziefer am Leib'. Die Alte muß sie ja förmlich herbeinötigen, ei, ei!" zischelten sich die „Tüllen" zu. *) Damals, vor bald fünfzig Jahren, war von den prächtigen HStels und Fremdenpensionen, die heute den Flecken Gersau am Vier- waldstättersee zieren und denselben zu einem der besuchtesten klimatischen Kurorte erhoben, noch nichts zu sehen. 224 Takte, wiegten sich in den Hüften und waren jeden passenden Augenblick bereit, sich ebenfalls in den Reigen zu stürzen. Most, kräftiger Birnen- und Äpfelmost, wurde in mächtigen Gebinden herbeigeschafft, und es war ergötzlich zu sehen, wie schnell und 'gewandt die Männer sich des Anzapfens beflissen, wie schnell sie ihre Krüge leerten. Walzer, Hopser, Ländler, Karimbsch (eine Art Oarma-Anols) und Kehraus wechselten in rascher Folge, man tanzte mit zunehmendem Ungestüm, unter den mannigfaltigsten Gebärden und wildfröhlichsten Jauchzern. Die Wangen glühten, die Pulse jagten, heißer und heißer wallte das Blut zu Kopf und Herzen — Lonny allein schien kühles Blut zu bewahren und weder Anstrengung zu üben, noch solche zu empfinden. Und als der Mostbecher ihr abermals geboten wurde, da begehrte sie einen Trunk Wasser, machte sich eiligst von ihrem Tänzer los, um solches sich selbst vom nahen Rathausbrunnen zu holen. Kaum jedoch, daß sie den dichten Zuschauerkreis mühsam durchdrungen, als — siehe da, wer stand vor ihr, wie aus dem Boden herausgedrungen, ihr den Weg vertretend? Fried, der junge Zackenhöfer, groß und stattlich, im Sonntagsgewand, die Reisetasche umgehängt, den Reisestock in der Hand ... Sie blieb vor ihm stehen, erstaunt, festgebannt, keines Lautes mächtig, zitternd wie ein angsthaft Kind, zitternd vor Aufregung vor des Jungknaben Blick, der forschend und lieberfüllt ihr ins Herze drang, ins Tiefinnerste hinein. „Lonny, mein Schatz — Lonny, willst mir folgen, nur ein klein Weilchen?" Und sie folgte ihm, zitternd und willenlos, wohin er sie führte, durch die Menge der gaffenden Leute, durch den Kreis 225 der spielenden, lärmenden Kinder, an den Kuchen- und Bilderbuden vorbei, nach dem Gasthaus zur „Jlge". Sie wagte weder vor- noch rückwärts zu blicken. Die gastlichen Räume zur „Jlge"- waren mit zechenden, fröhlichen Kilbegästen, Herren- wie Bauernvolk, bis auf das letzte Plätzchen angefüllt. Ein einzig Zimmerchen nur, eine Art Küchenkämmerchen, konnte zur Notdurft noch verfügbar gemacht werden — unserm Fried war's schon recht. Er bestellte Wein, Pastete, süßen Thee. Lonny jedoch schien erst hier, außer Bereich der gaffenden Menge, wieder einigermaßen zur Besinnung gelangt zu sein. Erst wollte sie der Bewirtung wehren, geriet in eine auffallende, ängstliche Gemütsbewegung, weigerte sich Platz zu nehmen, bat Fried feuchten Blickes, er möge sie ziehen lassen, denn sie gehöre nicht hieher, unter solche Gäste. Fried aber gewährte ihren Wunsch keineswegs, sondern verfügte: „Ja doch, Lonny, hieher gehörst Du, an meine Seite!" Das sprach er mit einer solchen Festigkeit und zugleich mit einer solchen Innigkeit in Ton, Blick und Gebärde — Lonny mußte ihn groß anlügen, ob es wirklich derselbe Bauernknabe, ihr Fried sei, der sich ehedem so zaghaft und unselbständig erzeigt, namentlich den Seinigen gegenüber. „Ja, zu mir gehörst Du!" wiederholte er erregt und trotzigen Blickes, „mir gehörst, mir allein! Oder meinst etwa, Lonny, ich sollte mich seit Wochen, seit erstaunlich langen Monaten umsonst nach Dir gesehnt haben und mich gehärmt Tag und Nacht und'alle möglichen Nachforschungen angestellt, um Dich ausfindig zu machen, und nun, da ich Dich endlich, endlich gefunden, werd' ich Dich so hurtig wieder fahren lassen, mich mit einem flüchtigen Wiedersehen begnügen? Ach, Mäd- 1ö 226 chen, wenn Du wüßtest," sprach er weich, „wie ich die Zeit über mich gequält, was ich gelitten, in Sehnsucht nach Dir!" Und nun gewahrte sie erst, wie wirklich seine Züge schmaler und magerer geworden, wie sie sich aber auch ernster und männlicher gestaltet hatten. „Wie konntest Du mich nur so beharrlich und grausam meiden?" fuhr er fort. „Denn ich ahnte es wohl, daß Du es warst, der ihn stets hintertrieb, den Besuch, die Einkehr der Deinen auf dem Zackenhof." Das Mädchen, ohne hierauf zu antworten, schaute verlegen zu Boden. Plötzlich aber brach es in heftiges Schluchzen aus. „Ach," meinte sie, „es wär' wohl besser, wir hätten uns auch heute nicht getroffen, wir träfen uns nimmer mehr, besser für uns beide! Denn was soll draus werden, Fried, aus unserer vermessenen, sinnlosen Lieb'?" „Was draus werden soll und was draus werden wird? Das will ich Dir sagen, Lonny!" rief er; „werd' es Dir sagen, heut' noch, eh' wir uns wieder trennen: Mein bist Du, Mädchen, ergib' Dich nur drein! Mein, wie heut', so für immer, unzertrennlich und ewig!.. . Drum setz' Dich nur her und laß das Zieren. Bin just kein Bub' mehr, Lonny, sondern ich weiß, was ich sag'. Und Du brauchst Dich vor mir nicht zu fürchten — fast glaub' ich, Du tust's, Lonny? Oder nicht? Nun, so stoß an — Dein und unser Wohl!" Hierauf erzählte er ihr die Verheiratung seiner Schwester, die glanzvolle Hochzeit. Einzig sein Vater sei nicht bester Laune gewesen, feinet-, des Fried wegen, weil er keine Lust gezeigt, aus der einen eine Doppelhochzeit werden zu lassen. Er erzählte, wie sehr -seines Vaters Gliedschmerzen und damit auch seine üble Laune zugenommen, wie hinfällig er 227 überhaupt geworden, der arme Mann; so daß seine Mutter 'eine fromme Wallfahrt nach dem Gnadenort Maria Einsiedeln gelobt und ihn, den Sohn Fried, mit der Ausführung derselben betraut habe; und wie er dieselbe um eine Woche hinausgeschoben, angeblich der zu vollendenden Frühjahrsarbeiten wegen, in der Tat aber, um seine Liebste aufzusuchen an der Feckerkilbe... Just komme er von Sankt Medardus' Grab. Und einen Tag mehr oder weniger auf die Reise verwendet, das lasse sich leicht verantworten, zumal er beauftragt sei, die fromme Fahrt auch nach dem Rigi-Klösterli, zu „Maria zum Schnee" auszudehnen. Er erzählte, wie er mit der jungen Spittelhöferin gebrochen, nämlich durch fortgesetztes unaufmerksames und schließlich geradezu unhöfliches Benehmen der Erbin Veranlassung geboten, ihn aufzugeben. Bis er sie dazu gebracht, das habe ihn ordentlich Mühe gekostet. Seine Mutter habe sich in den Umstand sehr leicht, sein Vater jedoch sehr unwillig ergeben, und ihm, dem Fried, sei es eigentlich ordentlich leid gewesen, daß er dem ohnehin schwer Geplagten und Bemitleidenswürdigen diesen Verdruß habe bereiten müssen; doch habe er um alle Welt nicht anders gekonnt. Hierauf machte er das Mädchen mit seinem Entschlüsse und seinen Zukunftsplänen bekannt. „Ich will Dich nicht täuschen, Lonny!" bedeutete er mit großem Ernst, „ich acht' Dich viel zu sehr, als daß ich's Dir verhehlen sollt', auch würd' solches gegen mein eigen ehrlich Gewissen sein. Also höre: So lange mein Vater am Leben und ich gönn' ihm die Jahre noch wohl, kann aus unsrer Eh' nichts werden. Meiner Mutter wegen ist mir nicht bange, sie wird uns keine Hindernisse bereiten, dafür ist sie viel zu gutmütig und nach- 228 giebig und liebt mich viel zu sehr. Also abwarten! so heißt die Losung. Ich selbst kann und will gerne abwarten, bis die Zeit kommt, wenn ich nur Deiner Lieb' sicher bin, ohne die ich halt nimmer leben kann, Deiner Lieb' und Treu'! . . . Nun, so sprich denn, Lonny!" Also eine Vertröstung, vielleicht aus lange Jahre hinaus, auf eine ungewisse Zukunft hin. Das leuchtete dem Mädchen vollkommen ein. Und doch, was lag daran? Hatte er ihr nicht schon längst das Herz geraubt und bestrickt, daß es völlig unempfindlich geworden gegen die Aufmerksamkeiten und Liebesanträge anderer, der schmucksten Gesellen ihres Standes? Was konnte ihr mehr daran liegen, ob sich das auch verwirklichen werde, was er ihr soeben herzinnig gelobt, da sie nie und nimmer mit einem andern sich zu verbinden im Stande sein würde, als gerade mit ihm, nicht etwa seiner Vermögensverhältnisse willen — solcher spekulativen Gedanken wäre sie in ihrer Herzensreinheit und Einfalt schon gar nicht fähig gewesen. Ja, wie sehr und oft hatte sie es schon gewünscht, daß, statt des reichen Zackenhofes, blos die bescheidenste Hütte sein eigen gewesen, nebst einem geringen Auskommen, an welches sie selbst durch ihrer Hände Arbeit gerne hätte beitragen wollen, ach, wie gerne! Und solches wünschte sie sich abermals, in dieser Stunde ... „Nun?" drängte der Jüngling und schaute sie dabei so bange und treuherzig an. „Nun, Lonny, kannst Du Dich entschließen?" Und das schönste, herrlichste und frömmste aller Hauderer- kinder schlang ihre vollen weißen Arme ungestüm um seinen Hals und flüsterte unter Tränen: „Du hast mir's angetan, Fried! Was auch daraus werden mag — ich bin Dein!" 229 Gleich aber, aus seiner zärtlichen Umarmung sich losreißend, schaute sie ihn mit ihren dunklen, flammenden Augen groß und ernst an: „Aber hüte Dich, Fried, daß mich nicht betrügst! 's wär' mein Tod, ich sag'Dir's, mein Tod!..." Von den „Drei Kronen" herauf erklang fröhliche, ländliche Tanzweise. „Komm', Lonny, wir gehen zum Tanz!" „Jetzt? Mitten durch die Straß', durch das viele gaffende Volk?" „Mitten durch Könige und Kaiser, durch Bürgermeister, Vettern und Basen, wenn's sein müßte, wenn's so haben wolltest!" rief er entschlossen und richtete sich dabei hoch und kühn auf. Im Tanzsaale zu den „Drei Kronen" befand sich viel junges Volk, städtisches und bäurisches, in buntem Gemisch, sich einträchtiglich den Kilbefreuden hingebend. Doch kein Tänzer, der stolzer und kecker auftrat, als unser Fried, keine Tänzerin, die an Schönheit und Liebreiz ihr vergleichbar, unsrer Lonny! Ja, sie war wirklich eine Prinzeß, wenn auch in ärmlichen Kattun gehüllt und mit keinem andern Schmuck angetan, als die weiße Dornrose im Rabenhaar. Doch dieses Lockenhaar in seiner glänzenden, erstaunlichen Fülle, war es nicht für sich allein des Schmuckes genug, um den sie Königinnen beneiden durften? Dazu das edelgeformte, feingeschnittene Gesichtchen, das tiefdunkle Augen- paar, der zarte, rosige Teint, der weiße, schlanke und leicht nach vorne gebogene Hals, die ganze hohe und doch so zierlich gebaute Gestalt, die natürliche Anmut ihrer Bewegungen, zugleich aber auch die sittige Vornehmheit,, die ihrem ganzen Wesen und Auftreten aufgedrückt lag — kein Wunder, daß 230 Herren- und Bauernsöhne, im Tanze innehaltend, sich neugierig fragten: „Wer ist sie? Woher kommt sie?" Auch den „Burschen" wollte niemand kennen. Keiner aber der Tänzer und Gaffer, der ihn seines allerseltensten und allerliebsten Mädchens wegen nicht aufrichtig beneidete. Allein die beiden Glücklichen ließen es sich keineswegs anfechten, das Angucken, das Förscheln und Neiden, ebenso wenig das vornehme Naserümpfen gezierter Schönen, die in dem Mädchen doch nur eine „Feckerin" entdeckt haben wollten. „Wenn ich mit Dir nur so sorttanzen könnt', Lonny, bis ans End' der Welt!" rief Fried wonnetrunken und ihre Hand innig pressend. „O ja, bis ans End' der Welt, in den Himmel hinein!" hauchte sie glückselig, traumverloren. Sie beide gewahrten nicht die hohe, breite, bärenhafte Gestalt, die soeben in der Saaltüre erschienen war, dieselbe beinahe gänzlich ausfüllend, die forschend die Reihen der Tanzenden musterte, die in lustigem Walzer dahinschwebenden Paare. Plötzlich aber fühlte Lonny sich an der Schulter ziemlich derb angefaßt und als sie sich verwundert umwandte — „Mein Vater!" flüsterte sie erschrocken. „Ja, ich bin's-, mein Kind! Deine Mutter hat mich ausgeschickt, wußte nicht, wohin Du so unvermutet entflogen. Bin sakrisch froh, daß ich nicht noch auf den Rigiberg hinauf laufen muß, um Dich einzufangen." „Also doch eine Feckerin!" zischelten sich die nächststehenden Frauen und Mädchen eifervoll in die Ohren und das Naserümpfen begann von neuem. Fried erklärte, zu Meister Graz gewendet: „Eurer Tochter wegen dürst Ihr und Mutter unbesorgt sein, die bleibt vor- 231 läufig bei mir und ist gut aufgehoben. Auch Ihr sollt' eine Weil' bei uns bleiben, bei einem Glas Wein. Seid Jhr's zufrieden?" O ja, Papa Graz war es schon zufrieden bei leckerm Schafbraten und süßem Äniskuchen, bei der vollen und stets sich wiederfüllenden Weinflasche, in der hübschen Trinkstube drinnen, obgleich es ihm anfänglich unbequem vorkommen wollte, das am Tische sitzen, der Gebrauch von Teller und Eßgabel, in Gegenwart so vieler unbekannter, so vornehmer Gäste. Doch der Wein war herrlich gut, und er durfte sich davon einschenken, so viel ihm behagte, schienen doch Lonny und ihr Bursche einzig von Tanz und Liebeswort zu leben. Hier, Graz, hast's 'mal gut getroffen! dachte er schmunzelnd; es lebe der junge Kasfer und sein Geldbeutel! ... Er gedieh, hinter Speise und Trank, immer breiter, sein wettergebräuntes Gesicht begann in höherm Glänze, seine Äuglein voll guter Laune und Lebenslust zu leuchten. Beherzter streckte er die gewaltigen Beine, mit denen er anfänglich nichts anzufangen gewußt, unter dem Tisch aus, so daß sie auf der andern Seite desselben ellenlang hervorschauten; beherzt zog er seine gestickte Stummelpfeife aus der Wammstasche, stopfte sie, schlug gemächlich Feuer, blies den Zunder an und begann gar behaglich und in mächtigen Zügen zu schmauchen. Der gute Graz — selbst das plötzliche Erscheinen seiner ebenfalls sehr ansehnlichen und gestrengen Ehehälfte in der Zimmertüre vermochte ihn in seiner Wohligkeit nicht sonderlich zu stören, wiewohl Gruß und Anrede, die er zu hören bekam, nichts weniger denn freundlich klangen. „Ah, was muß ich sehen?" rief nämlich Frau Grazin, die Arme kategorisch in die Seite stemmend, mit scharfer Stimme und strafenden Blickes. 232 O „Was muß ich sehen? Ich hab' Dich nach der Lonny ausgeschickt, und Du sitzest hier breit hinter der Lade, als wär' ganz Gersau Dein eigen, und lässest Dir auftragen, als hättest, statt etwa der paar Beinknöpfe, die Handvoll eitel Gold in der Tasche — Mensch, wo nimmst Du den Draht her, um solches zu berappen? Bist Du toll geworden, Mann, oder willst hinter den Riegel, ganz mit Teufelsgewalt? Denn daß Du's nur weißt, ich zahl' nicht den Kreuzer!" Meister Graz blies nur immer größere und behaglichere Rauchwolken von sich, streckte seiner Gattin das gefüllte Weinglas dar und sagte launig: „Da, Lene, trink' Bescheid! Ich sag' Dir, 's ist vom Guten. Ächter Rebensaft, sag' ich Dir, nicht blos faden Bäumigen (Obstmost)!" „Ich aber frag' Dich," rief seine Gattin, nun ernstlich böse, „auf welche Weis' Du die Zech' bezahlen willst?" „Die Zech' ?" Er blinzelte so schlau .und lachte so drollig. „Die Zech'," wiederholte er, „um die tu' ich mich halt nicht die Fliege bekümmern, das ist dem jungen Kaffer sein' Sach'." „Welcher Kaffer? Mann, bist auch noch bei Sinn, wer wird Dich Angeleckten Bären freihalten wollen!" „O ja, freilich, mich und das Mädchen! Der Zacken- höfer, nämlich der jung'." „Der hier?" rief sie gedehnt, mit erstaunter, ungläubiger Miene. „Ja, ja, Schatz! Guck, da kommen sie just vom Drehey (Tanze)!" Sie kamen vom Tanze, strahlend von Lieb' und Freud'. Und brachte ihnen die Mutter Grazin auch ein befremdend, unfreundlich Gesicht entgegen und stand im Begriffe, ihre 233 Tochter ernsthaft darüber zur Rede zu stellen, daß sie sich so unangezeigt von den allgemeinen Feckerbelustignngen weggemacht. Lonny ließ sie schon gar nicht recht zu Worte kommen, schlang ihre schneeigen Arme um der Mutter umfangreichen, braunen Nacken, herzte und küßte sie, verschloß ihr mit ihrem weichen Händchen den Mund und schmeichelte: „Ach, sei mir nicht böse, Mamchen! Es war nicht meine Absicht, wegzubleiben. Und daß es dennoch so geschah, daran ist dieser hier schuld, den Du wohl kennen wirst, der mich unversehens traf und nimmer losließ — gelt, Fried, so ist's gegangen? Und Du darfst auch ihm nicht bös' sein, Mutter, er meint's so gut und rechtschaffen treu — reich' ihm die Hand, Mutter, meinem Fried, ich bitt' Dich!" „Dei — nem Fried?" „Ja, Mütterchen, der meinige!" antwortete die Schöne mit glücklichem Lächeln. Er ist eigens hergekommen ab der Bittwalze (Wallfahrt), um mich aufzusuchen, mich hier zu treffen. Und er hat mir Lieb' und Treu' zugesagt, den Ring (Ehe), Mutter!" Die Mutter Grazin vergaß förmlich den Mund zu schließen. Sie war in der Absicht hergekommen, ihre Tochter aufzusuchen und ihr zu sagen, wie sehr man sie vermisse auf dem Rathausplatze, bei Sang und Spiel, Ringel- und Schaukeltanz; wie die Feckerburschen, zumal des Zinggelers Ede und des Waldmayers Gust sich die Augen ausspähten nach allen Seiten und sie, die Mutter, mit Fragen bestürmten nach ihrer Tochter Verweilen. Sie war gekommen, ihr die gerechtesten Vorwürfe über das absonderliche, unschickliche Gebahren zu machen. Ob dem aber, das sie soeben vernommen, vergaß sie alles, Mitteilungen und Vorwürfe, ihr ganzes Sinnen ging augenblicklich 234 in dem einen, beinahe unfaßbaren Gedanken auf: „Wäre es möglich, daß er sie ernsthaft freien wollte, der junge, reiche Erbe? O es wird wohl nur auf einen gewissenlosen Scherz abgesehen sein, um das unerfahrene Kind zu betören." Fried, der bislang geschwiegen, jedoch die Zweifel, die in dem Gemüt der Hauderin aufgestiegen, erraten haben mochte, reichte ihr nun ebenfalls seine biedere Rechte und bestätigte festen, gemessenen Tones: „Es ist so, Mutter, wie Euch die Lonny gesagt. Meine Werbung dürft Ihr als ehrlich und ernstgemeint betrachten. Ich lieb' Eure Tochter aus Herzensgrund und sobald es sich schickt, werd' ich sie als mein eh'lich Weib heimführen aus den Zackenhos. Ich schwör's!" Da rief der Graz, hinter ihrem Rücken: „'ne Maß her, vom allerbesten! Prost, Schwiegersohn, hahaha!" „So halt' doch Dein vorlaut' dumm' Maul!" schalt Frau Grazin, sich unwillig umwendend. Sie wollte ihn fortmahnen, sortweisen, doch diesmal versagte er ihr den ehemännlichen Gehorsam. Wie hätte er sich von dem vielen, guten Spendwein auch trennen können? Nein, jetzt gedachte er sich erst recht breit zu machen. Einen reichen Bauernsohn, der alle Taschen voll Geld haben mußte, zum Schwiegersohn zu bekommen — war das nicht die Freude, rein zum Lachen? Er stemmte den breiten Rücken fest an die Wand, daß sie knackte, spreizte die Beine noch dreister aus, stopfte sich die Pfeife von neuem und erklärte nochmals, so recht widersetzlich: „Fortgehen von hier? Nein, Lene, da wird vorderhand nix draus!" Was wollte sie tun? Selbst Fried bat, gutmütig lächelnd: „Laßt ihn doch, Mutter, denn mir ist's schon recht! Und Ihr selbst — auch Ihr sollt Euch zu uns setzen, zu Wein und Kuchen!" 235 Und sie leistete der Einladung Folge; und trank Bescheid, erst zögernd und verlegen, nach und nach mit größerer Beherztheit und Zutraulichkeit; und konnte ihre Freude an dem stattlich geputzten Freier, an den beiden allerhübschesten Liebesleuten, die, wie sie sich selbst gestehen mußte, ganz für einander geschaffen schienen, ebenfalls nicht verbergen. Ja, ihr Herz schwellte, heute zum erstenmale, voller wahlberechtigten Stolzes auf ihre viel- und bestumworbene Tochter . . . Sie genoß auch von den dargereichten Kuchen, fand jedoch gleich heraus, daß dieselben bei weitem nicht an die ihrigen, tags zuvor ge- backenen, hinanreichten; weil sie selbst eben die „Fettigkeit" weit weniger gespart hatte, als die rechnenden Wirtsfrauen es zu tun pflegten. Wer aber fühlte sich glücklicher, als Lonny selbst, an der Seite ihres Geliebten! Und doch fürchtete sie jeden Augenblick, das Glück möchte ihr hinterlistig oder gewalttätig gestört werden. Und als ein Polizeidiener plötzlich in der Zimmertüre erschien, um dienstschuldige Umschau zu halten, da zitterte ihr Herz vor Furcht und Bangigkeit — die Frucht jahrelanger Angewöhnung, gleich derjenigen des gehetzten Rotwildes, das selbst im verborgensten Dickicht des Waldes, an heimlichem Labequell, sich kaum sicher fühlt vor den Späherblicken seiner grausamen Verfolger. Allein diesmal war des Mädchens Bangigkeit eine unbegründete. Der Mann der öffentlichen Ordnung nahm das ihm von der Mutter Grazin dargebotene Glas Wein willig entgegen, leerte es auf einen Zug, wischte sich den Mund und entfernte sich, einen „Guten Abend" wünschend, sehr friedfertig. Denn heute ließ man alle Fröhlichkeit tunlichst gewähren, heute bildete das Städtchen Gersau das Schonrevier, innert dessen 236 Gemarken das „Rotwild" sich nach Lust und Vermögen tummeln konnte, den einen, glücklichen Tag lang. — Abend ward's. Und hatte die gütige, herrliche Maisonne lange gezögert, ehe sie ihren Tageslauf zu Ende führte, aus lauter Wohlwollen für die Feckersleute, aus lauter Vergnügen über die originellen Belustigungen, denen diese Stiefkinder der menschlichen Gesellschaft auf die ungezwungenste Weise und mit langverhaltenem, überströmendem Jubel sich Hingaben — nun, als wäre sie diese Verspätung inne geworden, hatte sie sich eilends über die Berge, den Viznauerstock hin, zur Nachtruhe begeben. Dämmerung senkte sich über den See und die Gestade. Um so Heller jedoch ward es in Gersau's Wirtschaftsräumen, die sich zum zweitenmale mit Gästen füllten bis in den hintersten Winkel; denn nun waren es die Feckersleute, die, das Freie verlassend, nun ebenfalls Dach und Fach aufsuchten. Und Polizei, Wirt und Publikum ließen sie um ihr gut Geld willig gewähren. Ja, manch' ein seines Herrlein fand einen besonderen Reiz und Genuß darin, mit einer schlanken, dunkeläugigen Feckerin sich in den Reigen zu stürzen, während hinwiederum dralle Sennerinnen und Bauerndirnen es gerne geschehen ließen, daß flinke, stattliche Feckerburschen ihnen zum rauschenden, wirbelnden Tanze den gebräunten Arm boten. Heute, zu dieser Stunde, schien die Scheidewand, die das Jahr über zwischen den beiden sich streng absondernden Menschenklassen, den säßhaften und vagabundierenden, aufgerichtet war, völlig verschwunden zu sein. In den Gasthäusern und Schenken Gersau's wurde diesen Abend gezecht, gescherzt, gelacht, gesungen und getanzt, was das Zeug, nämlich der Geldbeutel, hielt. Des Zackenbauern Fried und des Holländers „Prinzeß" befanden sich nicht dabei. 237 Auf dem Seespiegel schwamm ein Kahn. Darin saß ein Liebespaar. Am Himmel, über den Stutzberg, war milden Schimmers der Mond aufgegangen; er machte gar vergnügliche Pausbacken und kniff ein Auge schalkhaft zu, als wollte er sagen: Macht euch, besonders ihr Kilbeleute, nichts aus meinem vorwitzigen Leuchten; ich werde nichts ausschwatzen, drauf könnt ihr euch verlassen ... Sternlein flimmerten und zwinkerten vom Firmamente herab auf die Wachenden und Schlummernden, nur geschah dies auf ungleich frömmere Weise, als es bei ihrem dicken Hüter der Fall war. Wölklein, leichte, lichte, zogen langsam dahin, Mond- und Sternenlicht zeitweise verdunkelnd. Am Seegestade, höher und niedriger, gingen Lichter und Lichtlein auf, Zeugnis gebend von dem Wachen und Treiben der Menschen, bei Freude und bei Leid. Unsere beiden Liebenden aber schienen von all' diesen Vorgängen nichts zu gewahren. Ihre Augen waren Sonne, Mond und Sterne, in die sie, ohne es müde zu werden, unablässig schauten; und was sie gegenseitig darin erblickten, das war ihr Himmelreich; und was sie sich sagten — lose, flüsternde Worte nur — allein kein Buch hätte es zu fassen vermocht, was diese Worte alles zu bedeuten hatten an Liebesglück und Herzensseligkeit. Heute, heute wenigstens gehörten sie sich an. Wer hätte es ihnen wehren mögen und sollen, wer es verraten, das Flüstern und Kosen? Der See und die Fische sind stumm. Im dunkeln niedrigen Speicherraum des Gutes „Rothaus" brannte in rußiger Laterne ein mattes Lichtlein. Daneben, auf weichem trockenem Streulager, schnarchte Meister Graz so tief und geräuschvoll, daß die Mäuse, die neugierig aus ihren Schlupfwinkeln gekrochen, wieder scheu und erschrocken 238 hinwegeilten und die Frau Grazin sich bewogen fühlte, ihrem Gemahl den Ellbogen unsanft in die Rippen zu stoßen; doch leichter wäre wohl ein Höhlenbär aus dem Winterschlafe zu erwecken gewesen, als ihn, den Gewaltigen, Kilbegesättigten, zum Bewußtsein zu bringen. Auch sie, die Grazin, hatte der Schlummer übermannt gehabt. Das taten die Müdigkeit und der genossene Wein. Die Sorge jedoch um ihre Tochter ließ sie nicht zu richtigem Schlafe kommen. Denn noch war jene nicht in den Familien- schoß zurückgekehrt, obwohl es tiefe, späte Nacht und den Fek- kern, wie üblich, abends neun Uhr Feierabend geboten worden war. Wo mochte Lonny zu solch' später Stunde wohl noch weilen? Die Mutter fühlte sich immer beunruhigter, sie dachte sich dies und das, was dem Kinde hätte widerfahren können . . . Freilich befand sich Lonny in privilegierter Gesellschaft eines „Hockers", des jungen Bauers, der sie unter seinen Schutz genommen und überdies gelobt hatte, sie dereinst als sein junges Weib heimzuführen, ein Ereignis, das wohl einzig dastand in den Annalen des Hauderervolkes aller Zeiten. Sollte sie, die Mutter, sich des Umstandes freuen? O ja, gewiß, über die Maßen! Kam es ihr doch fast unglaublich vor, wie dies alles sich hatte zutragen können. Und wie sich damit in ihrem und ihrer Familie Geschick alles wenden würde — sie konnte es nicht freudig genug überdenken. Denn in einem solchen Bauernhause herrschte ja ein Überfluß an Geld und Vorräten, an Genieß- und Kleidbarem, weder zu schätzen, noch zu erschöpfen. Und mit dem einen Tag, dem Hochzeitstag ihrer Tochter, mußte alles, alles dieser zu eigen werden, zu eigen auch ihr, der „Holländerfamilie" — welch' ein Glück stand ihnen bevor! Das große Glück —> die Mutter 239 Grazin erwog es nach allen Seiten und konnte damit doch nicht zu Ende kommen, nämlich mit den verschiedenartigen Vorteilen, die ihrer Tochter, der gesamten Familie und ihr selbst ganz besonders aus der Verbindung mit dem jungen Zackenhöfer erwachsen mußten. Sie wollte auch eine oberflächliche Berechnung anstellen, wie viel an Land und Geld und Gülten, Vieh und Vorräten so ein Bauer wert sein möchte. Doch fehlten ihr zu solchem Beginnen die Schätzungsbegriffe; auch hatte sie, wie sie es sich selbst gestehen mußte, des Tages über so oft und tief ins Most- und Weinglas geschaut, daß ein richtiges Addieren, selbst mit Zuhilfenahme der Finger, nicht recht gelingen wollte. Zudem kehrte immer der Gedanke wieder an Lonny, die zunehmende Sorge über deren ungebührlich langes Ausbleiben. Ja, diese Sorge steigerte sich zur wahren Bangigkeit, es litt die Gute nicht mehr aus dem Lager. Es drängte sie, sich Gewißheit zu verschaffen; sie wollte ihre Tochter aufsuchen gehen. Sie warf das Kopftuch um, ergriff die brennende Laterne — doch, horch, was war das? Nahende Schritte, leise menschliche Stimmen, ein frohmütiges Gekicher, ein vernehmliches Tasten von der dunkeln unbeleuchteten Speicherflur her. „Die Lonny!" rief die Mutter Grazin erleichterten Herzens. Ja, es war Lonny, in Begleitung ihres Geliebten, glückstrahlenden Angesichtes. Und sie schlang ihre Arme um der Mutter Hals und bat in den schmeichelhaftesten Ausdrücken um Entschuldigung für ihr langes Ausbleiben. Fried habe mit ihr nochmals Einkehr genommen beim „Schäfte" . . . Und erst dort seien sie der späten Stunde inne geworden. . . Sie war so auffällig redeselig geworden, unsere Lonny. Sie erzählte dies und das, was die Gäste des „Schäfte", 240 nämlich die Gersau er und andere Bürger, allerhand Belustigendes aufgeführt hätten; und wie niemand Miene gemacht habe, sie selbst wegzuweisen oder auch nur scheel anzulügen, weil sie eben unter dem Geleit und Schutz eines Säßhaften, ihres lieben Fried, sich befunden. Sie berichtete der Mutter auch, wie sie ihn gebeten habe, noch einen, den Nachkilbetag, in Gersau zu verbleiben, da es an demselben noch kurzweiliger zuzugehen pflege, als an der eigentlichen Kilbe selbst... „Bitt' auch Du ihn, Mutter!" Allein Fried schüttelte lächelnd den Kopf und meinte: „Es geht nicht an, mein Schatz! Morgen abends muß ich wieder zu Hause sein, zuvor aber noch, nach Übung und Gelöbnis, das „Rigi-Klösterle" besuchen. Ich werde mich sogleich, bei der ersten Morgenstunde auf den Weg machen, ein Älpler (Alpensenne), der sich ebenfalls verspätet, hat sich mir als Wegweiser angeboten. Die Nacht ist eine so prächtige mondhelle!" Er zog aus seinem Geldbeutel ein goldenes Ringlein, das er sich in Einsiedeln gekauft hatte und reichte es seiner Geliebten — ach, das Reiflein erwies sich für Lonny's schlanken Finger als fast zu groß! Wie es aber funkelte im Lichtschein! Das Mädchen konnte 'sich kaum enthalten, in lauten Jubel auszubrechen. Er zog noch ein Mehreres hervor, der Jungknabe, nämlich drei, vier blanke Goldstücke, der Großteil seines eigenen Spar- pfennigs. Dafür sollte sich seine Geliebte ein Beliebiges, z. B. ein neues Kleid, anschaffen. Lonny jedoch wurde auf einmal ganz ernsthaft und erklärte stolz: „Den Ring —> ja den Ring nehm' ich wohl an, Fried, mit herzinniger Freud', als teuerstes Pfand, wie Du gesagt hast. Und so oft ich ihn mir anschau', 241 werd' ich Dein selbst gedenken in Lieb' und Treu'. Das Geld aber — nein! Bin ich 'mal, wie ich's kaum zu erhoffen vermag, Dein ehelich Weib, ja dann werd' ich mich nimmer wehren, daß Du mich kleiden lassen tust nach Stand und Gebühr. Bis dahin aber lass' mir meine Lumpen . . . Zürne mir's nicht, Fried! Bei ruhigem Überlegen wirst Du selbst mir Recht geben müssen, daß es sich nicht schicken und das Kleid mir nur Neid und Verdruß bereiten würd' ... So! Sollst nun herzliche« Dank haben, Fried, für all' Deine Lieb' und Güte —" Sie konnte vor Aufregung und Schluchzen nicht weiter sprechen. Einen letzten, warmen Händedruck, einen letzten langen Kuß, und fort war er, in den taufrischen Frühmorgeu hinaus. Die Mutter Grazin mochte es kaum erwarten, bis die letzten Tritte des Scheidenden verhallt waren, dann sagte sie, zu ihrer Tochter gewendet: „Wie einfältig und töricht, die Goldlinge zurückzuweisen! Wann endlich wirst Du gescheit werden!" Lonny erwiderte den Vorwurf mit keiner Silbe; schluchzend warf sie sich auf ihr dürftiges Lager hin, barg das Köpfchen schluchzend in das rauhe, weiße Laken. — Kilbe in Gersau, Feckerkilbe! Nun erst, des Montags, wurde dieselbe von solchen, die noch die Mittel dazu besaßen, in Saus und Braus, mit Sang und Klang zu Ende gefeiert. „Hättest Du die Goldlinge behalten, Lonny!" begann die Grazin von neuem. „Ach, wie gütlich wollten wir uns damit tun!" Feckerkilbe! Schlags fünf Uhr abends wurde offiziell, durch Trommelschlag und das Horn des Nachtwächters, der 16 242 Schluß derselben verkündet und zugleich angezeigt, daß die Gäste sich nun trollen und die Ortschaft räumen sollten. Und als sie fortgezogen, das letzte Bein, der letzte Bagagekarren, da sagten sich die ehrsamen und biderben Gersauer Bürger: „Auch diesmal haben sie sich brav und anständig gehalten, die Fecker. Kein einziger Diebstahl ist zur Meldung gekommen, und Geld haben sie vertan, gewiß ein artig Sümmchen!" Dreizehntes Kapitel. Das geschah am Sankt Johannistag, der im Städtchen festlich begangen wurde, daß unsere beiden Liebenden sich wieder zu sehen bekamen, und zwar, auf Verabredung hin, im einsamen Waldwirtshause zu „den drei Tannen". Vom Wirtshause bis vollends in den schattigen lauschigen Tannenforst hinein waren es blos einige Dutzend Schritte. ' Dorthin begaben sie sich zu heißer Nachmittagsstunde. An der Kirchweih zu Gersau hatten sich die beiden die Ehe gelobt mit heiligen Schwüren, hocherregten, lusttrunkenen Herzens. Nun, bei dieser erneuten Zusammenkunft, war die junge Hausiererin wieder so auffallend scheuen und zaghaften Gemütes geworden. „Ich habe mir's," bekannte sie kleinlaut, „seitdem überdacht wohl an die tausendmal und konnte zu keinem andern Schluß kommen, als: Wärest Du, Fried, in ärmlicher Hütte zu Haus' und hättest, gleich mir, an Gottes großer, weiter Erde nicht des Hufes groß anzusprechen — o wie herzhaft 243 wollten wir beide uns verbinden und glücklich beisammen sein mit dem, was unsrer Hände Arbeit uns verschaffte, in Fried' und Genügsamkeit! So aber bist Du leider der reiche Bauernsohn, während ich das geringste Erdenmädchen bin und dazu eines, das von Deinem Gewerbe so blutwenig oder gar nichts versteht. Wie soll ich's wagen dürfen, ins Zackenhaus zu treten, Fried? Was darin anfangen?" „Lernen!" lautete des Jünglings kräftiger Bescheid. „Lernen? Ach ja, wie gerne wollt' ich lernen, alles was mir mangelt, mit Lust und Freudigkeit! Allein wer, außer Dir, würde wohl die Geduld besitzen, mich zu unterweisen, mit den mannigfachen Arbeiten und Obliegenheiten bekannt zu machen? Deine Mutter, meinst Du? O ja, es ist schon wahr, daß sie eine Herzgute Frau, gegen solche, die sie liebt und achtet oder. auch ihr Mitleid einflößen. Mich aber, als Sohnessrau, wird sie weder lieben noch achten, ja unter Umständen nicht einmal für mich Mitleid empfinden, sondern als frechen Eindringling hassen und verachten." „Das wird sie nicht tun, Lonny!" versetzte er lebhaft. „Sie wird sich drein ergeben, mir zu lieb; und Dir gut sein, wenn ich sie recht drum bitten tu'." Lonup schüttelte traurig das Lockenköpfchen. „Wahre Liebe und Zuneigung lassen sich weder erbetteln noch fordern, die müssen aus dem Herzen herauswachsen. Wie aber soll ich die Zuneigung Deiner Mutter erhoffen dürfen, ich, die ihrem stolzen Hause nur Unehr' brächte und ihr den Sohn abwendig gemacht von einer standesgemäßen fürnehmen Eh', ihn mir sozusagen gestohlen? Von Deinem Vater gänzlich zu schweigen — an den wag' ich schon gar nicht zu denken!" Fried zerzauste ein Tannreischen und schwieg. 244 Wer die beiden so stumm und niedergeschlagen auf dem Baumstamme hätte sitzen sehen können, würde in ihnen schwerlich zwei Liebende vermutet haben. Nach einer Weile jedoch fuhr der Jüngling jählings auf, sein Auge flammte vor innerlicher Glut und kühner Entschlossenheit; stürmisch schlang er die Arme um des Mädchens blühenden Nacken und preßte es an sein hochklopfendes Herz. „Und sollt' es auch wahr sein," rief er, „alles wahr, was Du sagst, Deine großen Bedenken — gleichviel, Du bist und bleibst mein, Lonny, ich kann nimmer von Dir lassen, ich lieb' Dich allzusehr!" Die junge Wildtaube zu ihren Häupten hob ihre Schwingen und flog ihren Schwestern nach, über den Tannenforst hinweg auf das nahe Haferfeld hin, und erzählte ihnen geschäftig, was sie alles noch gesehen und.erlauscht; und fügte verschämt hinzu: „Auch sie liebt ihn zu sehr — sie küssen sich, sie küssen sich!" Vierzehntes Hapilel. Das Städtchen, oder wie es sich selbst lieber benannte: die Stadt Krotzingen am See besaß zu der Zeit, von welcher wir hier erzählen, eine Längenausdehnung, zwischen den beiden Toren gerechnet, von wohlgezählten zweihundertzweiundachtzig Schritten (Männerschritte, natürlich!). Das war aber nicht alles. Die Stadt hatte sich bereits über den Torgürtel hinaus gereckt; beinahe ein volles Dutzend Häuser (den Feuerspritzen - schuppen nicht mitgerechnet) war die vier, fünf Dezennien über nur so aus dem Boden herausgewachsen, durch die ihnen 245 beigelegten Benennungen: Seevorstadt und Kuhweidvorstadt, sich örtlich genau von einander unterscheidend. Die Stadt Krotzingen besaß, mit Inbegriff der im Gemeindebanne gelegenen Vorwerke und Außengehöste (so der Zackenhof u. a. m.), an die neunhundertneunzig Einwohner, und hielten wandernde Scherenschleifer-, Schirmflicker- oder Seiltänzertrupps, wie das öfters geschah, nächtliche Einkehr, so mochte die Seelenzahl zeitweise das volle Tausend erreicht oder gar überschritten haben. Die Stadt Krohingen besaß, nebst der Hauptstraße, auch noch zwei Nebenstraßen, eine jede von genau derselben Länge, wie die erstgenannte. Bezüglich der Breite und sonstigen Anlage vermochten sie aber den Vergleich weit weniger auszuhalten, ja, es gab Zeiten, wo der Wanderer oder Spaziergänger sich zwischen den Wasch- und Aborthäuschen, Hühnerhöfen und Düngergruben, welche diese Straßen auf beiden Seiten begrenzten und ihnen ein äußerst malerisches Aussehen nerliehen, kaum mit heilem Schuhwerk durchzuwinden vermochte. Die eine hieß die Nelkenstraße, die andere schlechtweg die Hiutergaß. Als eine natürliche Verlängerung der erstern tonnte die „Kapuzinergasse" angesehen werden, also benamset, weil der Garten der ehrwürdigen Väter — ein Viertelskonvent — alldort anhob. Die Stadt Krotzingen besaß, außer andern Merk- und Sehenswürdigkeiten, eine Haupt- und eine Kapuzinerkirche, eine Sankt Veitskapelle, ein Torgefängnis, ein Schulhaus, eine renommierte Lampendochtsabrik, in welcher in guten Zeiten mit mehrern Stühlen gearbeitet wurde, einen Landjägerposten, eine Abdeckerei, einen doppelröhrigen Drachenbrunnen, eine Droguerie, Apotheke genannt, ein Aquarium vnIZo Fröschen- 246 graben. . . vor allem aber ein ehrwürdig aussehendes, massiv gebautes, stark vergittertes und mit einem schiefstehenden Glocken- türmchen versehenes Rathaus, die Bürgermeisterei genannt. In der Bürgermeisterei war es, eines Angustsonntags, gleich nach dem Morgengottesdienst, daß die wohlweisen Vater der Stadt sich zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenfanden. Es waren ihrer Elfe — der Apotheker lag bekanntlich seit Wochen krank, und Meister Kappenweber hatte sich weitläufig entschuldigen lassen, da seine Ziege gerade dem Zik- keln nahe, seine Hausfrau aber ein geschwollen Aug' und eine Eißen (Eiterbeule) auf der Nase bekommen habe, so daß sie genötigt sei, die Stube zu hüten. Also saßen die Elfe um den langen schweren Ratstisch herum, harrend der Dinge, so da kommen d. h. ihnen seitens des Vorsitzenden eröffnet werden würden. Vorerst wurde dasjenige Traktandum in Beratung gezogen, mit welchem der Rat sich schon mehr denn einmal beschäftigt hatte, nämlich die Frage, ob man dem bereits beim Oberamt anhängig gemachten Klag- begehren eines Anwohners des städtischen Schlachthauses, dahingehend , es sei die aus letzterm in die Straße sich ergießende, übelriechende Jauche zweckmäßig abzuleiten und der quäst. Tümpel trocken zu legen, endlich entsprechen wolle oder nicht. Bislang war die Meinung aller dahin gegangen, es beim status guo ante verbleiben zu lassen. Heute freilich war die Sachlage eine andere und bedeutend ernstere geworden, sintemal das gestrenge Oberamt sich auf die Seite des Rekurrenten geschlagen und mit einer Exekution drohte. Darum denn auch die Schwachmütigen des Rates zum Nachgeben rieten; während andere, der Ölmüller an der Spitze, den Trotz aufrecht halten wollten. „Denn," rief der Öler, „wer ist dieser Kläger? Der Bürsten- 247 binder Stieler, ein Zugewanderter, Fremder. Soll man solchen höchst überflüssigen Zuzug noch mehr ermuntern, indem man den Leuten zu Gefallen steht auf jegliche Weise, solchen Neuerern, wie eben dieser Borstenwickler einer ist? Eigentlich sei es, wie man hört, nicht einmal er selbst, der Lärm geschlagen und das Ansehen einer wohllöblichen Stadt dermaßen korrigiert —" „Mißkreditiert," verbesserte der Stadtschreiber. „Also mißkreditiert," fuhr der Öler in seinem Vortrage fort; „sondern es sei die Frau Bürstenbinderin, deren feine Spitznase die Sach' nicht länger mehr riechen zu können vermeint. Und diese Frau — wißt Ihr, was diese Frau über unsere ehrsamen Bürgersfrauen gesagt hat? Man könne es an ihren schmutzigen Nachthauben absehen, in denen sie den ganzen Vormittag 'rumlaufen, wie es mit den übrigen häuslichen Tugenden bestellt sei." „Hat sie das gesagt?" riefen mehrere Stadtväter zugleich voll großer Entrüstung. „Ja, das soll sie gesagt haben zu ihrer Wäscherin, der Haulegrit, die ihr ebenfalls nichts recht machen gekonnt. Drum mein' ich, was die Klägde betrifft: Nochmals abweisen! Trotz !" „Trotz!" erklang es beistimmend von mehrern Seiten. Andere jedoch krauten sich unschlüssig in den Haaren, gedenkend der bittern, obrigkeitlichen Drohung: Exekution. Da meinte Meister Klügling, der Schneider, welcher schon öfters in besonders subtilen Fällen und wenn allen andern die Grütze ausgegangen, guten Rat gewußt: „Ich hab's! Ja," rief er triumphierenden Blickes, „ich hab's: der obrigkeitliche Bauinspektor, bevor er anlangt, um von dem Aktus Einsicht zu nehmen, wird uns doch hoffentlich zuvor geziemend brevetieren — " 248 „Avertieren," verbesserte der Stadtschreiber. „Gut also, arretieren . . . Dann, des Vorabends, oder besser noch des Frühmorgens, lassen mir über die grüne Oberfläche des Metzgtümpels Erdstaub oder Asche streuen, so daß man vermeint, es sei alles trocken und nach Befehl geschehen ..." Das war wirklich eine geniale Idee zu nennen, und die Herren Stadtväter begannen denn auch, als wäre ihnen ein Zentnerstein vom Herzen gefallen, erleichtert aufzuatmen. Der Stadtschreiber jedoch konnte nicht umhin, sein Bedenken zu äußern: „Wenn es aber dem Herrn Inspektor einfallen sollte, über diese, von dem Schneider vorgeschlagene „Auffüllung" hinwegzuschreiten — was dann?" Ja, was dann! Die Sache konnte wirklich so zugehen und ziemlich mißlich ausfallen, das begann auch dem Ratskollegium einzuleuchten und dieses fiel allsogleich wieder in dieselbe große Ratlosigkeit zurück, aus welcher es sich durch des Schneiders Einfall soeben erst glücklich gerettet wähnte. Und alldieweil der Kollege Apotheker sich aus dem Wege der Besserung befand und die begründete Hoffnung vorlag, daß er einer dem- nächstigen Ratssitzung wieder beiwohnen konnte, wurde beschlossen, von einer definitiven — „effektiven", meinte der „Leuenwirt" — Beschlußfassung bezüglich der Schalpfütze für heute abzusehen; doch sollte, nach des Herrn Bürgermeisters Ermahnung, ein jeglicher in der Zwischenzeit fleißig, über den Kasus nachdenken. Er selbst, der Stadtälteste, befand sich heute offenbar in sehr unschlüssiger Aufgelegtheit. Das kam daher: bei seinen scharfsinnigen politischen Meditationen pflegte er stets sich mit den Fingerspitzen das lange spitzige Kinn zu kratzen; heute aber hatte es das Mißgeschick gewollt, daß er sich beim Bartscheeren 249 mehrere einschneidende Schrammen zugefügt, welche hinwiederum mit blutstillenden Feuerschwammläppchen beklebt werden mußten. Weit schneller und leichter wurde man mit dem zweiten Tagestraktandum fertig: die Bewohner der Seevorstadt verlangten nämlich, daß auch sie der Vorteile der Torturmuhr teilhaftig gemacht werden sollten, was sich durch Anbringung eines zweiten Zifferblattes und bezüglicher Änderung des Uhrmechanismus leicht bewerkstelligen lasse. Wurde einstimmig beschlossen, es sei des hohen Kostenaufwandes wegen auf das Gesuch derzeit nicht einzutreten; dagegen solle auf der Vorstadtseite des Torturmes eine Sonnenuhr gemalt werden — „Schattenhalb?" frug der Stadtschreiber auflachend. „Schattenhalb oder nicht schattenhalb, die Sonnenuhr taugt gut genug für die Vorstädter, wir aber ersparen dem Stadtsäckel ein ordentlich Sümmchen!" Als nun der Herr Bürgermeister sich anschicken wollte, die anstrengende Ratssitzung feierlich zu schließen, da erhob sich der Meister Torschmied, räusperte sich und sprach: „Wegen dem Schlachthaustümpel war ich's schon zufrieden, daß man erst noch darüber schlafen tu', ja ich ließe ihn, wie gesagt, am liebsten gänzlich ruhen. Ein anderer Fall aber, den ich kurz erwähnen will, kann unmöglich weiter a,ä a,otum gelegt werden, dagegen müßt' ich ernsthaft protegieren. Ich meine nämlich die Geschichte wegen meines Sohnes Schwager, des Zacken- höfer Jung', die Geschicht' wegen dem Vagantenmensch, das er sich anheiraten will. Das Geschlepp' hat scheint's schon längere Zeit gedauert, doch so lang' der Zackenbauer, mein Gegen- schwäher, am Leben war, hat er tückisch geschwiegen, der Bub'. Wie aber der Hans tot war, da rückte der Friedel alsobald 250 damit heraus, sagte es seiner Mutter, erst nur zimperlich, was er mit dem Bettelkind' vorhab'. Und alles Entsetzen der Alten half nichts, es halfen nichts alle Vernunftsvorstellungen und freundlichen Ausreden, er wollte sich von dem unsinnigen und unchristlichen Gedanken schon gar nicht mehr abbringen lassen. Und als sie, die Zackenbäuerin, ihre nahen Verwandten zusammen berief, mich, den Apotheker und den Eckhans und den Haldensenn, und wir alle uns an den Jungen hermachten und auch der Herr Kaplan, erst mit guten Worten und dann mit andern, — was war's, das wir ausrichteten? Daß er uns schließlich davonlief in den nahen Zackenwald hinüber, wo ihn die Käthe antraf, erst wütend wie ein Löwe, dann greinend wie ein Kind. Unsere Weibsleute vermuteten, er sei wohl nicht mehr recht bei Sinnen, die Dirne habe ihn behext mit Spuk und schwarzer Kunst. Und der Kaplan versprach, geweihtes Sankt Xaveriuswasser anherzusenden, damit man ihm davon in das Getränke meng', sowie ein Fetzen Stola, um ihn heimlich unter des Jungknaben Kopfkissen zu legen. Sie selbst, die Zackenbäuerin, gelobte Wallfahrt und heilige Messen, opferte Wachskerzen, papierne Herzchen und baares Geld. Was half's? Daß der Jung' nur noch unwilliger wurde und immer wie hartnäckiger auf seinem entsetzlichen Vorhaben bestand, vorgebend, er könne von dem Mädchen ganz und gar nicht mehr lassen und zudem habe er Wort und Schwur verpfändet, sein heilig Gewissen. Als ob so 'was verpflichten täte, einem Bettler- und Vagantenkind gegenüber!" Und die frommen Stadtväter nickten Beifall und bestätigten: „Nein, in diesem Fall kann so'was kaum verpflichten." Und der Schmiedemeister fuhr in seinem Vortrage fort: „Einige vermuten zwar, darunter auch meine Frau, es werd' 251 wohl auch noch 'was anders dabei sein, das den Fried, seinen einfältigen Begriffen nach, zu der Heirat zwing', vielleicht gewisse andere Unständ', in denen sich die Dirne befind' . . . Als ob der Zustand von Leuten solchen Schlages, heiß' er wie er wolle, für uns andere Betreffende ein weiteres zu bedeuten hätt', als bloßer leichtsinniger Spaß." Und die ehrbaren Stadtväter nickten abermals und sprachen es schmunzelnd nach: „Nein, solches hat weiters nicht viel zu bedeuten." „Aber," vollendete der Torschmied seinen Bericht, „das Dümmste kommt eben nach: der Junge, der Zackensried, droht, sofern man ihn verhindere, die Dirne zu heiraten, er gleich zum ersten besten Werber laufen und unter die Soldaten gehen werde; und die Alte hängt an dem Burschen wie närrisch, will lieber zu allem Ja und Amen sagen, als ihn fortziehen lassen; so auch seine Gotte (Patin), die Apothekerin. Und niemand auf dem Zackenhof denkt mehr an's Gewerb', an's Schaffen, ist Euch alles außer Rand und Band, alles des verfluchten Dings wegen, dem lausigen Straßenmensch. Und gestern abends haben ich und der Haldensenn und der Eckbauer Rat gepflogen und es ausgemacht: der Zackenhof gehört leider dem Fried zu eigen, nebst allem Liegenden und Fahrenden; der Alte hat's ihm in Kauf gegeben, wie ein echter dummer Hans und nicht eben zum Vorteil der Käthe, meiner Sohnesfrau. Allein, wie der Notari sagt, läßt sich hintendrein nichts mehr gegen die Sache tun, und das ist wiederum dumm genug und dumm vom Notari selbst, daß er den Kaufsaktus damals so fest, so verteufelt fest gemacht! . . . Aber eines können wir tun, meine Kollegen! Und stelle ich daher den wohlmundivierten —" 252 „Motivierten!" „Meinetwegen setz' Du den Antrag auf, wie Du willst, Stadtschreiber, wenn damit nur dem Burschen der Zaum angelegt, nämlich gegen ihn die Bevogtung (Kuratel) verhängt wird, was ich hier ausdrücklich verlang'! Damit das Vermögen, der Zackenhof, den rechtmäßigen Erben aufgespart bleibe und dem Burschen, dem Friedel, die Händ' gebunden werden. Dann soll er meinetwegen laufen, nach Neapel oder Afrika, und sich totschießen lassen, der Dummkopf. Oder in Henkers Namen heiraten. Aber ich bin überzeugt, völlig überzeugt und der Eckbauer auch: wenn das Menschlein, das Bettelkind, sieht, daß es nicht frei schalten und walten kann mit dem Gut, und die hungrige Familie sich nicht einfressen kann auf dem Zackenhof — was gilt's, sie läßt ihn fahren, denkt nicht mehr daran, den einfältigen, bevogteten Friedel zu heiraten . .. Oder sprecht, Ihr Kollegen, wird das, das Zaumanlegen, nicht das richtigste und beste sein?" Und sie nickten: „Ja wohl, das allerbest'!" Und sie wollten den Beschluß gleich fassen, der über den ehr- und pflichtvergessenen Jüngling, namens Friedrich Söller, zubenannt Zackenfried, die Vormundschaft verhängen sollte, andern jungen Stadtbürgern zum abschreckenden Beispiel; und den Meister Torschmied zum Kurator ernennen. Der Herr Stadtschreiber jedoch, der während dieser Beratung in einem kleinen Büchlein geblättert und nun den Beschluß zu Protokoll bringen sollte, schien damit durchaus keine Eile zu haben, vielmehr erhob er die Einwendung: „Wie soll ich ihn begründen, den Beschluß? Hier im Gesetze steht's, daß die Kuratel über majorenne Bürger nur dann verhängt werden kann, erstens, wenn der Beklagte blödsinnig, zweitens, wenn 253 er verschwenderisch, drittens, wenn er kriminell bestraft worden, viertens, wenn er sich dauernd außer Landes begeben, ohne von sich aus eine allenfalls benötigte Vermögensverwaltung bestellt zu haben. Ich erlaube mir nun anzufragen: Welchen von diesen gesetzlich vorgesehenen Fällen haltet Ihr in dem vorliegenden Kasus für zutreffend und anwendbar? Ihr werdet mir bestätigen müssen: Keinen von allen! Der Jüngling, von dem der ehrsame Stadtrat Torschmied soeben gesprochen, erfreut sich des gesunden Verstandes und des besten Leumundes, war bis dato bekannt als ein ganz vortrefflicher junger Mann. Fatal ist's freilich für seine Mutter und Anverwandten, punkto Familienreputation, daß der junge Mann eine solche, wirklich sehr auffallende Mesalliance einzugehen sich in den Kops gesetzt hat. Allein," fuhr er mit schalkhaftem Augenzwinkern fort, „das Hausierermädchen soll, wie man es mir beschrieben, ein wirklicher, wahrer Ausbund von Schönheit sein, eine Blume, um deretwillen ein junges Männerherz —" Hier fiel ihm Meister Torschmied unwillig ins Wort: „Schön oder nicht schön, ein Bettelmensch ist's, das nicht so viel eigen hat, um sich daraus den Pfannenstiel zu kaufen, eins aus erbärmlicher Landstreicherfamilie, eins, das nichts kann und versteht, als betteln und genießen, was man ihm zur Tür' 'rausspendet oder was es gar sich gemaust hat — man kennt es ja, das lausige, mausige Vagantenpack! Eine Schand', so 'was erleben zu müssen, eine Schand' für uns Verwandten, eine Schand' für die ganze Stadt! Drum fag' ich nochmals: dem Bürschchen den Zaum antun, ihm das Vermögen entziehen oder die Heirat verbieten, rundweg, gleich, gleich!" Der Stadtschreiber zuckte die Achseln und meinte wiederum: „Das Gesetz!... Übrigens, ich schreib's schon nieder, wenn's 254 der Rat so haben will und der Herr Bürgermeister seinen Namen drunter setzen und es vertreten will vor den Behörden bei allfälligem Rekurs." Der Herr Bürgermeister, dergestalt und direkt um Meinung und Willen angegangen, rutschte verlegen auf seinem Sesselpolster hin und her und schaute dabei gar unschlüssig, verzweifelt drein. „Das Gesetz —" stotterte er, „'s ist wirklich fatal um das Gesetz . . . Der Herr Stadtschreiber muß es übrigens am besten kennen . . . Tut mir wirklich recht leid, Schmied, gern' wollten wir Dir zu Gefallen sein, wir alle, — nicht wahr? Wenn's aber durchaus nicht möglich ist? Der Schmied weiß es ja selbst, wie oft in jüngster Zeit wir von dieser Regierung gerüffelt und gemaßregelt worden wegen der Differenzen, wegen angeblicher Mißachtung von Gesetzen, die eigens zu dem Zwecke gemacht zu sein scheinen, um uns, gerade uns ehrsamen Krotzinger Magistrat und die Bürgerschaft recht gründlich zu ärgern, bei jeder unserer noch so wohlerwogenen Maßnahmen. Und just dieser vorliegende Fall -— und das fatale Gesetz ..." Länger vermochte der Torschmied nicht mehr an sich zu halten. „Das Gesetz!" schrie er aufspringend, wütend, „das Gesetz und der witzige Herr Stadtschreiber, der's einem wohl gönnen mag, den Tort, den Schaden. Hol' der Teufel Euch alle beide!" Damit schleuderte er den ehrwürdigen, schuldlosen Ratssessel weit fort, in die Saalecke, daß ihm krachend ein Bein brach, und verließ zornigen, dröhnenden Schrittes das Gemach. Und die Wendeltreppe hinabsteigend, polterte er, die Faust grimmig ballend: „Und er soll mir's gleichwohl nicht erzwingen, der Friedel, trotz Stadtschreiberlein und Gesetz! Ich werd' 255 mich an die Obrigkeit wenden, an den Bischof, ja, wenn's sein muß, an den Papst selbst!" Allein er erzwäng es doch, der Zackenfried' Ihm kam — wer hätte das gedacht? — seine eigene Schwester Käthe zu Hilfe, obgleich auch sie, gleich ihrem Gatten und ihren sämtlichen nahen Anverwandten, großen Ärger gefaßt hatte über ihres Bruders angestrebte Mißheirat und kein Wort gespart hatte, weder Vorstellung noch Abmahnung, um ihn von dem in ihren Augen tollen Vorhaben abzubringen, dabei bauend auf die große geschwisterliche Liebe, die sie beide seit ihrer frühesten Jugend mit einander verbunden hatte. Doch als sie zum Bewußtsein gekommen, daß alles nichts fruchten wollte, daß ihr Bruder sie zu meiden begann und, von allen Seiten gehetzt, sich mehr und mehr einer Schwermut hingab, deutlich erfichtbar an dem gedankenlosen Hinstarren, dem unausgesetzten Brüten, dem verstörten Wesen und den sich abmagernden Zügen, da empfand sie auf einmal großes Mitleid mit dem armen Gesellen. Ihr Mann, zumal aber ihr Schwiegervater dachten nur an den Makel, der über die Familie zu kommen drohte, an das Erbe . . . Sie aber gedachte mehr und mehr des Bruders, des unglücklichen, in Liebes- und Gewissensharm sich verzehrenden; sie gedachte des Umstandes, daß sie selbst es gewesen, die durch ihre Freundschaft zu der schönen Haufiererin dem Liebesverhältnis oder der Entwickelung desselben, wenn auch absichts- und ahnungslos, ganz bedeutenden Vorschub geleistet. Darum entschloß sie sich — freilich durfte ihr Gatte nichts davon erfahren — dem leidigen Zustand, der über dem Zackenhofe und dem Frieden ihrer Lieben waltete, durch ihre Ver- 256 Mittelung ein möglichst rasches Ende zu machen. „Mutter," bat sie, „laßt doch den Fried gewähren! Das Mädchen, so arm und gering es auch sein mag, schlecht ist es nicht; vielmehr, so wie ich diese Lonny kenne, erhebt sie sich vermöge ihrer großen Verstandesgaben und herrlichen Gemütseigenschaften weit über die Frau Basen und Stadtfräulein, die sich nicht genug über sie und den Geschmack unseres Fried hermachen können und denen es am End' doch nur ein gefundenes Fressen ist, über das sie sich heimlich groß freuen, der Skandal, der Unfriede in unserm Haus'. Ja, ich will's Euch nur gestehen, Mutter, es gab Augenblicke in unserm Beisammensein, da ich das arme, verachtete Bettelkind aufrichtig beneidete und zwar nicht nur seiner großen Schönheit, sondern auch anderer köstlicher Dinge wegen, die mir groblächtigem Bauernmädchen just mangelten: ihr feines, gewissenhaftes, fast möcht' ich sagen für- nehmes Wesen, das nie ein derbes Wort spricht, ja nicht einmal eines unzarten Gedankens fähig zu sein scheint, ihr aufrichtig, ehrlich, herrlich Auge und das gewisse etwas, das daraus hervorblickt — ich weiß kaum, wie ich's benennen soll: Demut und Tugend und Bettelstolz zugleich . . . Nein, Mutter, ein solch' gut geartetes Mädchen kann nie übel oder schlecht ausfallen und muß gegenteils ein rechtschaffen brav Weible abgeben ..." „Ja, das brav' Eheweib könnt' ich Dir noch gelten lassen, Käthe!" seufzte die Bäuerin, „allein die Hausfrau, die Höserin — daß Gott erbarm'! Ach, ich wag' nicht dran zu denken, was die anfangen sollt' in einem Bauernhaus'!" „Was man nicht kann, da steht einem das Lernen wohl an, so stand's in meiner Schulfibel zu lesen," erwiederte die junge Torschmiedin. „Die Lonny ist noch jung und gelehrig, 257 Ihr aber, Mutter, seid die tüchtigste Lehrmeistern:, die's nur geben kann. Und sie wird es an Aufmerken und Gehorsamen nicht fehlen lassen, dess' dürft Ihr gewiß sein. Wie aber, wenn Ihr eine Reiche und Geschickte, dafür aber eine Eingebildete, Hochmütig-Grobe ins Haus bekämet, die Euch nur über die Achsel anlügen würd' und der Ihr im Weg ständet auf Schritt und Tritt?" „Ach, ach!" stöhnte die Mutter, „daß ich doch zugleich mit meinem Hans hätte sterben können! Dann wär' mir all' dieser Kummer und Verdruß erspart geblieben ... Ein solches Bettelkind, so recht eigentlich ab der Straß', ins Haus nehmen zu müssen — das wird mein vorzeitiger Tod sein, Käthe, zähl' drauf!" Da meinte Käthe: „Wie Ihr nur so einfältig schwatzen könnt, Mutter! Denn ist das Mädchen auch blutarm — ist der Fried nicht reich und der Zackenhof abträglich genug, um eine Familie mit Ehren zu ernähren, ohne daß die Leutchen sich absonderlich zu plagen brauchen? Und Ihr, Mutter, für Euch ist ja hinlänglich gesorgt für alle Fälle, und sollt' es Euch auf dem Zackenhof verleiden aus diesem oder jenem Grund, dann steht Euch meine Thüre offen, zu jeder Stund'. . . Also lasset Fried gewähren! Besser so, als wenn er ein Übel anstellte ..." Und die Bäuerin ließ ihn gewähren, wenn auch schweren, kummervollen Herzens. Da hätte man es aber sehen sollen, wie der Jüngling frisch auflebte, wie durch ein Wunder; und seiner Mutter um den Hals siel und sie herzte; und es laut gelobte: „Es soll Euch nimmer gereuen, ich und die Lonny werden's Euch vergelten Euer Leben lang!" t7 258 Ein Heller taufrischer Sommermorgen kündigte sich an über „Stadt" und Landschaft Krotzingen. Vom Thurme der Pfarrkirche herab bimmelten zwei Glöcklein gar eifrig laut, zur hl. Messe ladend. Und obwohl es ein einfacher Werkeltag war und zu ungewöhnlich früher Stunde, hatten sich in den Kirchenstühlen doch schon eine beträchtliche Anzahl andächtiger Frauen und Töchter Angefunden — so fromm, wie heute, hatten sich die frommen Krotzingerinnen noch nie gezeigt. Andere, denen der Morgen zu früh und zu kühl, hatten sich zu Hause hinter die Fensterläden oder Gardinen postirt oder gar, wie der Herr Stadtschreiber, sich im Morgenkleide ins offene Fenster gelegt, den Blick aufmerksam auf die Straße, nach dem Seethor hin gerichtet. Denn heute sollte des Zackenfrieds Hochzeit gefeiert werden, ganz im Stillen. Und richtig, auf einmal erheben sich flüsternde, halblaute Ausrufe: „Sie kommen, seht, sie kommen! Ei, ei, wie stattlich der Bräutigam und wie stolz und freudig er einherschreitet, als stände er im Begriff, eine Millionärin heimzuführen! Und die Braut — ist dies wirklich das junge Bettelmensch? Man follt's nicht glauben, so fein und fürnehm das Kleid . . . Und ein weiß Kränzchen im Haar, ganz wie unsereiner — ist's nicht die Schand' ? Und sollt' man's ihr nicht vom Kopfe reißen, von Polizei wegen? 's nimmt einen, nach alledem, noch Wunder, daß sie, statt des Kreuzleins am Sammtbändchen, nicht auch 'nen Goldschmuck um den unverschämt dünnen, langen Hals trägt! Allein schon das Kreuzlein ist zu viel für sie, die Heidin; denn hat sie der Pfarrherr auch christlich unterwiesen auf der Schnellbleiche, das Bettel- und Herenblut läßt dennoch nicht von Art... Ob man sie auch auf das gewöhnliche Trau- schemelchen knieen lassen wird? O ja, der alte, einfältige Pfarr- 259 Herr soll ja, wie seine Brigitte sagt, an dem scheinheiligen Lärvchen förmlich den Narren gefressen haben, auch ihm hab' sie's antun können ... Ja ja, sie thut gut daran, die saubere Braut, die Augen hübsch niederzuschlagen! Dafür trägt ihre Alte den Kops schon um so höher — seht, seht! Und erst der dicke, riesige, graubärtige Kerl, wahrscheinlich ihr Alter — ist es nicht, als käme ein Fuder Heu dahergewackelt, so daß einen wundert, wie er nur mit heiler Haut den steinernen Torbogen hat passiren können. Und wie dicknasig frech er an die Häuser hinauf guckt nach links und rechts, ob man es doch auch sehe, das sürnehme Hochzeitsgefolg' . . . Und der andere, Dünne, Lange — wer ihm wohl die neue Kleidung angeschafft haben mag? Armer Zackenfriedel, armer Junge, wie tief du deiner sündhaften Narrheit zu lieb schon in die Tasche hast greifen müssen! . . . Aber was seh' ich? Ist das nicht die Käthe, des Torschmieds junge Frau, die hochgesegnet hintendrein geschritten kommt, ebenfalls im hohen Wichs? Nein, da hört doch wahrlich alles auf, jegliches Scham- und Ehrgefühl!" Solche und ähnliche liebevollen Bemerkungen wurden flüsternd ausgetauscht von Fenster zu Fenster, halblaut von hüben und drüben, seitens der frommen Frauenwelt. Anders die unfrommen Männer, zumal die jüngern. Diese mußten es sich gestehen, daß, soweit Krotzingens ruhmreiche Vergangenheit in die Geschichte zurückreichte, wohl noch keine schönere Braut zur Pforte der Pfarrkirche eingegangen sei, als diejenige, die sich der Zackenfried auserkoren, die wahre, glänzende Perle ab dem Misthaufen. Ja, der Herr Stadtschreiber, der doch bereits sein Fünfzigstes überschritten hatte, murmelte es so laut, daß seine steife, spitznasige Frau Stadtschreiberin es beinahe hätte hören können: „Bei Sankt Cpprian, meinem 260 himmlischen Namenspatron, eine Feinhübschere ist mir noch nicht vor Augen gekommen, weder zu Stadt, noch zu Land! Sie wäre wahrlich wert, ein Diadem, ja das Krönlein einer Fürstin zu tragen, und nun verwundere ich mich schon gar nicht mehr, daß sie dem armen Jungen den Kopf verdreht. Den Kopf verdreht — ich glaube nicht einmal, daß sie's absichtlich getan hat, so schlimm sieht sie schon gar nicht aus; gegenteils, ganz die Haltung und den Blick einer Madonna. Und wie leicht und graziös ihr Gang und so ganz ohne Geziertheit jede ihrer anmutigen Bewegungen — ich kann nicht umhin, verzeih' mir's Gott, den Bauernburschen um diese seine Eroberung herzlich zu beneiden und wäre zur Stund bereit mit ihm den Tausch einzugehen, selbst wenn ich zu meiner Alten noch ein ansehnlich Draufgeld ..." — er wagte den Satz nicht zu vollenden, denn diejenige, die er als Austauschobjekt in Erwägung gezogen, war von ihrem Fenster weg in seine unmittelbare Nähe gerückt, so zwar, daß er ihren holden Atem zu verspüren meinte. „Wie ein solch' alter Sünder, wie Du, sich nur den Hals ausrecken mag so einer Gans oder Wildente willen!" klang es von den dünnen, bläulichen Lippen der Frau Stadtschreiberin. „Nun weiß ich doch, warum man so ungewöhnlich früh aus den Federn geschlüpft und in die Stube hinausgeschlichen — schämt Euch, Herr Stadtschreiber, mit der Glatze auf dem Kopf!" — Keine schönere Braut hat je auf dem Trauschemel gekniet, das mußten die in der Kirche versammelten Frauen, mußte sich der blasse Neid gestehen. Und schien es nicht, als ob der alte Pfarrherr Gebet und Trauungssormel weit lauter und inniger aussprach, als er es sonst zu tun pflegte? Wenigstens so däuchte es die Frommen. Und die Tränen der Braut, ihr 261 demütig christlich Gebühren — war das nicht die leere Heuchelei, um darin ihr wahres Heiden- und Herengemüt zu verbergen, ihren Fried und die Welt leichter betören zu können? ... Es war ein Ärger, zum hellen Davonlaufen — zuvor aber mußte man doch erst alles begucken und belauschen; möglich, daß die Person sich dennoch eine Blöße gab, eine Unschicklichkeit sich zu Schulden kommen ließ oder auf andere Weise ihre falsche, nnchristliche Gemütsart verrieth, ein Skandälchen oder eine Lächerlichkeit zum Besten gab. Doch die Hoffnung der anwesenden Krotzinger Frauenwelt erwies sich als eine vergebliche, die Gleißnerische wußte sich zu beherrschen. Ja, wenn man sie hätte aus Stuhl und Kirche stoßen können, wie damals, in der hl. Christnacht! Doch jetzt ging dies freilich schon nicht mehr an . . . Auf dem Zackenhofe, in der rauchgeschwärzten Küche, war die Bäuerin mit dem Bereiten des Hochzeitsmahles beschäftigt. Dabei rann ihr manch' eine helle Kummerträne über die Wange herab, mischte sich sogar in den eiergesättigten Kuchenteig. „Ach, daß ich so 'was noch erleben muß!" seufzte sie. „Wird das mir, mit dem Pärchen, einen Austrag nehmen, daß Gott erbarm', ich wag' gar nicht dran zu denken! Zwar das Mädchen, an und für sich, scheint mir keineswegs übel gesittet zu sein, und in diesem Punkt muß ich der Käthe schon Recht geben. Allein die Abkunft, das Straßenkind, die Verwandtschaft! Und was die Leute reden und spotten werden — nein, ich wag' nicht, dran zu denken, noch mich je wieder sehen zu lassen außer dem Haus', aus Scham, daß ich es zugelassen. Gut, daß ich nicht lange mehr zu leben hab', gut, daß der Hans es nicht hat miterleben müssen!" 262 Der Hochzeitsschmaus, der hausbackene, war eingenommen, und die Neuvermählten schickten sich au, gleich die Hochzeitsreise anzutreten und zwar, nach der Bäuerin Wunsch, nach Maria-Einsiedeln. „Und wir andern, wir bleiben doch hier, hier für immer?" Es war Papa Graz, der hochgesättigte, der diese Frage an seine immer noch sehr stattliche Gattin richtete. Diese jedoch schüttelte verneinend den Kopf. „Unser Tochtermann," erklärte sie, „hat mir diese Anzahl Rädchen gespendet" — sie zog aus ihrer Kleidertasche eine Rolle Thalerstücke —, „damit wir uns statt des lahmkranken Grauchens einen tüchtigen Wagengaul kaufen. Du schaust so dämlich drein, Graz? Du mußt eben wissen: er hat nicht uns, sondern blos unser Mädchen geheiratet. Nun, ich habe ja nichts dagegen. Möcht' eigentlich für mein Leben lang schon gar nicht an dem dummen, einöden Ort bleiben. Auch was hier tun? Arbeiten um hartes Schwarzbrod, Sauermilch oder ranzigen Speck? Oder mir vorwerfen lassen, ich äße umsonst? O gewiß nicht, die Grazin kennt noch immer ihre Wege, die Grazin wird auch fürder nicht hungern, sondern weit bessere Kost genießen, als die Bauernweiber alle! . . . Zwar, ich will's gestehen," fuhr sie leiser fort, „auch ich hatte eine Zeitlang den Gedanken. . . Allein nun ist's vorbei, ich mag niemanden lästig fallen und spür' und versteh' den Wind ganz gut, der aus der Küch' herausweht: man säh' uns lieber am Rücken, je eher, desto lieber. Hat's doch die Alte verraten mit eigenen dürren Worten: Es wird mir lieb sein, wenn Ihr noch eine Weil' hier bleibt, zu Gast . . . Was soll das anders heißen als: Dann aber, nach den paar Täglein, könnt ihr euch trollen. O der Grazin braucht man's nicht mit dem Nürnberger Trichter einzuschütten, ich versteh', ich versteh'!" 263 Papa Graz staunte; ihm kam die Botschaft so quer und ungelegen. Er hatte sich die Tage über so sattsam mit dem Gedanken vertraut gemacht, als Schwiegervater auf dem Zackenhofe einzuziehen, daselbst verweilen und Hausen zu können in Ruhe und Wohlleben auf immerdar. Soeben noch, vom Hoch- zeitsschmause weg, hatte er sich in die Bauernscheune hinaus- begeben, und dort, im Pferdestall, beim Anblick der beiden spiegelglatten Rosse, war ihm die stolze Ahnung gekommen: „Ausführen können mit den Gäulen, ganz nach Belieben, nach da- und dorthin, in der neuen Kleidung, die Taschen mit Thalern gefüllt, welch' ein Vergnügen muß das werden! Auch will ich's mir in den Kronen (Wirtshäusern) trefflich wohl sein lassen und mir Ansehen geben und Herabblicken auf den Hagel und sie foppen, die Leut', die mir in den Bereich kommen, Bauern und andere. Und meine Vettern und Basen und all' das Hauderervolk, das armütige — na, wie wird man, wenn ich so daher gefahren komm' mit Roß' und Herrenwägelchen, die Augen aufreißen und mich beneiden! Nun, ich werd'mich über all' den Ärger der Leut' ordentlich lustig machen und nur noch tapferer essen und trinken und die Rädchen (Thalerstücke) nur so fliegen lassen, will sehen, wer's mir nachtut, hahaha!" . . . Er besah sich das Mastkalb, prüfte und schätzte es auf Gewicht und Fett, und schmunzelte gar vergnügt. Als er aber gar die fünf schweren, grunzenden Mastschweine ersah, da ward ihm förmlich der Mund wässern. Da gibt es, dachte er, der Schinken und Würste, des Pökelfleisches und Speckes den unmäßigen Haufen, kaum zu bewältigen — wetz' dein Messer, Graz, und frei:' dich! Denn von nun an wirst du gleichsam lauter Hochzeits- und Tauftest und Kilbe haben, Tag für Tag, ohne End'! . . . Er gedachte auch der mit Apfel- und Birnen- 264 most gefüllten Stückfässer, die im Keller liegen mnßten, gedachte der vielen mit Kirsch- und anderm Branntwein angefüllten Korbflaschen im Speicher und die er nun besuchen gehen dürfe zu jeder Stunde, bei jeglichem Gelüsten rc. Er hatte sich dies alles so schön ansgedacht; und nun sollten diese süßen Erwartungen mit einemmal zu Schanden werden, die Hoffnungen in ihr eitel Nichts zerfließen; er selbst sollte wieder „walzen" gehen, mit wechselvollem Geschick, wie bis anhin? „Der junge Bauer hat eben nicht uns, sondern blos das Mädchen geheiratet" — dieses Wort seiner Frau, wie klang es so häßlich und niederschlagend zugleich! „So wollt' ich denn lieber, es hätt' ihn gar nicht genommen!" polterte er, das ansgesogene Stück Kautabak unwillig ausspuckend. „Denn was hab' ich davon, von der reichen Heirat? Den puren Ärger, die Maßleidigkeit, die gottverdammte," fluchte er. Und die Frau Grazin, wiewohl keine Worte sparend, um ihren heftig aufgebrachten Gatten zu beruhigen und von ärgerniß- erregendem Benehmen abzuhalten, konnte nicht umhin, ihm heimlich beizupflichten. Auch sie frug sich: „Was hab' ich davon von Lonnys Glück? Die fürnehme Kleidung. Was soll ich mit dieser? Etwa darin hausieren und wanderbetteln gehen? Da würden mich die Leut' schön angucken, die Polizei aber mich flugs packen und hinter Schloß und Riegel stecken, vermeinend, ich hätt' das Zeug gestohlen . . . Wohl sagte die Lonny und sagt es auch die Bäueriu: „„ Sollt's Euch schlecht ergehen oder mangeln dies und das, Ihr wißt ja, wo der Zackenhof liegt, sprecht vor, Ihr sollt willkommen sein!"" Nun, meiner Tochter will ich's schon glauben, daß ihr mit dem Anerbieten herzlich Ernst ist und mit uns jeden Bissen teilen 265 tät. Die Alte jedoch, seitdem es ausgekommen, mie ihr Bub' zu uns steht, ist bei weitem nicht mehr die aufrichtige und gutmeinende, wie ehedem, als das Verhältniß noch ein anderes gewesen. Der Hänel, der bescheidene, schüchterne Bursche, er allein wußte Trost: „Hätte die Lonny des Zinggelers Ede oder einen andern jungen Hauderer genommen — was dann, Mutter?" „Ja, er hat vollkommen Recht, der Hänel. Von dem Ede hätten wir Andern auch wenig Grünes bekommen — wo hernehmen? Und anbinden hätten wir das Kind auch nicht können, einmal wär' es uns doch durchgebrannt, ist's ja so der Welt Lauf!" So dachte die Grazin, so sprach sie auch zu ihrem sehr übel gelaunten Gatten, der seinerseits das einzige Trostmittel darin fand, Speise und Trank möglichst tapfer zuzusprechen, so lange es eben währen konnte, nämlich bis die Neuvermählten von ihrer Hochzeitsreise, auf welcher sie sich übrigens gar nicht zu beeilen schienen, zurückgekehrt sein würden. Fünfzehntes Hapitet. Lonny als Bäuerin! Ihr Mann hatte darauf gedrungen, daß sie sich in die bäuerische Landestracht kleiden sollte. Und was hätte sie dem zärtlich Geliebten und zärtlich Liebenden nicht alles zu Gefallen getan! Zwar das Kleid mit dem bunt- farbenen, steifen Mieder däuchte sie anfangs so seltsam beengend. Fried jedoch klatschte vor Vergnügen in die Hände und rief: „Siehst ja aus, als wärest Du in dem Anzug geboren — die richtige junge Bäuerin, nur ungleich schöner als sie alle!" 266 fügte er bewundernd hinzu. Und als sie gar noch das hohe Spitzenhäubchen aufsetzte — sie wußte kaum, wie sie ihre schweren Haarzöpfe darein bergen sollte — da konnte ihr Gatte sie nicht genugsam betrachten; und er mochte es nicht erwarten, bis der Sonntag kam und er auf dem Kirchgang sein aller- schönstes Weiblein zeigen konnte. Aus dem Kirchgang sodann schritt er neben ihr gar stolz einher und sagte: „Komm mit, auf meines Vaters Grab, wollen zusammen ein recht andächtig Vaterunser beten!" Sie nickte fromm. Lonny als Bäuerin! Das ordnungsmäßige Walten in Stuben und Küche, ein jegliches zu seiner bestimmten Zeit, kam ihr anfänglich so fremd und eigenartig vor; fremd und eigenartig auch die Speisen. Zwar waren diese nicht besser und nicht schlechter, als sie eben in den Bauernhäusern vorzukommen pflegten, doch däuchte es Lonny, es werde beim Bereiten derselben so sehr hausgehalten an Butter und Schmalz, an Semmel und Eiern, mährend sie es in ihrer elterlichen Familie zu sehen gewohnt gewesen, wie man daraus losverbrauchte, so viel und so lang es vorhanden war, unbekümmert um den kommenden Tag. Die Bäuerin pflegte sozusagen die Kaffeebohnen abzuzählen und alles für eine bestimmte Verbrauchszeit genau abzuwägen und zu schätzen; sie sprach von Hausen und Sparen, als dem einzigen Mittel, um bei der Sache bleiben und vorwärts kommen zu können. Und ihre Schwiegertochter horchte bescheiden zu und gelobte sich im Stillen, es ihrer Lehrmeistern: in allem gleich zu tun, ihr und besonders ihrem lieben Fried zu Gefallen. Lonny erzeigte sich in Sachen der Haushaltungskunde als die willige und sehr gelehrige Schülerin ihrer im Rufe einer überaus praktischen Hausfrau stehenden Schwiegermutter. Doch 267 war es in dem Bauernhause mit dem Kochen und Backen allein nicht getan; es gab zu waschen, zu bügeln, zu stricken und zu flicken, und die Zackenbäuerin staunte nicht wenig, wie die „Junge" sich Hiebei so geschickt und emsig benahm, wider alles Erwarten. Mißlicher stand es freilich mit der Kenntnis der Feld- und Gartenarbeiten. Hievon verstand die junge Hausfrau auch nicht den Begriff. Wo hätte sie, bei ihrer Erziehung und Lebensgewohnheit, sich solche aneignen können? Diese ihre vollständige Unkenntnis in allen ländlichen Handtierungen, das war sehr schlimm, denn solches lernt sich nicht von einem Tag auf den andern, hiezu bedarf es der jahrelangen Übung und Angewöhnung, sozusagen von Kindsbeinen auf. Und sah die Bäuerin ihre Schwiegertochter Spaten, Hacke, Rechen und Gabel so verkehrt in die Hand nehmen und so unbeholfen damit verkehren, dann seufzte sie ein Ach! über das andere; während Lonny selbst sich schier zu Tode mühte, ohne es viel weiter als zu schmerzhaften Blasen an den seinen Händen und zu heimlichen, verzweiflungsvollen Tränen zu bringen. Fried suchte sie zu trösten: „Es wird mit der Zeit schon besser gehen, Schatz! Nur ein bischen Freudigkeit und Geduld !" Und er selbst übte die allergrößte und liebevollste Geduld, ward es nicht müde, seiner Lonny immer und immer wieder die zweckmäßigen Belehrungen und Anweisungen zu erteilen; er arbeitete sozusagen für zwei und hatte doch stets noch ein aufmunterndes Lächeln und Scherzwort bei der Hand, um seinem angebeteten Frauchen die harte Mühe zu versüßen und Mißbehagen und Kleinmut von ihr fernzuhalten. Die Zackenbäuerin war nicht mehr die rüstige, rührige Hausfrau von ehedem, das zunehmende Alter hatte auch bei 268 ihr seine Rechte geltend zu machen begonnen; besonders war dies der Fall seit dem Hinscheid ihres Mannes, der ein Gut- teil ihrer eigenen Kraft und Gesundheit mit ins Grab genommen zu haben schien. Jahrelang hatte sie gehofft, dereinst in der Sohnesfrau einen Ersatz für die werkhafte Käthe, eine Stutze für ihre eigenen alten Tage zu finden. Und nun diese Lonny . . ! Sie klagte es ihrer Tochter, als diese auf Besuch kam und sie beide eine Weile allein waren in der Hinter- kammer: „Du kannst Dir's kaum vorstellen, Käthe, wie unglaublich dumm und unerfahren sie ist, die „Junge", in manchen Hausgeschäften! Da hab' ich sie geheißen, das Buttern vorzunehmen, habe ihr befohlen, die Hefe anzuteigen zum Brodbacken; und sie wußte Dir rein nichts anzufangen weder mit Nidel (Rahm) und Butterfaß, noch mit Mehl und Backtrog, desgleichen beim Spinnen und Haspeln, als schließlich zu flennen, meinend, ich wollte sie damit absichtlich fuchsen. Mein Gott, wie hätt' ich wissen können, daß sie von all' den Sachen auch gar nichts versteht, nicht einmal, wie man ein Bett anzieht oder die Linnen zum Bleichen ausbreitet? Nein, man sollt's kaum glauben: den Rübsamen weiß sie nicht vom Reps, die Linsen nicht von der Hirse, das junge Hähnchen nicht vom Hühnchen, den Eber nicht von der Sau zu unterscheiden, fürchtet sich vor den Gänsen und dem Enterich, vor Schaf und Saugkalb, wenn sie ihr blökend nachlaufen. Und soll ich alte geplagte Frau ihr auf Schritt und Tritt nachgehen und Lehre halten über dies und das, was es ist und wie man's angreift und wozu verwendbar, gleich einem Schulmeister? Unmöglich! Ach, das Elend, das sich der Fried angeheiratet, ganz mit Fleiß! Und tut er selbst sich auch doppelt anstrengen schier Tag und Nacht, daß die Arbeit nicht zurückbleibt, der Ärger bleibt einem 269 doch, und schon oft war ich drauf und dran, demselben in kräftigen Worten Luft zu machen. Doch wenn ich mir das Frauchen anseh', ihren guten Willen, ihr angsthaft Gebärden und demütig, unterwürfig Tun, da schluck' ich die Red' alleweil wieder hinunter." „Und da tut Ihr recht daran, Mutter!" pflichtete ihr die Käthe bei. „Denn was kann die Lonny dafür, daß sie unwissend wie ein Kind, was unser Geschäft betrifft, aufgewachsen? Ein Kind ist sie dagegen auch ihrem reinen, guten Gemüte nach. Drum tut sie schonen, Mutter, ich bitte Euch! Mit der Zeit wird auch alles anders und besser werden. Und auch der Liese solltet Jhr's verbieten, das Ausschänzeln (Spotten) ..." Die Liese, das war die junge Hausmagd, eine entfernte Verwandte der Bäuerin, die gleich nach Käthe's Verheiratung auf dem Zackenhofe in Dienst getreten. Sie besaß, bei derbem Leibe, rötliche Haare, kleine stechende Äuglein, eine spitzige Nase und ein spitziges Kinn. Spitziger jedoch als Nase und Kinn, das war ihre spitzige Zunge, gleich sehr gewandt zu Spott und Verläumdung, als zum Schmeicheln und Sichangenehmmachen. Das Schmeicheln und Schöntun hatte sie eine Zeitlang namentlich Fried gegenüber geübt, sich mit der heimlichen Hoffnung tragend, es dereinst von der dienenden Magd zum Range einer befehlenden Hausfrau zu bringen. Und als sie gewahrte, daß all' ihre Liebesmühe rein verschwendet und es eine andere war — und was für eine! —, die jung Bäuerin werden sollte, da entbrannte sie in gerechtem Zorn, packte ihren Bündel und verließ Haus und Dienst. Ihr Vater jedoch, ein sehr haushälterischer Mann, schalt sie ob der Unbesonnenheit, mit der sie vorgegangen, zumal er selbst der Leute genug im Hause habe zu dem bischen Essen, und ließ nicht nach mit Schelten und 270 Zureden, bis die Liese, auf die Einladung der Zackenbäuerin hin, sich wieder in das Dienstverhältnis zurückbegab. Allein das. nahm sie sich vor und kündete es ihrer Herrin auch vor- behältlich an: „Von Euch, Base, werd' ich stetsfort alle Befehle hinnehmen, so auch von Fried, meinem Meister; von dieser Eurer jungen Frau aber laß' ich mir nichts gebieten, daß Jhr's wißt!" Die Bäuerin seufzte: „Ach, da soll Dir nicht bange sein, Liese! Wie sollte sie nur zum Befehlen kommen, da sie selbst von den Dingen so herzwenig versteht? Ja, täte sie's nur, ich wollt' es gern' zufrieden sein!" In der Tat erwies sich die Furcht Liese's, von der jungen Bäuerin „meisterirt" zu werden, als eine höchst überflüssige. Denn Lonny dachte nicht einen Augenblick daran, im Hause irgend eine Autorität beanspruchen oder ausüben zu wollen, ja, wer die beiden jungen Weibsleute neben einander schalten und walten sah, die eine in ihrem ängstlich bescheidenen, die andere in ihrem hochmütigen, schnippischen Benehmen, der konnte leicht in Zweifel darüber geraten, wer denn eigentlich die dienende war, Lonny oder Liese. Dieser Umstand aber, nämlich das schüchterne und unterwürfige Wesen der jungen Hausfrau, weit entfernt, die Hausmagd mit den bestehenden Verhältnissen auszusöhnen, gab ihr Veranlassung, in ihrem Gebühren nur immer dreister und frecher aufzutreten. Erhielt erstere von ihrer Schwiegermutter die Weisung, hurtig im Garten einen Armvoll Kraut zu brechen für das Schweinefutter, und brachte sie in ihrer Unkenntnis statt Mangold Spinat oder gar Eibisch oder Wallkraut, da konnte sich die sachkundige Liese nicht enthalten, darob in ein lautes, spöttisches Lachen auszubrechen, unbekümmert oder trotz des Schmerzgefühls, das sie jener dadurch offenbar bereitete, der hellen Wehmutstränen in ihrem Auge. 271 Das nämliche war der Fall, wenn sie die „Junge" so ungeschickt mit Hacke und Karst oder andern ungewohnten Werkzeugen hantieren sah, ihr Kichern und offenkundig Spötteln wollte kein Ende nehmen, sofern nämlich der Meister Fried nicht dabei war; denn diesem gegenüber war sie wieder lauter Zuvorkommenheit und Höflichkeit geworden. Wohl sprach die Bäuerin, eingedenk der Mahnung Käthe's, sprach's zu wiederholten Malen und in eindringlicher Weise: „Ich seh's nicht gern, Liese, daß- es der „Jungen" so schändig machst in Wort und Weis'. Ich mag's nicht leiden, Liese, weil's auch durchaus nicht schicklich ist. Drum laß' es bleiben." Dann pflegte die Hausmagd nur noch ausgelassener zu lachen. „Wie," meinte sie, „soll ich etwa weinen, wenn ich mir den Spaß anseh', und mir eine Zurückhaltung auferlegen vor ihr, die vor den Türen Land auf und ab wohl weit mehr hat anhören müssen, als dies? O diese Leute sind gesotten, glaubt's mir nur, Base!" Lonnr, litt und schwieg. Und als eines Tages die Mutter Grazin unvermutet auf Besuch kam und beim Anblick ihrer Tochter die staunende Bemerkung nicht unterdrücken konnte: „Kind, Kind, wie mager Du geworden! Ist Dir nicht wohl?" Da strengte sich Lonnr> zu einem zufriedenen, vergnügten Lächeln an und erwiederte: „O ja doch, Mutter, mir ist wohl, mir fehlt es an nichts! Und," fügte sie aufrichtigen, strahlenden Blickes hinzu, „mein Mann ist so gut!" Und zu sich selbst sagte sie: „Eigentlich und in Wahrheit wär' es auch ungerecht, wenn ich mich beklagen täte. Muß ich dann und wann auch manches sehen und hören, das einen schmerzen kann — man hat bisweilen wohl auch den guten 272 Grund zu Spott und Unzufriedenheit, bei meiner großen Ungeschicklichkeit, ich seh's wohl ein. Um so mehr will ich mich anstrengen und mich gerne gedulden, dann wird mit der Zeit auch alles besser gehen in allen Dingen, ja gewiß! Will weder murren noch zagen, sondern nach Kräften wohlgemut sein. Ist doch er, mein Fried, so ein Herzlieber, guter, bereitet mir Freude, wo er kann." Er bereitete ihr Freude, wo und wie er konnte, führte sie an Markt- und Kirchweihtagen zu Wein und Kurzweil. Sie war, das gewahrte er mit Stolz, immer noch die schönste aller Frauen, weitaus. Sie war aber auch diejenige, die des meisten und geflissentlichsten mißachtet und gemieden wurde. Ja, dieses Gebühren ging so weit, daß, wo unser junges Ehepaar sich an einem Wirtstische niederließ, die übrigen weiblichen Gäste weit wegrückten und sorgsam ihr Kleid einzogen, damit es vor unreiner Berührung geschützt blieb, oder gar auf ostensible Weise den Tisch verließen, um sich an einen andern zu setzen. Fried staunte, starrte, rieb sich erbost die Stirne und gab schließlich Verachtung gegen Verachtung zurück, ließ sich Wein vorsetzen vorn allerköstlichsten, schenkte sich und seinem Frauchen fleißig ein und strengte sich zu großer lauter Lustigkeit an. Ja, es zeigte sich, daß er, dermaßen gereizt, ebenfalls sehr boshaft werden konnte. So wies er einmal das Kleingeld, das ihm die Aufwärterin bei Begleichung der Zeche aushingeben wollte, mit der lauten, hämischen Bemerkung zurück, sie solle es einstweilen behalten für den Fall, daß irgend ein fürnehmer Mitbürger, wie auch schon geschehen, heim Wirtshausbesuch eine zu windige Börse bei sich trage. . . Lonny ihrerseits litt und schwieg. Am Sankt Wendolins-Zunftessen gedieh die Abneigung, welche eine ehrsame Bürgerschaft Krotzingens in ihrer Großzahl 273 gegen unsern Fried, beziehungsweise dessen Gattin gefaßt hatte, zu einem Ausbruch, indem die eingeführten Frauen sich geradezu weigerten, mit der „Vagabundin" an demselben Tisch zu sitzen, mit ihr den nämlichen Gesellschaftsraum zu teilen. Lonny erblaßte vor Schrecken, weinte vor Scham. Fried's Zorn dagegen kannte keine Grenzen mehr, wütend schrie er in den Saal hinein: „Sie ist dennoch tausendmal tugendhafter, als Ihr Weibsleute alle, daß Jhr's nur wißt! Und daß Ihr auch das andere wißt: Es sind solche hier, gar fürnehm stolze Frauen, deren Männer zur Zeit froh waren, sich von meinem Vater Zackenhans ganz artige Geldsümmchen leihen zu lasse», vielleicht um ebeu diesen stolzen Frauen ein stolzes Kleid an den Leib zu kaufen. Ich bin nun, nach alledem, gewärtig, daß sie's mir zurückerstatten, je eher, desto lieber — wenn sie's vermögen! Das war zu viel! Einzig den begütigenden Worten und dem abwehrenden Bemühen des Apothekers und des Stadtschreibers war es zu danken, daß die wohlachtbaren und grimmerfüllten Bürger der Stadt Krotzingen dem Unverschämten nicht die Treppe hinunter nacheilten, um für die unerhörte Beleidigung eine ebenso unerhörte blutige Genugtuung zu fordern. Ein jeglicher aber verwahrte sich laut und entrüstet: „Was der wüste, unverschämte Kerl da gefaselt vom Geldborgen — mich wenigstens geht's nicht an! Und mich auch nicht! Mich auch nicht!" erklang es in der Runde. Manch' einem aber konnte man es ansehen, daß ihm gleichwohl nicht ganz wohlgemut war bei der Sache. Derweilen hatte Fried, trotz allem Einwenden und Sträuben seitens seiner Lonny, Einkehr in die vielbesuchte Torschenke genommen. Dort, im Jnnerstübchen, ließ er es seiner Gattin und sich an nichts fehlen, lud auch einige anwesende, befreundete Bauern zu Gaste, gab sich, da er nun einmal seinem Ärger 18 274 geziemende Luft geschafft und ordentlich „ausgepackt" hatte, gar bald einer fast ausgelassenen Fröhlichkeit hin und war offenbar- bestrebt, auch seinem Frauchen die erlittene harte Kränkung nach Möglichkeit vergessen zu machen. „Wir sind unser, Lonny!" rief er mit erhobenem Glase, „und finden wir beide Freud' und Gefallen aneinander, um das übrige, was die Welt auf uns hält und von uns red't, wollen wir uns nicht den Pfifferling kümmern, gelt? Nun denn, so stoß- an, mein Schatz, mit mir und diesen unsern Freunden hier: es gilt Dir, dem schönsten und brävsten Weibchen der Welt^" Und die Bauern, spendweinvergnügt, riefen aus vollem Halse: „Sie lebe hoch!" So kam es, daß man seiner erst gewahrte, nämlich des dickköpfigen Mannes mit der Maserpfeife im Mund und der Fuhrmannspeitsche in der Hand, als er schon breitig und protzig vor ihnen, vor dem Schanktisch stand. „Der Eckbauer!" hieß es. „Ja, der bin ich!" quatschte er. „Hat mich, wie ich in der Stube draußen meinen Schoppen trink', ordentlich wundergenommen, ob etwa da drinnen Kindstauf' oder so 'was gehalten werd', daß es so hoch und laut hergeht. Und nun seh' ich — ah, der Mussiö Friedel und seine Liebste — schau, schau!" Der Mann befand sich offenbar in angetrunkenem Zustande. Und, sich dicht vor feine junge Frau Base hinstellend und sie von oben bis unten hochmütig dreist musternd, sichrer fort: „Das also wär' das Weibsbild, Fried, um deffentwillen Du alle Strick' zerrissen? Nun, das Lärvlein wär' noch so passabel, muß es selbst gestehen. Wenn nur das andere nicht wär', Fried, das elend magere Zugemüs' ..." Er war offenbar betrunken, der Vetter Eckbauer, und wer sein eckiges, rauhes Wesen näher kannte, hatte diese seine 275 getane Äußerung eben so gut als eine Art Zugeständnis und Schmeichelei, wie als eine absichtliche Beleidigung tariren können. Fried jedoch, nach all' den Vorgängen des Abends, war nur zu sehr geneigt, die letztere Absicht herauskennen zu sollen. Weshalb er scharf versetzte: „Vetter Eckbauer — wenn ich überhaupt noch Vetter sagen darf — laßt das Foppen, ich mag's nicht leiden, heut' am allerwenigsten! Meine Frau hier genügt mir vollständig und auch ihr „Zugemüs'", auf das Ihr angespielt, soll mir weit lieber sein, als dasjenige, welches eine gewisse junge Base ihrem Manne mit in die Ehe gebracht ..." Das war eine Anspielung, welche der Eckbauer nicht mißverstehen konnte. Er fuhr denn auch auf, wie von einer Schlange gebissen und wußte gleichwohl den Augenblick nicht, was er erwidern sollte. Er schluckte und schluckte, doch endlich kam es heraus: „Hast Recht, Friedet, Vetter brauchst Du mir allweg nicht mehr zu sagen, damit ist's aus! Mußt Dir Deine Vettern nunmehr bei dem Lumpen- und Schelmenpack suchen im Wald, auf der Straß', im Zuchthaus' — eine hübsche Vetterschaft das, wirst an Läus' und Wanzen keinen Mangel leiden, hahaha!" Er tat gut daran, der Dicke, daß er sich hurtig zur Tür hinaus retirirte, dieselbe hinter sich fest zuzog . . . Fried ließ neuerdings die Flaschen füllen und ergoß sich in den bittersten Ausdrücken über den Hochmut und Unverstand seiner Mitbürger und über die Lieblosigkeit seiner Anverwandten, die, mit Ausnahme seiner lieben Schwester Käthe, ihm alle- sammt den Rücken gekehrt. Doch werde er es sich zur Lehre dienen lassen und fürderhin nur sich und seinem Frauchen leben. Lonny litt und schwieg und drängte zum Aufbruch. 276 Lonny litt und schwieg. Eines Tages jedoch, als die Liese atemlos den Hang herauf geeilt kam mit der seltsamen, schrecklichen Kunde, da stieß Lonnr) einen Schrei aus, so gellend und wehklagend — doch werden wir uns die Ursache davon erst genauer betrachten müssen... Das war nämlich eines frostigen Novembermorgens; und Fried sagte beim Frühstücken: „Nun weiß ich nicht recht, ob ich besser dran tu', wenn ich zuerst in den Wald fahre nach Brennholz oder aber auf die Seewiese hinuntergeh', um, bei dem trockenen Wetter, die Wassergraben zu öffnen. Beides täte gleich not." Lonny bat: „Geh' nicht an den See, Fried, nur heute nicht! Mir hat diese Nacht geträumt —> es war ein böser Traum, vielleicht ein dümmer . . . Aber gleichwohl: Fahr' heut' lieber Holz, Fried, ich bitt' Dich!" Fried lachte: „Aber, Schatz, wie Du nur so angsthaft reden kannst, so ganz ohne Grund" — Hier trat die Mutter ein, und mit einem lächelnden Blick an sein Weibchen und mit einem leisen „Bhüt Gott!" machte sich der junge Bauer fort, in Begleit Liesels, mit Hacke und Grabschausel bewaffnet, hinunter auf die Seewiese. Es herrschte seit einigen Tagen eine trockene und sehr kalte Witterung; aus dem See, dem Ufer entlang, hatte sich eine ziemlich starke Eisdecke gebildet, und die städtische Schuljugend, die den Tag frei bekommen, machte sich ein allergrößtes Vergnügen daraus, schleifend darüber hinzugleiten. Die verwegensten der Buben wagten sich immer weiter hinaus, nach der Richtung des Zackenhofes hinaus; zwei davon waren jubi- lirend und allen voraus in die Nähe von Fried's Seewiese 277 gekommen, als auf einmal die junge Eisdecke brach und barst. Ein jammernder Aufschrei — des Unfalls kaum gewahr, rannte Fried, die Erdhacke in der Hand, an das Gestade hinunter, rutschte beherzt auf das Eis hinaus, den an der scharfen Kante desselben sich Anklammernden zu Hilfe. Schon war es ihm gelungen, mittelst seines langstieligen Werkzeuges den jüngern der Knaben an sich heranzuziehen und rückwärts, in Sicherheit, zu schleudern und galt es noch, sich nun auch des zweiten zu versichern — zu spät, der Knabe war versunken; und, um das Unglück voll zu machen, brach das Eis nun auch unter Fried's eigenem Leibe... Vielleicht wäre es schon zu spät gewesen, immerhin aber hätte es in der Pflicht Liese's, der gaffenden Hausmagd, gelegen, die im nahen Zackenwald arbeitenden Zimmerleute des schleunigsten um die Rettung ihres Herrn anzugehen; statt dessen aber und in ihrer großen Kopflosigkeit wußte sie nichts besseres zu tun, als händeringend nach dem Zackenhause hinauf zu eilen und mit dem heulenden Rufe in die Wohnstube zu stürzen: „Der Fried! der Fried! Versunken, ertrunken — o weh! . . ." Und als am Abend des Unglückstages der junge Torschmied ins Zackenhaus gegangen kam, um sich nach seiner enteilten Frau Käthe umzusehen, da warf diese sich ihm wehklagend an den Hals und rief unter heftigem Schluchzen: „O Kurt, welch' ein Elend ist hier eingekehrt, gar nicht zu beschreiben! Der arme Bruder tot in des See's Tiefe, meine Mutter vor Schrecken krank, meine Schwägerin vor Schrecken halb wahnsinnig! Ja, glaub's mir nur, Kurt, es grenzt sehr nah' an Wahnsinn, wie sie sich gebärdet; keine Träne, nichts als Gradausschreien nach ihrem Fried; und sie wollt' nur 278 immer an den See hinunter laufen, vielleicht grad hinein, so daß wir Mühe hatten, sie zurückzuhalten, den ganzen Tag über. Und nur dem Pfarrherrn gelang es endlich, sie einigermaßen zu christlicher Vernunft zu bringen, indem er ihr sehr ernsthaft bedeutete: „ „Du mußt Dich in Gottes Fügungen schicken, junges Weib, denn das ist sein heiliger Wille! Auch darfst Du nicht vergessen, daß Du zwei Leben zu verantworten hast vor dem Allmächtigen und vor Deinem seligen Manne. . ."" Daraus hin ward sie ein Bissel ruhiger und begann sich der gewaltige Schmerz in Tränen aufzulösen. Auch mit der Mutter ist's, wie der Doktor versichert, besser geworden. Ich selbst — ich fand bisher kaum Zeit, an mich selbst und meinen eigenen Schmerz zu denken und doch bricht mir der Gedanke, so plötzlich, so furchtbar plötzlich und auf solch' traurige Weis' meinen Bruder, meinen einzigen, lieben, armen Bruder verloren zu haben, fast das Herz — ach, Kurt, ich möcht' schreien Tag und Nacht vor Herzeleid!" DieZackenhöferin, auf ihrem Krankenlager, jammerte: „Ach, wenn er, nach ordentlicher Krankheit, eines gewöhnlichen, natürlichen Todes gestorben, ich könnt' mich weit eher drein schicken! Allein so, so ganz unversehens, fremden Leuten zu lieb' — ich kann's nicht verwinden! Und so spurlos verschwunden in tiefem Wassersgrund, so daß man ihm nicht einmal ein christlich Begräbnis erweisen kann, wie solches doch dem geringsten der Menschen geschieht, dem Bettler! Und keinen Tropfen Weihwasser ihm spenden, ihm nicht mehr die starren Hände falten zu können zu einem letzten stummen Gebet — ach Gott, das ist noch das Traurigste von allem!" „Häb's wohl gedacht..." „Was sagst Du, Liese?" frug die Bäuerin. 279 „Nun, ich wollte nur sagen: ich hab's wohl gedacht, daß die Heirat mit der Ketzerin oder gar Heidin ihm nichts Gutes bringen werde. Nun ist's so gekommen!" Und all' die frommen Frau Basen, die nun, da Fried nicht mehr, weder zu fürchten, noch zu schonen brauchten, auf den Zackenhof gewallt kamen, um der Bäuerin ihr Beileid auszudrücken und Trost zu bringen — für die junge trostlose Witwe hatten sie nichts als hoheitsvolle, verachtende, beleidigende Blicke. Alle waren darüber einig: „Es hat, nach den bekannten Vorgängen, so 'was oder ähnliches notwendig geschehen müssen! Mit List und Teufelskunst ist ihm zugesetzt worden, bis er das Ding heiratete, und wer weiß, welche Hexerei angewendet worden, um ihn beiseite, ihn loszukriegen, jetzt, da sie des Erbes ja gewiß sind. Jedenfalls ist es nicht mit rechten Dingen zugegangen." Ja, die Eckbäuerin wußte noch mehr: „Am Hochzeitsmorgen, dem Fried seinem, da habe sie es mit eigenen Augen gesehen von ihrem „Eckbühl" herunter, wie ein Halbdutzend pechschwarzer Raben auf des Zackeuhauses Dachfirst gesessen. „Was hatten sie zu bedeuten?" rief sie zu der Zackenbäuerin gewendet; „o das ist bald erraten! Und wie meine Grete, just zur selbigen Stunde, Butter nach dem Städtlein hintrug, da sah sie die nämlichen Raben krächzend von Baum zu Baum fliegen, um Euer Haus herum; es waren ihrer viere, zwei alte und zwei junge — Ihr merkt gewiß, wer die Raben waren? Herenwerk, sag' ich, Teufelsspuk war dabei, als sie Euern Fried umgarnten und nun zu Tode brachten. Deshalb lassen sie ihn auch nicht mehr zum Vorschein kommen, haben ihn auf den Seesgrund festgebannt, damit man sie nicht ersehen kann, die schwarzen Male an der Leich', die ihr Mordspuk ihm beigebracht. 280 Solche und ähnliche aufhetzende Reden verwirrten der armen, schwergeprüften und von Aberglauben ebenfalls nicht ganz freien Zackenbäuerin derart den Kopf, daß sie neuerdings in die größte Trost- und Kopflosigkeit zurückfiel und von einer Abneigung und Erbitterung gegen ihre Schwiegertochter und deren Angehörige erfaßt wurde, wie sie solche bislang noch nie gefühlt hatte. Ja, diese Erbitterung gedieh so weit, daß, als Lonny eines Morgens wieder in die Krankenstube gewankt kam, bleich und abgehärmt und mit verweinten Augen, um sich nach dem Befinden ihrer Schwiegermutter zu erkundigen, diese von ihrem Lehnstuhle leidenschaftlich auffuhr und irren, haßfunkelnden Blickes ihr zurief: „Gieb Du mir. Du Hexen- kind, den geraubten, getöteten Sohn wieder! . . O Fried, mein armer Fried!" schrie sie, in den Lehnstuhl zurücksinkend. Glücklicherweise war die Käthe mit anwesend; sie schalt die Mutter ihres groben Unverstandes wegen und sparte kein freundlich bittend Wort, um ihrer Schwägerin, der zu Tode erschrockenen, die ihr geschehene Beleidigung abzubitten und abzuschwächen, dieselbe als den Ausdruck eines gramerfüllten, krankhaften und unzurechnungsfähigen Gemütes darzustellen, den man daher gar nicht oder doch wenigstens nicht so genau auffassen dürfe. Lonny mußte ihr abermals geloben, schon um des Kindes willen, das sie unter dein Herzen trage, sich körperlich und geistig bestens zu schonen und alles Ungemach in Geduld und Gottergebenheit zu tragen, in der sichern Zuversicht, daß nach den trüben und herztraurigen, auch wieder freundliche Tage über sie kommen werden. Auch werde die Mutter, einmal genesen, sicherlich wieder gegen Alle die alte Güte walten lassen. 281 „Uebrigens," berichtete sie freundlichen Tones, „ist mein Mann vom Amt aus zu Deinem Beistand ernannt worden. Er wird sich Deiner Rechte, sowie des gesamten verwaisten Haushaltes nach Kräften und in der besten Wohlmeinenheit annehmen. Er wird Dir freundlich sein, Lonny, ich hab' ihn drum gebeten. Auch ist er von Natur aus ein gar grund- braver und gutmütiger Mensch, mein Kurt, seinem Vater, der manchmal so aufbrausend und wild sein kann, ganz und gar unähnlich . . . Ja, ja, Lonup, Du sollst etwa nicht meinen, daß ich und andere junge Frauen vollends auf Flaum gebettet seien, ach nein! Auch ich muß öfters schweigen und schlucken, des lieben Friedens willen, und so manches hat sich während der kurzen Zeit unsrer jungen Ehe schon zugetragen. Widerwärtiges und Kränkendes — sogar meiner eigenen Mutter hab' ich's verhehlt, mochte ihr den Kummer, den Leuten die Schadensreud' nicht bereiten. Wie die Käthe versprochen, ging ihr Mann, der junge Torschmied, den beiden bedauernswürdigen Witwen auf dem Zackenhof bei Besorgung der vielen landwirtschaftlichen und häuslichen Geschäfte mit anerkennenswertem Eifer an die Hand. Auch erholte sich die Bäuerin von dem sie getroffenen Schlag und dem damit verbundenen Unwohlsein eher als man hätte vermuten können. In ihrem Benehmen aber gegen die Schwiegertochter war eine bedeutsame Wandlung eingetreten, das früher bezeigte Wohlwollen gänzlich verschwunden. Fried, an welchem ihr Mutterherz gehangen und um dessentwillen sie sich mit der „Jungen" friedsam und schonend vertragen, dieser ihr Fried war tot — wozu sollte sie noch Rücksichten gegen jene tragen? „Und wenn es wahr sein sollte, 282 daß diese allerelendeste Eheschließung daran Schuld sein sollte, an dem maßlosen Unglücke?" frug sie sich überlaut. Und die Magd Liese warf giftig ein: „Wie sollte sie nicht, Base? Es ist halt nur zu wahr und meine Tantegotte hat's oftmals erzählt, wie diese Leute, nämlich das Haudererpack, sich auf Hexenwerk und Teuselsspuk verstehen und um Geld und Gewinn oder auch blos aus lauter Bosheit andere Menschen umbringen können, von weitem, durch ihr höllisches Bann- und Zauberwerk. Und hier, in diesem Fall', braucht man schon gar nicht lang' nach dem Gewinn zu forschen, der liegt ja, so wie das ganze Komplott, so klar auf der Hand: Dieses Weibsbild, die „Junge", hat Euern Fried in ihrer Schlinge gefangen feines Gutes, des Zackenhofes willen. Nun, da ihre Begierd' erfüllt ist — Ihr werdet sehen, Base, wie schnell sie einen ihres Gelichters, der ihr wohl besser zusagt, als der einfältige, fromme Bauernknab', am Bändel haben wird. Ja, wer weiß, ob die heimliche Wahl nicht schon längst getroffen. . . Seht, seht, Base, da ist die Bande ja schon, just fährt sie dort in den Winkel ein, und kommt die dicke Alte bereits das Sträßchen herausgewatschelt. . . Und die „Junge" hat's schon gemerkt — seht Ihr, wie sie ihr entgegenbringt, ihr um den Hals fällt unter Greinen und Heulen und sich gebärdet wie närrisch - - hab ich's nicht just vorausgesagt, Base?" rief sie triumphirend .. „Und dort kommt auch noch der Alt', der Jung', die ganze Sippe! Ich, an Euerm Platz', nähme einfach den Kehrbesen und tät' sie vom Haus wegjagen . . . Aber freilich", bemerkte sie höhnisch, „mit dem Wegjagen hat's sein End', Haus und Hof gehören nun ihr, der „Jungen" — hihihi!" Welcher Empfang unter solchen Umständen den Besuchern seitens der Bäuerin zu teil wurde, läßt sich leicht denken. 283 Eigentlich war es schon gar kein Empfang zu nennen, denn die Bäuerin schloß sich in ihre Hinterstube ein, ließ sich krank melden. Die Liese aber fuhr in der Küche herum und pfauchte gleich einer wilden Katze. So lag denn die Bewirtung der Gäste einzig Lonny ob, nachdem sie sich den Speisekammerschlüssel von der Liese hatte erbitten müssen, die ihn ihr nur vor die Füße warf. Lonny schluchzte auf Schritt und Tritt. Und als frühmorgens die Ihrigen tief gekränkt Abschied nahmen, schlang sie ihre Arme um der Mutter Hals und weinte zum Erbarmen, daß man's weit hören konnte. All' das Herbe und Bittere, das sie seit ihrer Ein- heiratung in dem Hause erfahren, alle Kränkungen und Zurücksetzungen, die ihr sonderlich die letztverflossenen Tage über zu teil geworden, stiegen ihr vor die Seele, begannen, an der Mutter Brust, sich in längst verhaltenen lauten Klage- und Verzweiflungsrufen Luft zu machen, so daß selbst die Bäuerin darob erschrak in ihrer verschlossenen Kammer und die Mutter Grazin sich tief entsetzte ob all' den leidensvollen Bekenntnissen und vor Mitleid ebenfalls in Tränen ausbrach. „Nimm mich mit, Mutter, nimm mich mit! Meines Bleibens ist nicht mehr in diesem Hause, es würd' mein Verzweiflungstod sein! O die Tränen, die ich schon verschluckt, das Weh', das ich schweigend in's Herz zurückgedrängt! Ja, so lang er, mein Fried, am Leben war, da konnt' ich's schon übersehen und ertragen, war er selbst doch ein solch' lieber und guter, und hätt' ich's ihm nicht zu Leid' tun mögen das Klagen, hab' alleweil, so viel möglich, die Zufriedene Miene herausgekehrt, ihm zu lieb, obwohl es mir oft fast das Herz zersprengt, was ich ansehen und hören gemußt in seiner Abwesenheit. Nun ist der beste der Männer tot, nichts fesselt 284 mich mehr an den Zackenhof — was tu' ich länger hier? Mich stets nenen Quälereien aussetzen? O Mutter, nimm mich mit, weit, weit weg von hier! Will ja gerne Mangel leiden und der Armut Niedertracht, nur nimm mich mit, ich bitt' Dich!" So bat und flehte Lonny. Ihre Mutter jedoch schalt sie eine Törin und meinte, sie solle doch gescheidt sein und sich über all' den Tort, der ihr geschehe, gleichmütig hinwegsetzen, sei sie ja nun doch die Herrin im Hause. „Ich an Deiner Stelle," sagte sie ganz laut und kräftig, „würde nicht lang' kindhaft greinen, sondern tät' sogleich den Kehraus machen, erst die unverschämte Hausmagd an die Luft setzen, was ich selbst doch letzten Abend versucht, sie in die Finger zu nehmen, so bös' hat sie mich gemacht, mit ihrem unverschämten, häßlichen Gebühren! Und auch die Alte — wenn sie sich doch nicht mehr mit Dir vertragen will, auch sie müßt' mir weichen, ja gewiß! . . . Also keine Dummheiten, Lonny! Bleib' Du ruhig in dem guten Nest! Nach drei Wochen, in vierzehn Tagen schon werden wir wieder vorsprechen, um zu sehen, wie's Dir geht und nötigenfalls beim Ausräumen des Hauses und der Neueinrichtung behilflich zu sein. Oder soll ich Dir etwa Graz, Deinen Vater, gerade hier lassen? Der wird mit dem Geschmeiß schon fertig werden!" Und der Graz spuckte entschlossen in die Hände und schnitt ein grimmig Gesicht. Lonny jedoch wehrte: „Nein, nein, nichts Gewaltsames!" Und sie bat nur immer: „Nimm Du mich mit, Mutter!" Vergeblich. Als aber des folgenden Frühmorgens die plötzlich wieder- genesene Zackenbäuerin aus ihrer Schlafkammer trat, kam ihr 285 die Liese in großer Aufregung entgegengerannt und rief: „Sie ist fort, Base, fort!" „Nun, wer denn?" „Die Junge!" „Die Junge? Unmöglich, Liese!" „So kommt denn und seht selbst! . . . Hier, in der Stube, das unbenutzte Bett, auf dem Tisch der Schlüsselbund, das Geldbeutelchen, Nadelbüchs' und Scheer', die Schmucksachen, die bäurischen Kleidungsstück' . . . Im Kasten aber das abgetragene Vagantenkleid — 's ist fort, seht, seht!" Eine Weile starrte die Bäuerin die Gegenstände sprachlos an, dann geriet sie in große Aufregung und rief: „Es darf nicht sein, Liese! Das Geschwätz', als ob ich sie fortgetrieben oder gar fortgejagt, der Lärm, die Schand'! Und die Käthe und ihr Mann — nein, 's darf nicht sein, Liese, hurtig. lauf' ihr nach und heiß' sie umkehren, ich woll' ihr wieder gut sein!" „Wie, Base? Euch soll's doch freuen, daß —" „Schweig', Liese!" gebot sie sehr ernst, „kein Wort weiter! Du hast mir schon zu viel eingeblasen, so daß es mich nun gereut, tief ins Gewissen hinein, Dir Gehör geschenkt zu haben und ihr bös' und aussätzig begegnet zu sein! Liese, lauf', was laufen magst, ich befehl's, sie muß zurückkehren ins Haus, ich will mich gut vertragen, sag's ihr nur!" Vergebliches Mühen, Lonny war spurlos verschwunden. „Ach, ach!" ächzte die Bäuerin, „auch das noch! Und wenn sie sich ein Leid antun sollte — o ich wag' der Käthe nicht Red' zu stehen, ihr nicht unter die Augen zu treten!" 286 Sechzehntes Sapilet. In einem entlegenen Bauernhause des luzernischen Reuß- tales lagen Meistersleute und Dienstboten in festem Schlafe. Plötzlich jedoch fuhr die Bäuerin auf ihrem Lager erschrocken auf, rieb sich die Augen wach, glotzte in die sie umgebende Finsternis hinaus und horchte. Dann stieß sie ihren Alten mit dem Ellbogen kräftig an und sagte: „Steffentoni H, so hör' doch! Draußen, in der Scheune muht ein Haupt Vieh — was mag's wohl sein zu dieser Stund'?" „Denk' wohl die Bleßkuh, ist dem Kalbeln^) nahe. Will aufstehen und nachschauen gehen." Hurtig schlüpfte das Männchen in Kleid und Schlappschuh, machte Licht und begab sich, das Laternchen in der Hand, hinaus. Nach einer Weile jedoch kam er, mit blos einem Schlapp- fchuh versehen, in die Stube zurückgehumpelt, keuchend, blaß, mit schlotternden Gliedmaßen; und konnte vor Erregung kaum zu Wort kommen. Und was er erzählte, erfüllte die Bäuerin ebenfalls mit Entsetzen: „Der Viehstall hell erleuchtet, hell wie Feuer! . . . Ich ließ," berichtete der Bauer, „vor Schrecken das Laternchen fallen, wollte „Feurio!" rufen und konnt' es nicht! Und gut, Marisephb), daß ich's nicht gekonnt, denn wie ich mich an's Stallfenster hinanmachte, da konnt' ich nichts ersehen, weil dasselbe zu sehr angelaufen, doch merkt' ich gleich, daß es nicht Feuer war, sondern blos Helles Licht — aber es kommt auf das nämliche heraus, auf das gewaltig Erschreckliche! Denn wie ich mir ein Herz fass' und sachte die Futter- Stefan Anton. — Kalbwerfen. — b) Maria Josefa. 287 tenntüre aufstoß', da konnte ich. durch die Raufenspalte, bequem hineinsehen in den Stall. Und was ich ersah, es war genug, um einem den Verstand zu rauben: Ein Halbdutzend Harzlichter, im Stallgang aufgepflanzt und gen die niedrige, spinnweben- behangene Decke lohend! Dabei ein Dutzend Männer, gewaltige, bärtige Hauderer, hockend auf Melkstuhl und Strohbündeln, hockend sogar auf dem Hintern der ruhenden Kühe und Ochsen, ein Dutzend Männer, rauchend, plaudernd, Karten spielend, fressend und saufend! Und haben mir doch diesen Abend blos der einen Korbflechterfamilie Unterkunft gestattet, und nun die ganze, große, entsetzliche Gesellschaft, zusammengerottet zu nächtlichem Gelag, wie vom Himmel geschneit! Ach Gott, sie stecken mir die Scheune in Brand! Ach Gott, ach Gott!" wiederholte er fassungslos, wimmernd. „Was soll ich denn anfangen, Mariseph? Nun, so red' doch! Gelt, auch Du weißt nichr Rat, der Schrecken hat Dich taub und stumm gemacht... Nun, ich weiß was: ich geh' hurtig die Knechte aufwecken, auf daß sie mir den Stall räumen helfen!" „Aus daß die Männer Dich blutig oder gar totschlagen!" jammerte die Bäuerin, „und uns noch obendrein den roten Hahn auf's Dach stecken -— nein, Steffentoni, lass' das bleiben, ich bitt' Dich! Lieber laß' uns den Haussegen beten, aus daß uns der liebe Gott vor Schaden behüt'!" Und sie knieten selbander auf die harte niedrige Ofenbank und beteten dies und das, sogar den ganzen Psalter. Die Wanduhr schlug die zweite Morgenstunde. Der Mann, gefaßter geworden, sprach: „Nun will ich nochmals 'nausgehen und nachschauen." Die Bäuerin warnte: „Daß mir aber recht sachte auftrittst, daß sie's nicht merken. O diese Leute sind so arg zu fürchten!" 288 Der Stall war noch immer beleuchtet, wenn auch nicht mehr aus die intensive, erschreckende Weise, wie zuvor. Der Bauer hörte, wie sich die Männer Gaunerstückchen erzählten, eines bunter als das andere, und dabei lachten und grölten aus vollem Halse. Von dem vordern, dem horchenden Bäuerlein zunächst gelegenen und schwach erleuchteten Stallwinkel her ließ sich ein unterdrücktes Stöhnen und Wimmern, sowie leise und ebensalls von Frauenmund gesprochene Beruhigungs- und Trostesworte vernehmen. Die Stimme erhob sich plötzlich zu lauter, scharfer und unmutiger Apostrophe: „Nun, Ihr Männer, dürft Jhr's füglich gut sein lassen! Ich kann's nicht länger dulden! Der Sankt-Niklausfeier ist vollauf Genüge getan worden, dünkl's mich. Auch solltet Ihr die Umstund' merken von meiner Tochter . . . Du, Graz, daß Du nicht mehr Verstand und Gefühl zeigst, da Du sie doch so leiden siehst — schäm' Dich, Graz, ein solches Stück Hornvieh zu sein!" schalt sie böse. „Oder soll ich etwa den Bauer wecken gehen, damit er Ordnung schaffen komme, he?" „Der Kaffer?" lallte der Mann geringschätzig. „Kaffer- lein — bah!" Andere jedoch sagten: „Wir gehen ja, Grazin, wir gehen!" Auch der Bauer ging, ohne erst das Herauskommen der Hauderermänner abzuwarten, auf den Socken und so rasch er gehen konnte, ins Haus zurück, vorsichtig den Türriegel vorschiebend. Als der Morgen graute und die Bäuerin die Küchentüre öffnete, stand eine mächtige, weibliche Gestalt davor, trat in die Küche ein — die Hausierersfrau, welcher man, nebst ihrer 289 Familie, die Nachtherberge bewilligt hatte. Sie tat ziemlich erregt und berichtete, wie ihre Tochter diesen Morgen niedergekommen. „Was Ihr da nicht sagt!" rief die gutherzige Bäuerin erschrocken, und der Ärger, den sie soeben noch über die aufdringlichen und gefährlichen Bettelleute empfunden, verwandelte sich im Nu in aufrichtiges, tiefes Mitleid. „Ach Gott!" rief sie, „bei dieser Kälte, im ungastlichen Stall! Schafft sie herein, Frau, Eure Tochter, ich will ihr gleich das Hinter- stübchen einheizen lassen, und ein Gelieger Herrichten, gleich, gleich!" Die Hausiererin aber wehrte: „Laßt es gut sein, beste Frau! Ich selbst habe mehrmals geboren und zwar zu verschiedenen Jahreszeiten, ohne je ein Bett gesehen oder ein warm Stüblein gefühlt zu haben. Und doch lebe ich noch gesund und wohl, und sind meine Kinder so groß und hübsch geworden, wie irgend welche. Nein, gute Frau, ich danke für das Anerbieten, gebrauchen aber werd' ich's nicht. Alles, was ich wünsch', das ist ein Stück sauber Linnen für das Kind und ein Glas Kirschbranntwein für sie, meine Tochter." „Kirschbranntwein für die Wöchnerin?" rief die Bäuerin voller Verwunderung, voller Entsetzen. „Frau, seid Ihr auch noch bei Verstand?" „O ja! Auch hab' ich selbst in diesen Fällen stets mein Glas Kirsch genossen und bin dann auf und davon gegangen, ohne nur rückwärts zu schauen, ohne Nachteil zu verspüren. Wir sind halt ganz andere Leut', nicht solche Pflitze (Verweichlichte), wie Ihr, und darum auch viel kräftiger und gesünder, daß Jhr's nur wißt! ... Also den Kirsch, wenn Ihr so freundlich sein wollt; dann ziehen wir wieder fürbas." 19 290 „Bei dieser kalten Witterung? Mit der Kindbetteritt?" „'s ist stillkalte Witterung, die, wird ihr nichts schaden. Auch müssen wir uns sputen: Vettersleut' aus dem Welschland, die wir schon lange nicht mehr gesehen, erwarten uns bei der Reußbrück'." Als die Wanderfrauen in den gaulbespannten, planbedeckten Wagen stiegen, bemerkte die Bäuerin zu ihrer Tochter gewendet: „Ach Gott, das junge Weibsbild, die Wöchnerin! Siehste, Mareili, wie hübsch und stattlich! Siehste aber auch, wie traurig bleich! Und das arme Würmchen an ihrer Brust, sein erster Gang in die rauhe, kalte Welt hinaus — ach Gott, wie das einen dauern kann! . .. Ja wohl hat sie Recht, die Alte: die sind weit kräftiger denn wir; mich, unter solchen Umständen, würde diese Reis' krank und tot machen. . . Ich kann eigentlich recht bös' aus diese dicke Alte werden, daß sie's so barbarisch erzwingen tut, das Weiterreisen, und der armen Person nicht das Täglein Erholung gönnt! Mich hätt's wahrlich nicht gereut, das bischen Essen, das warme Stüblein, 's wär' ja Gotteslohn dabei gewesen ... Ob sie das Kindlein wohl auch christlich taufen lassen werden und wo? 's ist doch ein elend traurig Leben, das dieser herumziehenden Leute, nicht wahr, Mareile?" Bei der Reußbrücke erwarten uns nahe Anverwandte — so hatte die Mutter Grazin zu der Bäuerin gesagt. Und dem war wirklich so. Es war die Resa, Grazens Schwester, deren die selige Großmutter so oftmals gedacht und welche nun mit ihrem „neuen" Manne, dem dritten, und ihren teils erwachsenen, teils unerwachsenen Kindern, ebenfalls drei Gattungen angehörend, des weiten^ Weges gekommen war auf Besuch. 291 Die nahen Anverwandten — Lonny, mit ihrem Säugling, war im Wageninnern geblieben — schauten sich bei ihrem Zusammentreffen erst fremd und stumm an. Dann reichten sie sich die Hand zu freundlichem Gruße, und Graz rief mit breitem Lachen: „Hätt' Dich, will verdammt sein, kaum wieder erkannt, Resa, falls mir nur so ungefähr begegnet wärst auf der Walz', hahaha! Wie Du aber gefettet hast, Resa! Mußt es die Zeit über sehr dufte gekriegt haben — wie? Auch mich guckst Du so verwundert an — bin ich Dir etwa entwachsen, Resa? Ebenfalls in die Dicke geraten, gelt? Hahaha! Also dies Dein Mann? Wie heißt er nur? Also ebenfalls Schaggel, wie Dein erster — nun, Willkomm', Schwager! Wollt' Dir gern 'nen Schluck bieten zum Gruß', doch hat der Wind meine Pulle rein ausgetrocknet — siehste? Hast Du vielleicht noch 'nen Tropfen, Schwager? O ja, Du bist gut bei Saft. Dein Wohl, Schwager!" Auch die beiden Schwägerinnen waren im besten Begriffe, die locker gewordene Freundschaft aufzufrischen, sowie ihre Angehörigen sich gegenseitig vorzustellen, als ein Wagen die Straße dahergefahren kam, ein gewöhnlicher Marktwagen, der an und für sich keine weitere Aufmerksamkeit verdiente. Allein es saß neben dem Bauersmann auch ein Polizeisoldat, der beim Anblick des Wanderbettlertrupps Halt gebot und vom Wagen stieg; und gar neugierige Fragen stellte, woher und wohin des Weges? und ob man schon eingeteilt worden sei? „Eingeteilt?" Die Grazin schüttelte verwundert den Kops und gestand: „Versteh' das nicht?" „Dann wird man's Euch schon zu verstehen geben, gleich heute schon! Müßt mit mir auf's Amt kommen, Ihr Leute allesamt, groß und klein!" befahl er. 292 „Aufs Amt? Wozu das? Was sollten wir denn verbrochen haben?" „Verbrochen? Nichts, das ich wüßte! Man wird Euch nichts zu Leid tun, sondern blos Euch 'was mitteilen, das Ihr noch nicht zu wissen scheint. Also vorwärts, marsch, Ihr alle! Werdet Euch doch nicht weigern wollen?" Fast hatte es den Anschein, als trügen sich Graz und sein neu gewonnener Schwager wirklich mit widersetzlichen oder gar gewalttätigen Gedanken, denn der „Saft" hatte bereits seine Wirkung auszuüben begonnen. Die Frauen jedoch mahnten eifrig ab. Man hatte ja nichts verbrochen, drum brauchte man sich auch vor dem „Amt" nicht zu fürchten. Freilich kam der Frau Grazin das nächtliche Gelage im Bauernstalle, kamen ihr die beiden fetten „Bauernstrümpfe" (Schweineschinken) in den Sinn, die des Krähendoktors Joggel mitgebracht. Doch was konnten sie die Schinken kümmern und die rätselhafte Art, wie der Joggel in deren Besitz gelangt? Das war seine Sache; und er selbst war schlau genug, um sich nicht zu verraten. Aber wenn's dennoch ruchbar geworden wäre, dachte sie, und die Sache „Gestank bekommen" hätte, und wir andern ebenfalls mit hängen sollten, und es der Putz (Polizeisoldat) nur verschwiege, um uns desto besser leimen zu können? Ihr ward, so wenig sie es auch merken ließ, doch ordentlich bänglich zu Mute. „Vorwärts!" lautete der wiederholte, ungeduldige Befehl; und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Lonnr>, im Wageninnern, in Decken gehüllt und aus kurzem Schlummer erwachend, frug verwundert: „Wo aus, Mutter? Was soll's?" „Weiß nicht, mein Kind!" 293 „Jst's etwa meinetwegen, Mutter? Ach, Mutter, wenn's darum wäre, daß ich fortgelaufen!" „Sei ruhig, mein Kind, greine nicht! Es kann der Gang nichts auf sich haben." In der Amtsresidenz angekommen, wurde die ganze bunte Gesellschaft gleich vor die Audienz des gestrengen Herrn Amtmanns geführt und jede einzelne Person nach Name und Zivilstand gefragt. Hierauf eröffnete ihnen der Beamte in gemessenen, kühlen Worten: „Vielleicht daß Jhr's schon wißt, Ihr Leute, daß vor zirka einem Jahre ein Bundesbeschluß gefaßt worden ist —" Die beiden Frauen, die als Wortführerinnen voranstanden, erklärten, von einem Bundesbeschlusse keine Kenntnis zu haben. „So laßt mich doch ausreden: Also ein eidgenössischer Bundesbeschluß gefaßt worden ist, und zwar in Gemäßheit der Bestimmung der Bundesverfassung, laut welcher die sämtlichen Heimatlosen des Landes binnen einer gewissen gesetzlichen Frist eingebürgert und säßhaft gemacht werden sollen." Die Männer schauten stupid drein und schüttelten die bärtigen, unwissenden Köpfe. Der Amtmann fuhr in seinem Vortrage fort: „Also ist's geschehen und den Kantonen zur Vollziehung überwiesen worden. Die Zuteilung ist bereits in vollem Gang, und zwar hat man nach Vorschrift das Loos walten lassen. Ihr werdet also ein Heimat- und Bürgerrecht erhalten. Versteht Ihr?" Noch konnten und wollten sie nicht verstehen. „Also muß ich mich noch deutlicher ausdrücken. So höret denn: Fortan werdet Ihr Bürger dieses oder jenes Kantons, dieser oder jener Gemeinde werden, wie es eben die Loosziehung gewollt und Euch kund gegeben wird. Ihr werdet 294 dieselben Rechte erwerben und Pflichten übernehmen, wie die andern dort wohnenden Bürger auch und zwar ohne weitere Formalität. Damit hört aber auch das vagabundierende Leben und die Duldung desselben gänzlich auf. Von nun an sollt Ihr Euch zu ernähren suchen auf ordentliche, redliche und säß- hafte Art. Und sollte Euch Hiebei anfänglich dies und das mangeln, aus Unvermögen, so hat Eure Gemeinde, respektive der Armensäckel, dafür aufzukommen." Die Leute lauschten mit offenem Munde und sahen einander betroffen an. Eingeteilt, eingebürgert, säßhaft werden, sich redlich nähren—was war, was sollte das? Das konnte ja unmöglich ernst gemeint sein!" „Sie belieben wohl nur mit uns armen Leuten zu scherzen, Herr Amtmann!" wagte die Grazin einzuwenden und strengte sich dabei au, selbst scherzhaft zu lächeln. Und ihr Gatte, eine mächtige Dosis Kautabak in den Mund schiebend, meinte: „Uns ist auf diese Art noch lange wohl, Herr Amtmann, verlangen nichts Besseres! Wenigstens ich mag nicht unter die Hocker gehen, stelle gar kein Begehren!" „Das will ich gerne glauben," versetzte der Kreisbeamte lächelnd. „Allein andere stellen schon ihre Begehren und zwar sind dies die Bauern und Bürger, welche die Landplage längst satt bekommen und sich des bittersten darüber beklagt haben seit Jahren, bis sie endlich bei der Bundesregierung Er- hörung gefunden. Also kann bei dieser gesetzlichen Maßnahme Euer Wollen oder Nichtwollen nicht in Betracht fallen, der obrigkeitliche Befehl ist einmal da und muß vollzogen werden." „Wer wird uns zwingen können unter den ungeheuern Zwang?" Die Grazin war es, die den Ausruf tat, mit verzweifeltem, zornvollem Blicke begleitet. 295 „So?" entgegnete der Beamte unwillig, höhnisch. „Pfeift der Wind von daher? Da wollen wir doch gleich sehen —" „Wir ziehen fort, begeben uns außer Landes!" schrie die Grazin außer sich. „Auch das wird Euch wenig nützen, man wird Euch zurückschieben nach Euerm Bürgerort. Dafür, mein' ich, wird die Polizei noch stark genug sein! ... Doch, wozu die vielen Worte? Herr Aktuar, wollen Sie in der Einbürgerungskontrolle gefälligst nachsehen? ... Also Pankraz Pfeiffer, nebst Frau und Kindern — finden Sie dieselben verzeichnet?" „Ja, Herr Amtmann! Und zwar sind sie hierseitigem Kanton, speziell der Gemeinde Hohenried zugeteilt worden." „Gut. Und diese da — wie ist nur Euer Name?" „Schaggel, Herr, Schaggel Marmottier ... Dies meine Frau Resa oder Therese." „Finde nichts davon in den Registern", bemerkte nach längerm Blättern der Amtsaktuar. Und schon wollte der rothaarige und blatternarbige „Schaggel" Marmottier erleichtert und der wiedergewonnenen Freiheit sich freuend aufatmen, als eine Bemerkung des Aktuars diesem angenehmen Gefühle gleich einen unangenehmen Dämpfer aufsetzte: „Hier, Herr Amtmann, steht er auf der Liste der Personen, welche anderen Nationalitäten angehören, ist Franzose. Wird also nebst Familie über die Grenze geschoben werden." , „Ich werde die bezügliche Weisung dem Polizeiamt sofort zugehen lassen," erklärte der Amtmann . . . „Bleibt also noch jenes junge Weibsbild, dort in der Ofenecke." „'s ist meine Tochter, Herr Amtmann!" referierte die Grazin. „Verheiratet?" 296 — „Ja, Herr Amtmann, verheiratet seit sechszehn Monaten." „Also ist das Kind ein ehelich gebornes?" „Das will ich meinen!" versetzte sie stolz. „Und ihr Ehemann — was ist mit dem Ehemann, dem Vater des Kindes?" „Gestorben, Herr!" „Wie war sein Name?" „Fried, Fried Söller." „Ebenfalls heimatlos?" „Nein, das war er leider nicht!" „Warum sagt Ihr „leider"." „Weil sie's eben so schlecht getroffen hat, unsere Lonny, weil seine Leute ihr so übel mitgespielt." „Also kein Heimatloser, wo war er denn eingebürgert, der Mann?" „Auf dem Zackenhof, Herr Amtmann, Stadtbann Krotzingen." „Ah so! Ja, dann haben wir weiter mit der Person nichts zu schaffen, als sie aufzufordern, sich, weil schriftenlos, an ihren Heimat- und Wohnort zurückzubegeben und zwar ohne Säumen. Besitzt sie die Mittel nicht dazu, so wird man sie auf Kosten ihrer Heimatgemeinde heimspedieren lassen." Bei dieser Eröffnung entfuhr der jungen Wittwe ein gellender Aufschrei — ein dumpfer Fall. Die Tante Resa war die erste, die der Ohnmächtigen zu Hilfe eilte, ihr das dem Ersticken nahe Kind entwand, sie selbst sorglich aufrichtete, ihr mit ihrem Speichel Stirne und Schläfen befeuchtete. Die Grazin bat: „Habt Erbarmen mit der Ärmsten, Herr Amtmann! Sie hat soeben geboren. Sie mag nicht mehr nach dem Zackenhause zurück, es ist ihr dort auch gar zu schlecht ergangen." 297 Und Lonny selbst, wieder zum Bewußtsein erwacht, flehte unter Verzweiflungstränen: „Ach, Herr, trennt mich nicht von den Meinigen, laßt mich mit ihnen ziehen! O Herr, ich will ja niemandem lästig fallen, will mein und meines Kindleins Brot selbst ehrlich zu verdienen suchen. Herr, ich kann nähen, stricken und kochen, versteh' mich auch ein wenig auf Feld und Garten. Ich will arbeiten Tag und Nacht, Herr, nur tut mir die Qual nicht an und den Schimpf, daß ich an den Ort zurück muß, dem ich unlängst entflohen!" Sie hatte sich dem Kanzleitische genähert, sie erhob Hände und Blick flehend zu dem Kreisbeamten: „Gelt, bester Herr, Ihr nehmt den harten Befehl zurück, Ihr belaßt mich bei den Meinen!" — — — — — — — — — — —- Als sie fortgezogen waren, sagte der Amtmann, nachdem er, die Hände auf den Rücken geschlungen, eine Weile nachdenklich die Amtsstube auf- und abgeschritten: „Ich hätte den Bitten dieser Person nicht Gehör schenken sollen, es war gegen Gesetz und Amtspflicht. Allein ich hab', verzeih' mir's Gott und mein liebwertes Ehegespons, nicht anders handeln können! . . . Wenn auch in unscheinbares Gewand gehüllt, die vollendetste, blasse Schönheit — fanden Sie's nicht auch so, Herr Aktuar? Und dazu der angsthafte, flehende Blick aus diesem frommen, tränenumflorten, wundersamen Gazellenauge — lachen Sie mich nur aus, Herr Aktuar, aber ich habe nicht anders gekonnt, ihren Bitten nicht widerstehen können . . . Allein ich fürchte sehr, daß die Nachsicht, die ich geübt, ihr an einem andern Orte mit grausamer Härte nachvergolten und sie dennoch nach Hause spediert werden wird . . . Ein Vagantenkind — wer sollte es glauben, hm! hm!" 298 Sieöenzehnies Hapitet. Christabend war gekommen, und die Bauern erinnerten sich kopfschüttelnd des altbewährten Sprüchleins: „Grüne Weihnacht, weiße Ostern!" Wirklich trug die herrschende Witterung sehr wenig Weihnachtliches, Hochwinterliches an sich. Das Schneelein, das Sankt Niklaus mit auffallender Hast gebracht, hatte nur kurzen Bestand gehabt, wieder trat spätherbstlicher, milder Sonnenschein ein, der die an den Zweiglein zähe haften gebliebenen welken Baumblätter des neuen vergoldete und sogar die Mücken aus vorzeitigem Winterschlafs auferweckte, sie zu frohem Tanze antrieb. Ja, im Krautgarten des Torschmieds zu Krotzingen, hart an der Landstraße, prangte ein Pfirsichbaum im herrlichsten Blütenschmucke — zur Weihnachtszeit, ganz unerhört! Und dieser Christabend selbst — milde Abenddämmerung lag über der Landschaft, am Himmel erglänzte silberhell die junge Mondsichel; kein Sternlein am Himmel, das nicht sein Lichtlein aufgesteckt und es leuchten ließ dem Christ zu Ehren — die bunte, flimmernde, himmlische Pracht. Ein leichter Nebel stieg aus den mattgrünen Wiesengründen empor, lagerte sich als eine grauglänzende Decke über den schlummernden See, leise, geheimnisvoll flüsterten die Wälder, der Odem Gottes strich feierlich über die nächtlichen Gefilde, dem Menschen Fried' verkündend. Kein Hüttlein so gering, darin nicht zum Entzücken der lieben Jugend ein Christbaum prangte, kein Haus, dessen Bewohner sich nicht der Feier hoch freuten und sich zum Besuche der Christmesse rüsteten mit Sorgfalt und möglichster Zier. Breit und wohlig saß der Bürgermeister von Krotzingen im Kreise der Seinigen, am Abendtische. Die Erbssuppe war 299 bereits genossen, desgleichen die ziemlich währschaften Eierkuchen. Das beste, leckerste aber stand noch bevor, nämlich der dicke Karpfen, den der Fischerköbel in die Küche geschenkt dafür, daß der Herr Bürgermeister geruht hatte, in eigener hoher Person dem jungen, siebentgebornen Fischerknäblein huldreich zu Gevatter zu stehen. Der Karpfen, auf den man sich seit Stunden so außerordentlich gefreut, stand denn auch, in weißlicher Sauce schwimmend, bereits aufgetragen auf dem Tisch; dem Bürgermeister wässerte der Mund, fester knüpfte er die Serviette, wetzte sorgsam das Tranchirmesser — als plötzlich der Stadtpolizeier in die Stube trat, mit der Meldung: ein „Transport" sei auf dem Posten angekommen und der eskortierende Polizeisoldat harre mit Ungeduld seiner Verabschiedung. Der Karpfen, der Karpfen! Der Bürgermeister sprach: „Ein Weilchen warten, Knoch! Übrigens kaun der Stadtschreiber das Geschäftchen ebenso gut abtun, wüßt' am besten Bescheid!" Der Herr Stadtschreiber sei des Nachmittags verreist, meldete der Posten, er selbst habe ihn in den Eilwagen steigen sehen und zwar in Begleit eines Jüngferchens, seinem Schwager seines in der Residenz... der fremde Landjäger aber tue arg ungeduldig, sei schon längst angekommen. Was blieb, nach alledem, dem Herrn Bürgermeister übrig, als sich einen Augenblick von Karpfen und Familie zu trennen und an seine, diesmal wirklich sehr schwere Amtspflicht zu machen? Er tat es mit augenscheinlicher Verdrossenheit, unter schlecht unterdrücktem Brummen. Die ehrsamen Bürger und Bürgerinnen Krotzingens, die Geschäfte oder auch der Lust halber die „Hauptstraße" begingen, wunderten sich nicht wenig, zu dieser außergewöhnlichen 300 Stunde die untere Rathausstube hell erleuchtet zu sehen. Was mag wohl da drinnen los sein, heut' Abend? frug man sich neugierig. Man konnte, auf die Fußspitze sich erhebend und an das ausgebogene Fenstergitter sich klammernd, bequem in die Ratsstube hinein sehen. Dort, am Pulttische, saß der hochansehnliche Herr Bürgermeister, finstern Blickes und die Hornbrille auf der Nase — der Brille hätte Jhro Gestrengen des Sehens halber nicht gerade bedurft, sintemal dero Augen von der Buchstabenkunst noch keineswegs angekränkelt oder geschwächt worden waren, allein solch' ein Ding verschafft einem erhöhtes Aus- und Ansehen.. . Also saß der Herr Bürgermeister gestrengen Blickes am Pulte, vor ihm der auswärtige Landjäger, Papiere auf dem Tische ausbreitend. „Appolonia Pfeiffer, verwittwete Söller, nebst Kind, von Krotzingen!" meldete er. „Mangels Legitimationspapieren aus Hohenried, Amt Stauffeutal, ausgewiesen und auf Befehl der Kantonspolizei hierher transportiert. Wollen der Herr Bürgermeister auf der Marschroute Ankunft und Übergabe bescheinigen. Tara, wie hier unten angezeigt, sieben Franken, achtzig Rappen." „So?" eiferte der Stadtälteste. „Sieben Franken, achtzig Rappen kostet das Menschlein, die Vagantin? Und das soll die Stadtkasse bezahlen? Da soll doch gleich der heilige Sankt Michael drein schießen! . . . Nun, so tret' Sie vor, Sie Landstreicherin, heraus aus dem Dunkel und aufgehört mit dem Winseln! Vortreten, sag' ich, marsch, hier heran!" Draußen, an den Fenstern, unterhielten sich die Gaffer mit folgenden flüsternden oder halblauten Auslassungen: „Dem Zackenfried fein Frauchen — schau, schau! Also geschwärmt, im Land 'rum liederlichem Leben nach? O das ließ sich 301 erwarten, drum wohl ist sie auch fortgelaufen, wollte wieder Mannsleut' um sich haben . . . Und das Kleine, das sie, ins Tuch gewickelt, bei sich hat — man wird doch hoffentlich nicht zugeben, daß es als ein ehrliches, eheliches ins Bürgerregister eingetragen werd'? Fortjagen, fortstäupen sollt' man sie mitsamt dem Früchtchen und die Eh' auskratzen, die der dumme Fried mit ihr eingegangen. Aber freilich, in Bern, sowie an unsrer Kantonsregierung, hält man's mit dem Lumpengesindel, man zwingt uns sogar, hergelaufenes, hergeführtes in unsern ehrbaren Bürgerverband aufzunehmen — mit Dreschflegel und Schießprügel sollte man sie aussagen, welche solches verfügen und befehlen! . . . Des Zackenfrieds Frauchen — ei, wie schade, daß man der angelaufenen Fensterscheiben wegen ihr Frätzchen nicht genauer besehen kann! . . . Wie abgezehrt und schlotternd sie dasteht! Gelt, das ist nicht mehr das stolze, geputzte Dämchen von damals, bei der Hochzeit! .. . Ah, nun muß sie vortreten vor den Bürgermeister — seht, seht! sie hebt die Händ' zu ihm aus — so verhaltet Euch doch ruhig, Ihr andern, laßt das laute Kichern, daß man's auch hören kann, was sie faselt und kreischt, die Vagantin! . . . Horcht, sie bittet ihn, er soll ihr doch den fernern Schimpf nicht antun, soll sie ziehen lassen — nun, so lass' sie doch springen, Bürgermeister, gib ihr noch einen klatschenden Zehrpfennig mit auf den Weg, hihihi! ... Sie greint, sie heult, tut wie närrisch, wie wahnsinnig — so lacht doch nicht so laut, Ihr Mädchen, man könnt's ja drinnen vernehmen! Richtig, jetzt guckt der Bürgermeister nach diesen unsern Fenstern hin, da habt Jhr's! . .. Nun gibt er den Befehl, der Polizeier Knoch greift sie an, sie windet und wehrt sich wie besessen — hilft nichts! . . . Sie kommen das Geschleppe — fliehen wir. 302 damit man uns nicht erkennt! Dort, im Dunkel des Torbogens, kann man sich verbergen, sie bequem vorbeigehen sehen, ganz nahe — fort, unter den Torbogen!" Auch auf dem Zackenhofe wurde Christabend gefeiert, diesmal freilich auf wenig freudige, fröhliche Weife. Der Abendtisch war frühzeitig abgeräumt worden. Der betagte Hausknecht hatte sich heim zu feiner Familie, das Dienstmädchen sich in die Küche begeben. Auf der niedrigen, warmen Ofenbank saßen die Bäuerin und ihre Tochter Käthe, welch' letztere eigens gekommen war, um diesen Abend in Gesellschaft ihrer Mutter zuzubringen. Die Bäuerin weinte; sie tat dies feit einiger Zeit sehr oft; heute Abend glaubte sie hiezu die ganz besondere Veranlassung zu haben. „Letztes Jahr," sagte sie schluchzend, „faßen wir zu dieser Stund' noch alle gesund und traulich beisammen. Und nun er tot, mein unvergeßlicher Fried, so traurig tot, schon längst! . .. Und seine Frau — ich will Dir's nur gestehen, Käthe: heut' Abend hab' ich's unserm Pfarrherrn gebeichtet, den ganzen Hergang mit der Jungen, von Anfang, da sie gekommen, bis zu ihrem Verschwinden, ihrer Flucht aus dem Haus'. Denn es lag mir mit Zentnerschwere auf dem Herzen, ich mußte Tag und Nacht dran denken, ob ich wollte oder nicht. Und der Pfarrherr hat mir das Herz noch schwerer gemacht, ach, seine Worte drangen mir wie Messerstiche ins arme Gewissen hinein! Und er hat mir als Buße und Lossprechung aufgegeben, daß ich weder Mühe noch Kosten sparen solle, um das Frauchen ausfindig zu machen und ins Haus zurückzurufen; und es zu behandeln mit Lieb' und Nachsicht, wie das sich schicke 303 bei Christen und vorzüglich unter nahen Anverwandten; und alles Geschehene zu vergessen und vergessen zu machen. Dies alles band er mir als heilige, hochernste Pflicht auf. Denn wenn die arme, bedauernswerte Wittwe, in der Fremde herum- irrend, in Not, Armut und Krankheit oder gar auf sündhafte Abwege geraten sollte, ich, ich selbst müßte es verantworten vor dem ewigen Richter, sagte er. Und er hat gewiß Recht, der Pfarrherr, leider hat er nur zu Recht, ich selbst sah's schon längst ein. O Käthe, was gab' ich drum, könnt' ich die gesprochenen bösen Worte zurücknehmen und alles Geschehene ungeschehen machen! . . . Aber," fuhr sie, die Augen sich trocknend, fort, „wer hätte je gedacht, daß sie gleich alles so schwer und hoch auffassen tät', sie, die in so niedriger Gesellschaft aufgewachsen ?" „Ich schon, Mutter, ich hätt' Euch das voraussagen können!" erwiderte die Käthe lebhaft. „Ihr zart, empfindsam Gemüt, ich kannt' es längst; nach all' dem, was ihr, freilich ohne mein Wissen, angetan worden, stand nichts anders zu erwarten, als was sie eben getan, nämlich der Verzicht aus ihre Rechte auf den Zackenhof, die zaghafte Flucht. Ja, wär' er mir rechtzeitig bekannt geworden, der Schimpf, den diese Eure niederträchtige Liese ihr tagtäglich zugefügt, ich hätte nicht so lange zugesehen, sondern das hochmütige, bissige Ding viel früher aus dem Hause gebeizt, zur rechten Zeit noch, gewiß! Dann befände sich Lonny noch da, und Ihr, Mutter, brauchtet Euch nicht das schwere Gewissen zu machen." „Wie sehr Du Recht hast, Käthe! Diese Liese, sie war mein böser Engel!" bestätigte die Bäuerin. Nach einer Weile berichtete sie weiter: „Der Pfarrherr hat mich des ferneren gefragt, ob es denn wahr sei, daß die 304 junge Frau sich in hochgesegneten Umständen befunden? Ach, Käthe, das ist es eben, was mir die weitaus größte Herzqual bereitet, just dieser Gedanke! Sie muß derweil geboren haben — wo? Ich erkundigte mich — es mögen etwa drei Wochen her sein — bei einer Hauderin, die hier vorgesprochen, über den mutmaßlichen Aufenthalt der Holländerfamilie, ob die „Junge" sich bei den Ihrigen aufhalte und ob sie niedergekommen? Die Alte wußte keinen Bescheid zu geben; des „Holländers" seien wie aus der Gegend verschwunden. . . Das Kind, das Kind! Als ich heute in der Kirche das wächserne Christkindlein sah auf dem Nebenaltar, da kam mir auch dieses Kind in den Sinn, der Lonny ihres, unserm Fried seines. Ja, mich däuchte einmal, es hülflos und weinerlich aufschreien zu hören aus weiter Ferne, und dieser vermeintliche Schrei, er drang mir tief in's Herz hinein. O Käthe, wie gern wollt' ich's aufnehmen, es herzen und lieb-horch, Käthe, was soll das? Der Hund an der Kette bellt wie wütend, man pocht an die Haustür' — wer mag's Wohlsein? Sollen wir aufmachen, wir Weibsleute allein zu Haus'? Man pocht noch stärker, man ruft!" Auch das Dienstmädchen kam erschrocken in die Stube geeilt, auch es hatte den polternden Ruf vernommen. Käthe, beherzt wie sie war, ergriff die Leuchte, trat damit in den Hausgang hinaus und frug mit lauter Stimme: „Wer da? Was gibt's?" „Ich bin's, der Polizeier Knoch ... So schließt doch in des Deixels Namen 'mal auf!" Käthe schob den Torriegel zurück. Der Polizeimann trat ein, in die Stube. Wie er keuchte und so aufgeregt tat und neugierig in alle Winkel hineinspähte. „Ist sie da?" frug er, sich die Stirne trocknend. 305 „Wer denn,?" „Eure Junge, die Bagantin!" „Wie kommt Ihr auf die Frage? Nun, so sprecht doch!" „Also Ihr wißt's noch nicht? Ich kann schier nicht mehr zu Atem kommen, so sehr hat mich das verfluchte Mensch laufen gemacht . . . Ihr wißt's also noch nicht, daß sie angereist kam, heut' Abend, per Schab?" „Die Lonny hier?" riefen die Bäuerin und ihre Tochter zugleich. „Mann, ist's wirklich wahr? Und wo ist sie? So sagt's doch gleich, sagt's!" „Ja", versetzte er mit grimmigem Spott, „sagt's, sagt's! — das wäre bald gesagt, wenn ich's nur zu sagen wußt', wnß't, wohin sie geraten! Darum eben bin ich anher gekommen, um zu vernehmen, ob sie mir vielleicht zuvorgekommen, denn daß Jhr's wißt: sie ist mir ausgerissen! Beim Fluhbänklein war's vor kaum zehn, zwanzig Minuten — nein, mehr denn zehne können's nicht wohl verstrichen sein, denn ich bin gelaufen hieher wie ein scheu gewordener Esel! . . . Erst hat sie sich auf dem Stadthaus' aufgeführt wie eine Unsinnige, daß wir sie kaum zu meistern vermochten, dann wieder nnter'm Torbogen — gut, daß Leute dort waren, die mir wacker beistanden und sie mir bändigen halfen, denn ich glaub' bei Gott, sie wär' mir trotz dem Schreihals, den sie angehängt, alldorten schon durchgebrannt. Dann, auf all' die wohlverdienten Püffe, ward sie auf einmal zahm wie ein Schaf, ich mußte sie förmlich am Arme schleppen. Das Greinen hatte sie eingestellt, dafür tat sie sonst wie aus dem Häuschen, rief nach Fried, nach ihrer Alten, nach allerhand Leuten, die weder um waren, noch um sein konnten. Und wie gesagt, beim Spindelfluhbänkchen riß sie sich jähen Rucks plötzlich los, lief mit dem Kind auf und davon, diese Straß' 20 306 aus in den dichten Nebel hinein, wie besessen; ich, sobald zur Besinnung gekommen, auf und ihr nach, und möglich, daß ich die Hexe doch noch erwischt, wäre mir nicht die verdammte Säbelscheide immerfort zwischen die Beine gekommen, so daß ich den Fall tat, den Fall in den Kot hinein; und auch der Atem, der schwere Atem ..." Es war das Dienstmädchen allein, das den ihm völlig unverständlichen Schlußbericht des Wächters der öffentlichen Sicherheit anhörte. Die Zackenbäuerin und ihre Tochter waren hinausgeeilt auf die Hausflur und riefen in die nun nebel- dunkle Nacht hinaus: „Lonny, wo bist Du? So komm' doch, Lonnr», komm' zu uns ins Haus!" „Ja, da könnt Ihr lang' rufen!" rief der Polizeidiener, ebenfalls heraustretend, mit grimmigem Lachen, „da könnt Ihr lang ihren Namen fchreien, sie, die Dirn', ist schon längst auf dem Besenstiel auf und davon geritten durch alle Lüfte. Denn daß es eine Hexe ist, das lass' ich mir halt nimmer ausreden. Wie hätte sie mir sonst entwischen können auf solch' verflucht unbegreifliche Art? Ich schäm' mich dessen wie ein ge- schorner Pudel! Und was wird erst der Bürgermeister dazu sagen, wenn man sie wieder einbringt, irgendwoher, über kurz oder lang! Nun aber kommt 'mal wieder herein, hab' Euch noch 'was abzugeben!" Er griff in seine Rocktasche und zog ein arg zerknittertes Papier heraus. „Dieser Wisch," sagte er, „ist auf der Person gefunden worden, ein Taufschein oder so 'was — da!" Hierauf machte er sich fluchend und brummend von danuen. Die Käthe jedoch, die das Papier entfaltet hatte, rief: „Mutter, Mutter, ein Knäblein! Da steht's: Friedrich Söller, 307 Friedrichs, des Landwirt seligen . . . getauft in der Pfarrkirche zu Hohenried, den nennten Christmonat —" „Ist's möglich, Käthe, ist's möglich! Ach .Gott, ein Büblein! Wenu's doch nur hier wär', hier! 's muß ein herzig Kind sein, ein hübsches, freines, wenn's ihm nachschlägt, seinem Vater! Und „Fried" hat sie's taufen lassen, ihm zu Ehren, dem Unvergeßlichen? Wie gut von ihr! Ach, Käthe, gehen wir doch hurtig wieder hinaus, ihr nochmals zu rufen, laut, laut! Gewiß ist sie irgendwo in der Nähe, in angstvollem Versteck'! . . . Horch, horch, Käthe, der Hund schlägt nochmals an, diesmal ganz vertraulich zahm — Kindesgeschrei — man pocht — Käthe, schließ' auf, um Gotteswillen schließ' aus, sie ist's, sie, mit dem Büblein!" So schrie die Bäuerin wie außer sich. Und Käthe, als sie hocherregt die Haustüre aufriß, gewahrte sie, dicht vor sich, eine hohe, vermummte Frauengestalt, fühlte, wie ihr ein in ein Tuch gewickelter, zappelnder Gegenstand hastig in die Arme gedrückt wurde, vernahm das Geräusch eines leidenschaftlichen Kusses, der seitens des Kindes mit einem wimmernden Aufschrei beantwortet wurde — dies alles vollzog sich so schnell, so schnell! Und ehe des Torschmieds sonst so tapfere Frau vor Überraschung nur eines Wortes, einer Bewegung mächtig geworden, war die Vermummte verschwunden, im dicht gewordenen Nebel hör- und spurlos verschwunden. Doch nein, ein leises, huschendes Geräusch, den Hang abwärts ... In die Stube zurückeilen, das zappelnde, schreiende Kind der Mutter darreichen, dann sich wieder hinausstürzen, das war, für Käthe, das Werk eines Augenblicks. „Lonny!" rief sie aus Leibeskräften, „Lonny, so kehr' doch ein, ich bitt' Dich, bitt' Dich um Gotteswillen!" 308 Sie horchte. Keine Antwort. Vorn Lugispitz herunter vernahm man das heisere Aufkrächzen eines Ohrenkanzes, vom Städtchen her feierliches Glockengeläute, die Gläubigen zur frommen Christmesse rufend. Sonst kein Laut fern und nah, von der Entflohenen weder Zeichen noch Spur. Von unbestimmter Angst erfüllt eilte nun auch Käthe den Hang hinunter, lief bis an die Landstraße; ein kalter Nebelstrom empfing, umfing sie. Sie horchte gespannten Ohrs nach rechts und links, rief noch einmal mit lauter, zärtlicher, flehender Stimme: „Lonny, unsere Lonny, so komm' doch an- her! Lug', ich bin's, Deine Schwägerin Käthe!" Vergebliches Horchen, vergebliches Rufen! Am Seegestade, im Zackenhofnachen, saß der Fischerköbel. Die Witterung war eine solch' milde geworden, warum sollte er es nicht noch einmal mit dem Felchenfang versuchen? Des sonnigen Nachmittags hatte er die Strandnetze ausgestellt; nun war er gekommen, — es geschah freilich zu sehr ungewöhnlicher Stunde, allein in der Torschenke war es den Abend so ausnehmend fröhlich zugegangen, man hatte so viel zu reden und zu lachen gehabt über die Begebenheit betreffend die Zacken- hofvagantin, daß es fast unmöglich gewesen, sich von der gemütlichen Gesellschaft zu trennen . . . Also war der Fischerköbel gekommen, um die Netze einzuziehen und sich nach dem Fange umzusehen, doch plötzlich hielt er in seinem Beginnen erschrocken inne, ihn däuchte, leichte, nahende, fliegende Schritte zu vernehmen, die Seewiese herunter. Der dichte Nebel aber verbarg ihm jede Aussicht, verhinderte das Sehen auf blos zehn Schritte weit — „Fried, ich komme!" So rief's ganz in seiner Nähe, aus weiblichem Munde. Und ganz in der Nähe vernahm er den Sprung ins Wasser. 309 Weißliche leuchtende Kreise schlugen leise plätschernd an die Planken des Kahnes, schwächer und schwächer. Dann ward es auf einmal still. Der Fischerköbel hatte vor Schrecken das Netz samt den darin zappelnden Fischen fahren lassen, vor Schrecken sprang er aus dem Nachen, lief eiligst auf und davon. Vom Himmel aber fuhr ein Stern sprühend hernieder in den See — wollte er den beiden jungen, toten Gatten leuchten zur ewigen, unzertrennlichen, seligen Vereinigung?